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Angst in Kultur und Politik der Gegenwart

Beiträge zu einer Gesellschaftswissenschaft der Angst

  • 2020
  • Buch
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Über dieses Buch

Angst ist nicht nur eine menschliche Grundemotion, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Jüngst wurde sie zum charakteristischen Gefühl westlicher Gegenwartsgesellschaften erklärt und insbesondere mit politisch regressiven Entwicklungen, allen voran dem Aufstieg des Rechtspopulismus, in Verbindung gebracht. Ausgehend von Befunden eines aktuell veränderten gesellschaftlichen Stellenwerts der Angst untersucht der Sammelband in interdisziplinärer Perspektive gegenwärtige Ursachen, Auswirkungen, Repräsentationen, Ausprägungen, Deutungen und Praktiken der Angst. Mithilfe unterschiedlicher konzeptueller, theoretischer und methodisch-empirischer Zugänge werden im Sinne einer interdisziplinären Gesellschaftswissenschaft der Angst die vielfältigen sozialen, politischen und kulturellen Bedeutungen der Angst in gegenwärtigen Gesellschaften beleuchtet.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Von der Zeitdiagnose zur Gesellschaftswissenschaft der Angst. Eine Einführung

    Susanne Martin
    Zusammenfassung
    Zeitdiagnosen einer „Gesellschaft der Angst“, die Angst zum charakteristischen Gefühl westlicher Gesellschaften erklären, scheinen eine maßgebende Deutung der Gegenwart zu liefern. Zugleich erfahren sie jüngst vermehrt Kritik, die hauptsächlich auf identifizierte empirische und theoretische Leerstellen verweist. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert der Beitrag zunächst zentrale Thesen aktueller Angstdiagnosen. Anschließend werden Befunde soziologisch-empirischer, kulturwissenschaftlicher sowie modernisierungs- und affekttheoretischer Angstforschungen skizziert, die einerseits wichtige Ergänzungen zu den Angstdiagnosen anbieten, andererseits deutlich machen, dass Angst als höchst komplexes soziales, politisches und kulturelles Phänomen weiterer Forschungen bedarf. Der Beitrag plädiert daher abschließend für eine interdisziplinäre Gesellschaftswissenschaft der Angst, die das Spektrum sozial- und kulturwissenschaftlicher Angstforschungen verknüpft, um die vielfältigen Bedeutungen der Angst in der Gegenwartsgesellschaft zu erhellen.
  3. Angst, Politik und Gesellschaft

    1. Frontmatter

    2. Der Affekt Angst und die (Soziologie der) Gegenwartsgesellschaft. Notizen über die Zukunft

      Christoph T. Burmeister
      Zusammenfassung
      Ausgehend von der enormen Präsenz von Angst in gesellschaftlichen und soziologischen Diskursen sowie den Defiziten des bisherigen theoretisch-begrifflichen Durchdringens von Angst beschreibt der Text im Rahmen affekttheoretischen Denkens Angst als einen Affekt, dem eine spezifische Temporalstruktur inhärent ist. Angstaffekte verhelfen demnach Unsicherheiten und Ungewissheiten aufgrund erwarteter, zukünftiger Gefahren zum gegenwärtigen Sein, weshalb sie sich als körperliche Vergegenwärtigung und Präsenz zukünftiger Gefahren begreifen lassen. Angst ist insofern nicht Ursache, sondern Effekt von Politiken intensivierter Gefahren, die zunehmend unsichere Zukünfte imaginieren, simulieren und prozessieren. Der Text stellt vor diesem Hintergrund sechs Charakteristika des Affekts Angst ausführlich dar und argumentiert, dass die so unsicher und ungewiss erscheinende Zukunft nicht als factum brutum, sondern vielmehr als Resultat heterogener Präventionsdispositive anzusehen ist.
    3. Das Veralten des Liberalismus der Furcht

