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Über dieses Buch

Der inter- und transdisziplinäre Band steuert einen innovativen Zugang zu den Begriffen Akzeptanz und politische Partizipation bei, der den Fokus auf die gesellschaftlichen Bestimmungsfaktoren und Systemgrenzen der Energietransformation legt. Die Beiträge erörtern Definitionen, Konzepte, Akteure und Ausprägungen und stellen die soziale Seite von Energiesystemen in den Mittelpunkt ihrer Analysen. Der Zusammenhang zwischen der sozialen sowie der technischen und ressourcenbasierten Seite des Energiesystems wird dabei nicht als einseitig, sondern als wechselseitig erachtet.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung: Akzeptanz und politische Partizipation – Herausforderungen und Chancen für die Energiewende

Zusammenfassung
Die sozialwissenschaftliche Energieforschung erörtert unter dem Begriff der Akzeptanz die „soziale Seite“ von Energiesystemen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Stand der Forschung und erörtert, welchen Beitrag der vorliegende Band dazu leistet. Dessen Ziel ist, die soziale Seite von Energiesystemen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven zu diskutieren. Die soziale Seite gilt als wesentlich für das Gelingen der Energiewende. In diesem Zusammenhang wird auf zwei wesentliche Aspekte verwiesen. Zum einen, dass die Energiewende nicht nur eine politische Herausforderung darstellt, sondern eine Beteiligung der Wirtschaft sowie der Bürgerinnen und Bürger erfordert. Diese Beteiligung wird mittels des Begriffs Akzeptanz adressiert. Zum anderen, dass gesellschaftlichen Akteuren dementsprechend auch Möglichkeiten zur Beteiligung angeboten werden müssen. Letzterer Aspekt wird unter dem Begriff Partizipation diskutiert. Durch die Fokussierung auf die soziale Seite von Energiesystemen leistet der Sammelband einen Beitrag zu diesen Debatten, indem die Beiträge insgesamt die Vielfalt der gesamt-gesellschaftlichen Bezüge zum Energiesystem aufzeigen und die daraus entstehenden Herausforderungen hinsichtlich Akzeptanz und Partizipation diskutieren und Lösungswege darlegen.
Cornelia Fraune, Michèle Knodt, Sebastian Gölz, Katharina Langer

Akzeptanz im Spannungsfeld kollektiv-verbindlicher Energiewendemaßnahmen und individueller Handlungs- und Entscheidungsfreiheit

Frontmatter

Das Akzeptanzproblem als Folge nicht adäquater Systemgrenzen in der technischen Entwicklung und Planung

Zusammenfassung
Die vielen positiven Erzählungen über den technischen Fortschritt lassen das Akzeptanzproblem als erklärungsbedürftig erscheinen. Warum sperren sich manche oder gelegentlich auch viele gegen das angepriesene Gute oder Bessere? Die übliche Erklärung, dass es auch im technischen Fortschritt Gewinner und Verlierer gibt und dass Gewinne und Verluste ungleich verteilt sind, trifft auf Infrastrukturen der Energieversorgung in einer besonderen Weise zu. Hier lässt sie sich zurückverfolgen bis in die Verfahren der technischen Entwicklung und Systemplanung. Dort wurde vielfach die soziale Dimension der Verteilung von Nutzen und Lasten zugunsten einer techno-ökonomischen Optimierung ausgeblendet und in die System-Umwelt der jeweils betrachteten Systeme verbannt. Design und Planung optimieren das technische System für sich und delegieren soziale Fragen an Akteure außerhalb dieses Optimierungsgeschehens. So gesehen liegt die Ursache für Akzeptanzprobleme von neuen Energieinfrastrukturen zumindest auch in einer nicht adäquaten Festlegung von Systemgrenzen der Forschung, Entwicklung und Planung. Dies zu ändern bedarf freilich eines Paradigmenwechsels in den beteiligten Disziplinen.
Armin Grunwald

Zur ethischen Relevanz von Akzeptanz und Akzeptabilität für eine nachhaltige Energiewende

