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19.08.2020 | Anlageberatung | Im Fokus | Onlineartikel

Deutsche trauen bei Aktien vor allem den Banken

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
7 Min. Lesedauer

Zum ersten Mal hat eine Studie sowohl die Meinung der Verbraucher zu Aktien als auch die von Finanzexperten analysiert. Danach sorgen vorwiegend Besserverdienende und Junge mit dieser Geldanlage vor. Das meiste Vertrauen bringen sie dabei Banken entgegen.

Banken und Fondsgesellschaften freuen sich derzeit über erhebliche Mittelzuflüsse in aktienbasierte Anlagen. Auf einer Werteskala von minus 100 bis plus 100 zeichnet der Deutsche Geldanlage-Index in seiner ersten Auflage mit einem Wert von 44,2 tendenziell ein positives Stimmungsbild. Allerdings sind dabei die Bürger mit 24,9 Index-Punkten nicht ganz so optimistisch wie die befragten Finanzvermittler mit 63,4 Punkten.  

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Einschätzungen korrelieren mit Marktveränderungen

Zum ersten Mal hat das Forschungsinstitut des Bundesverbands Deutscher Vermögensberater (DIVA) im Mai und Juni 2020 den Index ermittelt. Dieser misst die Einschätzungen der Menschen in der Bundesrepublik zur Geldanlage. Im Fokus des Index stehen vor allem Aktien, Aktienfonds und fondsgebundene Lebensversicherungen. 

Die Studie will das DIVA künftig zweimal im Jahr erheben, um Veränderungen in den Einstellungen zur Aktienanlage etwa in Abhängigkeit von der aktuellen Kapitalmarktsituation aufzuzeigen. Dabei werden neben einer repräsentativen Befragung von rund 1.000 (zukünftig 2.000) Verbrauchern auch die Einschätzungen von etwa 1.500 Finanzanlagenvermittlern mit rund 1,5 Millionen Kunden in die Analyse einfließen.

Anleger haben corona-bedingtes Niveau zum Einstieg genutzt

Die durchaus positive Stimmung decke sich mit dem aktuellen Anlegerverhalten. "Die Deutschen haben offensichtlich dazu gelernt. Die Kurschancen im März 2020 bei einem Dax-Niveau von corona-bedingt nur noch 8.500 Punkten haben viele genutzt. Schaut man sich die aktuellen Börsenstände an, war dies eine gute Entscheidung", erläutert Michael Heuser, wissenschaftlicher Direktor des DIVA, die ermittelten Werte. 

Allerdings müsse davon ausgegangen werden, dass sich die Gewinne nicht gleichmäßig auf alle verteilen: Besonders profitiert haben die Bürger in Bayern und Baden-Württemberg, eher junge Menschen und Besserverdienende. Diese Gruppen verzeichnen die höchsten Werte im Geldanlage-Index.

Bürger trauen Banken und Fondsgesellschaften am meisten

Dabei vertrauen Verbraucher und die Experten bei der Geldanlage in Aktien Banken (31,6 Prozent / 6,1 Prozent) sowie den Fondsgesellschaften (30,2 Prozent / 85,4 Prozent am meisten. Die rote Laterne trägt in der aktuellen Umfrage der Staat mit 14,0 Prozent (Bürger) und 0,9 Prozent (Experten). Insbesondere im Hinblick auf einen immer wieder diskutierten Staatsfonds für die private Altersvorsorge etwa nach norwegischem Vorbild sei das ein "interessantes Ergebnis", so die Studienautoren.

"Ein Staatsfonds zur Sicherung der Altersvorsorge hat in letzter Zeit bei Ökonomen und Ökonominnen links und rechts des politischen Spektrums großen Zuspruch gefunden. Ein solcher Staatsfonds würde Haushaltsüberschüsse und öffentliche Neuverschuldung nutzen, um in Aktien und andere Finanzanlagen zu investieren und einen Teil der Erträge den Bürgern und Bürgerinnen im Rentenalter auszuzahlen. Dabei erhält ein weltweit diversifizierter Staatsfonds die größte Unterstützung in der öffentlichen Debatte, aber auch ein Fonds mit Fokus auf inländische Finanzanlagen wird diskutiert", erklärt Tom Krebs im Beitrag "Grundzüge einer effizienten Altersvorsorge" (Wirtschaftsdienst, Ausgabe 1 | 2019).

Vertrauen in staatliche Fonds gering

Doch nicht nur die aktuelle Umfrage erteilt diesem Projekt eine Absage, sondern auch der Volkswirt und Professor der Universität Mannheim: "Aus ökonomischer Sicht ist ein in Aktien und andere Finanzanlagen investierter Staatsfonds zur Sicherung der Altersvorsorge ein Schritt in die falsche Richtung, denn er widerspricht einem fundamentalen Grundsatz guter Wirtschaftspolitik", begründet Krebs seine Ansicht und führt aus: 

Dieser Grundsatz besagt, dass der Staat Güter und Dienstleistungen nur in solchen Bereichen bereitstellt, in denen durch Marktversagen eine effiziente und gesellschaftlich akzeptable Lösung durch private Anbieter nicht möglich ist. Und offensichtlich erfüllt ein Staatsfonds, der in Aktien und andere schon existierende Finanzinstrumente investiert, diese Bedingung nicht. Denn er ist ein Finanzprodukt, für das es auf dem privaten Markt bereits kostengünstige Alternativen gibt."

