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"Wer 3D-Druck nur technisch denkt, verliert"

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Nicht der Drucker, sondern die Denkweise entscheidet über den Erfolg. Die Branchenexperten Dr. Alexander Starnegger und Johannes Lutz erklären, warum 3D-Druck Chefsache ist.

Johannes Lutz (links) ist Inhaber und Geschäftsführer der 3D Industrie GmbH in Berkheim, Dr. Alexander Starnecker (rechts) ist Geschäftsführender Gesellschafter der Weisser Spulenkörper GmbH & Co. KG in Neresheim. 


springerprofessional.de: Herr Dr. Starnecker, Herr Lutz, Sie schreiben in Ihrem gemeinsamen Buch, 3D-Druck sei kein Verfahren, sondern ein Mindset. Was genau bedeutet das für die Führungsebene eines Industrieunternehmens?

Johannes Lutz: Viele Unternehmen betrachten 3D-Druck noch rein technologisch – als Verfahren mit bestimmten Features und Materialien. Doch industrielle additive Fertigung ist kein Werkzeug, das man einfach bedient. Sie ist ein strategischer Denkansatz, der neue Perspektiven auf Entwicklung, Produktion und Geschäftsmodelle eröffnet. Für Führungskräfte bedeutet das: Es geht nicht darum, einen Drucker zu kaufen, sondern darum, Probleme zu erkennen, Denkblockaden zu überwinden und additive Fertigung als Teil der Unternehmensstrategie zu verankern. Wer 3D-Druck nur technisch denkt, verliert operativ. Wer ihn strategisch denkt, gewinnt an Profitabilität und Flexibilität.

Welche Denkfehler begegnen Ihnen am häufigsten bei Unternehmen, die 3D-Druck einführen wollen – und wie lassen sich diese vermeiden?

Johannes Lutz: Viele glauben, sie müssten mit der komplexesten Anwendung starten, um zu zeigen, was möglich ist. Das ist wie jemandem, der Koch werden will, gleich ein Neun-Gänge-Menü abzuverlangen. Ein weiterer Irrtum ist die Erwartung, dass 3D-Druck sofort günstiger und schneller sein müsse als konventionelle Verfahren. Das stimmt nur bei passenden Anwendungen – etwa wenn ein neues Spritzgusswerkzeug ansteht. Auch die Annahme, man müsse erst groß investieren, bevor Ergebnisse sichtbar werden, ist falsch. Wichtiger und günstiger ist die Investition ins Mindset.

Was muss sich im Mindset tun?

Johannes Lutz: Erfolg entsteht oft dadurch, bestimmte Fehler zu vermeiden. In der additiven Fertigung ist das Problem: Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen. Viele Potenziale bleiben unentdeckt, weil niemand sie wahrnimmt. Unser Ansatz ist, zunächst einfache, wirtschaftlich sinnvolle Anwendungen zu realisieren. So werden mentale Blockaden im Unternehmen gelöst, und 3D-Druck wird nicht als technisches Spielzeug, sondern als strategisches Werkzeug verstanden. Der Schlüssel liegt in der richtigen Herangehensweise – nicht in der Komplexität der Anwendung.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer "vierten Dimension“ der Serienproduktion. Was meinen Sie damit?

Dr. Alexander Starnecker: Seit über 100 Jahren wird die Serienfertigung entlang von Zeit, Qualität und Kosten optimiert – dem magischen Dreieck der Produktion. Diese Dimensionen sind weitgehend ausgereizt. Unterschiede zwischen Unternehmen werden kleiner, Differenzierung wird schwieriger. Wer künftig im Wettbewerb bestehen will, braucht eine zusätzliche Dimension: Flexibilität.

Und wie trägt 3D-Druck zu dieser Flexibilität bei?

Dr. Alexander Starnecker: In traditionellen Fertigungssystemen wird Flexibilität oft durch höhere Lagerbestände erkauft – also durch Kosten. Additive Fertigung ermöglicht Produktion auf Abruf: Teile werden gefertigt, wenn Bedarf besteht. Das senkt Bestände und Risiken. Flexibilität wird damit zu einer neuen betriebswirtschaftlichen Kennzahl, die sich direkt auf Resilienz und Liquidität auswirkt. Formfreiheit, Mass Customization, bessere Entwicklung durch späteren Design Freeze und noch vieles mehr sind weitere Beispiele für Flexibilität, wie sie nur der 3D-Druck ermöglichen kann.

Wie verändert industrieller 3D-Druck die klassischen LEAN-Prinzipien?

Dr. Alexander Starnecker: Ich würde nicht sagen, dass er sie verändert, sondern auf ein neues Level hebt. Die Prinzipien bleiben erhalten. Das Pull-Prinzip – also Produktion nur bei tatsächlichem Bedarf – wird durch additive Fertigung konsequent umgesetzt. Auch das Thema Verschwendung lässt sich neu denken: Additive Prozesse bringen Material nur dort auf, wo es tatsächlich benötigt wird. So wird nicht nur Material, sondern auch Zeit gespart.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Dr. Alexander Starnecker: Ich mache es an einem privaten Beispiel fest: Mein Sohn brauchte eine neue Anhängerkupplung für seinen Spielzeugtraktor. Den Datensatz gab es online zum Download. Download: zehn Sekunden. Übertragung auf den Drucker: eine Minute. Druckzeit: 30 Minuten. Ergebnis: ein glückliches Kind – unbezahlbar. Im industriellen Kontext bedeutet das: kein Warten auf Konstruktion, keine aufwendige Maschinenrüstung wie bei CNC oder Spritzguss. Stattdessen entsteht ein kontinuierlicher Fluss von der Idee bis zum fertigen Bauteil – ganz im Sinne von LEAN.