Zusammenfassung
In diesem Beitrag soll das Bewertungskriterium der Akzeptabilität begrifflich geschärft werden, indem es einerseits gegen andere Bedeutungen von Akzeptabilität (technische oder ökonomische z. B.), andererseits gegen verschiedene Bedeutungen von Akzeptanz abgegrenzt wird. Nach einer Einleitung (1) und grundsätzlichen Begriffsschärfungen (2) wird diese Begriffsklärung durch eine Rekonstruktion der bisherigen deutschsprachigen Debatte um den Gegensatz von Akzeptanz und Akzeptabilität vorgenommen (3). Im Anschluss werden dann jüngere Beiträge zu der Debatte referiert, die eine Neubestimmung des Bewertungskriteriums der Akzeptabilität ermöglichen (4). Schließlich soll auch dieser Begriff noch erweitert werden, da er in seiner bisherigen semantischen Bestimmung einer Engführung unterliegt. Für den erweiterten Begriff wird dann der Ausdruck ‚Ethische Akzeptabilität‘ vorgeschlagen (5). In einem letzten Schritt soll noch die ethische Relevanz von Akzeptanz beleuchtet werden (6).
Thomas Meyer

Die normativen Grundlagen starker und schwacher Akzeptabilitätskonzepte

Zusammenfassung
Hindernisse sozio-technischer Transformationsprozesse sollen meist durch prospektive Untersuchungen zur Sozialverträglichkeit geplanter Maßnahmen (Akzeptanzforschung) sowie das Einbeziehen der Betroffenen (Partizipation) überwunden werden. Diesem empirisch-sozialwissenschaftlichem Vorgehen werden seitens der Philosophie zu Recht Unzulänglichkeiten vorgeworfen und das normative Konzept der ‚Akzeptabilität‘ entgegengehalten. Damit ist in seiner starken Lesart ein Begriff gemeint, der die Akzeptanz von risikobehafteten Optionen mittels rationaler Kriterien des Handelns festlegt. Unter Praxisbedingungen kann ein solches Akzeptabilitätsverständnis jedoch nicht vollends überzeugen. Bleibt der philosophische Anspruch, das Gestalten der erforderlichen Transformationsprozesse nicht der Willkür potenziell irrationaler und manipulierbarer Akzeptanzlagen überlassen zu wollen, damit uneinlösbar? Nicht unbedingt! Unter anderem Christoph Hubig und Klaus Kornwachs argumentieren für ein schwächeres Verständnis von Akzeptabilität im Sinne einer bloßen „Akzeptanzfähigkeit“. Damit lassen sich schwerwiegende Probleme starker Akzeptabilitätskonzepte vermeiden und Rahmenbedingungen für die Systemgestaltung in Form von Akzeptabilitätskriterien rechtfertigen.
Armin Bangert

Akzeptanz und Konflikte als Zustände regionaler sozialer Prozesse. Anwendung eines transdisziplinären Analyserahmens

Zusammenfassung
Regionale Kontextbedingungen bei Energiewendeprojekten sind bisher kaum untersucht. Vor allem die jeweils spezifische Wahrnehmung einzelner Akteure der Energiewende, ihre Verknüpfung mit den Lebenswirklichkeiten vor Ort und daraus entstehende Treiber, Hemmnisse und Konfliktlinien wurden bisher unzureichend analysiert. Ziel dieses Beitrages ist eine umfassende Betrachtung regionaler Akzeptanz an einem konkreten Vorhaben der Energiewende. Dafür wurde das Projektbeispiel ELLI gewählt. Die Konzeption eines Analyserahmens erweitert die bisherige umweltpsychologische Perspektive der Akzeptanzforschung und schafft ein technologie- und maßnahmenübergreifendes sozialpsychologisches Akzeptanzverständnis. Dadurch können vielfältige Wechselwirkungen zwischen Menschen und der sie umgebenden Welt analysiert werden. Qualitative Leitfadeninterviews mit zentralen Akteur*innen der Region decken die spezifische Akzeptanzkonstellation auf. Die Ergebnisse zeigen, dass der transdisziplinäre Analyserahmen entscheidende Informationen dazu liefern kann, wie Akzeptanz in Energiewendeprojekten gesteigert werden und beteiligte Akteursgruppen besser erreicht werden können. Die zentralen Topoi der sozialen Repräsentationen ermöglichen es, grundlegende Einstellungs- und Wissensstrukturen, die sich entweder fördernd oder hemmend auf die Projektziele auswirken können, zu rekonstruieren. Abschließend werden Mehrwert, Restriktionen und verbleibende Herausforderungen des Analyserahmens diskutiert.
Sebastian Gölz, Katharina Langer, Annalena Becker, Sebastian Götte, Tim Marxen, Jessica Berneiser

