Zum Inhalt

Antisemitismus in der politischen Linken

Einfallstore und Manifestationen

  • 2026
  • Buch

Über dieses Buch

Das Essential bietet Einblicke in Geschichte, Theorie und Ausprägungen linker Juden- und Israelfeindschaft bzw. linken Antisemitismus. Es schlägt dabei den Bogen von den Klassikern, über die realsozialistischen Staaten und die Neue Linke bis hin zu problematischen Tendenzen in Poststrukturalismus, Postkolonialismus und der Intersektionalität und bietet so einen Erklärungsansatz für die Israel dämonisierenden Narrative in Teilen der zeitgenössischen radikalen Linken.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. 1. Einleitung

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Antisemitismus bzw. Antijudaismus in Teilen der äußerst heterogen aufgestellten politischen Linken gibt es, solange es eine politische Linke gibt. Auch unterscheidet er sich in seinen Grundstrukturen nicht von dem in anderen politischen Zusammenhängen auftretenden (Arnold 2016, S. 25). Allerdings spielen sowohl das Narrativ vom jüdischen Bolschewismus keine sowie der biologistisch aufgeladene Rassenantisemitismus kaum eine Rolle. Gemein mit anderen politischen Protagonist:innen ist vielen Akteur:innen im äußerst heterogenen linken bzw. linksradikalen Spektrum jedoch, dass Antisemitismus ausschließlich beim politischen Gegenüber verortet wird, während man ihn im eigenen Lager nicht sehen will oder verharmlost (Rabinovici und Sznaider 2019, S. 21). Die ebenfalls anzutreffende innerlinke Thematisierung dieses Antisemitismus seit den 1960er Jahren (Ionescu 2020, S. 62 f.) verweist zugleich auf dessen über Dekaden bedeutende Präsenz.
  3. 2. Dogmatischer Marxismus-Leninismus

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Antisemitismus wohnte dem Marxismus-Leninismus nie konstituierend inne, anders als etwa dem Nationalsozialismus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in der weitverzweigten Geschichte der sozialistischen Bewegung nicht zu verbalen judenfeindlichen und antisemitischen Entgleisungen, diesbezüglichen Repressionen oder auch mörderischen Manifestationen gekommen ist. Schon Karl Marx – obwohl selbst in eine Rabbinerfamilie hineingeboren und deshalb antisemitischen Tiraden ausgesetzt – pflegte politische Gegner und Zeitgenossen mit judenfeindlichen Stereotypen zu belegen, so etwa den Mitinitiator und Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), Ferdinand Lassalle. Diesen beschimpfte er in einem Brief an Friedrich Engels aus dem Sommer 1862 als „jüdischen Nigger“, da dieser ihm kein Geld leihen wolle, um ihm aus einer finanziellen Bredouille zu helfen (Hund 2018). Marx 1843 verfasste Schrift Zur Judenfrage hat in Anlehnung an die Junghegelianer zwar zum Ziel, die Emanzipation von jeglicher Religion zu befördern, also auch diejenige vom Judentum, nutzt in der Begründung jedoch deutlich antisemitische Tropen, wenn er den Eigennutz als den weltlichen Grund, den Schacher als den weltlichen Kultus und das Geld als den weltlichen Gott des Judentums bezeichnet (Marx 1976, S. 372). Sein Eintreten für die Emanzipation sowie die Teilnahme an Demonstrationen für die Gleichberechtigung von Jüdinnen:Juden stellt dazu keinen Widerspruch dar, sondern liegt genau im Trend der Zeit: Seit der Aufklärung gab es für Jüdinnen:Juden die Möglichkeit sich zu emanzipieren und Staatsbürger:innen zu werden, aber eben nicht als Juden. Der gute Jude war der Un-Jude (Rabinovici und Sznaider 2019, S. 15).
  4. 3. Poststrukturalismus

