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06.12.2017 | Arbeitsrecht | Kommentar | Onlineartikel

Wie flexibel denn noch?

Autor:
Andrea Amerland

Derzeit streiten sich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften um mehr oder weniger Arbeitszeit. Doch eigentlich geht es um die größtmögliche Flexibilität. Die Frage ist nur, ob für den Arbeitnehmer oder für den Arbeitgeber. Ein Kommentar. 

Der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, hält den Acht-Stundentag für veraltet und fordert ein neues Gesetz. "So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest", sagte Schmidt, der an der Ruhr-Universität Bochum Volkswirtschaft lehrt, der "Welt am Sonntag". Damit wären auch Ruhezeiten von elf Stunden zwischen den Arbeitseinsätzen letztendlich passé.

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15.03.2017 | Wissenschaftliche Beiträge | Ausgabe 1/2017

Flexible Arbeitszeiten

Die Auswirkungen flexibler Arbeitszeitgestaltung auf die Gesundheit werden in der arbeitswissenschaftlichen Literatur zunehmend untersucht und diskutiert. 

FDP und CDU wollten die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes zum Thema in den gescheiterten Jamaika-Gesprächen machen. Eine EU-Richtlinie, die keine tägliche, sondern eine maximale wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden vorsieht, stand Pate. Was daraus in den politisch schwierigen Zeiten noch wird, bleibt abzuwarten. Dennoch schwelt die Diskussion zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, an erster Stelle dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der eine Arbeitszeitverkürzung bei Lohnerhalt fordet. "Beschäftigte brauchen planbare Arbeitszeiten", sagte DGB-Vorstand Annelie Buntenbach in einem Interview und positionierte sich damit gegen die Haltung der Wirtschaftsweisen, die für viele nach mehr Arbeit durch die Hintertür riecht.

Die Deutschen haben 1,8 Milliarden Überstunden auf dem Zettel

Und die Arbeitnehmer? Die sind von rund 1,8 Milliarden Überstunden, die im Jahr 2016 in Deutschland geleistet wurden (820 Millionen bezahlte, 941 Millionen unbezahlte Überstunden, so die Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), so müde, dass fast jeder Zweite keine Energie mehr für ein Privatleben hat. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie DGB-Index "Gute Arbeit" unter 5.000 Arbeitnehmern verschiedener Branchen und Altersgruppen.

40 Prozent der Beschäftigten sind nach der Arbeit "sehr häufig" oder "oft" zu erschöpft, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Als Hauptgründe werden eine zu hohe Arbeitsbelastung und die Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeitssituation genannt. Wenn wundert das eigentlich noch, wo doch seit Jahren sämtliche Gesundheitsreporte der Krankenkassen ein ziemlich deutliches Bild zeichnen? Demnach beklagen Arbeitnehmer die wachsende Belastung am Arbeitsplatz und werden verstärkt wegen psychischer (Stress-)Probleme krank geschrieben. 

Stress und psychische Belastung am Arbeitsplatz steigen

Der DAK-Gesundheitsreport 2017 (PDF) zeigte jüngst, das 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland zudem bereits jetzt schlecht schlafen und dass seit 2010 Schlafstörungen um 66 Prozent zugenommen haben. Der Grund: Mal wieder die Arbeitsbedingungen. Wer häufig an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeitet, steigert sein Risiko, die schwere Schlafstörung Insomnie zu entwickeln, warnt die DAK. "Auch starker Termin- und Leistungsdruck, Überstunden sowie Nachtschichten und ständige Erreichbarkeit nach Feierabend gelten in diesem Zusammenhang als wichtige Risikofaktoren."

