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"Das wirklich Beunruhigende ist der Verlust von Industriejobs"

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Die Arbeitslosigkeit steigt, parallel sinkt die Zahl der Erwerbstätigen und es mangelt an Fachkräften. Als Vorstandschefin der Bundesagentur für Arbeit steht Andrea Nahles vor einer Menge Probleme. Vor welchen erklärt sie im Gespräch.

Eine Kündigung ist existenzbedrohend und kränkend. Denn beim Abbau von Personal wird auf Gefühle oft wenig Rücksicht genommen. 


Der deutsche Arbeitsmarkt darbt seit mehr als drei Jahren, die Zahl der Arbeitslosen steigt kontinuierlich, die Zahl der Erwerbstätigen wird 2026 erstmals seit dem Corona-Jahr 2020 zurückgehen. Einmal arbeitslos geworden, war es für Betroffene nie schwerer, einen neuen Job zu finden. Andrea Nahles sitzt seit über drei Jahren am Ruder der deutschen Arbeitsverwaltung. Die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit beantwortet Fragen rund um die Entwicklung am Arbeitsmarkt. 

dpa: Frau Nahles, wohin geht es mit dem deutschen Arbeitsmarkt - in die richtige oder in die falsche Richtung? 

Wir haben seit drei Jahren eine Entwicklung, in der die Arbeitslosigkeit steigt. Es sind keine großen Sprünge - aber es geht trotzdem in die falsche Richtung. Insgesamt ist die Situation verfestigt, es wird nicht eingestellt. Nichtsdestotrotz haben wir immer noch die sehr hohe Zahl von 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Und auch im europäischen Vergleich hat Deutschland keine hohe Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in diesem Jahr mit einer leichten Erholung. Wenn das wirklich so kommt, könnten wir es einige Monate später auch auf dem Arbeitsmarkt sehen. Momentan ist das aber noch nicht der Fall. Für Februar und März rechnen wir jetzt erst einmal damit, dass die Arbeitslosigkeit noch über drei Millionen bleibt. Wir hoffen, dass im April, Mai etwas in Bewegung kommt. Dann braucht es noch vier bis sechs Monate, bis sich das auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt.

Überwiegt die Sorge, oder die Hoffnung?

Ich rechne insgesamt für 2026 nur mit einer Erholung, nicht mit einem Aufschwung - für den Arbeitsmarkt bräuchten wir eigentlich mehr. Das wirklich Beunruhigende ist, dass es vor allem wertschöpfende Arbeitsplätze in der Industrie sind, die verloren gehen. Das heißt: Wir verlieren Arbeitsplätze, die wirklich sehr entscheidend sind, um die gesamte Wertschöpfung in Deutschland abzusichern. Zweitens: Das Erwerbspersonenpotential sinkt in 2026 zum ersten Mal - und zwar um 40.000. Wir reden seit Jahren über Demografie - jetzt ist sie da. Und das wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.

Es bleibt also bei dem Paradoxon, dass einerseits die Zahl der Arbeitslosen steigt, andererseits aber ein immenser Mangel an Fachkräften herrscht? 

Ja, das löst sich nicht auf. Wenn Sie mich fragen, was das größere der beiden Probleme ist: Das größere Problem für den deutschen Arbeitsmarkt ist mittelfristig die demografische Entwicklung und der damit einhergehende Fachkräftemangel. Dies wäre noch viel deutlicher, hätten wir nicht in den letzten Jahrzehnten verstärkte Zuwanderung gehabt. 

Wo kommen dann die Menschen her, die gebraucht werden, wenn der Aufschwung kommt, die künftig die Arbeit machen sollen? Es gibt Berechnungen, wonach Deutschland pro Jahr bereits jetzt fast 50 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verliert, weil Jobs nicht besetzt werden können. 

Eine Antwort ist natürlich die Menschen, die jetzt Arbeit suchen. Viele Arbeitslose kommen derzeit direkt aus den Betrieben und sind gut qualifiziert; wir können sie vermitteln. Im letzten Jahr haben wir 26 Prozent der Leute, die sich bei uns arbeitslos gemeldet haben, direkt wieder in Arbeit vermittelt. Auch die verstärkte Aktivierung im Alter kann ein Teil der Lösung sein - also freiwillig weiterarbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus, und man hat dadurch Vorteile. Das finde ich gut, denn tatsächlich glauben wir, dass es ein Potenzial auch bei Älteren gibt, das noch nicht ausgeschöpft ist. 