Akzeptanzbedingungen politischer Maßnahmen für die Verkehrswende: Das Fallbeispiel Berliner Mobilitätsgesetz

Zusammenfassung
Die Verkehrswende ist ein sozio-technischer Transformationsprozess, der ohne die Akzeptanz der Bevölkerung nicht gelingen kann. Konzeptionell sind drei Stufen der Akzeptanz zu unterscheiden: (i) Toleranz, (ii) positive Einstellung und (iii) aktives Engagement (Renn 2013). Die beiden letzteren Stufen der Akzeptanz treten nur unter förderlichen Bedingungen auf. Dabei kommt es vor allem auf die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger über die Auswirkungen einer Maßnahme an. Es gilt sowohl (i) individuelle und (ii) kollektive Auswirkungen als auch (iii) die wahrgenommene Verteilungsgerechtigkeit der Auswirkungen zu berücksichtigen. Zur Illustration der verschiedenen Stufen und Bedingungen von Akzeptanz im Kontext verkehrspolitischer Maßnahmen der Verkehrswende behandeln wir als aktuelles Fallbeispiel die ENavi-Modellregion Berlin. Angestoßen durch bürgerschaftliches Engagement im „Volksentscheid Fahrrad“ wurde hier ein umfassendes „Mobilitätsgesetz“ (MobG) unter Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Organisationen erarbeitet, das im Juni 2018 verabschiedet wurde.
Sophia Becker, Ortwin Renn

Der Zusammenhang von Akzeptanz und Partizipation in kollektiv-verbindlichen Aushandlungsprozessen in der Energiewende

Frontmatter

Akzeptanzfaktoren in der Energiewende und ihre Übertragbarkeit in das Recht

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag untersucht Akzeptanzfaktoren im Bereich der Energiewende und geht der Frage hinsichtlich ihrer möglichen rechtlichen Umsetzung nach. Im Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes werden dabei nicht nur aktuelle Ergebnisse der Akzeptanzforschung aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften zusammengefasst, sondern darüber hinaus aufgezeigt, ob und wie sich Erfolgsfaktoren nach geltendem Recht realisieren lassen würden. Bisher spielt Akzeptanz in den Rechtswissenschaften nur eine untergeordnete Rolle, da sie von vielen Seiten als zu unbestimmt eingeschätzt wird. Mit dem vorliegenden Ansatz wird dieser These pragmatisch begegnet und dargestellt, dass viele der identifizierten Einflussgrößen auf die Akzeptanz der Energiewende, insbesondere im Bereich der Partizipation, im Recht bereits angelegt sind und durchaus eine gesetzliche Umsetzung erlauben.
Laura Geßner, Marc Zeccola

Politische Partizipation in der Mehrebenengovernance der Energiewende als institutionelles Beteiligungsparadox

Zusammenfassung
Die deutsche Energiewende scheint von einem Paradox gekennzeichnet zu sein: Obwohl deliberative Verfahren der Bürgerbeteiligung auf den unterschiedlichen Governance-Ebenen durchgeführt werden, kommt es bei der Umsetzung konkreter Infrastrukturprojekte häufig zu Protesten, die sich auch gegen die Verfahren der kollektiv-verbindlichen Entscheidungsfindung richten. Wir erklären dieses Paradox an den Beispielen Windenergieausbau und Übertragungsnetzausbau und erörtern, wie durch eine veränderte Ausgestaltung der deliberativen Verfahren der Bürgerbeteiligung deren legitimitätsstiftende Wirkung intensiviert werden kann. Das zentrale Argument lautet, dass die mangelnde Verfahrensakzeptanz nicht allein in der defizitären Umsetzung einzelner deliberativer Formate begründet liegt, sondern auch Ausdruck einer unzureichenden Vernetzung von Bürgerbeteiligungsverfahren in das von politischer Steuerung und Raumplanung geprägte Mehrebenensystem der deutschen Energiewende ist.
Cornelia Fraune, Michèle Knodt

