Führung

„Heute locken Firmen ihre Spitzenkräfte mit Kitaplätzen“

Quelle: Dr. Astrid Schreyögg
Dr. Astrid Schreyögg ist Springer-Autorin, Karriereberaterin und Coach. In ihrem neuen Buch "Familie trotz Doppelkarriere" beschäftigt sie sich unter anderem mit familienfeindlichen Arbeitsmodellen.
21.08.2013 - 

Familien mit zwei beruflich ambitionierten Elternteilen haben es im Arbeitsleben häufig ziemlich schwer. Die Springer-Autorin und Karriereberaterin Astrid Schreyögg erklärt im Interview, warum die deutsche Familienpolitik so konservativ ist.

Von Das Interview führte Andreas Nölting | Redaktion Springer für Professionals
  • Springer für Professionals: Frau Schreyögg, warum hinkt Deutschland beim Thema Familie und Doppelkarrieren im internationalen Vergleich so hinterher?

  • Astrid Schreyögg: Die deutsche Familienpolitik sieht seit dem Kaiserreich, der Nazizeit und der Bonner Republik die Betreuung von Kleinkindern prinzipiell durch die Mutter in der Familie vor. Aufgrund dieser ideologischen Ausrichtung wurden bislang zu wenige Einrichtungen für Kleinkinder geschaffen. Aber auch für die Größeren mangelt es an Ganztagsschulen und entsprechenden Freizeiteinrichtungen. In Schweden und Frankreich dagegen, wo eine hohe Geburtenrate mit einer hohen Mütterberufstätigkeit einhergeht, finden wir schon lange eine große Zahl an qualifizierten außerfamiliären Betreuungssystemen. In diesen Ländern sind dann nicht nur die Mütter oder  die Väter entlastet, die Kinder und Jugendlichen erhalten auch vielfältige und professionell hochwertige Anregungen für ihre Entwicklung.   
  • Warum werden Akademikerinnen in Deutschland so selten Mutter?

  • In Deutschland, besonders in Westdeutschland, gilt eine Mutter als „Rabenmutter“, die ihre Kleinkinder nicht jahrelang selbst betreut. Kinderkriegen und Kinder Aufziehen wird als hochverantwortliche, ja geradezu selbst verleugnende Aufgabe verstanden. Die Mutterrolle ist durch hegemoniale Deutungsmuster aus Pädagogik und Psychologie ideologisch so hoch aufgeladen, dass gerade qualifizierte deutsche Frauen in einen „Gebärstreik“ eingetreten sind.

  • Sind Top-Job und Familie zeitlich überhaupt zu vereinbaren?

  • Vor Jahren traf ich eine US-Wissenschaftlerin, die diese Frage empirisch erforschte. Ihr Befund war, dass in Schweden 80 Prozent aller Topmanagerinnen Kinder haben, in den USA immerhin 20 Prozent – in Deutschland im Jahr 2000 nicht eine einzige. Die Deutschen Topmanagerinnen meinten sogar, dass schon eine Partnerbeziehung kaum zu führen ist. Sie arbeiten anscheinend bis in die Nacht hinein, während in Schweden Frauen wie Männer regelmäßig um 17 Uhr die Büros verlassen. In vielen deutschen Firmen bestehen völlig überzogene Arbeitszeitvorstellungen. In Behörden und sozialen Dienstleistungssystemen stellt sich die Sache etwas günstiger dar, nicht allerdings in deutschen Kliniken. Deren Arbeitszeiten sind für die Führungskräfte gänzlich desaströs.     

  • Ändert der Fachkräftemangel die Vorbehalte gegen Doppelkarrieren und Familien?

  • Da immer mehr Frauen qualifizierte Berufe erlernen und vor allem in Anbetracht des aktuellen Arbeitskräftemangels, kommt man in Politik und Wirtschaft nicht umhin, radikal umzusteuern. Die Entscheidung der Regierung, Kleinkindern zumindest einen Halbtagsplatz zu garantieren, bringt jetzt viele Kommunen unter Druck. Auch die Opposition wirbt für eine generelle Umkehr in der Familienpolitik. Manche Großunternehmen wie Siemens, BASF, Henkel oder Bayer gründen neuerdings qualifizierte Kleinkind-Einrichtungen für ihre Mitarbeiter. Aber auch viele Mittelständler offerieren derzeit entsprechende Angebote. Wo man früher Führungskräfte mit luxuriösen Dienstwagen oder hohen Boni zu locken suchte, ist es heute der gute Kitaplatz. Dabei werden keineswegs nur Frauen von solchen Wohltaten angezogen. Heute wollen auch immer mehr Männer in einer glücklichen Doppelkarriere-Familie leben.

  • Haben es solche Lebensmodelle in der Internet-Ökonomie und der Wissenschaft einfacher?

  • Moderne Technologien mit der Möglichkeit virtuellen Managements eröffnen für Doppelkarriere-Familien eine erhebliche Entlastung. Jetzt werden sie nämlich von manchen familienfeindlichen Mobilitätsanforderungen befreit. Und der flexibel zu gestaltende Heimarbeitsplatz erlaubt es Paaren, mehr Qualitätszeit mit ihren Sprösslingen zu verbringen. Das sind Entwicklungen, die vor allem in der Internet-Wirtschaft und in der Wissenschaft Raum greifen. In vielen anderen Milieus gilt in Deutschland immer noch die familienfeindliche Devise: Je mehr Zeit Frau/Mann am Arbeitsplatz verbringen, desto höher ist ihr Beitrag zu bewerten. Deshalb wäre auch ein genereller normativer Wandel in der Arbeitswelt zu begrüßen.