Alltagsklänge – Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens
- 2015
- Buch
- Verfasst von
- Jochen Bonz
- Verlag
- Springer Fachmedien Wiesbaden
Über dieses Buch
Von der Frage geleitet, wie die Gegenwartskulturforschung aus der Berücksichtigung klanglicher Phänomene Erkenntnisgewinne ziehen kann, verknüpft die Studie Überlegungen aus Popkultur- und Soundscape-Forschung, Empirischer Kulturwissenschaft, Musikethnologie, Kulturtheorie und Medienwissenschaft zu einem kulturanthropologischen Forschungsansatz. Sie nähert sich ihren Phänomenen interpretativ und erprobt ein begriffliches Instrumentarium, das die subjektivierenden Effekte klanglicher Medialität benennbar macht. Auf diese Weise entwirft die Studie eine Vorstellung vom Forschungsstand kulturwissenschaftlich orientierter Sound Studies und ihren Möglichkeiten.
Inhaltsverzeichnis
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Frontmatter
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1. Einleitung: Alltagsklänge
Jochen BonzZusammenfassungAlltagsklänge als Untersuchungsgegenstände ernst zu nehmen, ist neu. Ebenso neu ist es, ihnen einen Platz in der Konzeptualisierung des Kulturellen zuzugestehen. Als Phänomene sensueller Wahrnehmung sind sie zu einem Gegenstand des Anspruchs geworden, der „sensory and sensual totality of experience“in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung gerecht zu werden. „Die Selbstverständlichkeit sinnlicher Wahrnehmung und Interpretation ist über lange Zeit […] übersehen worden“, beklagt Regina Bendix, und erwähnt mit dem Sehen auch einen Grund für diesen Umstand: Ist die Entdeckung des Hörens durch die Kulturforschung doch mit der Hoffnung und dem Wunsch verknüpft, die erkenntnistheoretischen und -praktischen Implikationen eines Zentrismus des Auges und des Sehens zu überwinden, von dem wir heute annehmen, er habe zumindest die europäische Kultur über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, bestimmt. -
2. Hörgewohnheiten. Zur kulturellen Konventionalität der Klänge
Jochen BonzZusammenfassungEin erster Anlauf. „Nehmen wir an, ich sei aus Eifersucht, aus Neugier, aus Verdorbenheit so weit gekommen, mein Ohr an eine Tür zu legen, durch ein Schlüsselloch zu gucken. […] Ich bin reines Bewusstsein von den Dingen […]. Meine Haltung [ist] eine bloße Art, mich in der Welt zu verlieren, mich durch die Dinge aufsaugen zu lassen wie Tinte durch ein Löschblatt“. Mit Formulierungen wie diesen beschreibt Jean-Paul Sartre in seiner philosophischen Grundlegung des Existenzialismus’, Das Sein und das Nichts, eine Situation, in der das Subjekt ganz in seinem Begehren konzentriert ist: In seinem Selbst, als Subjekt, geht es in dem auf, was es da hört und sieht („[D]iese Eifersucht bin ich, ich erkenne sie nicht.“). Aber die Situation hält nicht; ein Geräusch besitzt die Macht, sie aufzulösen und das in ihr vorhandene Selbst anzugreifen und fundamental infrage zu stellen. „Jetzt habe ich Schritte im Flur gehört: man sieht mich.“ So wie einen Moment zuvor noch das, was zu sehen und zu hören war, dem Subjekt etwas bedeutete, so bedeutet auch der Klang der Schritte auf dem Flur, der möglicherweise vom Knarzen eines Holzfußbodens kommt (oder handelt es sich um ein Schlurfen oder um ein lautes Auftreten auf einem Steinboden?), etwas. Auch wenn das, was der Klang der Schritte bedeutet, von einer ganz anderen Art ist als die vorausgegangene Situation. An die Stelle der Konzentration des Selbst in einem eigenen Begehren tritt eine Situierung, die das Subjekt vom Anderen her erfährt und die dazu führt, dass es sich als ein ‚Objekt‘ in dessen Welt wahrnimmt; einer Welt, die vom Anderen her auf das Subjekt kommt und der etwas grundsätzlich Fremdes anhaftet. „Ich bin […] dieses Ich, das ein anderer erkennt. Und dieses Ich, das ich bin, bin ich in einer Welt, die der Andere mir entfremdet hat, denn der Blick des Anderen umfasst mein Sein und korrelativ die Wände, die Tür, das Schlüsselloch; alle diese Utensilien-Dinge, in deren Mitte ich bin, wenden dem andern eine Seite zu, die mir grundsätzlich entgeht. So bin ich mein Ego für den andern inmitten einer Welt, die zum andern hin abfließt.“ Es ist eine Welt, die der Andere mit sich bringt, die Welt, die der Andere für das Subjekt bedeutet und deren Einrichtung von Sartres Subjekt als „Verhärtung und Entfremdung meiner eigenen Möglichkeiten“ erlebt wird. Die Macht, ein in seinem Begehren konzentriertes Selbst zur Selbst-Entfremdung zu führen, diese Kraft, eine Welt aufzulösen, eine Welt einzurichten, das Subjekt zu situieren, nennt Sartre den ‚Blick des Anderen‘. Er hätte stattdessen auch ‚Klang des Anderen‘ sagen können. -