Partizipationsformate für Stromnetzausbauprojekte im ruralen Raum

Zusammenfassung
An einem aktuellen Fallbeispiel (Hochleistungsgleichstromübertragungs-Erdkabelvorhaben) werden Anforderungen an Partizipationsmaßnahmen und deren Beteiligungsgerechtigkeit für soziale Gruppen (direkt betroffene Landwirte sowie direkt und indirekt betroffene Anwohner) im ländlichen Raum diskutiert. Es kann hoher Bedarf auf den Intensitätsstufen Information und Konsultation konstatiert werden, geringerer Bedarf auf Kooperationsebene. Auf allen drei Stufen sollte Beteiligung frühzeitig angeboten werden (Reihenfolge: Information, Konsultation, Kooperation). Das vielfältige Angebot an Partizipationsformaten wird abhängig der Befragungsgruppe unterschiedlich bewertet. Den indirekt Betroffenen reicht es, die direkt betroffenen Gruppen sind damit unzufrieden. Die Konzeption von Beteiligungsformaten muss differenzierter vorgenommen und den Bedürfnissen Betroffener (nach Art und Grad) angepasst werden.
Nils Hellmuth, Eva-Maria Jakobs

Akzeptanz: Soziale Systeme, Prozesse und Akteure

Frontmatter

Soziale Akzeptanz als erweitertes Verständnis des Akzeptanzbegriffs − eine Bestimmung der Akteure für den Prozess der Energiewende

Zusammenfassung
Aufbauend auf den bis heute prägenden Arbeiten zur Unterscheidung von drei Akzeptanzdimensionen von Wüstenhagen und Kollegen (2007) und dem erweiterten interdisziplinären Akzeptanzverständnis von Upham et al. (2015) wird in diesem Kapitel der Begriff der sozialen Akzeptanz für den Bereich der Energietechnologien weiterentwickelt; adressiert wird hierbei insbesondere die aktuelle Forschungslücke zur Bestimmung relevanter Akteure bezüglich der Akzeptanz neuer (Energie-)technologien. Das Augenmerk liegt auf der Identifikation der Akteure, auch jenseits der üblicherweise im Mittelpunkt stehenden Bürgerinnen und Bürger. Zur Akteursbestimmung greift der Beitrag auf Ansätze aus der Innovationsforschung, insbesondere den Ansatz der „technologischen Innovationssysteme“ (TIS) zurück. Damit erarbeitet dieses Kapitel eine Querverbindung zwischen Akzeptanzforschung und den Ansätzen der Innovations- und Transitionsforschung. Die Potenziale einer solchen Verknüpfung wurden bisher für die Umsetzung der Energiewende in der Gesellschaft nur unzureichend berücksichtigt. Abschließend zeigt das Kapitel Ansätze für eine hieraus resultierende Forschungsagenda auf.
Elisabeth Dütschke, Paula Bögel, Su-Min Choi, Joachim Globisch, Uta Burghard

Die Gestaltung der Energiewende aus Sicht der Unternehmen – Passive, aktive oder gesamtgesellschaftliche Partizipation?

Zusammenfassung
Auf der Basis einer explorativen Studie, die im Kopernikusprojekt SynErgie durchgeführt wurde, werden im vorliegenden Artikel die Einstellungen zu Partizipationsprozessen aus Sicht der Unternehmen vorgestellt. Diese wurden in einer Zweitauswertung der Daten ermittelt. Im Mittelpunkt der Studie steht die Analyse der Flexibilisierungsstrategien der Unternehmen und ihr Einfluss auf innerbetriebliche Prozesse. Hierbei wurde die Leitfrage entwickelt, wie negative Konsequenzen einer fluktuierenden Energieversorgung auf der Ebene der Unternehmensführung sowie auf der Ebene der betrieblichen Organisationsabläufe vermieden werden können. Was diese Studie eindrücklich zeigt, ist, dass aus Sicht der Unternehmen die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Aushandlungsprozesses im Hinblick auf die Gestaltung der deutschen Energiewende von großer Bedeutung ist. Hierbei werden Partizipationsprozesse zwar als relevant eingeschätzt, allerdings eher nach außen als nach innen in die Betriebe hinein. Dieses Ergebnis wird abschließend kritisch diskutiert.
Bettina-Johanna Krings

