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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen

Zusammenfassung
Wenn sich die Soziologie mit „Grenzen“ beschäftigt, dann geht es meist nicht nur um natürliche Grenzen wie geografische Hindernisse oder körperliche Belastungslimits, sondern stets auch um Grenzen als Resultat menschlichen Handelns, um Grenzen als soziales Konstrukt. Bei den „Klassikern“ der Soziologie finden sich zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung von Grenzen und auf deren unterschiedliche Erscheinungsformen. Sie sind demnach nicht nur als räumliche, nationalstaatliche, institutionelle oder organisationale Trennungen anzutreffen, sondern auch auf der Ebene der Subjekte: In seiner „Soziologie des Raums“ (1903) problematisiert z.B. Simmel – unter Rekurs auf Kant – den Wegfall räumlicher Grenzen als Hemmnis für soziale Bindungen und sieht „seelische Begrenzungsprozesse“ (1983: 228) als zentrale Bedingung für die Stabilisierung der Subjekte.
Kerstin Jürgens

2. Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren

Leistungen und Desiderate der Arbeits-und Industriesoziologie
Zusammenfassung
Seit den späten 1990er Jahren entdeckt die Arbeits-und Industriesoziologie das außerbetriebliche Leben. Hintergrund dieser Entwicklung sind veränderte Rationalisierungsprinzipien auf der Ebene von Wirtschaftsmärkten und Unternehmen, die seit Mitte der 1980er Jahre weitreichende Umstellungen in der Arbeitsorganisation nach sich ziehen. Flexibilisierung, Deregulierung, Dezentralisierung und Vermarktlichung bringen neue Anforderungen für abhängig Beschäftigte mit sich, die bisherige, für industriekapitalistische Gesellschaften kennzeichnende Grenzziehungen zwischen Erwerbsarbeit und privater Lebenswelt zu durchdringen scheinen. Während Personalabteilungen von Unternehmen die Ausschöpfung bislang nicht erwerbsvermittelter Fähigkeiten und Potenziale als Vorteil auch für die Beschäftigten ausweisen, identifiziert die arbeitssoziologische Forschung hierin eine Ursache für wachsenden Leistungsdruck und Belastung.
Kerstin Jürgens

3. Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“

Konzeptionelle Perspektiverweiterungen an disziplinären Schnittstellen
Zusammenfassung
Das Verhältnis von „Arbeit und Leben“ zählt zu den Gebieten soziologischer Forschung, die über den wissenschaftlichen Diskurs hinausgehend kontinuierlich gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit erfahren. Demografische Entwicklung, Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt, Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oder veränderte Anforderungen in Intensität und Dauer des Einsatzes von Arbeitskraft sind nur einige Aspekte, die das Thema wiederholt auf die Agenda rücken. Der Rekurs auf Traditionslinien und aktuelles Selbstverständnis der Arbeits-und Industriesoziologie hat jedoch zeigen können, dass auch solche Forschungsarbeiten, die sich in der Analyse von Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen explizit auf industriesoziologische Fragestellungen und Forschungsfelder beziehen (z.B. Becker-Schmidt u.a. 1982, 1983; Brock/Vetter 1982a, 1984), in Überblicksartikeln nicht bzw. nur randständig rezipiert werden. Zum einen liegt dies in einer weitgehenden Reduzierung von Arbeitssoziologie auf die Erforschung von Erwerbsarbeit begründet, die sich – wie das vorangegangene Kapitel zeigen konnte – bis in die jüngsten Debatten der Teildisziplin fortsetzt. Zum anderen ist dies aber nicht zuletzt der Besonderheit des Themas geschuldet: Untersuchungen über das strukturelle Verhältnis von Lebensbereichen oder individuelle Formen der Verarbeitung von Anforderungen aus unterschiedlichen Sphären lassen sich weder in Deutschland noch in anderen Ländern eindeutig einer wissenschaftlichen Disziplin zuordnen. Das Thema entzieht sich nicht nur den innerhalb der einzelnen Wissenschaften etablierten Arbeitsteilungen, sondern verlangt darüber hinaus nach einer interdisziplinär angelegten Perspektive, in der neben soziologischen Forschungsergebnissen auch Erkenntnisse etwa der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Demografie-oder der interdisziplinären Geschlechterforschung zu berücksichtigen sind.
Kerstin Jürgens

4. Reproduktion von Arbeits-und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung

Zusammenfassung
Der nachhaltige Umgang mit Arbeitskraft ist eine für den Einzelnen existenzielle Herausforderung. Während Unternehmen – je nach Arbeitsmarktsituation und notwendigen Qualifikationsprofilen von Beschäftigten – den Verschleiß von Arbeitskraft durch Personalwechsel kompensieren können, ist die physische und psychische Leistungsfähigkeit der Person eine exklusive Ressource, deren Schädigung zu massiven Einkommensverlusten, materieller Not sowie sozialer Desintegration führen kann. Da die Teilhabe an Erwerbsarbeit in Arbeitsgesellschaften nach wie vor als zentraler Faktor sozialer Integration wirkt, beeinträchtigen jegliche Einschränkungen des Arbeitsvermögens den sozialen Status von Individuen.
Kerstin Jürgens

5. Rück-und Ausblick

Zusammenfassung
Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung war die Frage nach Wechselwirkungen zwischen Arbeits-und Lebensbereichen sowie der Platzierung dieses Themas in der soziologischen Forschung. Da der Entwicklung von Arbeit in der Arbeits-und Industriesoziologie ein vergleichsweise prominenter Stellenwert eingeräumt wird, begann die Analyse daher zunächst mit einem Rekurs auf Selbstverständnis und Forschungsperspektiven der Teildisziplin seit der Nachkriegszeit (2.). Hier galt zu erkunden, ob und welche theoretischen und empirischen Ansätze zur Ergründung von Wechselwirkungen vorliegen; der Arbeitsbegriff ließ sich auf seine Reichweite hin prüfen. Reproduktion erwies sich dabei als vernachlässigte Kategorie. Sie wird in Überblicksartikeln nicht als Forschungsgegenstand der Teildisziplin ausgewiesen und – jenseits der Frauenarbeitsforschung – empirisch lediglich als Randaspekt von Erwerbsarbeit untersucht. Dezidiertere Analysen zu den reproduktiven Voraussetzungen von Erwerbsarbeit haben die arbeits-und industriesoziologische Forschung der 1970er und 80er Jahre geprägt, als im Zusammenhang mit der Untersuchung von Arbeiter-und Arbeitsbewusstsein das außerbetriebliche Leben zumindest partiell in Konzepte und Forschungsdesign einbezogen wurde. Diese Studien gerieten jedoch in den nachfolgenden Jahren offenkundig in Vergessenheit und werden heute kaum noch rezipiert oder für aktuelle empirische Vorhaben aufgegriffen. Forschung zu Arbeitstätigkeiten jenseits der Erwerbssphäre hat de facto stattgefunden, blieb aber stets ein vergleichsweise vernachlässigtes Terrain.
Kerstin Jürgens

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