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04.08.2020 | Angewandte Geographie | Ausgabe 4/2020 Open Access

Standort 4/2020

Angewandte und Kritische Geographie. Gemeinsame Herausforderungen, gemeinsame Perspektiven?

Zeitschrift:
Standort > Ausgabe 4/2020
Autoren:
Janika Kuge, Matthias Naumann, Henning Nuissl, Sebastian Schipper

Einleitung

Innerhalb der Humangeographie erscheinen Angewandte und Kritische Geographie oft als zwei getrennte Welten, die vermeintlich kaum inhaltliche Berührungspunkte haben, geschweige denn ein geteiltes Anliegen verfolgen. Implizit steht dabei die Annahme im Raum, dass zwischen den beiden Forschungsperspektiven grundsätzliche Widersprüche bestehen, welche die Suche nach Gemeinsamkeiten erschweren, wenn nicht sogar von vornherein zum Scheitern verurteilen (Abschn. 2). Dementgegen wollen wir in diesem Beitrag auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrungen im Deutschen Verband für Angewandte Geographie (DVAG) sowie innerhalb verschiedener Zusammenhänge der Kritischen Geographie der Frage nachgehen, inwiefern ein Dialog zwischen den beiden personell und institutionell bislang relativ getrennten Welten der Angewandten und der Kritischen Geographie möglich ist bzw. wie beide zueinander finden können.
Sowohl die Angewandte als auch die Kritische Geographie verstehen Geographie als eine praktische Angelegenheit – als eine Wissenschaft, die über den akademischen Betrieb hinauswirken und gesellschaftlich relevante Probleme aufgreifen soll. Obschon wir ihre Differenzen nicht negieren wollen, bildet diese Gemeinsamkeit unserer Ansicht nach die Basis für einen produktiven Dialog, in dem – so unsere erste These – beide Seiten voneinander lernen können (Abschn. 3). Daher wollen wir einige konkrete Ansatzpunkte für einen solchen Dialog und, im Idealfall, auch für eine Zusammenarbeit von Angewandter und Kritischer Geographie zur Diskussion stellen (Abschn. 4). Eine solche Synthese der Anwendungsnähe und Praktiken der Angewandten Geographie mit der emanzipatorischen Perspektive und dem Blick für gesellschaftliche Machtverhältnisse der Kritischen Geographie könnte – so unsere zweite These – Brücken innerhalb des Faches bauen und der gesamten Geographie neue Impulse geben. Im letzten Schritt unserer Argumentation wollen wir dafür plädieren, eine Verbindung von anwendungsorientierter und kritischer Forschung in der Geographie konzeptionell zu denken und praktisch umzusetzen (Abschn. 5).

Angewandte und Kritische Geographie – Zwei getrennte Welten?

