NPE-Bericht: Wie Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität werden soll

 
Von Katrin Pudenz | Redaktion ATZonline.de
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16.05.2011 - 

Deutschland soll führend bei den Elektroautos werden. Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen fahren. Dafür will die Bundesregierung die Mittel für Forschung und Entwicklung verdoppeln, teilte am Montag in Berlin die Bundesregierung mit. Nach der Übergabe des zweiten Berichts der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Ziel sei, Deutschland bei der Elektromobilität zum Leitanbieter und Leitmarkt zu machen. In dem Bericht spricht die NPE der Bundesregierung Empfehlungen für künftige Politik im Bereich Elektromobilität aus.

Und so heißt es im Bericht der NPE: Um in gemeinsamer Anstrengung das Ziel von einer Million Elektrofahrzeuge in einem deutschen Leitmarkt zu verwirklichen, bedürfe es eines Gesamtpakets abgestimmter Maßnahmen zur Stärkung von Forschung und Entwicklung sowie zur Unterstützung des Markthochlaufs und der Anwendung innovativer Technologien. Um den Standort Deutschland zum Leitanbieter für Elektromobilität zu entwickeln, empfiehlt die NPE die Förderung von Forschung und Entwicklung sowie die Vernetzung in den so genannten "Leuchttürmen" Batterie, Antriebstechnologie, Leichtbau, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und Infrastruktur, Recycling und Fahrzeugintegration mit einem Schwerpunkt auf Produktionsforschung auch in Pilotanlagen. Des Weiteren schlägt die Plattform die Ausschreibung eines auf den Leuchttürmen und ihren Themenclustern basierenden, ministerienübergreifenden Förderprogramms administriert durch einen Projektträger vor. Zudem sollten die notwendigen Schlüsseltechnologien, der branchen- und technologieübergreifenden Integrationsaspekte sowie intermodaler Dienstleistungen zügig entwickelt werden. Auch sei eine (Weiter-)Bildung und Qualifizierung der erforderlichen Fach- und Führungskräfte auf Basis der Kompetenzroadmap im akademischen und beruflichen Bereich notwendig, heißt es in dem Bericht. Die strategische und globale Ausrichtung der Normung und Standardisierung anhand der Normungsroadmap Elektromobilität habe ebenfalls zu erfolgen.Um die deutsche Leitanbieterschaft für die internationale Nachfrage erlebbar werden zu lassen, erfolgt die Umsetzung der Potenziale der Industrie in einem deutschen Leitmarkt für Elektromobilität, so die NPE. Dieser zeichne sich durch die systemische Vernetzung von Elektrofahrzeug, Verkehrs- und Energiesystem aus. Politik und Industrie sollen so Ressourcen bündeln können; innovative Technologien und Lösungen in der gesamten Systemkette - vom Energiesystem über das Fahrzeug bis zum Verkehrssystem - sollen auf diese Weise national und international sichtbar und dadurch besser vermarktbar werden.

Ein zentraler Bestandteil des angestrebten deutschen Leitmarkts für Elektromobilität sei ein intelligentes Energiesystem, so der Bericht. Die Integration von Strom aus regenerativen Energiequellen leistet einen Hauptbeitrag zum Klimaschutz, heißt es dort. Die infrastrukturellen und fahrzeugseitigen Voraussetzungen müssten frühzeitig geschaffen werden. Der Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur soll bedarfsgerecht und mit Augenmaß verfolgt werden. Es gelte, eine innovative Ladeinfrastruktur und Geschäftsmodelle zu entwickeln, um die kostendeckende Bereitstellung einer öffentlichen Infrastruktur langfristig sicherzustellen. Gemeinsames Ziel der Nationalen Plattform Elektromobilität ist der Aufbau eines selbsttragenden Marktes für Elektrofahrzeuge, heißt es in dem Bericht. Ohne Anreizmaßnahmen werde das Vorhaben, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge zu verkaufen, jedoch nicht gelingen; Analysen ergeben laut NPE für diesen Fall eine Anzahl von lediglich 450.000 verkauften Elektrofahrzeugen.

Aus Sicht der Bundesregierung habe es sich als richtig erwiesen, Unternehmen, Verbände, Wissenschaft und gesellschaftliche Akteure an einem Tisch zu versammeln. Dadurch wurde es möglich, sich auf einen gemeinsamen Weg zur Einführung der Elektromobilität zu verständigen, heißt es in einer gemeinsamen Presseinformation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Im Zuge der Übergabe erklärte die Bundesregierung, dass bis Ende des Jahres 2013 eine weitere Milliarde Euro für Forschung und Entwicklung bereitzustellen Bis 2030 sollen sechs Millionen Elektrofahrzeuge auf der Straße sein. Es gelte der Grundsatz: Markt und Wettbewerb sind die besten Treiber für Innovationen. Die Hauptverantwortung liege daher laut Bundesregierung bei Wirtschaft und den Unternehmen. Deshalb plane die Bundesregierung auch keine "Kaufprämie für E-Autos", sondern setze auf andere Kaufanreize.

Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler betont in der gemeinsamen Mitteilung der Ministerien: "Zukunftstechnologien wie die Elektromobilität sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass unsere Wirtschaft erfolgreich ist. Wir wollen bei der Elektromobilität weltweit eine Spitzenstellung einnehmen. Dabei gilt der Grundsatz: Markt und Wettbewerb sind die besten Treiber für Innovationen. Deshalb muss die Hauptverantwortung bei der Wirtschaft und den Unternehmen selbst liegen." Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer erklärt: "Wir setzen auf einen intelligenten Maßnahmenmix aus Forschungsförderung für die Wirtschaft und Anreizen für die Bürger. In dieser entscheidenden Phase der Marktvorbereitung ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen und Fehlentwicklungen kommt. Deshalb lehne auch ich teure Kaufprämien entschieden ab. Gerade in Zeiten knapper Kassen kann es sich kein Land leisten, in einen teuren Subventionswettlauf zu treten. Wir brauchen marktfähige, alltagstaugliche Produkte, die sich in der Praxis bewähren und die Bürger überzeugen."

In Einklang mit der NPE sieht die Bundesregierung sieht, laut Gemeinschaftspresseinformation vor allem bei Forschung und Entwicklung noch großen Bedarf. Sie werde deshalb bis zum Ende der Legislaturperiode eine weitere Milliarde Euro für Forschung und Entwicklung bereit stellen. Damit verdoppele sie ihre Anstrengungen in diesem Bereich. Bundesforschungsministerin Professor Dr. Annette Schavan erläutert: "Über den Markterfolg der Elektromobilität entscheidet nicht das üppigste Subventionspaket, sondern die größte technologische Kompetenz. Darum verstärken wir jetzt unsere Forschungsförderung in diesem Bereich. Einen besonderen Schwerpunkt werden wir dabei auf die Batterieforschung legen." Die notwendige Verbindung von Elektromobilität und Erneuerbaren Energien werde in dem Bericht herausgestellt. Nur so könne das Klimaschutzpotenzial dieser Technologie ausgeschöpft werden, heißt es aus Berlin. Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen betont hierzu: "Das klare Bekenntnis der deutschen Industrie, für die Elektrofahrzeuge ausschließlich Strom aus zusätzlichen erneuerbaren Energien einzusetzen, ist umweltpolitisch der richtige Weg und stärkt die Akzeptanz dieser neuen Technologie. Die Elektromobilität ist damit ein zusätzlicher Anreiz zum Ausbau der erneuerbaren Energien und ein wichtiger Beitrag zur Energiewende. Ohne Elektromobilität kann der Verkehrssektor den notwendigen Beitrag zum Klimaschutz nicht erbringen."

Am Mittwoch, 18. Mai 2011, wird die Bundesregierung ein neues "Regierungsprogramm Elektromobilität" verabschieden, das die von staatlicher Seite geplanten Maßnahmen umfassend darstellt. Das Programm soll dazu beitragen, dass Deutschland dem Ziel näher kommt, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen. Eine geplante Maßnahmen ist unter anderen eine Befreiung von der Kraftfahrzeuge für zehn Jahre für Fahrzeuge mit einem CO2-Ausstoß unter 50 Gramm pro Kilometer bei Anschaffung bis zum 31. Dezember 2015. Zudem sind laut Bundesregierung Wechselkennzeichen geplant: Fahrer von Elektrozweitfahrzeugen sollen nur ein Nummernschild benötigen und so eine Versicherungsprämie sparen. Es soll Sonderparkflächen sowie Lockerungen von Zufahrtsverboten geben und die Mitbenutzungsmöglichkeit von Busspuren soll ermöglicht werden.

