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Über dieses Buch

Der Band reflektiert Forschungspraktiken, die für das Projekt der Biokybernetik wie der aktuellen bionischen Prothetik und Medienökologie charakteristisch sind: die Suche nach einem dritten Weg zwischen Technologisierung des Bios und Biologisierung von Technik. Durch ihre möglichst dichten Beschreibungen der jeweiligen wechselseitigen Affizierungs- und Teilhabeprozesse zwischen Mensch und Technik tragen die wissenschaftshistorischen, philosophischen, kultur- und medienwissenschaftlichen Beiträge dazu bei, den Blick auf die bewusste Annäherung der Zwei Kulturen durch die gegenwärtigen Lebens- und Kulturwissenschaften zu erweitern. Dies wird u.a. durch die Kontextualisierung der Debatten in Bezug auf das Verhältnis zwischen Maschinen und Organismen sowie Artifiziellem und Natürlichem geleistet.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Historische Zugänge

Frontmatter

„Claude Bernard qui genuit Cannon qui genuit Rosenblueth apud Wiener“. Teleologien der Biokybernetik

Zusammenfassung
Der Wissenschaftshistoriker Georges Canguilhem hat seine Geschichte des biologischen Regulationsbegriffes einerseits auf die Kybernetik ausgerichtet, andererseits die Kontingenz aufgezeigt, welche die Entwicklung von Begriffen und Konzepten kennzeichnet. Die Vorgeschichte der Biokybernetik lässt sich nicht auf eine Genealogie reduzieren, stattdessen muss die Potenzialität unterschiedlicher historischer Versuche aufgezeigt werden, Körper als regulierte Funktionsabläufe darzustellen und die Bedeutung leistungsfähiger Agenzien für das Ganze zu erklären. Die Kernaussage Canguilhems lautete dabei, dass ein Konzept der Mechanik zu einem Konzept der Biologie und dann zu einem Konzept der Kybernetik wurde. Die Technisierung der Biologie ist nicht die Folge eines historischen Wissensprozesses, sondern bereits dessen Grundlage.
Heiko Stoff

Homöostat und Cyborg. Zum Verhältnis von Selbstorganisationsforschung und der frühen Biokybernetik

Zusammenfassung
Der Beitrag befasst sich mit der Geschichte der Selbstorganisationsforschung innerhalb der US-amerikanischen Kybernetik und diskutiert deren Bedeutung für die Formulierung eines biokybernetischen Forschungsprogramms durch den Ingenieur Manfred E. Clynes. Im Anschluss an einen Überblick über die Geschichte des Begriffs ‚Selbstorganisation‘ und dessen wissenschaftshistorischen Kontext wird mit dem britischen Kybernetiker Ross Ashby eine zentrale Figur der Selbstorganisationsforschung der 1940er bis 1960er Jahre vorgestellt. Im Rahmen einer Gegenüberstellung seines Homöostaten mit der Cyborg-Studie von Clynes und Kline soll das Verhältnis von Kybernetik und Biokybernetik näher beleuchtet werden.
Jan Müggenburg

Perfektionierungsschleifen. Mensch und Technik bei Frank Bunker Gilbreth

Zusammenfassung
Frank Bunker Gilbreth hat aus der Zeitoptimierung ein grundlegendes Prinzip der Moderne und des modernen Lebens gemacht, das sich keineswegs auf die industrielle Welt der Produktion beschränkt, sondern auch den Alltag und das Privatleben umfasst. Es geht ihm um einen neuen, modernen und technischen Menschen, der ohne jeden Rückgriff auf Ideologien durch den Ingenieur als Konstrukteur einer neuen Gesellschaft eingesetzt wird. Sein Modell der Optimierung setzt dabei auf Perfektionierungsschleifen und aktive, gouvernementale Partizipation.
Bernd Stiegler