Als zentrales Anliegen der Angewandten Geographie gilt gemeinhin die Lösung praktischer Probleme mit Mitteln der geographischen Wissenschaft (z. B. von Rohr 1994). In diesem Sinne kann die Angewandte Geographie als „institutionelle und intellektuelle Infrastruktur innerhalb der Geographie“ verstanden werden, die eine „wechselseitige Interaktion zwischen raumbezogener Praxis und geographischer Forschung gewährleistet“ (Nuissl 2012, S. 6). Ähnlich wie die Kritische Geographie versteht sie sich nicht als geographische Teildisziplin, sondern eher als eine Perspektive, die in allen geographischen Themenfeldern eingenommen werden kann bzw. sollte. Ein zentraler Unterschied zur Kritischen Geographie besteht allerdings darin, dass „die Praxis“ in der Regel nicht näher daraufhin hinterfragt wird, von wem und aus welcher Position heraus sie definiert wird. Seitens Kritischer Geograph*innen sieht sich die Angewandte Geographie daher mit dem Vorwurf konfrontiert, mit der Wahl ihrer Problemstellungen die von sozialer Ungleichheit gekennzeichnete gesellschaftliche Realität zu reproduzieren, indem sie vorwiegend mit staatlichen Institutionen und ressourcenstarken Akteuren kooperiert. Diese wiederum würden erst definieren, was „relevante Praxen“ und „praktische Problemstellungen“ sind (Harvey 1984, S. 116 ff.; Nuissl 2012, S. 5). Aufgrund der Abhängigkeit von externen Geldgebern und der Fokussierung auf bestimmte Problemstellungen, etwa der Wirtschafts- und Tourismusförderung, des Stadtmarketings, der Immobilienmarktanalyse oder der Standortwahl bei Unternehmensansiedlungen, würden – so die Kritik – Forschungsvorhaben aus dem Kontext der Angewandten Geographie Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen unberücksichtigt lassen sowie die Perspektiven marginalisierter Gruppen ausblenden. Angewandte Geographie trage daher – ob gewollt oder nicht – zur Stabilisierung bestehender Macht‑, Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse bei.
Die vielfältigen Forschungsarbeiten, die unter dem Label der Kritischen Geographie durchgeführt werden, eint demgegenüber ihr zentraler Fokus auf die Analyse und Kritik der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie der darin eingeschriebenen Widersprüche und sozialen Konflikte (Belina et al. 2018; Harvey 1984). So wichtig eine derartige Wissensproduktion in der Tradition Kritischer Theorie einerseits ist, um die historische Gewordenheit und Veränderbarkeit von gesellschaftlichen Machtverhältnissen aufzuzeigen, bietet sie andererseits oft wenig praktische Anknüpfungspunkte für emanzipatorische Interventionen. Aufgrund ihrer häufig großen Distanz zu außerakademischen Akteuren produziert die Kritische Geographie – entgegen ihrem eigentlichen Anspruch – vielfach ein Wissen mit nur geringer Relevanz für soziale Bewegungen, NGOs, Gewerkschaften und andere zivilgesellschaftliche Initiativen jenseits des akademischen Betriebs (siehe Abb.  1). Durch ein hohes theoretisches Abstraktionsniveau, eine voraussetzungsvolle Sprache sowie eine selbstreferenzielle und primär akademisch ausgerichtete Publikationspraxis droht sie sich von politischen Debatten zu isolieren.
Während die Kritische Geographie also auf der einen Seite anspruchsvolle Gesellschaftstheorie mit gehaltvollen empirischen Studien verknüpft, gelingt es ihr – im Unterschied zu ihrer Vorläuferin, der „radical geography“ der 1970er- und 1980er-Jahre – nur bedingt, ein Wissen zu produzieren, das beispielsweise auch von sozialen Bewegungen als relevant erachtet und rezipiert wird. Noel Castree ( 2000) etwa hebt selbstkritisch hervor, dass „the spirit of engagement and activism“ (ebd., S. 956) im Zuge der Professionalisierung der Kritischen Geographie mittlerweile verloren gegangen sei und betont: „at the level of material engagement, today’s critical geography is arguably decoupled from the world it studies“ (ebd., S. 959). In der angelsächsischen Geographie ist vor dem Hintergrund dieser Diagnose seit längerem eine Debatte darüber entbrannt, wie die Kritische Geographie wieder näher an die Erkenntnisinteressen sozialer Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Akteure herangeführt werden könnte. Niedergeschlagen hat sich dieser kollektive Reflexionsprozess in konzeptionellen Ansätzen und Forschungsprojekten, die z. B. als Activist Geographies (Routledge 2009), Public Geographies (Ward 2006), Scholar Activism (Chatterton et al. 2010) oder Participatory Action Research (Cahill 2007) gerahmt werden (siehe Abb.  2). Auch in der deutschsprachigen Geographie argumentieren einige Publikationen der letzten Jahre, dass eine Debatte um die Verbindung kritischer und angewandter Perspektiven überfällig ist (Halder 2018; Schipper 2018); diese Debatte steht aber noch am Anfang.

Was haben Angewandte und Kritische Geographie einander anzubieten?

