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20.02.2017 | Agile Methoden | Kommentar | Onlineartikel

Der Staat kann kein Start-up

Autor:
Sven Eisenkrämer

Mit "Robaso" ist ein Software-Großprojekt der Arbeitsagentur gescheitert. Das hat einen Vertrauensbruch mit Gefahren für die Zukunft im digitalen Deutschland zur Folge. Ein Kommentar von Sven Eisenkrämer.

Die Bundesagentur für Arbeit hat ihr Software-Großprojekt "Robaso" eingestellt. Nach fünf Jahren Entwicklung, der Investition von 60 Millionen Euro und einer mehr als einjährigen Pilotphase, in der die Benutzeroberfläche getestet werden sollte. Das Scheitern von "Robaso" ist ein Paradebeispiel für dilettantisches Projektmanagement und Steuerverschwendung. Zudem erschüttert es das Vertrauen in die IT-Fähigkeit der Bundesrepublik Deutschland. Das wiederum hat sicherheits- und zukunftsrelevante Auswirkungen.

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"Robaso" (Rollenbasierte Oberflächen) sollte den 14.000 Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit ermöglichen, künftig in nur einem Computerprogramm alle Arbeiten von 14 Fachverfahren zu erledigen und nicht mehr zwischen verschiedenen Programmen hin- und herspringen zu müssen. Es sollte den Vorgängen in der Bundesagentur zu einer erheblich größeren Effizienz verhelfen. Es sollte damit perspektivisch wohl auch Ressourcen sparen. Über die Ziele des Projekts berichtete 2012 das Springer-Magazin Innovative Verwaltung (5/2012). In einem gleichzeitig erschienenen Interview in der "IV" sagte der damalige CIO der Arbeitsagentur und heutige Staatssekretär im Innenministerium, Klaus Vitt, zur Wandlung der IT in der Behörde: "Das ist ein strategisch sehr wichtiges Projekt für die BA-Informationstechnik. Wir schaffen eine moderne und zukunftsfähige Plattform für den größten Arbeitsmarktdienstleister Deutschlands und kommen unserer Vision, leistungsfähigster und wirtschaftlichster IT-Dienstleister im öffentlichen Bereich zu sein, wieder ein großes Stück näher." Jetzt ist "Robaso" gescheitert und man könnte aus heutiger Sicht schon allein die Erfordernis, "Robaso" zu entwickeln, als Beweis dafür sehen, wie unkoordiniert die Arbeitsagentur im digitalen Sektor bislang arbeitete und jetzt auch weiter arbeiten wird.

500 Entwickler programmierten an Robaso

Von 2010 bis 2015 wurde die Software entwickelt – laut Medienberichten, die sich auf Aussagen von Arbeitsagentur-Sprechern berufen – haben zwischenzeitlich 500 (!) Entwickler an Robaso herumprogrammiert, um die verschiedenen bisherigen Plattformen in die All-in-one-Lösung zu implementieren. 60 Millionen Euro an Steuergeldern, verteilt über etwa fünf Jahre, wurden investiert. 42 Millionen Euro sollen dabei für verschiedene externe Dienstleister außerhalb des 2.500 Mann starken IT-Systemhauses der Arbeitsagentur ausgegeben worden sein. Allein diese Zahlen zeigen, wie unfähig die Arbeitsagentur im Projektmanagement ist. Würde man hierzulande einfach mit 42 Millionen Euro winken, fände sich innerhalb kürzester Zeit ein fähiger IT-Dienstleister, der die gesamte Projektplanung und -entwicklung übernehmen würde und innerhalb weniger Monate mit agilen Methoden umsetzen würde. Ohne Zweifel stünde nach spätestens einem Jahr eine funktionierende "rollenbasierte Oberfläche" zur Verfügung. Denn die deutsche IT-Landschaft hat das Know-how. "Robaso" aber hat nicht funktioniert, die Software war in der Praxis "zu wenig flexibel, um der Komplexität der Kundenanliegen gerecht zu werden", wie die Arbeitsagentur mitteilte. 60 Millionen und fünf Jahre für die Katz‘.

Kann man Deutschland bei der Digitalisierungsfrage noch vertrauen?

Neben der Frage nach den Konsequenzen aus "Robaso“, die vielleicht gar unbeantwortet bleiben wird, stellen sich noch ganz andere: Wie soll man einem Staat, der es nicht schafft, in fünf Jahren eine Software zu entwickeln, bei den großen Zukunftsfragen der Digitalisierung vertrauen können? Kann ein Staat, der 60 Millionen Euro für ein IT-Projekt verbrennt und es dann einstampft, die um ein Vielfaches komplexeren Herausforderungen der Digitalisierung meistern? Kann der Staat überhaupt die nötigen Voraussetzungen für eine digitale Zukunft der Gesellschaft und der Wirtschaft schaffen, wenn er selbst intern keine Modernisierung in einem Amt umzusetzen schafft? Wie soll beim schon typisch deutschen, dilettantischen Projektmanagement – siehe auch "BER", "Stuttgart 21", "Elbphilharmonie", bei denen jetzt schon Milliarden an Steuergeldern verbrannt wurden – denn beispielsweise die Sicherheit in einer vernetzten Welt sichergestellt werden? Will man hier auch mal ein paar Jahre herumplanen, um dann zu sagen: "Es hat halt nicht funktioniert"?

Gerade im unfassbar schnellen Wandel der digitalen Welt ist dieses ständige Herumdoktern und Verschlimmbessern nicht akzeptabel. Agile Methoden passen nicht in die langsamen Mühlen der Politik. Aber agiles Handeln wird bei digitalen Projekten benötigt, auch in Verwaltungen. Einige Elemente des agilen Projektmanagements sind vielleicht auch im öffentlichen Sektor einsetzbar. Doch insgesamt kann der Staat nun mal kein Start-up. Deswegen muss er sich helfen lassen. Er sollte stärker auf die Fähigkeiten der deutschen Wirtschaft vertrauen. Denn da sitzen die Experten. Nicht in irgendwelchen Gremien.

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