Formel 1: Marmorini kommentiert neues FIA-Regelwerk

 
07.11.2006 - 

Am zweiten Tag des Global Motorsports Congress in Köln hat sich Luca Marmorini, Motorenchef der Toyota Motorsport GmbH, überraschend offen und detailliert zu dem neuen FIA-Regelwerk geäußert. Im Zentrum seiner Kritik stand die Entscheidung des weltgrößten Dachverbandes des Automobils (Fédération Internationale de l'Automobile), sämtliche Weiterentwicklungen an den F1-Motoren zwischen 2007 und 2010 einzufrieren. Prinzipiell unterstütze er Maßnahmen, die helfen, die Kosten einer Formel-1-Saison für die Teams niedrig zu halten. Einen Entwicklungsstopp erachtet Marmorini jedoch als grundsätzlich falschen Ansatz.

Die wesentlichen Eckpunkte des neuen FIA-Regelwerks für 2007 sind: Die Regularien lassen bis 2010 keine Weiterentwicklung der F1-V8-Motoren zu; die Drehzahl ist bis zu diesem Zeitpunkt auf 19.000 1/min begrenzt. In der Saison 2009 wird ein System zur Energierückgewinnung eingeführt, das auf Bremsenergie im Heck basieren soll. Hier schreibt die FIA für das komplette System ein maximales Gewicht von 20 Kilogramm vor. Schließlich soll laut Regelwerk im Jahr 2011 eine neue Motorentechnologie eingeführt werden. Über dem neuen Regelwerk stehen folgende Fragen der FIA: Wie weit sind Hochleistungsmotoren aus der Formel 1 in puncto Effizienz von konventionellen Verbrennungsmotoren entfernt? Und kann die F1-Motorenentwicklung, wie sie jetzt ist, die internationale Entwicklung von Verbrennungsmotoren unterstützen?

Marmorini argumentiert, dass, gerade wenn die Formel-1-Entwicklung laut FIA eng an die Technologie-Trends der Automobilindustrie angelehnt sein soll, F1-Motorenentwicklung in 2007 wieder eingeführt werden müsse. Im Detail: Der Rennsport könne die Motorenentwicklung insofern unterstützen, als eine bessere Kraftstoffeffizienz durch optimierte Verbrennungsprozesse und geringere Reibungsverluste erzielt werden könnte. Hier sorge der Rennsport originär für ein hohes Entwicklungstempo. Ferner sollte die Treibstoffmenge pro Rennen limitiert werden, um die F1-Motorenentwicklung, die immer noch leistungsorientiert betrieben wird, an kraftstoffeffizientere Motoren "heranzuführen". Lösungen könnten hier Spezialbeschichtungen mit niedrigen Reibungswerten, neue Schmierstoffe sowie Gewichtseinsparungen sein, die parallel zu dem generellen Downsizing-Trend laufen.

Die Definition einer neuen Motorentechnologie für 2011 erfordert nach Marmorinis Worten ein "positives und konstruktives Teamwork" zwischen der FIA und den Teams. Diese Aktivitäten sollen schließlich festlegen, welche Bereiche der Formel-1-Motorenentwicklung für die Automobilindustrie interessant sind. Sollte die FIA beispielsweise die Kraftstoffmenge pro Rennwochenende für die Teams limitieren, wären konventionelle Turbolader wieder eine interessante Lösung.

Mit dem Vorschlag, im Jahr 2009 ein System zur Energierückgewinnung einzuführen, verfolge die FIA das klare Ziel, die Show in der Formel 1 insoweit zu verbessern, als mehr interessante Überholmöglichkeiten geschaffen werden. Eine systembedingte "Boost-Kapazität" solle zu diesem Zweck für einige Sekunden 30 bis 50 kW Extraleistung bereitstellen können. Im Blickfeld der FIA liegt hierbei nicht so sehr die Verbesserung der Rundenzeiten - diese sollte maximal 0,2 bis 0,3 Sekunden pro Runde betragen. Ein weiterer Kritikpunkt Marmorinis, der das Bestreben der FIA, die Formel 1 für die Zuschauer attraktiver zu machen, sehr unterstützt, ist in diesem Zusammenhang die Gewichtsbeschränkung für das komplette System inklusive Generator und Akkumulatoren auf 20 Kilogramm: "Die 20 Kilogramm der FIA taugen für eine öffentliche Demonstration, aber nicht für die wirkliche Welt der Entwicklung."

Auf Anfrage betonte Marmorini gegenüber all4engineers, dass Toyota Hybrid-Technologie für die Formel 1 als sehr attraktive Variante für die Zukunft ansieht, diese Antriebsform jedoch als Technologieführer nicht generell vorantreiben wolle.

Es scheint so, als seien die Zielsetzungen der FIA und jene der Teams sehr unterschiedlich. Die FIA will die Kosten niedrig halten und den Sport für die Zuschauer attraktiv und spannend machen. Die Teams brauchen eine Motivation, sich im F1-Rennsport, der trotz allem äußerst teuer ist, zu engagieren. Und diese Motivation liegt im Wesentlichen darin, zeigen zu können, wer die beste Entwicklungsarbeit leistet. Auch die Teams sind an einem reizvollen Sport interessiert, fühlen sich bei den Entscheidungen der FIA zu wenig berücksichtigt, zumal das Technikverständnis eindeutig in den Teams anzutreffen sei. Da die Teams untereinander in einer extremen Wettbewerbssituation stehen, ist es laut Luca Marmorini so schwer, "mit einer Stimme zu sprechen". Nicht zuletzt daher ist das Übergewicht der FIA so groß.

Quelle: Thomas Jungmann | Redaktion ATZonline.de