3. Dynamiken klanglicher Subjektivierung. Zur Veranderung des Selbst in Soundscapes der Gegenwart
Jochen BonzZusammenfassungStudien aus jüngerer Zeit, die sich als aktuelle Erscheinungsform der Soundscape-Forschung begreifen lassen, haben zu einem bejahenden Umgang mit dem von Schafer kritisierten ‚in-diskreten‘ Charakter zeitgenössischer Klanglichkeit gefunden. Sie interessieren sich für die einnehmende affektive Kraft der Klänge. Dies hat zur Folge, dass die hiermit einhergehenden Dynamiken klanglicher Subjektivierung den roten Faden der jüngeren Soundscape-Forschung bilden. Da er in der Regel implizit bleibt, besteht der Ansatz dieses Kapitels darin, den Faden aufzugreifen und herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck beschreibe ich im Folgenden zwei Formen, in welchen die Verwandlung des Selbst mittels Klängen in diesen Studien erscheint. Zum einen handelt es sich um die Über-Setzung des Selbst zwischen verschiedenen symbolischen Ordnungen, die von Klängen mit sich geführt werden; Ordnungen, die das Selbst ergreifen und neu subjektivieren, also ein anderes Subjekt erzeugen, indem sie es in ihren jeweiligen Geltungsbereich ziehen. Zum anderen handelt es sich um eine mit den Klängen für das Subjekt einhergehende Erfahrung des schieren Existierens, des Nicht-Identifiziertseins, von dem her sich in der Folge eine Welt aufzubauen beginnt. Diesen zweiten Modus der Subjektivierung im Klanglichen versuche ich mit der Bezeichnung ‚Ver-Bindung des Selbst‘ zu fassen. -
4. Die mimetische Erfahrung des Selbst als Ungekanntem. Überlegungen zum Autotune-Effekt als Phänomen der expressiven Kultur der Popmusik in den Nullerjahren
Jochen BonzZusammenfassungMit dem Dance-Popsong Believe ereignete sich 1998 nicht nur ein erstaunliches Comeback der Popsängerin Cher. Auch das Neue, dessen Erscheinen die Geschichte der ‚expressiven Kultur‘ der Popmusik bestimmt, hatte einen neuen Platz gefunden: Nach dem herausfordernden Schmelz in den Stimmen des frühen Rock’n’Roll (Elvis) und der Ekstase der Stimmen im Soul (Aretha Franklin, James Brown), nach dem Sound der E-Gitarre, Rückkopplungen und Verzerrungen, dem Sound brüllender junger Menschen (Rock, Punk, Metal) und des Sprechgesangs des Rap, der gleitenden (Disco) oder forcierten (Techno) Emergenz magischer Klangräume auf dem Dancefloor, nach der Isolierung des Breaks und dessen Ausdehnung zu einer Situation im Loop des HipHop etc. war es wieder einmal am Platz der Stimme aufgetreten. Deren ohnehin faszinierende ‚Körnung‘ im Grenzbereich von Leib und Sprache war nun digital potenziert in ein zugleich abruptes und subtiles Sich-Überschlagen in digitale Glätte. Die hörbare Digitalität des Klangs verriet, was sich als Wissen schnell verbreitete: Erzeugt wurde der eindringliche Stimmklang durch Software, und zwar durch extreme Einstellungen an einer eigentlich zur Tonhöhenkorrektur an der aufgenommenen Singstimme entwickelten Musikproduktionssoftware, die dem Phänomen ihren Namen gab: ‚Autotune‘ respektive ‚Autotune-Effekt‘. -
5. ‚Lift-up-over sounding‘. Steven Felds Beschreibung des Hervortretens von Subjekt und Gemeinschaft in der Kultur der Kaluli
Jochen BonzZusammenfassungDie in der vorliegenden Studie bislang vollzogene Argumentation ist durch mehrfache Ersetzungen gekennzeichnet, die eine gemeinsame Tendenz aufweisen. Nimmt die Studie doch ihren Anfang bei der semiologisch entschlüssel- und interpretierbaren Bedeutungsdimension der Klänge; aber schnell gerät diese Lesbarkeit des Sonischen gegenüber der schieren materialen Existenz klanglicher Phänomene, die eher spür- als begreifbar ist, ins Hintertreffen. Waren es zunächst die diskreten ‚Hifi‘-Klänge, die Murray Schafers Interesse an der Soundscape zu motivieren schienen, so endet seine sonische Kulturgeschichte mit der Konstatierung der immersiven und