Es spricht einiges dafür, dass ein Dialog zwischen anwendungsorientierter und sich kritisch definierender Geographie außerordentlich fruchtbar sein kann. Um diesen Dialog zu beginnen, ist eine Bestandsaufnahme der Gemeinsamkeiten, aber auch der Unterschiede und potenziellen Kommunikationsbarrieren zwischen beiden Seiten geboten. In diesem Sinne ist zunächst die Praxisorientierung, einschließlich der Hoffnung auf gesellschaftliche Wirksamkeit der Geographie, hervorzuheben, aus der sich eine Reihe von Anliegen und Interessen ergeben, die Angewandte und Kritische Geographie in ähnlicher Form teilen (müssten):
  • Entwicklung praxisbezogener und transdisziplinärer Perspektiven des wissenschaftlichen Forschens und Arbeitens,
  • Überwindung der Grenzen zwischen geographischen Teildisziplinen und weiteren akademischen Feldern mit Blick auf gesellschaftliche Herausforderungen,
  • Stärkung von Praxisbezügen in der geographischen Hochschullehre,
  • Etablierung alternativer Anerkennungsstandards im Wissenschaftsbetrieb anstelle einer Orientierung an Publikationsindizes und Drittmittelaufkommen als maßgeblichen Qualitätsindikatoren des wissenschaftlichen „Outputs“.
Trotz dieser möglichen Berührungspunkte findet hierzulande zwischen der im DVAG organisierten Angewandten Geographie und den verschiedenen Gruppen Kritischer Geograph*innen bisher kaum ein Austausch statt. Das dürfte sowohl auf institutionelle als auch auf inhaltliche Unterschiede zurückzuführen sein:
  • Angewandte und Kritische Geographie sind sehr ungleich institutionalisiert: auf der einen Seite steht der DVAG als Verband mit rund 1500 Mitgliedern und etablierten Strukturen, einschließlich verschiedener Beratungs- und Serviceangebote; auf der anderen Seite bildet die Kritische Geographie ein loses, sich permanent wandelndes Netzwerk lokaler Gruppen, die meist von Studierenden gegründet wurden und nur in Ausnahmefällen über eine formalisierte Struktur (z. B. als eingetragener Verein) verfügen.
  • Die der Angewandten Geographie zuzurechnenden Projekte sind ganz überwiegend auf die Bundesrepublik ausgerichtet, während für die Kritische Geographie internationale Debatten, Veranstaltungen und Netzwerke wichtig sind.
  • Angewandte und Kritische Geographie verfügen tendenziell über ein sehr unterschiedliches Verständnis von Praxis: die berufliche Praxis ausgebildeter Geograph*innen beim DVAG, die politische Praxis mit ihren Strukturen ungleich verteilter Macht aus der Perspektive der Kritischen Geographie.
  • Die wohl wichtigste Differenz zwischen Angewandter und Kritischer Geographie dürfte in der jeweiligen politischen Positionierung liegen: Während sich der DVAG (ganz im Sinne wissenschaftlicher Werturteilsfreiheit) als überparteilich definiert, ist das konstitutive Merkmal der Kritischen Geographie, gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht „nur verschieden interpretier[en]“, sondern im Sinne der 11. Marxschen Feuerbachthese auch in emanzipatorischer Absicht „verändern“ (Marx 1845, S. 7) zu wollen.
Vor allem aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen normativen Ausrichtung erscheint es wenig überraschend, dass die Communities der Angewandten und der Kritischen Geographie bislang keinen engeren Austausch pflegen. Diese Kluft ist jedoch weder zwangsläufig noch unüberbrückbar: Einerseits kommt die Angewandte Geographie gar nicht umhin, sich im Zuge der Lösung alltäglicher berufsgeographischer Aufgaben und Problemstellungen auch in politischen Auseinandersetzungen zu positionieren. Andererseits muss sich auch die Kritische Geographie daran messen lassen, wie es ihr gelingt, Beiträge zur Lösung konkreter Herausforderungen zu leisten und in lokale Auseinandersetzungen zu intervenieren. Angewandte Geographie und Kritische Geographie können daher voneinander lernen. So kann die Angewandte von der Kritischen Geographie in mindestens dreierlei Hinsicht profitieren:
  • Erstens kann die Kritische Geographie konzeptionelle Ansätze aus internationalen Debatten in lokale und regionale Kontexte einbringen und damit die dort praktizierte Angewandte Geographie um weitergehende Perspektiven bereichern.
  • Zweitens kann ein Dialog mit der Kritischen Geographie der Angewandten Geographie helfen, die eigene Normativität zu reflektieren und bestimmte als unabänderlich vorausgesetzte oder auch gar nicht wahrgenommene Rahmensetzungen und Handlungsimperative zu hinterfragen. Die Kritische Geographie könnte so Orientierungshilfe leisten, wenn es in der geographischen Berufspraxis – beispielsweise mit Blick auf kommunale Reurbanisierungs‑, Aufwertungs- oder Tourismusstrategien, von denen in aller Regel nicht alle Stadtbewohner*innen gleichermaßen profitieren – gilt, (stadtentwicklungs‑)politische Entscheidungen zu treffen.
  • Und drittens dürfte ein Brückenschlag zwischen Angewandter und Kritischer Geographie auch das Interesse kritischer Studierender für die Belange der geographischen Berufspraxis wecken. Absolvent*innen könnten sich so in praktische Anwendungsfelder, konzeptionelle Debatten und methodische Zugänge der Kritischen Geographie einbringen.
Die Angewandte Geographie hat mit ihren vielfältigen Bezügen zu institutionellen Strukturen raumbezogener Politik und Planung ihrerseits der Kritischen Geographie allerhand zu bieten:
  • Zunächst kann Angewandte Geographie helfen, die nicht selten eher abstrakten kritisch-geographischen Analysen mit konkreten Anwendungsfeldern zu verknüpfen.
  • Damit liefert Angewandte Geographie zweitens den potenziellen Rahmen für einen „Realitätscheck“ kritisch-geographischer Ansätze – sowohl im Sinne der Frage, welche Deutungsangebote und Utopien Praktiker*innen überzeugen als auch im Sinne der Frage, was überhaupt praktisch umsetzbar ist bzw. inwiefern die gesellschaftlichen Voraussetzungen raumbezogener Politik verändert werden müssten.
  • Drittens vermag die Angewandte Geographie – etwa mithilfe der Netzwerke und Veranstaltungen des DVAG –, kritischen Studierenden Perspektiven für eine berufliche Praxis als kritische Geograph*innen jenseits des Wissenschaftsbetriebs aufzuzeigen.

