Energie

Smart Grid-Projekt "Forschung im Netz"

Opitsch am Schreibtisch vor Bildschirm mit Bild des Verteilnetzes.
Quelle: © Siemens AG
Bruno Opitsch, Senior Key Expert für Verteilnetzautomatisierung, Siemens-Division Smart Grid, Nürnberg.
22.07.2013 - 

Im Interview Bruno Opitsch, Senior Key Expert für Verteilnetzautomatisierung, Siemens-Division Smart Grid, Nürnberg.
Zu Forschungs- und Erprobungszwecken bauen die Siemens-Division Smart Grid und die SWK Stadtwerke Krefeld AG (SWK) das bestehende Stromversorgungsnetz in Wachtendonk am Niederrhein gemeinsam zu einem Smart Grid um. Mit welchen Herausforderungen es die Projektpartner zu tun haben, darüber sprachen wir mit Bruno Opitsch.

Von Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Journalist.
  • Springer für Professionals: Alle reden über Smart Grids – sie machen es jetzt. Welche Ziele verfolgt das Modellprojekt "Forschung im Netz"?
  • Bruno Opitsch: Im Zuge des Projektes erarbeiten sich die Siemens-Division Smart Grid und die SWK Stadtwerke Krefeld Detailinformationen über das Verhalten eines Verteilnetzes mit einem überproportionalen Anteil an erneuerbaren Energiequellen. Ziel ist außerdem, die Praxistauglichkeit von technischen Komponenten zu testen, um Erkenntnisse zum weiteren Ausbau von Smart Grids zu gewinnen.
  • Warum wurde die Gemeinde Wachtendonk im Kreis Kleve ausgewählt?
  • Die 8000-Einwohner-Gemeinde Wachtendonk im Kreis Kleve wurde als Smart-Grid-Modellregion ausgewählt, weil sie einen sehr hohen Anteil dezentraler Stromerzeugungsanlagen hat, die ins Netz einspeisen. Rund 80 Prozent des Stroms kommt aus regenerativen Energiequellen, zum Beispiel aus Photovoltaikanlagen auf den Hausdächern. Zudem treten in dem ländlich geprägten Stromnetz die Auswirkungen durch dezentrale Einspeisungen deutlicher zutage. Die Spannungsschwankungen entstehen unter anderem durch die fluktuierende Einspeisung regenerativer Energiequellen und werden im Verteilungsnetz, besonders im Niederspannungsnetz, vom Netzbetreiber derzeit in der Regel nicht systematisch erfasst. Hier ist Sensorik im Netz gefragt, um die Netzqualität überwachen und gegebenenfalls präventive Maßnahmen ergreifen zu können, beispielsweise die Einhaltung der Spannungsbandgrenzen mit Hilfe eines regelbaren Transformators sicher zu stellen.
  • Siemens arbeitet vor Ort mit den SWK zusammen. Welchen Anteil haben die Stadtwerker zu leisten?
  • Während Siemens die nötigen Komponenten für die intelligenten Ortsnetzstationen, intelligente Zähler sowie Mess-, Überwachungs- und Kommunikationstechnik liefert, verknüpfen die Stadtwerke Krefeld diese Einzelkomponenten zu einem intelligenten System und testen diese in speziell ausgesuchten Niederspannungsnetzen. Darüber hinaus wird unter anderem die Datenübertragung bis hin zur SWK-Leitstelle aufgebaut und sichergestellt.
  • Welche Parameter des Projekts muss Siemens erfüllen?
  • Im Rahmen dieses Projektes liefert Siemens die nötigen Komponenten für die intelligenten Ortsnetzstationen, intelligente Zähler sowie Mess-, Überwachungs- und Kommunikationstechnik. Im Zuge des Projektes erarbeiten sich Siemens und die SWK Detailinformationen über das Verhalten eines Verteilnetzes mit einem überproportionalen Anteil an erneuerbaren Energiequellen.

Geöffnete Otsnetzstation mit intelligenter Steuerung.
Quelle: © Stadtwerke Krefeld

Intelligente Ortsnetzstation in Wachtendonk.

  • Wie muss man sich die Gesamtfunktion des Smart Grids vorstellen?
  • Grundsätzlich kann man sagen, dass ein Smart Grid ein intelligentes, sich selbst überwachendes, hochgradig automatisiertes Stromversorgungsnetz ist, das sich besser steuern, regeln und kontrollieren lässt als ein herkömmliches Netz. Dazu ist es mit Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet, um einen durchgängigen Datenfluss von der Stromerzeugung bis zum Verbraucher und umgekehrt zu ermöglichen. Während bei konventionellen Stromversorgungsnetzen die Erzeugung dem Verbrauch folgt, steuert ein Smart Grid auch den Verbrauch abhängig von der Verfügbarkeit der elektrischen Energie im Netz. In Wachtendonk hat das Smart Grid zum einen die Funktion "Augen im Netz", um das Verhalten des Energienetzes analysieren zu können und zum anderen die Aufgabe, mit Hilfe eines regelbaren Ortsnetz-Transformators das Spannungsband auch bei maximaler Einspeisung durch die Photovoltaik einzuhalten.
  • Welche Innovationen erwartet Siemens von dem bis 2014 zu realisierenden Vorhaben?
  • Im Wesentlichen erwartet sich Siemens die Bestätigung der bereits entwickelten Strategien und Produkte, in der praktischen Anwendung. Neue Erkenntnisse aus dem täglichen Umgang mit der Technik fließen in deren Weiterentwicklungen ein oder dienen als Grundlage, die erarbeiteten Netzführungsszenarien gegebenenfalls anzupassen.
  • Als Global Player ist der Konzern auch international auf dem Gebiet Smart Grids aktiv. Welche Zukunftsprojekte stehen auf der aktuellen Liste?
  • Siemens ist auf dem Gebiet Smart Grid international aktiv und setzt über den gesamten Globus verteilt zusammen mit seinen Kunden zahlreiche Smart-Grid-Projekte um. Dabei sind die Anforderungen, die an ein Smart Grid gestellt werden, von Region zu Region unterschiedlich. Ebenso unterschiedlich sind die Lösungen, die Siemens für seine Kunden parat hat oder mit ihnen zusammen entwickelt. In Nordamerika beispielsweise geht es um eine veraltete und überlastete Netzinfrastruktur, die mit Hilfe eines Smart Grids gleichmäßiger ausgelastet werden kann. In Asien ist der steigende Strombedarf der Haupttreiber für intelligente Netze. Mit Hilfe eines Smart Grids ist ein gleichmäßigerer Verbrauch möglich, und Investitionen in zusätzliche Kraftwerke können von Fall zu Fall vermieden werden. In Europa – und besonders in Deutschland im Rahmen der Energiewende – ist aufgrund eines hohen und weiter wachsender Anteils erneuerbarer Energiequellen ein Smart Grid notwendig. Dabei ist Wachtendonk eines der interessantesten Zukunftsprojekte, das wir derzeit in Deutschland haben.