Der Beitrag von Akteurskooperationen zur Akzeptanzentwicklung in der Energiewende

Zusammenfassung
Politik und Energiewirtschaft geraten zunehmend unter gesellschaftlichen Druck im Hinblick auf angemessene soziale, technologische und politische Lösungen der Energiewende. Einerseits entwickeln sich Widerstände gegen die Umsetzung bestimmter infrastruktureller Planungen wie Netze oder Anlagenstandorte, andererseits werden Energiegenossenschaften und Institutionen der Sharing Economy als soziale Innovationen durch zivilgesellschaftliche Akteure initiiert. Man kann diese Entwicklung auch als zwei Ausprägungen auf einer Skala der Akzeptanz verstehen – charakterisiert durch Gegnerschaft (Nichtakzeptanz) auf der einen Seite bis zum eigenen Engagement (Akzeptanz) auf der anderen. Mit beiden Ausprägungen – und den verschiedenen Akzeptanzstufen dazwischen – wird in der Energiewende bislang wenig lösungsorientiert umgegangen. Insofern wird in diesem Kontext ein erweiterter Akzeptanzbegriff zu diskutieren sein, der über die Abwesenheit von Widerstand gegen Techniklösungen (Einstellungsakzeptanz) hinaus auf eine sozial aktive Handlungsbereitschaft der Vielen setzt und damit Handlungsakzeptanz motiviert. Empirische Erkenntnisse zeigen, dass es für diese aktive Handlungsbereitschaft und umsetzungsorientierte Handlungsakzeptanz auf angemessene Kooperationen und Netzwerke ankommt, deren Teilnehmer über eine Kombination organisatorischer und individueller Kompetenzen verfügen.
Bettina Brohmann

Privilegierte Marktzugangschancen für Bürgerenergie als Akzeptanzinstrument? Lehren aus dem Scheitern des deutschen Ausschreibungsdesigns für Windenergie

Zusammenfassung
Dieser Beitrag diskutiert das Scheitern des spezifischen Politikdesigns der wettbewerblichen Ausschreibungen für Windenergie an Land in Deutschland, dessen besondere Begründung im Erhalt der gesellschaftlichen Akzeptanz des weiteren Ausbaus der Windenergie lag. Die in diesem Beitrag analysierten Ergebnisse der ersten fünf Windkraftausschreibungen in 2017 und 2018 stellen ein Politikversagen in Bezug auf alle mit dem Systemwechsel im Förderregime für erneuerbare Energien verbundenen Ziele dar. Der Beitrag diskutiert die Ursachen und plädiert für eine systematische Entkopplung der politischen Intentionen, die der Gesetzgeber mit dem Erhalt der Akteursvielfalt verbunden hat. Hier wird das Argument vertreten, dass es notwendig ist, klar zu unterscheiden zwischen den Risiken „kleiner“ ökonomischer Akteure, an wettbewerblichen Ausschreibungen teilzunehmen, und dem gesellschaftlichen Mehrwert, der den energiewirtschaftlichen Aktivitäten bürgerschaftlicher Akteure zugeschrieben wird. Ausgehend von dieser Überlegung werden Ansätze diskutiert, um die verschiedenen politischen Motivationen, die die Privilegierung von Bürgerenergieakteuren determinieren, in ein zieladäquateres Politikdesign zu übersetzen.
Kerstin Tews