Fleisch – Wandlung, Wachstum, Züchtung

Zusammenfassung
Fleisch steckt voller Nährstoffe und voller symbolischer Bedeutung. Das zeigt sich in den symbolischen Metamorphosen des Fleisches. Die Christen glauben an die wundersame Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi. Anabolika lassen bei Mensch und Tier das Fleisch wachsen. Beim Menschen heißt es Doping oder Anti-Aging. Jetzt haben Wissenschaftler und Ingenieure die Hoffnung, den Fleischkonsum der Menschen mit In-vitro-Fleisch zu befriedigen. Der Glaube an die Transsubstantiation ist dabei vielleicht eben so viel oder eben so wenig rational wie die Hoffnung, das In-vitro-Fleisch könne uns von dem Fluch der ethischen Konflikte befreien, die aus unserer Fleischeslust entstehen.
Christoph Asmuth

Medienwissenschaftliche und kulturphilosophische Perspektivierungen

Frontmatter

„Bündel von Orakeltechniken“. Ein Gespräch mit Erhard Schüttpelz über Trance und Kybernetik

Zusammenfassung
In dem von Beate Ochsner und Robert Stock mit Erhard Schüttpelz geführten Gespräch geht es um die Verflechtungen zwischen Kulturanthropologie und Kybernetik. Dabei stehe vor allem die kritische Würdigung der von Schüttpelz als „Mystifikation“ bezeichneten Fähigkeit der Kybernetik zur Debatte, allgemeingültige Denkmodelle ein „conceptual scheme“ – zu entwickeln, wie sie sich nicht nur in der Medienwissenschaft häufig als wegweisend erwiesen haben. Beispielhaft wird der Aufsatz „Some components of socialization for trance“ von Gregory Bateson diskutiert, der in einer kybernetischen „Einkleidung“ diametral entgegengesetzte Zuschreibungen wie „Besessenheit“, „Ekstase“ oder „Marionettenkörpers“ zu strukturieren vermag, indem er von einem Verwirrung stiftenden unterdeterminierten Grundvorgang ausgeht, dessen Deutung bzw. Zurechnung immer erst zu erlernen ist. Die fundamentale Beunruhigung ist dabei genau das, was ein Medium von einem Werkzeug unterscheidet, nämlich die Fähigkeit, in der Situation einer Vermittlung multiple Situationen der Zuschreibung wie auch Situationszuschreibungen zu eröffnen.
Erhard Schüttpelz, Beate Ochsner, Robert Stock

Some Components of Socialization for Trance

Abstract
Let me be clear from the beginning that by “components” I do not mean events or pieces of events that can be counted to become members of a statistical sample. I am doubtful whether in human behavior there are any such. In certain games, such as baseball and cricket, the named actions of the players appear to be repeated many times over and upon the samples so created a sort of statistic can be computed, assigning “batting averages” and the like to the various players; and such “averages” are indeed a rough indication of “better” and “worse.” But it is clear that every play of the game is unique and that every ball pitched or bowled is conceptually inseparable from others, forming with them a larger strategy. The most elementary requirement of statistics – uniformity of sample – is therefore not met.
Gregory Bateson

„Die zweigriffige Baumsäge“. Ein biokybernetisch-medienökologisches Experimentalsystem

Zusammenfassung
Das im Rahmen psychosomatischer und neurologischer Grundlagenforschung an der Uniklinik Heidelberg entwickelte Experimentalsystem der „zweigriffigen Baumsäge“ kann als bio-kybernetisches Experimentalsystem erster Stunde bezeichnet werden. Der Psychosomatiker und Philosoph Martin Dornberg und der Medienkünstler Daniel Fetzner diskutieren in einem Gespräch Kontexte und Folgen der um den Heidelberger Psychosomatiker Viktor v. Weizsäcker in den 1940er und 1950er Jahren durchgeführten medizinischen Experimente – in den Bereichen von Medizin und Psychotherapie einerseits, aber auch in den Technik- und Medienwissenschaften, der Kybernetik und der Medienkunst. Herausgearbeitet werden Querbezüge zu den von den Autoren durchgeführten künstlerisch-philosophischen Forschungen in Form von Installationen, Performances und interaktiven Webdokumentationen.
Martin Dornberg, Daniel Fetzner

Parahumane Konstellationen von Körper und Technik. Aktive Anpassung und tumultöse Partnerschaften

