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Über dieses Buch

Der rituelle monatliche Blick auf die Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg verdeut­ licht: Was auf dem Arbeitsmarkt geschieht, ist in der Wahrnehmung der Öffent­ lichkeit für die gesamte Gesellschaft wie für individuelle Schicksale gleicher­ maßen von herausragender Bedeutung. Aber nicht nur krisenhafte Phänomene wie die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, sondern auch epochale Veränderungen wie die stark angestiegene Frauenerwerbstätigkeit verweisen auf die zentrale Stellung des Arbeitsmarktes, wenn die Sozialstruktur moderner Gesellschaften beschrieben und erklärt werden soll. Der Arbeitsmarkt ist kein gewöhnlicher Markt und kann es wegen der Besonderheiten der Austauschverhältnisse auch nicht sein. Mit dem vorliegenden Lehrbuch wird versucht, diese zentrale Er­ kenntnis, die durch soziologische wie ökonomische Forschungsarbeiten bestä­ tigt wird, zu begründen und zu diskutieren. Arbeitsmarktsoziologie ist dabei keine weitere Bindestrichsoziologie. Es geht vielmehr um ein interdisziplinäres Projekt, bei dem sich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gegenseitig ergän­ zen können. Die Herausgeber bedanken sich sehr herzlich bei allen Autorinnen und Auto­ ren, die an diesem Vorhaben mitgewirkt haben, für ihre Beiträge und die kon­ struktiven Auseinandersetzungen. Geholfen haben Kathrin Dressei, die auf Ver­ ständlichkeit geachtet hat, sowie Jochen Groß, Eleonore Dumitru und Simone Wagner, die die Schlusskorrektur übernahmen und Silvia Melzer, die das Stich­ wortregister erstellte. Unser besonderer Dank gilt Sonja Pointner, die uns über die gesamte Produktionszeit unermüdlich unterstützt hat. Neben den Korrektur­ und Formatierungsarbeiten hat sie das Glossar erstellt und damit die Verwen­ dung als Lehrbuch erleichtert. Bern und Konstanz, August 2005 Martin Abraham und Thomas Hinz 1.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Wozu Arbeitsmarktsoziologie?

Zusammenfassung
Betrachtet man die Entwicklung moderner Gesellschaften, so hat sich insbesondere Ende des 19. und im Laufe des 20. Jahrhunderts die Art und Weise, wie Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, drastisch geändert. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren ca. ein Drittel der Erwerbstätigen beruflich Selbstständige, die im Rahmen eines eigenen — meist sehr kleinen — Betriebs oder durch Ausübung eines Gewerbes auf eigene Rechnung ihr Haushaltseinkommen sicherten. Dieser Anteil fiel vor allem im 20. Jahrhundert deutlich und liegt heute in Deutschland bei etwa zehn Prozent, während ca. 90 Prozent aller Erwerbstätigen einer abhängigen Beschäftigung für einen Arbeitgeber nachgehen. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig und hängen eng mit der Differenzierung moderner Gesellschaften in Teilsysteme, mit Prozessen der Arbeitsteilung und der Ausbildung des Wohlfahrtsstaates zusammen.
Martin Abraham, Thomas Hinz

2. Theorien des Arbeitsmarktes: Ein Überblick

Zusammenfassung
Die Arbeitsmarktforschung wird vor allem von zwei Disziplinen betrieben: der Ökonomik und der Soziologie. Für die Ökonomik stellt der Arbeitsmarkt neben dem Güter- und dem Geldmarkt einen von drei abstrakten Teilmärkten eines Wirtschaftssystems dar. Die Funktionsweise dieser drei Teilmärkte wird grundsätzlich als identisch betrachtet und kann daher im Rahmen eines integrierten theoretischen Modells analysiert werden. In der Regel zielen ökonomische Analysen auf die Erklärung von Makrozuständen des Arbeitsmarktes, wie beispielsweise die Entstehung von Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft. Die offensichtliche Abweichung der Arbeitsmarktwirklichkeit von den reinen theoretischen Modellen führte zu verschiedenen Weiterentwicklungen, etwa bei der Berücksichtigung von asymmetrischen Informationen der Akteure.
Thomas Hinz, Martin Abraham

