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06.06.2014 | Anpassungsstrategien | Interview | Onlineartikel

Klimaanpassung fordert Mut zur Entscheidung

Autor:
Matthias Schwincke

Klimaanpassung in die Regionen tragen. Das war ein Ziel des Großforschungsprojekts KLIMZUG. Über dessen Erfolge und Hindernisse sprach "Springer für Professionals" mit Andreas Lieberum, Geschäftsführer von ecolo, Agentur für Ökologie und Kommunikation.

Springer für Professionals: Sie waren von 2009 bis 2013 Geschäftsführer des KLIMZUG-Projekts nordwest2050. Worum ging es beim Forschungsvorhaben KLIMZUG?

Andreas Lieberum: Die in 2008 verabschiedete "Deutsche Anpassungsstrategie" zeigt, dass die Anpassung an die Folgen des Klimawandels auch regionales Denken und Handeln erfordert. Mit dem Förderprogramm KLIMZUG ("Klimawandel in Regionen zukunftsfähig gestalten") wurde in sieben Modellregionen vom Bundesforschungsministerium dafür der finanzielle Rahmen geschaffen. Das Kernziel war dabei, die Anpassungskompetenz in Deutschland insgesamt zu steigern und gleichzeitig für unterschiedliche Räume angemessene Strategien zu entwickeln. Auf diese Weise sollte bei den gesellschaftlichen Akteuren ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Anpassung initiiert und verankert werden.

Welche konkreten Fragestellungen standen dabei im Mittelpunkt?

Zum einen sollte der Frage nachgegangen werden, wie die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen auch unter den Bedingungen des Klimawandels erhalten werden kann. Zum anderen sollten Strukturen zur Erprobung von konkreten Klimaanpassungsmaßnahmen genutzt und geschaffen werden, um dann deren Übertragbarkeit für weitere Regionen zu analysieren.

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Welche wichtigen Ergebnisse hat KLIMZUG in der Gesamtsicht geliefert?

Zunächst ist eine Erkenntnis wichtig: Klimaanpassung ist nur dann vermittelbar, wenn sie eng mit dem Handlungskomplex Klimaschutz verzahnt wird. Das war bei KLIMZUG zu Beginn vor allem wegen der notwendigen Abgrenzung zur Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums nicht gewollt, war aber im praktischen Tun notwendig, auch um Zielgruppen zu erreichen.
Zudem haben sich die für alle KLIMZUG-Verbünde gebildeten inter- und transdisziplinären Projektteams bewährt. Eine ausschließlich naturwissenschaftliche Betrachtung greift nämlich definitiv zu kurz. Die Rolle der Sozialwissenschaften ist zentral, wenn man Veränderungsprozesse in einer Gesellschaft anstoßen möchte. So ist es z.B. gelungen, aus der Klimaanpassungsdiskussion heraus auch neue methodische Ansätze zu entwickeln, wie das Konzept der Resilienz.

Wie können diese Erkenntnisse künftig in Politik und Verwaltung einfließen?

Neben vielen Veröffentlichungen in allen KLIMZUG-Projekten konnte das Thema Klimaanpassung stellenweise auch personell und konzeptionell in regionalen politisch-administrativen Systemen verankert werden. So wurden z.B. bei KLIMZUG-Nordhessen sogenannte Klimaanpassungsbeauftragte in der Verwaltung nach Ablauf des Projektes fest angestellt, um dieses Thema weiter auch quer zu den einzelnen Fachressorts zu koordinieren. In einigen Regionen sind die Ergebnisse in regionale und länderspezifische Klimaanpassungsstrategien eingeflossen, wie z.B. in Niedersachsen.

Welche Hindernisse sind nach Ihrer Einschätzung im Bereich Klimaanpassung noch zu überwinden?

Klimaanpassung ist und bleibt eine auf Langfristigkeit angelegte Strategie, die leider nicht in die Handlungszeiträume von Politik und Wirtschaft passt. Entscheidungen sind hier vorwiegend auf schnellen Erfolg ausgerichtet und funktionieren nach dem Prinzip "Jetzt für Jetzt". Dagegen braucht eine auf die nächsten Jahrzehnte ausgerichtete Anpassungspolitik den Mut, heute eine Entscheidung zu fällen, deren Wirkung erstens in der weiteren Zukunft liegt und zweitens seine Wirkung für andere Menschen als den ursprünglichen Entscheidungsträger entfaltet.

Inwiefern lassen sich diese Hürden überwinden?

Dieses grundlegende Dilemma kann wohl nur überwunden werden, wenn es gelingt, eine Art Klimaverträglichkeitsprüfung als Planungsinstrument zu verankern. Diese muss in zwei Richtungen funktionieren:

  • Erstens sollte jede Entscheidung daraufhin überprüft werden, welche Folgen sie für die Verstärkung des Klimawandels hat (z.B. die Emissionsbelastung durch CO2). Dabei sollte die Analyse entlang des gesamten Lebenszyklus erfolgen und die Tragfähigkeit des technischen, gesellschaftlichen und ökologischen Systems berücksichtigt werden.
  • Zweitens sollte geprüft werden, ob eine Maßnahme auch unter Störereignissen bzw. sich verändernden Klimaparametern funktioniert. Dabei spielt vor allem der Erhalt der Funktionalität über die Nutzungsdauer und eine Orientierung an den Spannbreiten der sich ändernden Klimaparameter eine Rolle.

Wie lautet Ihr Kurzfazit in Sachen KLIMZUG?

Obwohl noch nicht alle Projekte beendet sind, denke ich, dass das Thema Klimaanpassung durch KLIMZUG und auch weitere Anpassungsprojekte in der Gesellschaft angekommen ist. In allen Projekten wurden konkrete Anpassungsmaßnahmen angestoßen und umgesetzt. Leider war es im Rahmen des Gesamtvorhabens nicht vorgesehen, die über die Teilprojekte gemachten Erfahrungen und Kompetenzen im Rahmen einer quer zu den vielen Anpassungsaktivitäten liegenden Evaluation auszuwerten. Hierzu gäbe es noch interessante und methodisch neuartige Ansätze, die es wert wären, angewendet zu werden.

Das Interview führte Matthias Schwincke, freier Autor.

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