      Veith Selk
      Zusammenfassung
      Die von Judith N. Shklar geprägte politische Idee des Liberalismus der Furcht erfährt im Kontext des um sich greifenden Rechtspopulismus und der Diskussion über „illiberale Demokratien“ eine Renaissance. Der Beitrag prüft, ob sie eine überzeugende Antwort auf die Krise liberaler Demokratien darstellt. In einem ersten Schritt wird zunächst das Ausgangsproblem erläutert, auf das der Liberalismus der Furcht reagiert (I). Nach seiner ideengeschichtlichen Verortung im politischen Denken von Thomas Hobbes (II), rekonstruiert der Beitrag in Auseinandersetzung mit Judith N. Shklar und Jan-Werner Müller die Grundzüge des Liberalismus der Furcht (III). Er schließt mit der These, dass der Liberalismus der Furcht eine normativ attraktiv erscheinende, tatsächlich aber politisch rückwärtsgewandte Idee ist, die sich im Kontext von politischer Kognitionsasymmetrie, Postdemokratie und rechtspopulistischem Illiberalismus als veraltet und wirklichkeitsfern erweist (IV).
    4. Zur Pathogenese politischer Apathie. Neurotische Angst und politische Regression im Spätwerk Franz L. Neumanns

      Stefan Vennmann
      Zusammenfassung
      Franz L. Neumann, als Politik- und Rechtstheoretiker lose ans Frankfurter Institut für Sozialforschung im amerikanischen Exil angegliedert, rekurriert sowohl in seinem Opus Magnum über den Nationalsozialismus, dem Behemoth, als auch in seinem Spätwerk auf das Phänomen der Angst als Tendenz politischer Desintegration in modernen kapitalistischen Gesellschaften. Insbesondere Reflexionen über das Verhältnis von Angst und Entfremdung stellen den Kern seiner letzten, mit Angst und Politik betitelten Publikation dar, in der er Erkenntnisse der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie mit denen psychoanalytischer Sozialpsychologie verbindet. Anders als andere Kritische Theoretiker konzentriert sich Neumann dabei explizit auf die Analyse regressiver politischer Bewegungen, die über die Institutionalisierung gesellschaftlich bedingter Ängste Anhänger mobilisieren. Im Beitrag sollen Grundkategorien von Neumanns Theorie politischer Apathie rekonstruiert und bei ihm nur implizite, aber für das Verständnis seiner politischen Theorie der Angst wichtige Elemente expliziert werden.
  4. Angst und (Medien-)Kultur

    1. Frontmatter

    2. Klima der Angst. Klimawandelszenarien

      Jörn Ahrens
      Zusammenfassung
      Der aktuelle Klimawandel verweist notwendig auf seine humane Determinante. So verweist er auf eine neue ökologische Wirklichkeit, die zugleich als technologisch initiiertes Widerfahrnis erscheint. Das Dilemma besteht darin, dass der Klimawandel als Phänomen und fortschreitender Prozess, Resultat einer enorm starken, in ihren Wirkungen langfristig angelegten, techno-humanen Aktivität ist. Zugleich erweist er sich aufgrund seiner fehlenden Distanzierung gegenüber den Grundlagen humaner Lebenswelten und einer daraus hervorgehenden, des-integrierten Angst als Produzent gesellschaftlicher und politischer Lähmung. Die immer wieder faktisch scheiternde politische Adressierung des Klimawandels dürfte damit zu tun haben, dass die weitgehende Nicht-Erfahrbarkeit des Klimawandels dem visuell-sinnlich ausgerichteten Sozialwesen Mensch massiv im Wege steht. Insofern erweisen sich die mit dem Klimawandel verbundenen Angstzustände in der Gesellschaft als nicht hinreichend gerichtet und abstrakt – vor allem in jenen Gesellschaften, die global Hegemonie beanspruchen und durchsetzen. Letztlich lässt sich der Klimawandel analog zum mythologischen „Absolutismus der Wirklichkeit“ (Blumenberg) verstehen, indem er eine absolute Differenz zur Humangesellschaft setzt, die er mit einer massiven Bedrohungslage überzieht. Im Unterschied dazu stellt der Klimawandel aber selbst ein Ergebnis der Defizitstrukturen technologischen menschlichen Handelns dar, was Reaktionen darauf erschwert.
    3. Angst um …/Sorgetragen für …