Reaktionen zum NPE-Bericht

"Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft haben in einem gemeinsamen Schulterschluss in intensiver Arbeit innerhalb eines Jahres die Weichen für die Mobilität von morgen gestellt. Die Ziele, Deutschland zum Leitanbieter und Leitmarkt für Elektromobilität zu machen, finden eine breite Zustimmung in der gesamten deutschen Automobilindustrie. Insbesondere die klaren Aussagen zum Handlungsschwerpunkt, Forschungs- und Entwicklungsförderung für Elektromobilität stärken den Industrie-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig", betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich der Überreichung des NPE-Berichts. Wissmann unterstrich: "Wir stehen im Bereich Elektromobilität in einem harten weltweiten Wettbewerb, und zwar nicht nur zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen Staaten". Die Automobilindustrie leistet laut Wissmann den Löwenanteil der Forschungsinvestitionen selbst: "Allein die Automobilindustrie investiert in den kommenden drei bis vier Jahren zehn bis zwölf Milliarden Euro in die Entwicklung alternativer Antriebe." Eine ergänzende staatliche Förderung von Grundlagenforschung bis zur Produktionstechnologie mit Pilotanlagen trage ebenfalls entscheidend dazu bei, langfristig Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Die Elektromobilität könne zudem einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten, denn langfristig böten die Batterien in den Fahrzeugen große Speicherfähigkeiten: "Sechs Millionen Elektrofahrzeuge im Jahr 2030 stellen ein Speichervolumen von rund 15 Gigawattstunden dar. Das entspricht einem guten Drittel des derzeitigen Speichervolumens der Pumpspeicherwerke in Deutschland", so Wissmann.

Der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Dr. Klaus Engel, erklärte zum NPE-Bericht: "Setzt die Bundesregierung die Empfehlungen des Endberichts rasch um, hat das Industrieland Deutschland sehr gute Chancen, in Sachen Elektromobilität die Pole Position im Rennen um diesen Zukunftsmarkt zu erreichen." Engel macht ferner deutlich: "Wenn alle Branchen einbezogen sind, nutzt das Gesellschaft, Staat und Wirtschaft". Im Einklang mit der NPE plädierte er für langfristige Investitionen des Staates in Forschung und Entwicklung sowie für die Förderung von Pilot- und Demonstrationsanlagen. Begleitend zu diesen Maßnahmen habe auch die Qualifizierung des Nachwuchses Bedeutung. Hierzu müssten die Studienangebote für Elektrochemie an den Hoch- und Fachhochschulen noch weiter verbessert werden. "Damit die deutsche Industrie bei der Elektromobilität ganz vorne mit dabei ist, sollte die Bundesregierung nicht lange zögern und die Vorschläge der NPE so rasch wie möglich an den Start bringen", appellierte Engel.

Anlässlich der Übergabe des NPE-Berichtes der fordert der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), die Verknüpfung von Elektromobilität und Erneuerbaren Energien von Anfang an ins Zentrum der Förderkonzepte für Elektroautos zu stellen. Die bisherigen Empfehlungen des von der Bundesregierung einberufenen Beratungsgremiums greifen nach Ansicht des BEE in dieser Hinsicht zu kurz. "Elektromobilität und Erneuerbare Energien gehören zusammen. Denn nur in dieser Kombination können wir Automobilität künftig klima- und ressourcenschonend gestalten. Daher müssen alle Fördermaßnahmen das Zusammenspiel mit den Erneuerbaren Energien verbessern. Neue Hürden beispielsweise durch eine teure und unflexible Ladeinfrastruktur darf es dagegen nicht geben", verlangt BEE-Präsident Dietmar Schütz.

Nach Ansicht des ADAC sind direkte Subventionen für den Kauf von Elektrofahrzeugen nicht das entscheidende Mittel für eine erfolgreiche Einführung. Maßgeblich für den Erfolg beim Kunden werde viel mehr die Leistung der Automobilhersteller sein, in absehbarer Zeit attraktive Elektro-Fahrzeuge auf den Markt zu bringen und dabei insbesondere die Batteriekosten drastisch zu senken. Anlässlich der Vorstellung des Berichts der Nationalen Plattform Elektromobilität sagte ADAC-Präsident Peter Meyer: "Ich finde es enttäuschend, dass das Vertrauen in die Fähigkeiten der Industrie relativ klein ausfällt. Ich glaube, dass Elektromobilität auch ohne Kaufanreize Erfolg beim Kunden haben wird."

Grundsätzlich ist der ADAC mit den Ergebnissen der NPE zufrieden. Allerdings fordert der Club, dass bei der Weiterentwicklung der Maßnahmen die Interessen der Verbraucher an Gewicht gewinnen müssen. Meyer: "Klar muss auch sein: Fördermaßnahmen für Elektrofahrzeuge dürfen die Autofahrer insgesamt nicht höher belasten. Die Mobilität der Halter herkömmlicher Fahrzeuge darf nicht eingeschränkt werden." Sonderrechte für Elektrofahrzeuge im Straßenverkehr könnten laut ADAC ein geeigneter Baustein auf dem Weg zum Erfolg der Elektromobilität sein. Voraussetzung sei, dass diese moderat ausgestaltet sind und für den herkömmlichen Straßenverkehr keine Nachteile mit sich bringen würden.

Auch in ATZ 7/8-2011 wird der Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität thematisiert. Die Ausgabe erscheint am 8. Juli 2011. 

(Bilder: Audi)