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08.03.2019 | žCorporate Social Responsibility | Interview | Onlineartikel

"In Unternehmen passiert Frauenförderung mit der Gießkanne"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurde:
Prof. Johanna Bath

ist Professorin für Business Management und Strategie an der European School of Business in Reutlingen. 

Die Gender-Debatte wird zum Teil heftig geführt – auch in den Medien. Dabei halten sich manche unbewiesene Behauptungen hartnäckig, sagt Springer-Autorin Johanna Bath im Gespräch und räumt mit einigen Mythen rund um die Gleichberechtigung auf.

Springer Professional: Wenn man den Titel Ihres Buches liest, denkt man an die Netflix-Serie "Girlboss". Die Protagonistin war Schulabbrecherin, Gelegenheitsjobberin und Diebin, die dann zur erfolgreichen Internetunternehmerin wird. Woran lehnt sich der Titel Ihres Buches an?

Johanna Bath: Im weitesten Sinne hängt der Titel damit zusammen. Die Netflix-Serie basiert nämlich auf der wahren Geschichte der Gründerin Sophia Amoruso, die den Begriff "Girlboss" in den USA sehr bekannt machte. Daraufhin entbrannte eine mediale Diskussion, ob sich Frauen, denn nun Girlboss nennen sollten oder nicht. Männer würden sich ja schließlich auch nicht Boyboss nennen. Ich finde solche Debatten typisch: Statt solche Gründerinnen zu feiern und als Vorbilder zu sehen, verstricken wir uns lieber in Diskussionen über die Wortwahl. Das geht meiner Meinung am Thema vorbei und hilft nicht weiter. Daher wollte ich den Begriff für mein Buch auch wieder aufgreifen.

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2019 | Buch

Der Girlboss Mythos

Die gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven der Gender-Debatte

Faktisch sind Frauen heute gleichberechtigt. Sie haben die gleichen Chancen, Rechte und Möglichkeiten wie Männer. Doch die Zahl der Frauen in Führungspositionen wächst nur langsam.


Sie sagen, die mediale Aufmerksamkeit helfe der Gleichberechtigungsdiskussion nicht. Warum?

Ich habe den Eindruck, dass sich in den Medien vieles wiederholt und jedes Mal, wenn die Gender-Debatte wieder losbricht, kommen die ewig gleichen Argumente auf den Tisch. Dabei hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan und mittlerweile sind viele Behauptungen einfach nicht mehr richtig.

Sie überprüfen in Ihrem Buch daher Fragen zum Thema Gleichberechtigung auf die Fakten hin. Ein Mythos lautet dabei: Frauen sind doch schon gleichberechtigt. Was ist daran Mythos, was Wahrheit?

In vielen Bereichen sind wir in Deutschland tatsächlich sehr gleichberechtigt. Zum Beispiel gibt es immer noch viele Länder, in denen Frauen nicht den gleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Bildung haben. Zum Glück ist das bei uns gegeben. Und nicht nur das: Frauen nutzen diesen Zugang zu Bildung auch sehr gut. In jüngeren Generationen sind mehr Frauen hochqualifiziert ausgebildet als Männer. Und nicht nur in typischen Frauenberufen. Dennoch schaffen es Frauen bei weitem nicht so gut, diese guten Startbedingungen auch in gutes Gehalt oder Führungs- und Expertenpositionen umzuwandeln. Hier ist an vielen Stellen noch Nachholbedarf. Und dafür sind nicht nur die Frauen, sondern auch die Systeme verantwortlich.

Mythos Nummer zwei: Unternehmen machen zu viel Frauenförderung. Was ist richtig?

Es stimmt, das einige Unternehmen das Thema Frauenförderung für sich entdeckt haben. Das war meist – insbesondere in großen Unternehmen – eine Folge der Quotendebatte. Und es ist auch richtig, dass man eine jahrzehntelange Beförderungskultur in männlich geprägten Bewertungssystemen und Netzwerken nicht über Nacht und auch nicht ohne gezielte Maßnahmen beseitigen kann. Insofern ist Frauenförderung zunächst einmal schlicht unumgänglich. Was aber in Unternehmen oft passiert, ist eine Förderung mit der Gießkanne. Maßnahmen werden ohne Wirksamkeitskontrolle ausgeleert, in der guten Hoffnung, dass irgendwas schon fruchten wird. Und wenn nicht, sind die Frauen halt wieder selbst schuld. Der Frauen-Karriere- Index von Barbara Lutz bietet eine Wirksamkeitskontrolle von Unternehmensmaßnahmen. Das ist hochspannend, da Masse an Maßnahmen auch hier natürlich nicht Klasse ist.

Was ist mit der Frauenquote für die Besetzung von Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen. Hat sie die gewünschte Wirkung? 

Das muss ich mit einem klaren JEIN beantworten. Auf der einen Seite sind solche Frauen natürlich durch ihre Sichtbarkeit Vorbilder und das ist sehr gut. Aber solange das Einzelerscheinungen bleiben, wird das keine Kulturveränderung anstoßen und bringt der Otto-Normal-Frau schlicht nichts.

Was ist Ihrer Einschätzung nach wichtig, um bei Themen wie Lohnlücke, mehr Frauen in Führungspositionen oder mehr Frauen in Tech-Berufen voranzukommen?

Wichtige Maßnahmen sind sehr vielfältig und es gibt leider nicht die eine Maßnahme, die alle Probleme lösen wird. Das macht es auch so schwierig, denn man müsste eine Vielzahl kleiner Maßnahmen auf einmal umsetzen, um eine wirkliche Veränderung zu sehen. Und das nicht nur in der Politik, sondern auch in den Unternehmen und bei den Frauen selbst. 

Was kann die Politik tun?

Für die Politik wäre die wichtigste Maßnahme, die Förderung der Alleinverdiener-Ehe durch die Förderung von Familien mit zwei arbeitenden Elternteilen zu ersetzen. Während in Deutschland belohnt wird, wenn die Ehefrau, ob mit oder ohne Kinder, zu Hause bleibt, wird in Skandinavien belohnt, wenn beide Eltern mit einer leicht reduzierten Vollzeit von rund 30 Stunden pro Woche arbeiten

Und Unternehmen?

Unternehmen müssten hier fortschrittlicher in ihren Führungsstrukturen werden: Belohnung nicht für die meiste Anwesenheit, sondern für erfolgreiche und effiziente Umsetzung der gesteckten Aufgaben. Und last but not least müssten die Familien dieses Angebot dann auch annehmen. Frauen müssten auch mit kleinen Kindern statt mit 15 oder 20 Stunden mit 30 Stunden wieder einsteigen. Und Männer bekämen so die Chance, auch aktive Väter zu sein, in dem sie auch ein wenig reduzieren und mehr Arbeit für die Familie leisten. Und natürlich ist es meines Erachtens ein Skandal, dass Kinderbetreuungskosten, die entstehen, weil beide Eltern arbeiten, nicht voll steuerlich absetzbar sind. Das ist jetzt ein kleiner Abriss, die Liste lässt sich noch beliebig fortsetzen.

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