Finanztransaktionssteuer ist kontraproduktiv

Dennoch investieren laut Studie trotz geringer Zinsen noch immer zu wenige Deutsche in aktienbasierte Anlageformen. 43 Prozent der Verbraucher wünschen sich vor allem eine Garantie gegen Verluste. 31,9 Prozent ließen sich von einer staatlichen in Form von Zulagen und steuerliche Vergünstigungen motivieren. Die aktuelle Diskussion zur Finanztransaktionssteuer komme daher zur Unzeit, meint Heuser. "Sollen mehr Bürger mit Produktivvermögen sparen und vorsorgen, darf diese Sparform nicht noch zusätzlich bestraft werden."

Dienen soll die neue Steuer nach dem Willen der Bundesregierung der Grundrente. "Dafür soll der Bundeszuschuss für die Rentenversicherung erhöht werden und als Finanzierungsquelle die im Koalitionsvertrag vereinbarte Finanztransaktionssteuer genutzt werden", führen Ute Klammer und Gert G. Wagner im Beitrag "Grundrentenplan der großen Koalition" (Wirtschaftsdienst, Ausgabe 1 | 2020) aus.

Doch eine Anmerkung des Sozialbeitrats lasse laut der Autoren Zweifel an der Umsetzung aufkommen. Dem zufolge habe zum einen das Bundesarbeitsministerium bereits am Tag nach dem Beschluss des Koalitionsausschusses in einem Erläuterungspapier die getroffenen Vereinbarungen relativiert, so dass die Grundrente nur noch "überwiegend steuerfinanziert" werde. Des Weiteren sei "nach den jahrelangen, bislang ergebnislosen Verhandlungen zur Einführung einer Finanztransaktionssteuer keineswegs sicher, dass diese Steuer beim geplanten Start der Grundrente als Finanzierungsquelle tatsächlich zur Verfügung steht".

Deutsche scheuen Risiken und wollen Sicherheit

Klar ist, um die Deutschen auf den Geschmack von Aktien zu bringen, müssen sie ihre Risikoscheu verlieren. Denn die Angst vor einem Totalverlust ist unter den Bundesbürgern mit 38,2 Prozent hoch. Auf Rang zwei rangiert mit 35,4 Prozent das Risiko der Anlageform als Hinderungsgrund. Unter den Experten beklagen 38 Prozent zudem bürokratische Hürden, etwa bei der Depoteröffnung, was für eine starke Regulierung spreche.

Wenn die Deutschen in Aktien und Fonds investieren, wollen sie vor allem Sicherheit. Erst dann folgen Rendite, Liquidität und Nachhaltigkeit auf den Rängen zwei bis vier. Offenbar habe der Ausbruch der Corona-Pandemie ökologische und soziale Aspekte bei der Geldanlage nach hinten verdrängt. Laut der befragten Experten fehlt es bei rund der Hälfte ihrer rund 1,5 Millionen Kunden (47,8 Prozent) außerdem an den erforderlichen Kenntnissen über die Funktionsweise aktienbasierter Anlageformen.

Frauen scheuen Aktien mehr als Männer

Vor allem zwischen den Geschlechtern herrscht noch immer eine große Kluft in Sachen Geldanlage und Aktienvermögen, berichtet Constanze Hintze im Buch "Finanz-Petits-Fours" (Seite 47).  

Deutschland ist – anders als die USA, wo jeder vierte Amerikaner sein Geld an der Börse investiert – kein Land von Aktionären. 1997 betrug der Anteil der Aktienbesitzer elf Prozent der deutschen Bevölkerung. Aktionärinnen kamen hingegen nur auf weniger als Prozent. Auch 20 Jahre später hat sich die Aktionärskultur in Deutschland nur mühsam weiterentwickelt. Während jetzt neun von 100 Frauen Aktien oder Aktienfonds im Depot haben, sind es bei den Männern mit 20 Prozent mehr als doppelt so viele."

Indizes widerlegen Angst vor Verlustrisiken

Aktien würden von vielen Anlegern mit hohen Risiken, Spekulation und Verlusten in Verbindung gebracht, obwohl die Fakten eine ganz andere Sprache sprechen, so die Springer-Autorin. "So konnte der Dax, der die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands umfasst, in den letzten 10 Jahren (1. Januar 2009 bis 30. Mai 2019) eine Wertsteigerung von 147,4 Prozent erzielen – trotz Euro-Krise, Dieselskandal und dem Dilemma der deutschen Großbanken, um nur einige der bekannten Konflikte zu benennen." 

Noch besser habe sich im gleichen Zeitraum der weltweite Aktienindex MSCI World (Euro) entwickelt, der die Kursentwicklung der 1600 größten Unternehmen aus 23 Industrieländern widerspiegelt. Schuld am großen Misstrauen der Deutsche tragen laut Hintze vor allem die Finanzkrise sowie die Handelskonflikte der vergangenen Jahre.

Um Verlust- und Schwankungsrisiken zu minimieren, rät sie wie viele andere Experten zu einer ausgewogenen Diversifikation beim Investieren. "Ein Totalverlust eines breit gestreuten Investmentfonds ist theoretisch denkbar, praktisch aber unmöglich", erläutert Hintze. "Investments aus verschiedenen Unternehmen, Regionen und Branchen in einem Portfolio verhalten sich dann so zueinander, dass die Verlustrisiken der einen Geldanlage mit den guten Ergebnissen der anderen ausgeglichen werden", lautet deshalb ihr Rat.

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