Akzeptanz und gesellschaftliche Vielfalt: Wissensproduktion und -vermittlung

Frontmatter

Technikakzeptanz und -kommunikation – ein vielschichtiges Konstrukt

Zusammenfassung
Der Beitrag diskutiert das Zusammenspiel von Akzeptanz und Kommunikation (in) der Energiewende. Die Begriffe sind an sich unscharf. Fasst man sie enger – hier: Akzeptanz als Bewerten und Kommunikation als Verständigungsversuch – ergeben sich vielfältige Bezüge. Die Akzeptanzforschung liefert wertvolle Hinweise für die Kommunikation technologischer Innovationen und Maßnahmen, z. B. wie und warum sich Akzeptanzurteile je nach Akteur, Gegenstand und Kontext unterscheiden. Beschränkungen betreffen die genutzten Methoden sowie das Ausblenden von Teilen der Bevölkerung (z. B. Gruppen mit geringer Literalität, Menschen mit Behinderung). Das Wie und Was des Sprechens über Teile der Energiewende beeinflusst die Wahrnehmung von Technologien und ihrer Nutzung. Kommunikationsangebote, etwa professioneller Akteure, erfordern eine detaillierte Kenntnis der Zielgruppe, ihrer Bedarfe und kommunikativen Praktiken. Relevant ist, welche Teile und Folgen der Energiewende für wen thematisiert werden (z. B. Gewinner oder Verlierer der Energiewende), wie sich kommunikative Aufgaben im Verlauf von Projekten „verschieben“ und welche Strategien sich eignen, um der Heterogenität involvierter Akteure gerecht zu werden (z. B. übergeordnete Kommunikationsstrategien, die als Frame „Polyphonie“ orchestrieren).
Eva-Maria Jakobs

Invisible Kids: Eine Akzeptanzuntersuchung zu Power-to-X-Technologien bei Jugendlichen

Zusammenfassung
Die Umsetzung der Energiewende verfolgt das langfristige Ziel, fossile Energieträger durch erneuerbare Energien im Energiesystem zu substituieren. Durch die Elektrifizierung mit erneuerbarem Strom sollen auch weitere Sektoren wie der Verkehr und die Industrie dekarbonisert werden (Sektorkopplung). Die energieintensivste Art der Elektrifizierung sind dabei Power-to-X-Technologien, welche jedoch aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften insbesondere im Schwer- und Langstreckenverkehr sowie der chemischen Industrie eine wichtige Rolle spielen könnten. Ziel der Industrie ist es, die sich bislang noch in F&E-befindlichen Technologien zur Marktreife zu bringen und in den nächsten Jahrzehnten großtechnisch umzusetzen. Entsprechend werden die heutigen Kinder und Jugendlichen diejenigen sein, welche nachhaltig von den Entwicklungen der Energiewende und insbesondere den Anwendungen von Power-to-X-Technologien betroffen sind. Bislang berücksichtigen Politik und Wissenschaft die Wahrnehmung dieser Akteursgruppe jedoch geringfügig. Diesem Defizit soll entgegen gewirkt werden, indem der Diskurs mit Jugendlichen durch quantitative und qualitative Forschungsarbeiten aufgenommen wird. Im Zentrum steht dabei eine durch textliche und grafische Erklärungen begleitete Online-Befragung, welche die Akzeptanz gegenüber der Energiewende und den Anwendungsmöglichkeiten von Power-to-X-Technologien zwischen Jugendlichen und Erwachsenen vergleicht. Beide Altersgruppen befürworten den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Zudem stehen sowohl Erwachsene als auch Jugendliche den Power-to-X-Technologien grundsätzlich positiv gegenüber und gehen davon aus, dass diese in Zukunft eine wesentliche Rolle in ihrem Alltag spielen werden. In Bezug auf den Energie- und Verkehrssektor bestehen große Wissensdefizite bei beiden Altersgruppen, jedoch äußern sie den Bedarf und das Interesse an Information und Partizipation in der Energiewende.
Julia Epp, Erika Bellmann

Akzeptanz und Narrative – Kommunikationswissenschaftliche Perspektive Reflexion der Erfahrungen in Reallaboransätzen in Mecklenburg-Vorpommern

Zusammenfassung
Die Akzeptanz von Veränderungsprozessen durch die Große Transformation ist wesentlich an die unterschiedlichen, gesellschaftlichen Narrative und ihr Kräfteverhältnis zueinander gebunden. Wird die Energiewende, als ein Pfad der Großen Transformation, als kultureller Wandel verstanden, dann setzen entsprechend notwendige Lernprozesse bei der Veränderung der Narrative der klassischen Moderne an; Basis für die Akzeptanz und Beteiligung an Maßnahmen der Energiewende. In Reallaboren und ähnlichen Projekten zur Umsetzung von Maßnahmen zur Energiewende treffen die transformativen Interventionen in technisch-ökonomischen, also reduzierten Erscheinungsformen auf die kulturellen Handlungsroutinen von Interessengruppen und Bevölkerung. Fehlen nun die orientierenden, schlüssigen neuen Narrative sowie die Gestaltungsräume zur Teilhabe wächst die Gefahr sinkender Akzeptanz bis hin zur Systemfrage. Der Artikel diskutiert die Optionen von Narrationen für die Kommunikation von gelingenden Transformationen einerseits und den Ansatz der Erhebung von Narrativen im Kontext der Akzeptanzforschung andererseits.
Joachim Borner

