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22.02.2017 | Anlageberatung | Interview | Onlineartikel

"Institute sollten Risikostreuung besser kommunizieren"

Autor:
Johanna Farian
3:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Matthias Fischer

ist Professor für Finanzen & Bank an der Fakultät Betriebswirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Das Finanzwissen der Deutschen lässt zu wünschen übrig. Springer-Autor Professor Matthias Fischer erklärt im Interview mit Springer Professional, wie Banken ihre Kunden besser aufklären können.

Springer Professional: Herr Professor Fischer, laut Ihrer Studie verfügen weite Teile der deutschen Bevölkerung über unzureichendes Wissen im Umgang mit Geldanlagen. Wie erklären Sie sich diese Wissenslücke?

Matthias Fischer: Finanzwissen wird in der Schule nicht gelehrt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass so oft das gute Verständnis für Finanzprodukte fehlt. Aber im Laufe seines Lebens muss sich jede Person mit den Themen Geldanlage und Vorsorge beschäftigen. Insofern ist es sehr wichtig, dass die Bevölkerung ein gutes Gespür für den Zusammenhang von Risiko und Rendite entwickelt. In unserer Studie haben wir daher systematisch geprüft, wie unterschiedlich das Wissen und die Risikoeinschätzung rund um die Themen Tagesgeld, Aktien, Anleihen sowie Immobilie ausgeprägt sind. Wir haben auch getestet, welche Unterschiede es hinsichtlich Bildungsgrad, Einkommen, Geschlecht und Alter gibt.

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Eine empirische Untersuchung

Das essential präsentiert wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über das Wissen der Bevölkerung zu Risiko und Rendite bei Geldanlagen. Die Studie basiert auf den Ergebnissen einer anonymisierten Umfrage.

Wie können Banken ihr Beratungsangebot verbessern, um diesem Defizit entgegenzuwirken?

Die Vermittlung eines guten Risikoverständnisses ist bei der Geldanlage keine einfache Sache. Denn das Risiko von Finanzanlagen kann man mit Modellen anhand von Vergangenheitsdaten recht gut messen. Das Risiko der Zukunft kann jedoch niemand mit Garantie berechnen. Es genügt bei der Aufklärung der Bevölkerung nicht die reine Wissensvermittlung über Produkte. Vielmehr muss das Verständnis von Risiko und Rendite verbessert werden. Die Ergebnisse unserer Studie sollten Banken für eine verbesserte Aufklärung nach demographischen Merkmalen nutzen. Kreditinstitute können beispielsweise Schulungen und Informationsveranstaltungen anbieten – online und offline. Der Online-Kanal eignet sich aufgrund seiner Skalierbarkeit, aber auch aufgrund der zentralen Entwicklung eines hohen Qualitätsstandards durch Experten. Zum Beispiel können sogenannte Robo Advisor oder automatisierte Vermögensanlageberater helfen, die Anlageberatung für Sparer mit kleinen Anlagebeträgen überhaupt erst möglich zu machen. Geldhäuser können aber nicht die gesamte Bevölkerung erreichen. Ziel der Politik sollte es sein, in Sachen Finanzen den aufgeklärten Bürger zu fördern. Hierfür müsste das Themengebiet Finanzen auch in der Schule gelehrt werden. Denn zur Aufklärung gehört das kritische Hinterfragen von Anlagealternativen, und das geht nur mit grundlegenden Kenntnissen zu Risiko und Rendite.

Die Wertentwicklung von Immobilien wurde von den Befragten der Studie, auf die Sie in Ihrem Buch verweisen, überwiegend positiv bewertet. Vielen scheint das Risiko eines Wertverlusts bei Immobilien-Investments nicht bekannt zu sein. Woran könnte das liegen?

Der Häuserpreisindex des Statistischen Bundesamts zeigt, dass Immobilienpreise keineswegs immer steigen und Differenzierungen erforderlich sind. Beispielsweise waren die Preise für neue Wohnimmobilien in den Jahren 2001 bis 2007 leicht rückläufig, während die Preise für Bestandsimmobilien nur stagnierten. Genauso bestehen Unterschiede zwischen ländlichen Gebieten und Stadtgebieten oder zwischen den alten und neuen Bundesländern. Die Aussage "Die Immobilie nimmt immer im Wert zu" trifft unter Berücksichtigung der historischen Immobilienpreisentwicklung "überhaupt nicht zu". Nur zehn Prozent aller Befragten beantworteten die Aussage korrekt mit "trifft überhaupt nicht zu". Gleichzeitig hat die Bevölkerung gerade zur Wertentwicklung von Immobilien im Vergleich zu anderen Geldanlagen eine klare Meinung. Die geringste Skepsis beim Thema Wertsteigerung von Immobilien haben ältere Teilen der Bevölkerung. Zudem nimmt der Anteil derer, die die Aussage für vollständig oder eher zutreffend halten, mit dem Alter zu. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass ältere Generationen im Laufe der Zeit Wertsteigerungen im Immobiliensektor erleben konnten.

Worauf sollten Banken und Sparkassen angesichts der Niedrigzinsphase in Beratungsgesprächen und bei der Aufklärung über Geldanlagen besonderen Wert legen?

Für Geldanleger ist die aktuelle Niedrigzinssituation eine sehr schwierige Zeit, daran kann auch der beste Bankberater nichts ändern. Aber dem deutschen Sparer wurde über Jahrzehnte erzählt, dass er sein Geld nur festverzinslich bei der Bank beziehungsweise Sparkasse oder in der Lebensversicherung anlegen muss, damit die Welt in Ordnung ist. Nun aber sollen Anleger plötzlich in den Kapitalmarkt investieren, um höhere Renditen zu erwirtschaften. Die deutsche Sparkultur genauso wie die US-amerikanische Kapitalmarkt-Kultur haben sich langfristig entwickelt. Daher liegen bei den Deutschen derzeit große Volumina auf den sehr niedrig verzinsten Tagesgeldkonten. Wichtig ist, dass die Institute die Idee der Risikostreuung besser kommunizieren und im Tagesgeschäft verankern. Dazu gehört eben auch eine Beteiligung am Aktienmarkt. Banken müssen systematisch informieren, differenziert nach Anlageprodukten, Einkommensklassen und Bildungsgraden.

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