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26.03.2020 | Anlageberatung | Interview | Onlineartikel

"Nachhaltige Geldanlagen werden sich etablieren"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
5 Min. Lesedauer
Interviewt wurden:
Christoph Betz

ist Partner bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Financial Services.

Thilo Kasprowicz

ist Partner der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Financial Services.

Dr. Sebastian Rick

ist Senior Manager im Bereich Financial Services der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Frankfurt.

Für die Finanzindustrie sind die Nachhaltigkeitstaxonomie der EU, ein Aktionsplan der europäischen Bankenaufsicht EBA sowie das Merkblatt der Bafin zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken wegweisend, sagen Christoph Betz, Thilo Kasprowicz und Sebastian Rick im Interview. 

springerprofessional.de: Das Forum Nachhaltige Geldanlagen sagt, dass nur 4,5 Prozent aller Fonds und Mandate in Deutschland konkrete ESG-Kriterien verfolgen. Offensichtlich klaffen Theorie und Praxis auseinander. Warum?

Christoph Betz: Traditionell standen bei der Geldanlage Ertrags- und Risikogesichtspunkte im Fokus. Nachhaltigkeitsaspekte hingegen waren lediglich ein Nischenthema. Vor allem aufgrund der immer offensichtlicher werdenden Folgen des Klimawandels und finanzieller Auswirkungen unlauterer Unternehmensführung wie zum Beispiel dem Dieselskandal machen sich Investoren jedoch mittlerweile vermehrt Gedanken über sowohl Nachhaltigkeitsrisiken ihrer Geldanlage als auch deren Auswirkung auf Umwelt und Gesellschaft. Studien deuten zudem an, dass die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei der Kapitalanlage Überrenditen ermöglichen können. Gleichzeitig wird mit politisch-regulatorischen Initiativen Transparenz über die Nachhaltigkeit von Geldanlagen geschaffen und die Befassung mit Nachhaltigkeitsrisiken etabliert. Diese Initiativen werden unseres Erachtens dazu führen, dass sich das bereits heute hohe Wachstum im Marktsegment fortsetzen wird und sich nachhaltige Geldanlagen zunehmend etablieren.

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Die Nachhaltigkeitstaxonomie der Europäischen Union

Um nachhaltiges Wirtschaften und vor allem dessen Bewertbarkeit und Vergleichbarkeit zu fördern, wird die Europäische Union (EU) mehr Systematik in diesen Bereich bringen und im Hinblick auf Green Financing mehr Standards setzen. Dazu entwirft die EU mit ihrer sogenannten Taxonomie ein umfassendes Regelwerk für klimabezogene, umwelt- und sozialpolitisch nachhaltige Tätigkeiten.

Sie sagen, die Vorstöße der EU und der deutschen Bankenaufsicht bringen mehr Klarheit unter anderem für Institute, Versicherungsunternehmen und Kapitelverwaltungsgesellschaften – mit Auswirkungen auf die Geschäfts- und Risikostrategie, die Zusammensetzung des Kunden- und Anlageportfolios bis hin zu Prozessen in Vertrieb, Refinanzierung, Risikosteuerung, Produktentwicklung und Berichterstattung. Mit welchem Analyse- und Implementierungsaufwand müssen Finanzinstitute rechnen und wie weit sind diese in der Umsetzung?

Thilo Kasprowicz: Das Besondere an der aufkommenden Regulierung zum Thema Nachhaltigkeit ist, dass sie auf fast alle Bereiche der Betroffenen wirkt. Ergo erscheint es nicht sinnvoll, eine eigenständige Organisationsstruktur zu schaffen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt, sondern es ist wesentlich, für alle Bereiche der Organisation zu analysieren, an welcher Stelle und in welchem Umfang Implementierungsaufwand durch die Anpassung von Prozessen zum Beispiel bei Kreditvergabe und Geldanlage entsteht. 

Können Sie das konkretisieren?

Thilo Kasprowicz: Es zeichnet sich ab, dass der Implementierungsaufwand im Bereich Datenmanagement und IT signifikant ist, da viele zusätzlichen Informationen über Nachhaltigkeitsaspekte bei Produkten oder Geschäftspartnern zusammengetragen und gespeichert werden müssen, die in weiteren Systemen und Prozessen wie dem Risikomanagement und -controlling verarbeitet und zur Berichterstattung benötigt werden. Da die Betroffenen im Sinne der Regulierung ein genuines Interesse auf Berücksichtigung aller relevanten Risiken im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit haben, berücksichtigen sie aufkommende Risiken, wie beispielsweise Nachhaltigkeitsrisiken, stets vorausschauend und bereits ohne eine detailliert vorgegebene regulatorische Pflicht. Sie stehen in Umsetzung der entsprechenden Regulierung jedoch noch am Anfang.