Empowerment im Beteiligungsprozess der Energiewende

Zusammenfassung
Der Beitrag „Empowerment im Beteiligungsprozess der Energiewende“ geht der Frage nach, welche digitalen Werkzeuge genutzt werden können, um beteiligte Akteure in Energie- und Klimaschutzplanungsprozessen zu bestärken. Bestärkung (= Empowerment) wird als ein tiefergehendes Verständnis systemischer Zusammenhänge des Energiesystems und damit einhergehend als eine erhöhte Sprechfähigkeit verstanden. Der Beitrag beschreibt Vorarbeiten zu einer Studie, welche den Entwicklungsprozess von zwei Stakeholder-Empowerment-Tools begleitet. In der Vorstudie wurde ein Überblick über bestehende Tools erarbeitet und eine qualitative Analyse von vier Tools durchgeführt, die in Beteiligungsprozessen entwickelt bzw. verwendet wurden. Für die Analyse wurden Beteiligte dieser Prozesse interviewt und es wurde u. a. eine Bewertung des durch das Tool ermöglichten „Empowerments“ durchgeführt. So konnten Herausforderungen für die Erstellung, Anforderungen an die Werkzeuge und weitere Möglichkeiten für Einsatz und Ausrichtung ermittelt werden.
Judith Fiukowski, Berit Müller, Elisa Förster

Akzeptanz durch Einbindung? Partizipationstools für komplexe Projekte: Ein Erfahrungsbericht über den Einsatz partizipativer Ansätze bei technologiebezogenen und abstrakten Themen

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag präsentiert einen transdisziplinären Ansatz zur Gestaltung einer nachhaltigen Stromversorgung unter Berücksichtigung sog. „Energieflexibler Fabriken“ (EF) und regionaler Akteur_innen. Dabei wird gesondert auf die konkret verwendeten Methoden und ihre Eignung eingegangen. Ziel ist es, eine praktikable Handhabe für die Verwendung partizipativer Methoden in ähnlichen Kontexten zu geben. Die Energiewende ist eine Chance und eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Mit zunehmendem Einsatz erneuerbarer Energien nimmt die Volatilität der Energieversorgung mit Auswirkungen auf die Netz- und Strompreisstabilität zu. Neben strukturellen Maßnahmen, wie Netzerweiterung und dem Ausbau von Speichertechnologien, stellt die Veränderung des Stromverbrauchs (Flexibilität der Energienachfrage) einen weiteren vielversprechenden Ansatz dar. Zum jetzigen Zeitpunkt wird Energie als eine dauerhaft verfügbare Ressource betrachtet. In Zukunft wird elektrische Energie zu einer Ressource, deren Einsatz geplant und gesteuert werden muss. Energieflexible Fabriken werden vermehrt Teil unserer Gesellschaft sein. Die ökologischen und sozialen Auswirkungen dieser Entwicklung müssen gemeinsam gestaltet und verhandelt werden, um Akzeptanz zu ermöglichen.
Steffi Ober, Eric Unterberger, Eva Köppen, Katharina Ebinger

Die Akzeptanz von Zukunftstechnologien als gesellschaftliche Herausforderung

Frontmatter

Welche Rolle kann Wasserstoff in der Energie- und Verkehrswende spielen?