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Der Poststrukturalismus ist eine grundsätzlich nicht einheitliche philosophische Denkrichtung, die sich gegen Mitte der 1960er Jahre in Frankreich ausprägte. Wie der Name sagt, schließt er kritisch an den Strukturalismus (besonders an die strukturale Linguistik von Ferdinand de Saussure) an. Dieser Literaturtheorie zufolge bestehen Zeichen aus einer Einheit von Signifikant und Signifikat, also von Lautbild und dazugehöriger Vorstellung. Der eigentliche Sinn dieses Zeichens – dessen Bedeutung – ergibt sich erst aus der Differenz zu anderen Zeichen, mit denen es in einem Zeichengewebe relational verbunden ist und interagiert (Münkler und Roesler 2012, S. 3–5).
  5. 4. Postkolonialismus

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Die postcolonial studies sind nicht per se antisemitisch. Zu vielgestaltig sind ihre Ansätze und Bezugspunkte, Wissenschaftsfelder und Formen der Äußerungen. Der mit ihnen grundsätzlich verbundene Versuch, „die koloniale Beschaffenheit von Geopolitik und Sprache, Gesellschaft und Wissensproduktion zu erforschen“ ist wichtig und notwendig. Die Kolonialgeschichte als eine der dunkelsten Seiten europäischer Historie hatte lange Zeit nicht genug Beachtung erfahren.
  6. 5. Intersektionalität

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Die Intersektionalität ist eine Weiterentwicklung der triple-oppression-theory bzw. der race-class-gender-analysis, die ab den 1970er Jahren einen wichtigen Grundpfeiler der radikalen Linken darstellten und ihre Ursprünge in der Frauenbewegung, im Kampf für die Gleichstellung von PoCs sowie der marxistischen Theorie zugleich hatten. Sie weisen darauf hin, dass Menschen nicht nur aufgrund einer Kategorisierung unter Unterdrückungsmechanismen leiden können, sondern aufgrund verschiedener. Beispielsweise ist eine Schwarze Arbeiterin mitunter einer dreifachen Diskriminierung ausgesetzt: als Teil der Arbeiterklasse, als Person of Color sowie als Frau (vgl. Carr 2010). Verschiedene Herrschafts-, Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen als miteinander verbunden zu betrachten und nicht mehr isoliert, stellt das Grundanliegen der Intersektionalität dar, die heute um mannigfache Themenfelder angereichert ist: Auch Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung, Ablehnung aufgrund von bestimmten Religionszugehörigkeiten oder der Zugehörigkeit zur LGBTQI+ -Community u. a. werden heute mitgedacht (Stögner 2022).
  7. 6. Islamist:innen als neue revolutionäre Subjekte?

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Genauso wie Israel bzw. die Jüdinnen:Juden als personifizierter Kapitalismus wahrgenommen werden, dient die Kufiya als Symbol für den Widerstand dagegen, wie zuvor nur das ikonische Konterfei von Ché Guevara oder die Proteste gegen den Vietnamkrieg in den 1960er Jahren, in deren Tradition und Nachfolge sich viele der Demonstrierenden an westlichen Universitäten sehen. Sie ist so sehr mit revolutionärem Pathos bzw. Revolutionsromantik aufgeladen, dass Banner mit allgemeinen Forderungen auf der Revolutionären 1. Mai-Demo in Berlin inzwischen im Design des sogenannten Pali-Tuchs gehalten sind. Dies deutet die ideologische Verzahnung von Nahostkonflikt sowie angestrebtem erdumspannenden Umsturz der herrschenden Verhältnisse an. Die Palästinenserflagge ist wohl die einzige Nationalflagge, die auf Demonstrationen der Nationalstaaten grundsätzlich ablehnenden radikalen Linken weht. Die gegen Israel gerichtete Intifada wird zum allgemeinen Fanal für die globale Revolution zum Sturz der kapitalistischen westlichen Weltordnung. Nicht nur einige Trotzkist:innen fordern, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund zum Generalstreik aufrufen und sich einer globalen Intifada anschließen möge, der dann ein sozialistisches Palästina folgt. Andere rufen zu einem von Hunderten von Millionen Proletarier:innen und Unterdrückten zu erkämpfenden Palästina als Teil eines Bündnisses von Arbeiterrepubliken auf, einer „Sozialistischen Föderation des Nahen Ostens“, als Markstein einer globalen klassenlosen Gesellschaft. Der Schlachtruf „There is only one solution, Intifada Revolution“ dient als dazugehöriges ideologisches Bekenntnis. Der Kampf gegen Israel stellt „die vorderste Front einer globalen Befreiungsbewegung“ dar und die „Palästinenser:innen dienen als Projektionsfläche für die eigenen Revolutionsfantasien“ (Suder und Butt 2024, S. 41).
  8. 7. Fazit