      Gabriele Werner
      Zusammenfassung
      Anhand von drei ikonisch gewordenen Pressefotos zu den Terroranschlägen in Las Vegas (1.10.2017), London (7.7.2005) und Paris (7.1.2015) geht der Beitrag der Frage nach, wie diese bildkulturellen Zeichen zu einer gemeinschaftsstiftenden Angstbewältigung beitragen sollen. Diskutiert wird dabei Angst nicht als individuelle phobische Reaktion auf Bedrohungslagen, sondern wie Angstverhältnisse in Machtkonflikten unterschiedliche Ängste und Angstformen, unterschiedliche soziale Gruppen und soziale Ordnungen herausbilden. Im Zusammenhang mit (einheimischem) Terrorismus zeigen sich diese Machtkonflikte in einer visuellen und verbalen Markierung des Weißseins. Da der rechte Terror weiße Vorherrschaft in der Konstruktion ihrer Feindgruppen für sich reklamiert, ist es notwendig aufzuzeigen, dass diese untrennbar mit hegemonialer Männlichkeit verbunden ist. Deshalb wird als Mittel zur Angstbewältigung der Begriff des Critical Care stark gemacht, um einerseits die handlungsorientierte Haltung des Sorgetragens als ein auf Verantwortung basierter Handlungsgrund in die Diskussion zu bringen und andererseits ganz konkret das Männlichkeitsmodell der Caring Masculinities als Gewaltprävention vorzustellen.
    4. Angst und Architektur. Beton und Brutalismus in Zeitdiagnosen der alten Bundesrepublik

      Jörg Probst
      Zusammenfassung
      Die 1960er Jahre sind nicht nur die Zeit intensiver breitenwirksam geführter Diskussionen über die Risiken der Atomenergie, sondern auch die des beginnenden Brutalismus in der Architektur. Beides, die Konjunktur wuchtiger bunkerartiger Bauwerke aus schalungsrohem Beton und des neuartigen Baumaterials Waschbeton und die von Karl Jaspers, Robert Jungk oder Carl Friedrich von Weizsäcker angestoßene Debatte um die atomare Gefahr, wurde 1963 durch einen seinerzeit intensiv rezipierten Artikel des FAZ-Architekturkritikers Eberhard Schulz (1902–1982) mit dem Titel „Architektur und Angst“ miteinander in Verbindung gesetzt. Brutalismus erschien hier als baulicher Ausdruck der kollektiven Urangst vor der apokalyptischen Vernichtung allen Lebens im „Atomzeitalter“. Der Beitrag untersucht die methodischen und ideologischen Problematiken dieser Architekturkritik als ideengeschichtliche Zeitdiagnose.
  5. Empirie der Angst

    1. Frontmatter

    2. Entfremdung vom Sozialstaat? Angsterfahrungen in Arbeitskontexten der Daseinsvorsorge

      Sigrid Betzelt, Ingo Bode
      Zusammenfassung
      Der Beitrag fokussiert Erfahrungswelten in Arbeitskontexten der sozialen Daseinsvorsorge, in denen sozialstaatlich forcierte Entsicherungs- und Vermarktlichungstendenzen und deren emotionale Verarbeitung durch Beschäftigte und Nutzer*innen wie in einem Brennglas sichtbar werden. Argumentiert wird auf Basis internationaler arbeits- und organisationssoziologischer Studien, dass sich in verschiedenen, verbreitet neuen Managementmethoden unterworfenen Feldern der Interaktionsarbeit (z. B. in der stationären Pflege und bei der öffentlich geförderten beruflichen Weiterbildung) symptomatische Handlungsdilemmata einstellen, die für Beschäftigte emotional stark verunsichernd sind und – bei starkem Kontrollverlust oder empfundener Ausweglosigkeit – Ängste auslösen (können), welche u. a. mit Identitätskrisen verknüpft sind. Potenziert werden diese Angstdynamiken durch die Konfrontation mit ihrerseits – aufgrund sozialstaatlicher Entsicherung und vermarktlichungsbedingter Intransparenzen – emotional verunsicherten Nutzer*innen. Insgesamt scheinen solche Erfahrungen einer Entfremdung von sozialstaatlichen Institutionen Vorschub zu leisten. Allerdings finden sich auch empirische Hinweise auf neue, den Schulterschluss von Beschäftigten und Nutzer*innen befördernde Solidaritätspotenziale, die als widerständige Verarbeitungs- und Handlungsweisen den aufgezeigten Entsicherungs- und Vermarktlichungstendenzen entgegen stehen.
    3. Gesellschaft der Angst? Kommunikationskultur der Angst. Über die mikropolitische Nutzung der Angstrhetorik