Heißt das auch, dass wir weniger Teilzeitarbeit brauchen? 

Im europäischen Vergleich ist die Frauen-Erwerbstätigkeit in Deutschland am oberen Rand, aber die geleisteten Stunden - das Arbeitsvolumen - ist sehr niedrig. Da werden wir nur noch durch die Niederlande unterboten in Europa. Es geht also darum: Was kann man tun, damit die Frauen statt 20 Stunden künftig vielleicht 30 Stunden arbeiten? Das wäre ein Riesenfortschritt - für die Frauen und deren Altersversorgung und auch für die Rentenkassen insgesamt, denn diese Frauen sind gut ausgebildet und bereits in Arbeit.

Sehen Sie da auch Handlungsbedarf vonseiten des Staates? 

Wir haben in Deutschland ein System geschaffen vom Steuerrecht bis hin zum Arbeitsrecht, das Teilzeit, insbesondere von Frauen, begünstigt. Das ist auch in der Gesellschaft breit verankert. Die Teilzeitquote in Deutschland ist hoch. Ehegattensplitting, Minijobs und die immer noch unzureichende Betreuungssituation - das sind die drei wesentlichen Punkte, die eine Ausweitung des Arbeitsvolumens von gut ausgebildeten Frauen behindern. Natürlich könnte staatliches Handeln hier auch einen anderen Anreiz setzen.

In Deutschland sind 280.000 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos. Wäre das nicht auch ein Ansatzpunkt, um den Bedarf an Fachkräften längerfristig zu decken? 

Ausbildung ist und bleibt eines der wichtigsten Instrumente, um die Fachkräfte von morgen zu sichern. Ich kann nur appellieren, gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, auch gegen den Trend auszubilden, mehr auszubilden, als man vielleicht gerade braucht. Das Gegenteil beobachten wir gerade: Es werden Ausbildungskapazitäten runtergefahren. Im vergangenen Jahr wurden 26.000 Ausbildungsplätze weniger gemeldet. Die Bundesagentur bietet auch Arbeitgebern Hilfe, wenn sie schwächere Schülerinnen und Schüler einstellen, zum Beispiel, wenn sie Probleme in der Berufsschule haben.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat zutage gefördert, dass junge Leute, besonders mit weniger gutem Bildungsniveau, lieber Helferjobs annehmen, als eine klassische Berufsausbildung anzustreben. Sehen sie da einen Trend? 

Das kann ich nicht bestätigen. Die Zahl der Bewerber um Ausbildungsstellen ist im Vergleich zum Vorjahr sogar um 13.000 gestiegen. Wer sich wirklich freiwillig gegen eine Ausbildung entscheidet, der trifft eine ziemlich dumme Entscheidung. Bei Menschen, die keine Ausbildung haben, liegt die Arbeitslosenquote bei 21 Prozent. Hat man eine duale Ausbildung gemacht, nur bei 3,6 Prozent. Die derzeit Arbeitslosen sind zu 63 Prozent Helfer. Die Chancen im ganzen Leben verbessern sich, und zwar ganz deutlich, wenn man eine Ausbildung macht. Wer darauf verzichtet, der fängt am Anfang seines Berufslebens schon mit dem falschen Fuß an. 

Liegt das vielleicht auch an verfestigten Berufswünschen der jungen Leute? 

Die Wünsche der Leute haben sich in den letzten 20 Jahren gar nicht so stark geändert. Was ich dringend rate, ist, sich neben dem favorisierten Ausbildungswunsch noch einen Plan B oder C zu überlegen. Auf der anderen Seite gibt es auch eine sehr große Vielfalt von neuen Berufen. Da gibt es auch eine Unsicherheit. Ich kann deshalb nur dringend raten, gehen Sie rechtzeitig zur Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit.

Stichwort Zuwanderung: Befürchten Sie, dass etwa Menschen aus Syrien, oder später auch aus der Ukraine, dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen werden, sollten sie irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren?

Gerade die Syrer, die 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen waren, sind sehr gut integriert in den Arbeitsmarkt, besonders die Männer, bei den Frauen haben wir noch etwas nachzuholen. Wenn wir diese erwerbstätigen Menschen ohne deutschen Pass abschieben würden, wäre das aus Sicht des deutschen Arbeitsmarktes keine gute Entscheidung. Kurz: das muss man differenziert diskutieren.

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