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26.04.2018 | Abwasser | Im Fokus | Onlineartikel

Städtisches Abwasser und Gebäude neu denken

Autor:
Matthias Schwincke

Ein Baustein für eine nachhaltige globale Entwicklung ist die zukunftsgerechte Gestaltung von Städten. Was urbane Landwirtschaft dazu beitragen kann, zeigt ein innovatives Berliner Pilotprojekt.

Urbane Zentren machen zwar nur zwei Prozent der Erdoberfläche aus. Allerdings lebt dort schon heute über die Hälfte der Weltbevölkerung. Ein Problem: Städte nehmen rund 75 Prozent aller natürlichen Ressourcen in Anspruch und verursachen nicht weniger als 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. In der Diskussion um eine nachhaltigere Stadtentwicklung fand das Thema der Lebensmittelproduktion und -versorgung lange Zeit wenig Beachtung. Durch ein wachsendes gesellschaftliches Interesse an gesunder Ernährung, regionalen Lebensmitteln und Urban Gardening  hat in den letzten Jahren ein Umdenken eingesetzt. 

Empfehlung der Redaktion

2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Das Phänomen Urban Gardening

"Ein Gespenst geht um in Europa, ein fröhlich buntes Gespenst mit Dreck unter den Fingernägeln: der Neue Gärtner. Aufgetaucht aus dem Nichts, hat er in kürzester Zeit die Städte erobert" (Rasper 2012: 9). Zuerst war dieses Gespenst lediglich ein  ein Großstadtphänomen, mit den Berliner Prinzessinnengärten als Inspirationsquelle und prominentem Vorbild.


Eine stärkere Integration von Landwirtschaft in städtische Räume wird inzwischen auf vielen Ebenen als Chance gesehen: zum einen für eine ressourcen- und energieeffizientere Versorgung von Städten, zum anderen für eine bessere Anpassung an den Klimawandel.

Pionierprojekt im Herzen der Hauptstadt

Ein bundesweit derzeit einzigartiger Ansatz für eine kreislauforientierte und klimasensible Stadtentwicklung unter Einbeziehung von städtischer Landwirtschaft ist das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte Projekt Roof Water-Farm (RWF). Die RWF-Technologie zielt auf die hygienisch sichere Nutzung von Regenwasser und dezentralen Abwasserströmen kombiniert mit dem Anbau von Nahrungsmitteln. Am funktionierenden Beispiel soll gezeigt werden, wie künftig anstelle von Trinkwasser und Kunstdünger eine nachhaltige urbane Landwirtschaft nachhaltig lokal und regional betrieben werden kann. Ein Schwerpunkt lag auf der technologischen Entwicklung und Beforschung einer Pilotanlage in Berlin-Kreuzberg. Dort werden getrennte häusliche Wasserströme aus Küchen, Duschen und Badewannen (Grauwasser) sowie Toilettenabwässer (Schwarzwasser) direkt im Stadtquartier aufgewertet zu Bewässerungswasser und Flüssigdünger von hoher Produktqualität ("Goldwasser"). Das RWF-Pilotgewächshaus beherbergt die zwei Water-Farm Module "Aquaponik" (kombinierte Fisch- und Pflanzenproduktion), bewässert mit aufbereitetem Grauwasser, und die "hydroponische (wasserbasierte) Pflanzenproduktion" mit "Goldwasser". Die wichtigsten Ergebnisse der RWF-Initialforschungsphase (2013-2017):

  • Die entwickelte Technologie zum Recyling von Grauwasser für Haushalts- oder Bewässerungszwecke ist einsatzbereit.
  • Schwermetalle im Betriebswasser liegen im Bereich der Trinkwasserverordnung. Spurenstoffe waren nicht nachweisbar. Andere Belastungen liegen im Vergleich zu kommunalen Kläranlagen auf einem deutlich niedrigen Niveau.
  • Mit weniger als 3 Euro pro Kubikmeter inklusive Investitionen, Wartung und Betrieb liegt der Betriebswasserpreis deutlich unter dem ortsüblichen Trinkwasserpreis von 5 Euro pro Kubikmeter.
  • Die Hydroponik- und Aquaponiktechnologie funktioniert störungsfrei, und die Qualität der Agrarprodukte entspricht gängigen Standards.
  • Die hygienische Qualität des Bewässerungswassers entspricht den Richtwerten der entsprechenden DIN-Norm 19650. Spurenstoffe wie Acesulfam, EDTA, Benzotriazol, Bisphenol A, Nonylphenol und Ibuprofen sind nachweisbar, allerdings nur mit geringen Werten und ohne Anreicherung in den hergestellten Lebensmitteln.
  • Die erzeugten Produkte wie u.a. Erdbeeren, Kopfsalat, Batavia, Endivie, Pak Choi, Schlei und Afrikanischer Wels sind optisch und geschmacklich einwandfrei.
  • Richtwerte für Nitrat und Schwermetalle gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 zu Kontaminanten in Lebensmitteln werden deutlich eingehalten. Ausgewählte Spurenstoffe sind in den Produkten nicht nachweisbar.
  • Fisch und Salat halten die hygienischen Anforderungen der Verordnung (EG) Nr. 2073/2005 über mikrobiologische Kriterien für Lebensmittel sowie die Richt- und Warnwerte der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) selbst im ungewaschenen Zustand sicher ein.

Vom Technologie-Baustein zur nachhaltigen Stadtentwicklung

Parallel zur technologischen Forschung wurde die Übertragbarkeit und stadträumliche Verbreitung der RWF-Technologie getestet. In diesem Zusammenhang wurden urbane Modellgebiete und Gebäudetypologien auf ihre Umsetzungspotenziale untersucht. Ausgewählte Studien anhand gängiger Gebäudetypologien zeigten dabei unter anderem: Mit einem 400 Quadratmeter Dachgewächshaus können 70 Bewohner eines mehrstöckigen Wohnbaus rund 80 Prozent ihres Bedarfs an frischem Fisch, Gemüse und Obst decken. Eine umfassende Darstellung des Pilotprojekts und seiner Ergebnisse bieten die Springer-Autoren Grit Bürgow, Vivien Franck, Jürgen Höfler, Angela Million, Tim Nebert und Anja Steglich im Buchkapitel Roof Water-Farm – Ein Baustein klimasensibler und kreislauforientierter Stadtentwicklung.

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