3. Eintritt in den Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
„Unternehmen sucht qualifizierte Fachkraft, nicht älter als 25 Jahre, mit Berufs- und Auslandserfahrung, möglichst promoviert“: Mit derartig ironischen Beschreibungen charakterisieren Berufsanfänger häufig ihre Erfahrungen bei der Suche nach einer ersten Stelle. Dahinter steht der Umstand, dass — in der Regel — die Erstplatzierung auf dem Arbeitsmarkt den schwierigsten und wohl auch folgenreichsten Schritt in der Berufskarriere darstellt. Viele Befunde weisen darauf hin, dass die Qualität der ersten Stelle in hohem Maß mit entscheidet, welche Berufs- und Karrierechancen ein Berufsanfänger haben wird. Wer in den ersten Jahren einen stabilen Erwerbsverlauf vorweisen kann, hat auch im weiteren Leben eine höhere Chance, der Arbeitslosigkeit zu entgehen (Bender et al. 2000). Lehrlinge, die ihre Ausbildung in einem großen Betrieb oder bestimmten Branchen absolvieren, haben bessere Chancen, später in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden (Bellmann/Neubäumer 2001). Arbeitnehmer, die schnell in den Genuss einer ersten Beförderung kommen, haben bessere Aussichten, im weiteren Karriereverlauf schneller und höher aufzusteigen (Rosenbaum 1984).
Hans Dietrich, Martin Abraham

4. Mobilität im Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
Arbeitsmarktprozesse, wie sie in diesem Band beschrieben werden, sind immer mit der Mobilität von Arbeitsmarktteilnehmern verbunden. Menschen wechseln zwischen verschiedenen Positionen, Berufen und Betrieben, sie wechseln den Arbeitsort und ziehen von einer Region in eine andere um. „Mobilität“ bezieht sich dabei auf Veränderungen in der Zeit, also zwischen mindestens zwei Messpunkten und zwischen einer Ausgangs- und einer Zielposition. Die Bestimmung dieser Ausgangs- und Zielpositionen ist ein die Soziologie seit ihren Anfängen bewegendes Thema: Von welcher Schicht, von welcher Klasse aus steigt man auf oder ab — oder sind nur Bewegungen auf der gleichen Hierarchiestufe möglich? Inwieweit sind Auf- und Abstiegsprozesse von den gegebenen gesellschaftlichen Strukturen abhängig? Werden sie durch Institutionen wie das Bildungssystem erleichtert oder eher verhindert? Führen Mobilitätsbarrieren zu Unzufriedenheit und Umwälzungen? Die Offenheit oder Geschlossenheit von Gesellschaften wird also häufig an den Chancen auf berufliche Mobilität festgemacht. Die Chancen können dabei eher gleich oder ungleich verteilt sein.
Sonja Pointner, Thomas Hinz

5. Berufliche Weiterbildung — arbeitsmarktsoziologische Perspektiven und empirische Befunde

Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund dauerhafter Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit und permanenter Nachfrage nach in der Zahl knapper werdenden qualifizierten Arbeitskräften, wird in derzeitigen Debatten über Krisen- und Erosionstendenzen im Beschäftigungssystem die Sicherstellung ausreichender beruflicher Qualifikationen betont. Die Internationalisierung von Märkten, der ökonomische und technologische Strukturwandel sowie ansteigende Qualifikationsanforderungen beruflicher Tätigkeiten würden eine Vielzahl von Fort- und Weiterbildungen im Erwerbsleben notwendig machen.1 Wenn in Zukunft die Halbwertszeit von formaler Erstausbildung und das quantitative Volumen qualifizierter Berufsanfänger drastisch abnehmen werden, so dass die Qualifikationsnachfrage nicht mehr ausschließlich über die Rekrutierung nachfolgender Berufsanfängerkohorten bewältigt werden kann, dann dürften Investitionen in die berufliche Weiterbildung effektive und effiziente Strategien sein, diese anstehenden Herausforderungen bewältigen zu können (Dostal 1991; Buttler 1994). Für die Verteilung von Arbeits- und Lebenschancen würde demnach berufliche Weiterbildung gegenüber der frühen Schul- und Berufsausbildung zunehmend an Bedeutung gewinnen (kritisch dazu: Böhnke 1997; Mayer 2000).
Rolf Becker, Anna Hecken