    Andreas Neumann
    Zusammenfassung
    Genauso wie in einigen Teilen der politischen Rechten mit der Rede von den „Globalisten“ sowie anderen Narrativen gegen Jüdinnen:Juden gerichtete Verschwörungstheorien verbreitet werden, existiert auch in Teilen der politischen Linken ein Antisemitismus zur umfassenden Welterklärung. Extreme Ausprägungen philosophischer Strömungen, wie die eng miteinander verwobenen Poststrukturalismus und Postkolonialismus, verleihen Halbwahrheiten und Falschdarstellungen intellektuelle Rückendeckung sowie eine scheinbar wissenschaftliche Grundlage. Dies, in Verbindung mit einem bei vielen Aktivist:innen anzutreffenden Mangel an Wissen zum Nahostkonflikt, dient der moralischen Skandalisierung und Instrumentalisierung. Ziele und Methoden islamistischer Akteure wie der Hamas finden dabei kaum bis keinen Eingang in die Argumentation. Dabei sind die postmodernen Ideen in Zusammenhang mit Israel schlichte Wiedergänger des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus. Dichotome Freund-Feindkonstruktionen, die die Welt in Gut und Böse einteilen, leben in ihnen genauso fort wie eine verkürzte Kapitalismuskritik, die die Narrative des modernen Antisemitismus nutzt, den Kapitalismus jetzt aber mit Israel identifiziert. Teilen der radikalen Linken dient Israel bzw. der Zionismus als Chiffre für die westlich-liberale Welt und all der ihr zu Last gelegten Verfehlungen. Im Nahostkonflikt spitzt sich die explizite Klassenauseinandersetzung zu, die ansonsten nur abstrakt wahrgenommen wird – mit der Intifada als Fanal einer proletarischen Weltrevolution. Israelische Jüdinnen:Juden werden aufgrund antisemitischer Deutungsmuster als ideelle Exponenten der kapitalistischen Sphäre angesehen und oft als deren schlimmste Auswüchse – namentlich als Faschist:innen – verunglimpft. Bestimmte Teile der radikalen Linken gehen dazu Bündnisse mit islamistischen Akteur:innen ein, die ihren Werten ansonsten diametral entgegenstehen, mit denen sie bestimmte Feindbilder jedoch teilen, wie die mit dem Kapitalismus verknüpfte westliche Moderne. Der unter Islamist:innen weit verbreitete Antisemitismus (Kiefer 2025, S. 17) wird dabei in Kauf genommen oder geteilt. Dabei übernehmen sie auch Topoi des muslimischen Antisemitismus („Kindermörder Israel“), die wiederum Zerrbilder des christlichen Antijudaismus bzw. des modernen Antisemitismus sind. Sie machen sich zum Erfüllungsgehilfen reaktionärster islamistischer Theokraten oder instrumentalisieren diese. Das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung hat dabei oft nur einen nachgeordneten emotional-instrumentellen, einen rein symbolischen Charakter.
  9. Backmatter

Titel
Antisemitismus in der politischen Linken
Verfasst von
Andreas Neumann
Copyright-Jahr
2026
Electronic ISBN
978-3-658-50872-2
Print ISBN
978-3-658-50871-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-50872-2

Die PDF-Dateien dieses Buches wurden gemäß dem PDF/UA-1-Standard erstellt, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Dazu gehören Bildschirmlesegeräte, beschriebene nicht-textuelle Inhalte (Bilder, Grafiken), Lesezeichen für eine einfache Navigation, tastaturfreundliche Links und Formulare sowie durchsuchbarer und auswählbarer Text. Wir sind uns der Bedeutung von Barrierefreiheit bewusst und freuen uns über Anfragen zur Barrierefreiheit unserer Produkte. Bei Fragen oder Bedarf an Barrierefreiheit kontaktieren Sie uns bitte unter accessibilitysupport@springernature.com.