Ihrer Auffassung nach werden dem Bafin-Merkblatt prüfungsrelevante Vorgaben aus Brüssel für Banken folgen. So plant die EBA einen Stresstest für Banken in Bezug auf klimabezogene Risiken. Ähnliche Vorstöße gibt es seitens der EIOPA für Versicherungsunternehmen. Womit rechnen sie kurz- und mittelfristig?

Sebastian Rick: Das Bafin-Merkblatt ist sicherlich wegweisend. Neben den Vorstößen der EBA und EIOPA war eine zunehmende Fokussierung aber auch der EZB auf den Status des Nachhaltigkeitsrisikomanagements in Banken wahrnehmbar. Mehrere große europäische Banken haben in den letzten Wochen mit den Joint Supervisory Teams (JSTs) der EZB eingehende Diskussionen über die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Kreditvergabe- oder Anlagepolitik und die Risikotragfähigkeit geführt. Zusammengenommen sind diese Initiativen ein klares Zeichen dafür, dass die europäischen Aufsichtsbehörden Nachhaltigkeit nicht mehr als Nischenthema betrachten, sondern als ein Thema, das ein angemessenes Risikomanagement und -controlling erfordert. 

Wie gut ist die Finanzbranche darauf eingestellt?

Sebastian Rick: Die entsprechende Implementierung wird der Finanzbranche gelingen, sofern Aufsichtsbehörden zunächst ein niedriges Daten- und Methodenniveau gerade bei Geschäftsmodellen zulassen, die weniger stark von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen sind und den Augenmerk auf qualitative Steuerungsmaßnahmen sowie eine langfristige Entwicklung der Risikomanagementmethoden legen.

Der Wunsch nach einer europaweiten Vergleichsgrundlage ist vor allem bei institutionellen Anlegern hoch. Nun heißt es in aktuellen Studien, dass die Entwicklungen in Sachen Nachhaltigkeit nicht unbedingt bei den Menschen ankommt. ESG-Produkte sind beispielsweise für viele Privatanleger keine Option im Depot. Können Sie das bestätigen? Was können Banken tun, um klar zu machen, dass Nachhaltigkeit zur neuen Norm wird?

Christoph Betz: ESG- beziehungsweise nachhaltige Produkte fristen in der Tat trotz der hohen Wachstumsraten noch ein Nischendasein. Zum einen ist das Wissen über die Möglichkeiten und Formen nachhaltiger Geldanlagen insbesondere bei Privatanlegern noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Häufig herrscht hier der Eindruck, dass ein entsprechendes Investment nur mittels zum Beispiel Solaraktien oder spezieller und teurer Fonds möglich sei. Über die Pflicht zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlageberatung sowie Transparenz über Nachhaltigkeitseigenschaften in der Produktdokumentation soll dem entgegengewirkt werden. Zum anderen stehen Investoren, die nachhaltig investieren möchten, vor der Frage, wie nachhaltig ein Produkt denn nun tatsächlich ist. Hier mangelt es derzeit an Standards und Transparenz, was zu Unsicherheit und resultierender Zurückhaltung führt. Die Nachhaltigkeitstaxonomie und Offenlegungsverordnung sollen hier Abhilfe schaffen.

Mit welchen Veränderungen und neuen Produkten in der Finanzwirtschaft rechnen Sie auf lange Sicht?

Christoph Betz: Auf der Produktseite gehen wir mittelfristig davon aus, dass nachhaltige Finanzprodukte in fast allen Produktbereichen angeboten werden. Neben den klassischen Green Bonds und ESG-Fonds werden dies dezidierte grüne Kredite, zum Beispiel auch für E-Autos, aber auch grüne Einlagen und strukturierte Produkte sein. Bei den Anlageprodukten ist zu erwarten, dass sich der Markt in zwei Segmente teilen wird: wirklich nachhaltige Produkte und solche mit Nachhaltigkeitsmerkmalen. Auf der Fondsseite werden eine Vielzahl der derzeitigen ESG-Fonds ohne Anpassung nicht mehr als nachhaltig gelten, woraus sich für Asset Manager Herausforderungen aber auch Vertriebschancen ergeben. Im Firmenkundengeschäft sehen wir bereits heute erste ESG-Risiko-Absicherungsprodukte, ein Segment mit großem Geschäftspotential.

Welche allgemeinen Tendenzen stellen Sie fest?

Christoph Betz: Übergreifend entsteht durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken und ESG-Auswirkungen in Kredit- und Investmententscheidungen eine Lenkungswirkung auf die Kapitalströme. Unternehmen, Banken, Asset Manager und Versicherer, die hohe Nachhaltigkeitsrisiken aufweisen oder stark in nicht nachhaltigen Geschäftsfeldern aktiv sind, werden sich der Frage stellen müssen, wie sie Ihr Geschäft weiter finanzieren werden.

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