6. Betrieb und Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
Im Folgenden werden betriebliche Strukturierungen von beruflichen Mobilitätsprozessen untersucht. Dabei werden theoretische Ansätze beleuchtet und die Entwicklung stabiler und instabiler Beschäftigung im Kontext überbetrieblicher Entwicklungen und betrieblicher Beschäftigungsstrategien beschrieben. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Situation auf Arbeitsmärkten von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird, so etwa von sozialstrukturellen Entwicklungen, wie Wanderungen, gruppen- oder geschlechtsspezifischen Erwerbsneigungen, der wirtschaftlichen Gesamtsituation oder von staatlichen und tariflichen Regulierungen. Gerahmt von diesen Einflussfaktoren ist jedoch vor allem auch den Betrieben als intermediäre Organisationen des Erwerbssystems, eine eigenständige Bedeutung für Arbeitsmärkte beizumessen. So bestimmt das Handeln betrieblicher Akteure die Strukturierung betrieblicher Ein- und Austritte und damit die Grenze zwischen in- und externen Arbeitsmärkten. Handlungschancen und -restriktionen werden in modernen Gesellschaften innerhalb von Organisationen erfahren und durch Organisationen beeinflusst. Gerade auch die Betriebszugehörigkeitsdauer und die in Betrieben ausgebildeten Beschäftigtenstrukturen bestimmen die ökonomische, soziale und kulturelle Integration von Individuen in entscheidendem Maß.
Olaf Struck

7. Arbeitslosigkeit

Zusammenfassung
Seit 30 Jahren veranlasst die Arbeitslosigkeit Politik und Gesellschaft zu intensiven Debatten, seit 30 Jahren wird ein nicht unbeträchtlicher Teil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Bundesrepublik (derzeit etwa 50 Milliarden Euro beziehungsweise 2,5 Prozent des BIP pro Jahr, siehe OECD 2004a) für Arbeitsmarktpolitik aufgewendet, seit 30 Jahren geschieht dies ohne Erfolg. Im Gegenteil: Die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote haben sich etwa alle zehn Jahre schubweise erhöht und sind auf dem jeweiligen Niveau bis zum nächsten Schub mehr oder weniger stabil verharrt — zuletzt, im Frühjahr 2005 (nach Änderung der Zählweise) bei über fünf Millionen registrierten Arbeitslosen oder etwa 12,5 Prozent der Erwerbspersonen.2 Nimmt man noch die sogenannte Stille Reserve hinzu — dazu rechnet man einerseits Personen, die eigentlich erwerbstätig sein möchten, jedoch die Suche nach einem Arbeitsplatz wegen (vermeintlicher oder tatsächlicher) Erfolglosigkeit aufgegeben haben, andererseits Personen, die nicht als arbeitslos gezählt werden, weil sie an Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen — so ergibt sich ein Beschäftigungsdefizit in der Größenordnung von sechs bis sieben Millionen.
Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

8. Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
Die weitreichenden sozialstaatlichen Regulierungen des Arbeitsmarktes in Deutschland werden in der öffentlichen Diskussion als eine Ursache für mangelnde Arbeitsmarktflexibilität angesehen und stehen damit in der Kritik, für die gegenwärtig hohe Arbeitslosigkeit mitverantwortlich zu sein. Vom Abbau des Kündigungsschutzes, der Erweiterung der gesetzlichen Möglichkeiten zum Abschluss befristeter Arbeitsverträge und anderen Deregulierungsmaßnahmen erhofft man sich dementsprechend eine Erhöhung der Beschäftigungschancen-von Erwerbslosen. Auf der anderen Seite scheinen beispielsweise Schutzbestimmungen für Frauen mit Kindern, gesundheitlich beeinträchtigte oder ältere Arbeitnehmer, deren Arbeitslosigkeitsrisiko bekanntlich überdurchschnittlich hoch ist, keineswegs obsolet geworden zu sein. Der folgende Beitrag befasst sich mit den Effekten, die gruppenspezifische Regulierungen auf die Beschäftigungschancen, Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeitsrisiken von solchen Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt haben. Neben den Wirkungen, die der Gesetzgeber durch die jeweilige Regulierung angestrebt hat, wird dabei auch auf deren unbeabsichtigte und oftmals unerwünschte Folgen eingegangen.
Tanja Mühling

