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23.12.2020 | Arbeitswissenschaft | Interview | Onlineartikel

"Ausschließlich Remote funktioniert nicht"

Autor:
Andrea Amerland
4 Min. Lesedauer

New Work hat in der Pandemie einen ordentlichen Schub erhalten. Daher befinden sich Unternehmen permanent im Beta-Modus, so Henning Böhne. Über die Frage, wie das die Arbeitswelt von morgen verändert, sprach Springer Professional mit dem Kienbaum-Experten.

Springer Professional: Was sind rund um das Thema New Work wichtige Learnings aus der Corona-Krise?

Hennig Böhne: In unserem "Manifest für die Arbeitswelt von morgen" haben wir mit Entscheidern unterschiedlichster Branchen vier Handlungsfelder definiert: New Ways of Working, Transformation und Führung, Purpose und Diversity. All das bedeutet für die Zukunft der Wissensarbeit Mut: Zur Transformation und Gestaltung, um die Pandemie als Chance für neue Arbeitswelten und als Durchbruch für New Work zu begreifen. 

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Das essential führt in die New-Work-Idee ein, deren Kern es ist, einer Arbeit nachzugehen, die man wirklich, wirklich will. Dieser Ansatz wird im Hinblick auf die drei Bereiche Individuum, Organisation und Gesellschaft aktualisiert. 

Wir haben alle viel gelernt in den vergangene Monaten: Produktiver in schwierigeren Bedingungen zu arbeiten, ein Höchstmaß an Flexibilität zu entwickeln und in kürzester Zeit wichtige Entscheidungen zu treffen – trotz räumlicher Distanz. Das Virus hat uns zusammengeschweißt. Mut benötigen wir auch für das, was noch vor uns liegt. Denn die Pandemie hat die digitale Transformation der Arbeitswelt beschleunigt, den Ausgang kennen wir aber noch nicht. Genau jetzt haben wir die Chance, aus den gemachten Erfahrungen zu lernen und unsere Zukunft der Arbeit aktiv zu gestalten.

Was leiten Sie aus diesen Learnings an Empfehlungen für Unternehmen ab, um die Arbeit in der aktuellen Situation im Sinne der Beschäftigten zu gestalten?  

2020 hat gezeigt, dass Gesundheit das höchste Gut ist und die Grundlage für alle Entscheidungen im Zuge der Pandemie bildet. Aktuell sind wir besser gewappnet als zu Beginn und können auch künftige Herausforderungen besser meistern. Covid-19 wirkte wie der viel zitierte Beschleuniger, um digitaler und vernetzter zu denken und zu arbeiten – um das Büro scheinbar überflüssig zu machen, um neue Werkzeuge zu nutzen. Vertrauen ist zum wesentlichen Bestandteil unserer Jobs geworden, Freiheit und Verantwortung gehen Hand in Hand. Organisationen jeder Form und Größe sind permanent im Beta-Modus, das Virus gibt immer noch den Takt vor. 

Und wie sieht es in der Zeit nach der Pandemie aus? 

Auf dem New Work-Weg gibt es noch reichlich Herausforderungen. Sie sind hochkomplex und – genau wie die Arbeit auch – individuell. Klar ist: Ein Zurück zur alten Arbeitswelt wird es nicht geben. Nicht alles, was unter Krisenbedingungen zwangsläufig funktionieren musste, wird sich auch auf Dauer bewähren. Bei aller Euphorie über das Erreichte müssen wir einräumen, dass ausschließliches Remote nicht funktioniert – und allein auch nicht funktionieren wird. Es wird neue, hybride Formen der Arbeit geben.

Was heißt das konkret?

Tradierte Strukturen und gewohnte Denkmuster verschwinden nicht über Nacht. Es gilt, ein System zu schaffen, in dem alle Menschen die Möglichkeit haben, sich weiter zu entwickeln und auf unterschiedliche Sicherheits- und Strukturbedürfnisse einzugehen. Gemessen wird künftig am Wert für die Gemeinschaft, nicht nur an starren Zahlen. Wann und wo etwas erarbeitet wird, ist nicht mehr so entscheidend. Das gute Ergebnis zählt, die gute Arbeit. 

Wie muss sich die Führungskultur ändern, damit gemischte Teams, Remote Work und Präsenzarbeit unter einen Hut bringen können?

Die Krise hat wie ein Turbo gewirkt. Viele Führungskräfte gehen davon aus, dass sie auch in Zukunft schneller Entscheidungen treffen werden. Doch mit steigendem Tempo wächst auch die Gefahr, dass Menschen nicht mehr mithalten können. Eine selbstlernende Organisation, die schnell auf neue Herausforderungen reagiert, funktioniert nur, wenn viele mitziehen. Aber auch in die andere Richtung muss Führung wirken: Arbeitnehmervertreter warnen bereits verstärkt vor Selbstausbeutung und drohender Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit. Mehr denn je muss Führung Stabilität und Zuversicht vermitteln, Leitplanken und Ziele setzen sowie gleichzeitig den Gestaltungsspielraum der Mitarbeiter erweitern – eine Gratwanderung.

Ist das Büro als Arbeitsort tot oder werden Arbeitgeber wieder auf die Präsenzkultur dringen? Wie lautet Ihre Prognose?

Das ist für jedes Unternehmen individuell und von Geschäftsmodell, Kultur und Struktur abhängig. Das Wie und das Wir sind zunehmend wichtiger als das Wo. Studien belegen, dass die Kontrolle durch Führungskräfte kaum Einfluss auf die Produktivität hat. Umgekehrt macht flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten Unternehmen unter bestimmten Bedingungen produktiver. Dennoch erklärten vor der Pandemie viele deutsche Unternehmen, dass Homeoffice oder flexibles Arbeiten nur bedingt oder möglich seien.  

Das hat sich aber inzwischen geändert ...

Aktuellen Umfragen zufolge wollen nun mehr als fünf von zehn Unternehmen in Deutschland ihren Beschäftigten auch künftig Homeoffice oder mobile Arbeitsplätze ermöglichen. Hier beginnt die eigentliche Arbeit: Denn es braucht mehr als Homeoffice oder hybride Lösungen, um eine vom Primat der Präsenzkultur geprägte Arbeitswelt zu verwandeln. Kreativprozesse sind auf Distanz dauerhaft kaum möglich. Die Integration neuer Mitarbeiter gestaltet sich für alle Seiten mehr als mühsam. Auf Dauer werden sich Gemeinschaftsgefühl und Teamspirit so nicht aufrechterhalten lassen und Unternehmen schaden. Daran müssen wir arbeiten.

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