Wer einen Blick in seinen Bekannten- und Freundeskreis wirft, wird bei vielen das gleiche Phänomen sehen: Da werden auch zuhause nach Feierabend noch dienstliche Mails gelesen – via Smartphone oder Laptop – und stammen diese vom Chef, werden sie sogar noch beantwortet. Da wird im Urlaub gearbeitet, damit an den ersten Arbeitstagen nach dem Urlaub das Pensum nicht zu groß ist und andere Kollegen nicht belastet werden. Die Begründungen für diese unentgeltlichen Überstunden sind so facettenreich wie absurd. In Deutschland wird gearbeitet, so scheint es manchmal, als ginge es um Leben und Tod, als befänden wir uns permanent in der Krise, in der durch einen nicht angenommenen dienstlichen Anruf oder eine Tage später beantwortete E-Mail gleich die Insolvenz droht.    

Arbeitzeitmodelle bieten genügend Flexibililität

Angesichts solcher Entwicklungen, bei denen Mitarbeiter ohne jede Not bereits ihre Gesundheit riskieren, fragt sich mancher Arbeitnehmer empört "Wie flexibel sollen wir denn noch sein?" Auch ohne gelockerte Arbeitszeitgesetze arbeiten viele Angestellte im Schichtdienst und leisten Sonntags- und Feiertagsarbeit. Verschiedene Arbeitszeitmodelle haben sich parallel in Unternehmen etabliert: Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Teilzeit, Home Office. Bereits jetzt werden bezahlte und unbezahlte Überstunden geleistet und dem Arbeitgeber Lebenszeit und schlimmstenfalls die Work-Life-Balance geschenkt. Durch die Digitalisierung verdichtet sich die Arbeit ohnehin immer mehr, die Komplexität der Aufgaben wächst, immer mehr Aufgaben müssen in noch kürzerer Zeit erledigt sein.  

Soll die Zukunft der Arbeit also synonym mit "Arbeiten, bis der Arzt kommt" sein? Es fehlen in Unternehmen oftmals Regeln, die den Umgang mit den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten und der Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten regeln. Und offenbar fehlt bei vielen Arbeitnehmern ein verantwortungsbewusster Umgang damit. Genau davor soll das Arbeitszeitgesetz schützen – vor Missbrauch durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Bei einer flexibel gestalteten 48-Stunden-Woche ist das nicht mehr gegeben. Das Ende des Acht-Stunden-Tages wäre besiegelt, die Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf noch mehr erschwert, die gesundheitlichen Nachteile nicht zu unterschätzen. Wie die aktuelle Randstad-ifo-Personalleiterbefragung unter 1.000 Teilnehmern zeigt, würde bei einer Lockerung des Arbeitzeitgesetzes jedes dritte Unternehmen die tägliche Arbeitszeit auf bis zu zehn Stunden anheben.

Gute Arbeit braucht Muße

Dadurch werden Angestellte ausbrennen, weil die Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben, Anspannung und Entspannung derart verschwimmen, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Freizeit- und Arbeitszeit geben wird. Neben steigenden Fehlzeiten, die Unternehmen richtig Geld kosten, wird auch die Arbeitsqualität sinken. Niemand liefert in der zehnten Arbeitsstunde des Tages noch richtig gute Ergebnisse ab – auch nicht die Top-Manager, die sie sich damit brüsten, dass sie nur vier Stunden Schlaf benötigen. 

Eine neue Studie zum Thema Depression gibt der Sorge neue Nahrung, dass die Zahl stressbedingter Erkrankungen steigen wird. Laut Deutschland-Barometer Depression 2017 (PDF) stufen rund 98 Prozent der Betroffenen die Belastung am Arbeitsplatz als Ursache für ihre Erkrankung als "relevant" oder "sehr relevant" ein.  

Fazit: Wer gute, kreative und komplexe Arbeit leisten soll, braucht auch Muße. Ja, das ist ein aus der Mode gekommener Begriff, der gerne durch das Wort "Chillen" ersetzt wird. Menschen müssen zur Ruhe kommen können, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Dazu gehören ebenso ein guter Schlaf wie Arbeitszeiten und ein Arbeitspensum, das noch zu bewältigen ist, ohne die Gesundheit zu gefährden. Aufgeweichte gesetzliche Regelungen zur Arbeits- und Ruhezeit zu Gunsten einer 24-Stunden-Erreichbarkeit für den Arbeitgeber bewirken ganz sicher das Gegenteil.

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