      Judith Eckert
      Zusammenfassung
      Diagnosen einer Gesellschaft in Angst sind populär geworden. Transformationen verschiedener Art hätten Angst zu einem Lebensgefühl in westlichen Gesellschaften werden lassen; die vorherrschende Angst wiederum wird als Erklärung für weitere Phänomene herangezogen, etwa das Erstarken rechtspopulistischer „Angstbewegungen“. Die hohe Plausibilität solcher Diagnosen und Erklärungen lenkt allerdings davon ab, dass sie theoretisch-konzeptuelle und empirische Defizite haben: Angst wird in ihrer Existenz und Beschaffenheit vorausgesetzt, aber nicht näher definiert und untersucht. In diesem Beitrag werden auf Basis einer qualitativen Studie verschiedene Bedeutungen von Angst, konkret von Angstkommunikation rekonstruiert. Diese erweist sich bei genauerer Betrachtung nicht immer als Ausdruck von Angst als Emotion. Vielmehr wird die Angstrhetorik von den Akteur*innen für eigene mikropolitische Zwecke genutzt. Diese Nutzung der Angstrhetorik steht im Fokus des Beitrags, wird auf rechtspopulistische Bewegungen bezogen und ist Ausgangspunkt der These, dass wir weniger in einer Gesellschaft der Angst als in einer Kommunikationskultur der Angst leben.
    4. ‚Gefühle des Abgehängtseins‘ – ein Angstdiskurs

      Larissa Deppisch
      Abstract
      ‚Gefühle des Abgehängtseins‘, welche vor allem in ländlichen Räumen vorzufinden seien, werden oft als Erklärung für den Wahlerfolg der Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl 2017 herangezogen. Was unter ‚abgehängt sein‘ zu verstehen ist, wird wissenschaftlich jedoch nicht definiert. In diesem Artikel setze ich mich deshalb systematisch damit auseinander, wie der Ausdruck ‚Abgehängtsein‘ im Kontext des AfD-Wahlerfolgs 2017 und ländlicher Regionen diskursiv besetzt und in welche inhaltlichen Zusammenhänge er gebettet ist. Dabei greife ich auf die Methodik der Grounded Theory zurück. 233 Beiträge (online und print) des populär-medialen Diskurses stellen den Materialkorpus dar. Deutlich werden drei verschiedene Formen des ‚Abgehängtseins‘: infrastrukturell, wirtschaftlich und kulturell. Jede Form des ‚Abgehängtseins‘ geht mit spezifischen Ängsten einher: die Angst vor Versorgungsstrukturschwäche, die Angst vor dem Abstieg sowie die Angst vor dem Fremden. Der Eindruck, dass die Politik jene Ängste nicht beachtet und bearbeitet, führt zu Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien, welche schließlich über den Rechtspopulismuszuspruch kundgetan wird.
    5. Die quantitative Analyse textueller Daten

      Das Beispiel des Angstdiskurses in US-amerikanischen TV-Präsidentschaftsdebatten 1960–2016 Andreas Schmitz, Jakob Horneber
      Zusammenfassung
      Am Beispiel von Angstreferenzen in US-Präsidentschaftsdebatten (1960-2016) zeigen wir in diesem Beitrag die Möglichkeiten einer quantifizierenden Diskursanalyse auf. Unter Rückgriff auf Skalierungs- und Klassifizierungsverfahren wird deutlich, dass die Kandidaten und Kandidatinnen in diesem Schnittfeld von politischem und medialem Diskurs systematisch auf drei Angstkonzepte Bezug nehmen: Angst (fear), Sorge (concern) und Risiko (risk). Es lässt sich zeigen, dass die drei Konzepte im Diskurs systematisch mit spezifischen Politikfeldern verbunden, bestimmte Assoziationen hingegen gemieden werden. Die vorgeschlagene Methodologie erlaubt es, dabei sowohl synchrone Kontexte und Strukturen von Angstreferenzen sichtbar zu machen als auch deren diachrone Entwicklungen nachzuzeichnen.
Titel
Angst in Kultur und Politik der Gegenwart
Herausgegeben von
Dr. Susanne Martin
Thomas Linpinsel
Copyright-Jahr
2020
Electronic ISBN
978-3-658-30431-7
Print ISBN
978-3-658-30430-0
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-30431-7

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