Zusammenfassung
Der Beitrag stellt medizintechnische Praktiken, literarische und kulturtheoretische Reflexionen vor, die es erlauben, transhumanistische Ideen der Überschreitung des Menschen mittels Technik infrage zu stellen. Die Überlegungen widmen sich Praktiken der aktiven, langfristigen, wechselseitigen Anpassung zwischen Körper und Technik, sowie einer nicht-deterministischen Auffassung der Koexistenz von Körpern und Technik. Am Beispiel US-amerikanischer Prothetik und Orthetik des 19. Jahrhunderts und zeitgenössischer, poetisch-theoretischer Darstellungen (Kenny Fries, Donna Haraway) wird eine parahumane (Zoë Sofoulis) Perspektive vorgeschlagen.
Karin Harrasser

Dividuationsprozesse im bio- und sozio(techno)logischen Bereich

Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird argumentiert, dass in der Gegenwart epistemologische Annäherungen und Analogien zwischen zeitgenössischen Natur- und Geisteswissenschaften aufgrund erweiterter und disziplinübergreifender Erkenntnisinteressen, technologiegesteuerter Untersuchungen und existenzbedingter Teilhabemöglichkeiten und -zwänge zu beobachten sind. Biologische Disziplinen sehen die Bedeutung von Artbestimmungen schwinden zugunsten ökologisch- und biodiversitätsorientierter Neuaufteilungen des Lebendigen. Sozialwissenschaftliche Untersuchen verweisen auf den Relevanzverlust nationaler oder personaler Identitätsbildungen aufgrund der globalen migrantischen Bewegungen und ihrer vieldirektionalen kulturellen Orientierungen. Angesichts dieser und weiterer epistemologischer Verschiebungen wird hier nahegelegt, den Begriff des Individuums aufzugeben und die Prozesse auf ihre besonderen Teilungs- und Teilhabeverhältnisse, auf ihre Dividuationen hin zu analysieren.
Michaela Ott

Intensive Milieus – komplexe, relationale und offene Kopplungen

Zusammenfassung
Die medientechnischen Entwicklungen am Übergang ins 21. Jahrhundert zeichnen sich durch eine Intensivierung aus, die darin besteht, dass einstmals getrennte Entitäten als radikal offene Systeme begriffen werden (können). Menschliche und animalische Körper, technische und ‚natürliche‘ Umwelten sind über Prozesse des organischen Empfindens und algorithmischer Sensoriken in komplexer Weise verbunden: Signale werden in Daten transponiert, diese wiederum als Information zwischen den Körpern und ihren Umwelten ausgetauscht, um aus diesen politische, ökonomische und soziale Schlussfolgerungen abzuleiten. Donna Haraways Gefährten, Lynn Margulis’ Parasiten, Myra Hirds Mikro-Ontologie – sie alle verweisen auf Prozesse der Ansteckung, Infiltrierung und vielfachen Wirkmächtigkeit, die nicht nur ein Denken in Relationen einfordern, sondern vielmehr ein Denken als Relation.
Marie-Luise Angerer

Zwischen Animismus und Animation – Krieg und (Virtual) Reality bei Harun Farocki

Zusammenfassung
Animation und computergenerierte Animationstechnologien halten allgegenwärtig Einzug in die medial-sinnlichen Umwelten unserer Gegenwart. Dies gilt insbesondere für Animationstechnologien, die zu militärischen Simulationszwecken entwickelt und verwendet werden und sich in ihrer Ästhetik kaum von Computerspielen und Filmanimationen unterscheiden. In Anlehnung an Harun Farockis vierteilige Videoinstallation Ernste Spiele I-IV/Serious Games I-IV sollen die ästhetischen und politischen Dimensionen der Animation in der modernen Kriegsführung untersucht werden. Entgegen klassischerer Medientheorien der Simulation und Virtualität wird Animation als kulturelles Paradigma und in Verbindung mit einem generellen Animismus, sprich der Bewegtheit von Materie, in seiner ethisch-ästhetischen Relevanz befragt.
Christoph Brunner
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