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19.09.2022 | Arbeitswissenschaft | Im Fokus | Online-Artikel

Wenn Arbeiten zur Sucht wird

verfasst von: Andrea Amerland

3:30 Min. Lesedauer
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Fleißige Mitarbeiter werden von Arbeitgebern geschätzt. Doch wenn aus gelegentlichen Überstunden, Arbeit rund um die Uhr wird, nimmt das Pensum krankhafte Züge an. Eine Studie zeigt erstmals, wie viele Beschäftigte in Deutschland von Arbeitssucht betroffen sind.

Eine Person als Workaholic zu bezeichnen, geht leicht über die Zunge. Kaum jemand denkt dabei daran, das Menschen, die viel arbeiten, bereits das Stadium einer Sucht erreicht haben könnten. Das Phänomen ist in unserem Alltag ähnlich selbstverständlich wie Alkoholkonsum und die daraus resultierenden Konsequenzen. Denn Bier oder Wein werden in der Regel nicht als das wahrgenommen, was sind, nämlich als Drogen.

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2017 | Buch

Arbeitssucht

Workaholismus erkennen und verhindern

Ute Rademacher bietet eine praxisnahe Orientierung für den Umgang mit Arbeitssucht. Der Fokus liegt auf Empfehlungen für die Arbeitseinstellung, gesundem Arbeitsverhalten und die organisatorischen Rahmenbedingungen. 

Doch über Arbeitssucht lagen bislang kaum konkrete Zahlen vor. Dem leistet nun eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie Abhilfe, die unter dem Titel "Wer hat nie richtig Feierabend? Eine Analyse zur Verbreitung von suchthaftem Arbeiten in Deutschland" erschienen ist.

Jeder Zehnte ist arbeitssüchtig

Demnach legt rund ein Zehntel der Erwerbstätigen hierzulande ein suchthaftes Arbeitsverhalten an den Tag. Beschäftigte, die davon betroffen sind, arbeiten nicht nur sehr lang und schnell, sondern praktizieren auch noch Multitasking. Sie können sich zudem nur mit schlechtem Gewissen frei nehmen und sind oft nicht in der Lage, nach Feierabend abzuschalten und zu entspannen, so die Kernergebnisse der Untersuchung von Forschenden des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Technischen Universität Braunschweig.

Besonders Menschen in Land-, Forst-, Tierwirtschaft und Gartenbau tendieren zu suchthaftem Arbeitsverhalten (19 Prozent), während Erwerbstätige des Sektors Naturwissenschaft, Geografie, Informatik am wenigsten davon betroffen sind (sechs Prozent). In weiteren untersuchten Branchen liegen die Zahlen dicht beieinander. So verzeichnen die Wissenschaftler in Wirtschaftsbereichen wie unter anderem Verkehr und Logistik, Produktion und Fertigung, Kaufmännische Dienstleistungen, Handel, Tourismus oder Gesundheit, Soziales und Erziehung einen Anteil von Arbeitssüchtigen zwischen acht und elf Prozent. Die Auswertung stützt sich auf eine Befragung von rund 8.000 Erwerbstätigen in den Jahren 2017 und 2018.

Arbeitssucht erkennen

Für Arbeitgeber stellt sich das Problem, krankhaft aktive von engagierten Mitarbeitern nur schwer unterscheiden zu können, schreibt Ute Rademacher im Buchkapitel "Woran erkennt man Arbeitssucht?". Denn ein großes Plus auf dem Arbeitszeitkonto gibt nicht automatisch Auskunft darüber, ob jemand einfach nicht mehr loslassen kann. Erst "am Arbeitsverhalten, dem Umgang mit Fehlern und Freizeit, der Kooperation im Team und in Gesprächen über den Stellenwert der Arbeit können Kollegen und Führungskräfte von Arbeitssucht gefährdete oder betroffene Personen erkennen." (Seite 11)

Und genau das macht die Früherkennung so schwierig. Dennoch gebe es Signale, auf die Führungskräfte achten sollten, so Rademacher. Diese wurden in Studien analysiert. Hierzu gehören folgende Aspekte: 

  • Arbeitssüchtige sind oft stark kompetitiv und auf Durchsetzung bedacht, auch dort, wo Kooperation notwendig wäre.
  • Für Workaholics ist Arbeit Energie und Stimulation, weswegen sie Pausen und Entspannung nicht aktiv suchen. "Der natürliche Rhythmus von Anspannung und Entspannung, Leistung und Regeneration ist bei ihnen ausgehebelt." (Seite 11)
  • Nicht aktiv zu sein, fällt schwer. Gibt es nichts zu tun, langweilen sie sich schnell und werden unzufrieden. "'Dies ist oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen, wenn Arbeitssüchtige vorschützen, mal wieder auch am Abend oder Wochenende arbeiten zu müssen, auch wenn es die Aufgaben nicht unbedingt erfordern, oder wenn sie heimlich im Urlaub ihre beruflichen E-Mails checken, um sich zu versichern, ob 'alles in Ordnung' ist.'"
  • Arbeitssüchtige optimieren und perfektionieren insbesondere Abläufe und Strukturen für mehr Effizienz. Selbst Mahlzeiten und Freizeit werden als Business Lunch funktionalisiert. Indikatoren für Suchtverhalten sind auch die Nutzung von Organisations-Apps.
  • Workaholics lieben ein hohes Energieniveau. Deswegen tanzen sie auf allen Hochzeiten, auch bei den Hobbies, die eigentlich der Entspannung dienen sollten. 

Am Ende der Burnout

Die negativen Konsequenzen von Arbeit ohne Grenzen liegen auf der Hand. Menschen drohen auszubrennen. "Burnout erkennen und vorbeugen" ist daher eine zentrale Aufgabe von Führungskräften und Gesundheitsmanagern. Springer-Autorin Sandrina Meldau unterscheidet zwei Menschentypen, die Personalverantwortliche besonders im Blick haben sollten (Seite 67): 

  • Selbstverbrenner: idealistisch oder perfektionistisch veranlagte Menschen, die hohe Ansprüche an sich haben und dazu neigen, unangemessen mit ihren Kräften umzugehen.  
  • Verschleißer: Personen, die vor allem Ansprüche anderer erfüllen wollen – oft selbst dann, wenn sie von den Bedingungen ihrer Umwelt überfordert sind."

Wissenschaftliche Studien weisen sogar ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen und andere psychovegetative Störungen nach, so Ute Rademacher über die gefährlichen Folgen von Arbeitssucht.

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