Ansatzpunkte einer Zusammenarbeit von Angewandter und Kritischer Geographie

In Anbetracht der Vorteile, die ein Austausch zwischen Angewandter und Kritischer Geographie für beide Seiten haben kann, stellt sich die Frage, wie dieser Austausch und idealerweise auch eine praktische Zusammenarbeit initiiert werden können. Hierzu möchten wir einige Vorschläge formulieren: Eine erste und grundsätzlich auch einfach umzusetzende Möglichkeit besteht in der Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen. Zum Beispiel könnten in die an einer Reihe von Geographischen Instituten etablierten Veranstaltungen zur Berufspraxis auch Kritische Geograph*innen mit ihren Interessen und Perspektiven einbezogen werden.
Des Weiteren drängt sich aufgrund ihrer in mehrerlei Hinsicht ähnlich gelagerten Interessen ein gemeinsames „Lobbying“ von Angewandter und Kritischer Geographie auf. Nicht zuletzt in fach- und wissenschaftspolitischen Debatten könnten gemeinsame Anliegen vertreten werden – von der Kritik an den bei der Messung wissenschaftlicher Leistungen üblicherweise angelegten Kriterien, die Erfolge der Anwendungsorientierung weitgehend unter den Tisch fallen lassen, über die Betonung der Praxisbezüge im Geographiestudium bis hin zur Stärkung von dezidiert angewandter Forschung im Fach Geographie. Allem voran betrifft dies den wissenschaftspolitischen „Exzellenzbegriff“, der sowohl aus anwendungsorientierter als auch aus kritischer Perspektive zu hinterfragen ist.
Aber nicht nur gemeinsame Aktivitäten, sondern auch eine inhaltliche Zusammenarbeit erscheint vielversprechend. So wäre es sinnvoll, paradigmatische Ansätze, mit denen in der Geographie normative Fragen räumlicher Entwicklung konzeptualisiert werden, sowohl aus berufspraktischer als auch kritischer Perspektive zu reflektieren; beispielsweise:
  • „Recht auf Stadt“ – Was sind stadtplanerische Implikationen eines Rechts auf Stadt, wie, bzw. mit welchen Strategien und Instrumenten, lässt sich Planungsgerechtigkeit auf kommunaler Ebene anstreben und mit welchen Handlungsspielräumen und Widersprüchen ist dabei zu rechnen?
  • „Labour Geographies“ – Welche Perspektiven auf die kommunale und regionale Wirtschaftsförderung ergeben sich vom Standpunkt der Beschäftigten, wie lässt sich das politische Ziel der Schaffung guter Arbeitsverhältnisse mit konkreten Fragen der Regionalentwicklung verknüpfen?
  • „Politische Ökologie“ – Inwiefern können Strategien nachhaltiger Entwicklung und der Umweltplanung dazu beitragen, gesellschaftliche Naturverhältnisse demokratischer und ökologischer zu gestalten, indem sie Umweltfragen stets aus ihrem politischen Kontext heraus verstehen?
Schließlich lassen sich auf der Grundlage des gemeinsamen Interesses, das Kritische und Angewandte Geographie an politischen Aushandlungsprozessen haben, auch gemeinsame Anliegen für die Forschung formulieren. Eine Kooperation bei der Untersuchung der institutionellen Voraussetzungen und der politischen Rahmenbedingungen „geographischer Problemlösungsangebote“ für praktische Herausforderungen könnte der Kritischen Geographie helfen, „nahe an der gesellschaftlichen Praxis“ zu bleiben, der Angewandten Geographie, die Normativität ihrer nur vermeintlich unpolitischen Problemstellungen in ihren Lösungsvorschläge zu berücksichtigen.
Der Dialog zwischen Angewandter und Kritischer Geographie steht im Idealfall also am Beginn einer weitergehenden Zusammenarbeit, durch die die Angewandte Geographie ein Stück kritischer und die Kritische Geographie ein Stück angewandter wird. Die Kritische Geographie kann von der Angewandten Geographie lernen, welche Ansätze, Arbeitsweisen und Impulse den Weg in die „Praxis“ zu ebnen vermögen. Und die Angewandte Geographie vermag ihr Sensorium für Macht- und Herrschaftsverhältnisse (die für die bearbeiteten Anwendungsfelder konstitutiv sind) und damit auch ihr wissenschaftliches Profil zu schärfen sowie darüber hinaus neue Kooperationspartner*innen und möglicherweise auch Berufsfelder in der Zivilgesellschaft zu erschließen.