Wie unterscheiden sich heutige industrielle Anwendungen vom früheren "Spielwiesen"-Charakter des 3D-Drucks?

Johannes Lutz: Früher dominierte Rapid Prototyping – also das schnelle Herstellen von Testbauteilen. Später kamen spektakuläre Einzelprojekte aus Luft- und Raumfahrt oder Medizintechnik hinzu. Heute hat sich additive Fertigung zu einem strategisch einsetzbaren Produktionsprozess entwickelt. Besonders wirtschaftlich ist sie bei kleinen und mittleren Serien, bei Fertigungshilfen oder bei individualisierten Endprodukten.

Viele Unternehmen haben sich vom 3D-Druck mehr versprochen und wurden enttäuscht. Was lief falsch?

Johannes Lutz: Die Enttäuschung entstand durch überzogene Erwartungen bei Anwendern und unrealistische Versprechungen auf Anbieterseite. In der Hype-Phase der vergangenen Jahre wurde gezeigt, was technisch möglich ist – aber kaum, wie es wirtschaftlich sinnvoll umgesetzt werden kann. Das hat Unsicherheit und Zurückhaltung erzeugt.

Was läuft heute anders?

Johannes Lutz: Heute steht die wirtschaftliche Umsetzbarkeit im Vordergrund. Unternehmen fokussieren sich auf reale Anwendungsfälle, auf Schulung der Belegschaft und auf den gezielten Aufbau interner Kompetenzen. Additive Fertigung wird nicht mehr als Allheilmittel betrachtet, sondern als Werkzeug zur Lösung konkreter Probleme. Wer sie produktiv und strategisch integriert, legt den Grundstein für nachhaltigen Erfolg.

Welche Branchen oder Produkte eignen sich besonders für den industriellen 3D-Druck in Serie – und warum?

Dr. Alexander Starnecker: Spannend sind alle Bereiche, in denen kleine bis mittlere Stückzahlen gefertigt werden. Am Beispiel meiner Firma ausgedrückt: Wir haben Kunden, die 100 Stück eines Teils pro Jahr brauchen. Unsere größte Jahresmenge ist ein elektrotechnisches Funktionsbauteil – 10.000 Stück.

Wie sieht es mit der Individualisierung von Bauteilen aus?

Dr. Alexander Starnecker: Auf modernen Großseriendruckern können wir 2.000 Teile in zwei Stunden fertigen – und der Maschine ist es egal, ob alle identisch sind oder jedes variiert. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Produktindividualisierung, etwa bei Hörgeräten oder Konsumgütern.

Warum ist industrieller 3D-Druck Ihrer Meinung nach "Chefsache" – und nicht nur ein Thema für die Entwicklungsabteilung?

Johannes Lutz: Die Herausforderungen, die sich mit 3D-Druck lösen lassen, betreffen weit mehr als die Entwicklung. Sie reichen tief in strategische und wirtschaftliche Entscheidungen hinein. Es wäre fahrlässig, die Potenziale ungenutzt zu lassen, indem man additive Fertigung nur einer einzelnen Abteilung überlässt. Gefordert ist Führung, die Technologie nicht nur versteht, sondern gezielt einsetzt.

Welche Rolle spielt die persönliche Haltung und das Innovationsverständnis eines CEOs bei der erfolgreichen Einführung von 3D-Druck?

Johannes Lutz: Eine entscheidende. Offenheit, Mut und strategisches Denken sind Grundvoraussetzungen. Wer 3D-Druck als technische Spielerei sieht, wird wenig erreichen. Wer ihn als strategische Chance zur Differenzierung, Effizienzsteigerung und Problemlösung begreift, kann echte Wettbewerbsvorteile erzielen.

Wie wird sich die Rolle des 3D-Drucks in der industriellen Produktion in den nächsten fünf Jahren verändern?

Dr. Alexander Starnecker: Additive Fertigung wird sich vom Nischenprozess zur etablierten Produktionsmethode entwickeln – besonders für Kleinserien, individuelle Produkte und flexible Fertigung. Beispiele wie unser additiv gefertigte Steckverbinder zeigen das bereits. 3D-Druck wird künftig nicht mehr nur in der Luft- und Raumfahrt oder Medizintechnik relevant sein, sondern zunehmend im industriellen Alltag.

Wenn Sie einem skeptischen CEO nur einen Satz mitgeben dürften – was wäre Ihr überzeugendstes Argument für industrielle additive Fertigung?

Johannes Lutz: Es kostet Sie mehr, wenn Sie‘s nicht tun.


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