Positionen und Einschätzungen von Verbänden zur Akzeptanz von Wasserstoff
Zusammenfassung
Um dem Ziel einer postfossilen Gesellschaft näher zu kommen, müssen Industrie, Zivilgesellschaft, Forschung und Politik kooperieren und an neuen Lösungen arbeiten. Ein zunehmender Anteil erneuerbarer Energien erfordert neue Flexibilitätsoptionen. P2X-Technologien und speziell Wasserstoff könnte eine solche Flexibilitätsoption sein. Neben der technischen Machbarkeit stellt sich die Frage nach einer gesellschaftlich akzeptierten Umsetzung. Verbände können dabei eine relevante Rolle in Bezug auf die Wahrnehmung sowie den öffentlichen Diskurs zum Thema Wasserstoff einnehmen. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen auf, dass die Umweltverbände noch zu keiner abschließenden Beurteilung hinsichtlich des Einsatzes von Wasserstoff gekommen sind. Potenzielle Anwendungen werden vor allem als flexibler Speicher für erneuerbare Energien und in der Nutzung als Kraftstoff für Güter- und Schwerlastverkehr sowie Schiff- und Luftfahrt gesehen. Es werden kaum Bedenken bezüglich der Akzeptanz in der Gesellschaft gesehen, aber der eingesetzte Wasserstoff muss langfristig aus erneuerbaren Energien hergestellt werden.
Anke Schmidt, Weert Canzler, Julia Epp

Anforderungen an die gesellschaftliche Einbettung von Power-to-X Pfaden – Entwicklung einer Akzeptanzmatrix als Bewertungsmethodik

Zusammenfassung
Power-to-X – die Umwandlung von Strom in einen flüssigen, gasförmigen Energieträger oder chemischen Grundstoff – bietet eine mögliche Option für eine mittel- und langfristige Speicherung von Strom. Diese Flexibilisierungsoption wird für das Energiesystem bei einem zunehmenden Ausbau der fluktuierenden Leitenergieträger Wind und Sonne essenziell. Wie die Erfahrungen mit anderen Energieinfrastrukturen wie z. B. erneuerbaren Energieträgern zeigen, stellt eine breite gesellschaftliche Akzeptanz dabei einen wesentlichen Erfolgsfaktor für die großflächige Diffusion neuer Technologieansätze dar. Für die Bewertung der Akzeptanz stellen die zum Teil noch relativ niedrigen Technologieentwicklungsstadien eine wesentliche Herausforderung dar; noch existieren wenig konkrete Erfahrungswerte in größeren Anwendungsmaßstäben. Daher ist es umso wichtiger, Kriterien für die gesellschaftliche Akzeptanz frühzeitig in den Entwicklungsprozess einfließen zu lassen und gleichzeitig Möglichkeiten zur partizipativen Gestaltung wahrzunehmen. Der Beitrag wirft hierfür zentrale konzeptuelle Fragen auf und beschreibt einen möglichen Ansatz für eine akzeptanzbezogene Bewertungsmethodik sowohl theoretisch als auch an einem Anwendungsbeispiel (Hochtemperatur-Ko-Elektrolyse).
Jan Hildebrand, Caroline Gebauer, Ansgar Taubitz

Fazit: Akzeptanz und politische Partizipation in der Energietransformation: Gesellschaftliche Herausforderungen und Chancen aus inter- und transdisziplinärer Perspektive

Zusammenfassung
Um Proteste gegen den Ausbau erneuerbarer Energien zu verstehen, ist es notwendig, Technologien auch von einer sozialwissenschaftlichen Seite zu betrachten. Dafür muss man sich mit der Frage auseinandersetzen, wie das transformierte Energiesystem ausgestaltet werden soll. Um gesellschaftliche Lösungen zu finden, ist daher eine Integration der gesellschaftlichen Akteure und ihrer Präferenzen in die Systemmodellierung zielführend. Die Analyse und Interpretation erstreckt sich dabei auf philosophisch-ethische, psychologische, nachhaltigkeitswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftliche, rechtswissenschaftliche und kommunikations- und sprachwissenschaftliche sowie zum Teil auch inter- und transdisziplinäre Perspektiven. Von Relevanz ist bei allen unterschiedlichen Perspektiven besonders der Transfer der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis. Insbesondere der Ansatz der transdisziplinären Forschung eignet sich dabei um Wissen bei unterschiedlichen Akteuren zu generieren und Praxisakteure konkret zu unterstützen.
Sebastian Gölz, Katharina Langer, Cornelia Fraune, Michèle Knodt
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