Angewandte Kritische Geographie: Ansatzpunkte für eine neue Forschungsperspektive

Konsequent zu Ende gedacht, beinhaltet dieser Beitrag nicht nur die Anregung an Kritische und Angewandte Geographie zusammenzuarbeiten. Er impliziert auch die Aufforderung, darüber nachzudenken, ob und wie sich die Perspektiven der beiden Seiten miteinander verbinden lassen. In diesem Sinne möchten wir die Umrisse einer Angewandten Kritischen Geographie (AKG) zur Diskussion stellen, die diese Perspektivenverschmelzung, am genuinen Erkenntnisinteresse der Kritischen Geographie ansetzend, vornimmt.
Die zentrale Idee einer AKG besteht darin, Probleme aus der Praxis zivilgesellschaftlicher Initiativen aufzugreifen, in denen sich die Interessen und die Lebenswirklichkeit marginalisierter bzw. subalterner Gruppen widerspiegeln. Der Begriff „kritisch“ bezieht sich dabei auf den Anspruch, für und mit Akteuren zu forschen, die in ihren Möglichkeiten, sich öffentlich politisch zu artikulieren und – insbesondere von der Politik – gehört zu werden, stark eingeschränkt sind (Gramsci 1999, S. 2185 ff.). Beispielsweise werden die Perspektiven von Menschen mit niedrigen Einkommen, ohne ausreichende Sprachkenntnisse oder ohne Wahlrecht in der medialen Öffentlichkeit oft ignoriert. Sie stehen daher außerhalb des herrschenden Diskurses und können auf diesen kaum Einfluss nehmen (Spivak et al. 2007). Angewandt ist eine solche Forschung, weil sie gemeinsam mit gesellschaftlich marginalisierten Akteuren und von deren Standpunkt aus Wissen produzieren möchte, das für diese Akteure – und damit auch für die Gesellschaft insgesamt – relevant ist. Möglich wird eine solche Form des Austausches durch eine sich als dialogisch verstehende Wissensproduktion. Bei dieser Praxis werden die außerakademischen Akteure als Kooperationspartner*innen in die verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses integriert, deren eigenständige (Forschungs‑)Praxis wird ernst genommen und für wechselseitige Lernprozesse erschlossen (Choudry 2014). Die traditionell lediglich Beforschten werden so zu eigenständigen Subjekten im Forschungsprozess und zu Koproduzent*innen akademischen Wissens. Dadurch wird zum einen die theoretische Linse wissenschaftlicher Betrachtungen neu fokussiert und zum anderen auch das mögliche Tätigkeitsfeld angewandt arbeitender Geograph*innen etwa um Mietervereine, Gewerkschaften oder Institutionen der Sozialberatung erweitert. Um die Forschungsergebnisse auch für ein außerakademisches Publikum zugänglich zu machen, verfolgt eine AKG eine Publikationsstrategie, die parallel zu den üblichen wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Monografien auch Formate bedient, die für außerakademische Akteure zugänglicher sind: Tageszeitungen, bewegungsnahe Zeitschriften, Radiosendungen, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen, Workshops, Podcasts oder Kurzfilme.
Für die hier skizzierte Forschungsperspektive sind somit zwei Ansprüche zentral: Erstens will sie gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur kritisch nachzeichnen, sondern darüber hinaus auch in bestehende Machtverhältnisse und politische Auseinandersetzungen intervenieren. Dies setzt voraus, dass die politisch-normative Verortung der Forschenden jeweils transparent gemacht wird (Schipper 2018, S. 127 ff.). Durch die gezielte Vernetzung von wissenschaftlicher Beobachtung und Reflexion einerseits und politischer Praxis in sozialen Auseinandersetzungen andererseits sollen emanzipatorische Transformationsprozesse angeregt, begleitet und verstärkt werden. Die Sphären von Theorie und Praxis werden dabei nicht als starr und klar voneinander getrennt verstanden, sondern als wechselseitig veränderlich, indem die Theorie die Praxis beeinflusst und umgekehrt praktische Erkenntnisse in theoretische Ansätze einfließen.
Zweitens geht es darum, wissenschaftliche Fragestellungen zu formulieren, die für Akteure sozialer Bewegungen von Interesse sind und die diese nicht ohne weiteres bzw. mit eigenen Ressourcen zu bearbeiten vermögen. Um solche Fragen zu entwickeln, ist es notwendig, die Distanz zwischen geographischer Forschung und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu überwinden und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Eine Orientierung an den Erkenntnisinteressen von sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Basisinitiativen oder NGOs steht dabei keineswegs im Widerspruch zu wissenschaftlichen Qualitätsstandards. Die Einhaltung dieser Standards – etwa Wahrung logischer Stringenz, Verwendung nachvollziehbarer methodischer Verfahren, kritische Überprüfung empirischer Validität sowie Reflexion der eigenen normativen Grundlagen – ist vielmehr notwendig, um Wissen hervorzubringen, das für Akteure außerhalb des Wissenschaftsbetriebs von Nutzen ist. Eine Angewandte Kritische Geographie unterscheidet sich, bezogen auf die Wahrung wissenschaftlicher Qualitätsstandards, folglich nicht von anderen Forschungsperspektiven.