9. Geschlechtersegregation im Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
Die berufliche Trennung von Frauen und Männern ist ein markantes und stabiles Charakteristikum des deutschen Arbeitsmarktes (Willms-Herget 1985; Trappe/Rosenfeld 2001; Falk 2002; Rosenfeld/Trappe 2002; Bruckner 2004). Dass die Geschlechtergruppen meist verschiedene Berufe ausüben, ist in zahlreichen Ländern festzustellen. Um welche Berufe es sich dabei handelt, schwankt zwischen den einzelnen Ländern zum Teil erheblich (Quack 1997, Anker 1998; Charles 2003; Charles/Grusky 2004).
Juliane Achatz

10. Ethnische Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt

Zusammenfassung
Der besonderen Situation ethnischer Gruppen wird in der deutschen Arbeitsmarktforschung schon seit einiger Zeit verstärkte Aufmerksamkeit zugewendet. Kein Wunder, denn die Bedeutung dieses Themas ist vor allem durch die Zuwanderungen in den letzten Jahrzehnten mittlerweile schon rein zahlenmäßig unübersehbar. So besitzen laut Statistischem Bundesamt Mitte 2003 ca. 1,86 Millionen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland einen ausländischen Pass, was einem Ausländeranteil von 6,9 Prozent entspricht.1 Ungefähr eine halbe Million (1,9 Prozent) sind dabei türkischer Nationalität, weit mehr als eine weitere halbe Million besitzen die Staatsangehörigkeit eines der anderen fünf ehemaligen Anwerbeländer Italien, Ex-Jugoslawien, Griechenland, Portugal und Spanien. Neben Beschäftigten aus diesen traditionellen Ländern der Arbeitsmigration finden sich knapp eine Viertelmillion Beschäftigte aus weiteren westeuropäischen und knapp 200.000 Beschäftigte aus osteuropäischen Ländern. Zu berücksichtigen ist dabei noch, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund, insbesondere volksdeutsche Aussiedler, mittlerweile eingebürgert ist und die auf der Staatsangehörigkeit beruhenden Zahlen die Relevanz der Migration für den Arbeitsmarkt somit noch unterschätzen. Generell ist zu erwarten, dass diese Relevanz schon allein aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland noch weiter steigen wird, selbst wenn man keinen positiven Zuwanderungssaldo in den nächsten Jahren unterstellt.
Frank Kalter

11. Arbeitsmarkt und Demographie

Zusammenfassung
Seit einigen Jahrzehnten ist die Bevölkerungsentwicklung in den meisten Industrieländern durch niedrige Fertilität und sinkende Mortalität gekennzeichnet. Die daraus resultierende Bevölkerungsalterung führte zu einem verstärkten Interesse an den sozialen, ökonomischen und politischen Konsequenzen, welche aus den sich ändernden demographischen Prozessen und Strukturen zu erwarten sind. Während oft die Nachhaltigkeit der Sozialsysteme (Gesundheits-, Rentenund Pflegesysteme) im Vordergrund steht, beschäftigen sich zahlreiche neuere Studien mit den Auswirkungen der Demographie auf den Arbeitsmarkt und hier insbesondere auf die Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit und die Lohnstruktur (vgl. Johnson/Zimmermann 1993; Börsch-Supan 2002; Herfurth et al. 2003).
Henriette Engelhardt, Alexia Prskawetz

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