omnipräsentischen Qualität des ‚Lofi‘. Bei dieser Qualität handelt es sich für Schafer um ein Unding. Und während am Beginn der Studie – sowohl in der Semiotik als auch bei Schafer – ein Subjekt steht, das handlungsfähig und soweit unabhängig in seinem Tun ist, wie dies überhaupt menschenmöglich ist – und zwar gerade auf der Grundlage einer (allerdings unbewussten, verdrängten) Abhängigkeit des Subjekts von seinem Identifiziertsein in einer symbolischen Ordnung –, ist an die Stelle dieses selbstbewussten, identifizierten, ‚starken‘ Subjekts ein Subjekt des Subjektiviert-Werdens, des Verwickelt-Werdens, des Sich-Identifizierens getreten. -
6. Über Fußballbegeisterung. Beispiele für sonisch-ethnografische Kulturforschung
Jochen BonzZusammenfassungDer Versuch, Klangphänomene wahrzunehmen und über sie nachzudenken, hat in den vorausgegangenen Kapiteln zum einen zur Thematisierung bestimmter Eigenschaften des Klanglichen geführt (semantischer und materialer Aspekt des Klanglichen, die Verschränkung beider Aspekte, ihre Präsenz-gebenden, identifizierenden, subjektkonstitutiven Effekte). Außerdem hat sich das Klangliche auch als eine Wirklichkeitssphäre erwiesen, die es ermöglicht, Spezifika und Problemen des Kulturellen nachzuspüren, die nicht an der Oberfläche der kulturellen Wirklichkeit liegen; die im Wortsinne nicht sichtbar sind. Die Dimension des Klanglichen bietet sich damit einer Forschungshaltung als Phänomenbereich an, die die Sozialpsychologin Marie Jahoda wie folgt formuliert: „I do think that the problem in the human and social sciences is to make invisible things visible. This means that all the original purposes and intentions of people involved in a situation are from the beginning assumed to be not the whole story. It means that it is necessary to look at underlying mechanisms, forces, or whatever you want to call them, and not to take the ‚obvious‘, that which is visible to the naked eye, for granted.“ Nicht nur in der Form einer Wortspielerei, sondern tatsächlich eröffnet das Klangliche Zugang zum ‚Unsichtbaren‘. Gerade die intensive Auseinandersetzung mit dem Klanglichen hat so in den vorausgegangenen Kapiteln weit über klangliche Phänomene hinaus geführt. Das Interesse am Klanglichen hat sich deshalb als im Grunde methodischer Ansatz erwiesen: Es eröffnet einen Zugang zu ‚unsichtbaren‘ Aspekten der zeitgenössischen Kultur. -
7. Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens
Jochen BonzZusammenfassungVor dem Hintergrund, dass das Klangliche bislang kaum systematisch als Dimension des Kulturellen untersucht worden ist, stellt die vorliegende Studie den Versuch dar, hier einen Ansatz zu entwickeln. Zu diesem Zweck werden verschiedene Pfade beschritten, die entweder von Kolleg_innen mit Interesse an Klangphänomenen angelegt wurden oder die sich für mich in der Auseinandersetzung mit Klangereignissen abgezeichnet haben. Diese Pfade wurden von mir auf- und nachgezeichnet, so dass sie zukünftig wiedergefunden, erneut begangen, genauer erforscht werden oder auch Ausgangspunkte für ganz andere Wege bilden können. Als Kompass bei dieser Orientierungsarbeit diente mir ein vom Poststrukturalismus und besonders von der psychoanalytischen Theorie Jacques Lacans bestimmtes Verständnis vom Kulturellen, das dieses über Bedeutungszusammenhänge (symbolische Ordnungen) begreift und über verschiedene Beziehungsmodi, in welchen sich Subjektivität im Verhältnis zu solchen Bedeutungszusammenhängen konstituiert. Auch wenn das Ergebnis weit von einer systematischen Kulturwissenschaft der Klänge entfernt ist, zeigen diese Gehversuche meines Erachtens doch vielversprechende Möglichkeiten auf, die eine Kulturanthropologie des Hörens der Kulturforschung eröffnet. Ich verstehe diese Möglichkeiten als Einsätze, die eine Kulturanthropologie des Hörens der Kulturforschung offerieren kann – und die die Sound Studies in die Kulturforschung tätigen kann. -
Backmatter
- Titel
- Alltagsklänge – Einsätze einer Kulturanthropologie des Hörens
- Verfasst von
-
Jochen Bonz
- Copyright-Jahr
- 2015
- Electronic ISBN
- 978-3-658-00889-5
- Print ISBN
- 978-3-658-00888-8
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-658-00889-5
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