Fazit

Wir haben in diesem Beitrag zu zeigen versucht, wie vielfältig die Potenziale einer Kooperation von Angewandter und Kritischer Geographie sind: Sowohl auf inhaltlicher wie auf institutioneller Ebene gibt es für beide Seiten zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit – und damit auch für eine Erweiterung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Relevanz der Geographie insgesamt. Diese Zusammenarbeit ist gewiss nicht einfach oder konfliktfrei zu bewerkstelligen, sind doch die normativen Grundlagen beider Perspektiven sehr unterschiedlich. Wir sind uns daher bewusst, dass ein Dialog zwischen Angewandter und Kritischer Geographie kein harmonisches Nullsummenspiel darstellt. Dennoch sehen wir gerade auch in den absehbaren Kontroversen eine Chance für die Angewandte Geographie, die Kritische Geographie und auch die Geographie als Disziplin insgesamt. Eine Verankerung innerhalb konkreter gesellschaftlich relevanter Fragestellungen auf der einen sowie eine dezidiert kritische Sichtweise auf der anderen Seite sind unabdingbar für eine Disziplin, die auf der Höhe der Zeit sein möchte und die regelmäßig ihr Potenzial hervorhebt, wesentliche Beiträge zur Lösung drängender Probleme der Gegenwart zu leisten. Ein mögliches, auch immer wieder zu hinterfragendes Spannungsfeld zwischen „abstrakter“ Kritik und „konkreter“ Anwendung darf daher nicht als unüberwindbares Hindernis, sondern sollte als Anlass für die eigene Reflexion und Weiterentwicklung verstanden werden. In diesem Sinne wäre der Geographie zu wünschen, dass sich die Kritische Geographie zu einer Angewandten Kritischen Geographie und die Angewandte Geographie zu einer Kritischen Angewandten Geographie weiterentwickeln, die sich am Ende des Tages vielleicht gar nicht mehr voneinander unterscheiden müssen.
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