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Über dieses Buch

Was ist Architekturwahrnehmung? Sicherlich ist sie Voraussetzung für praktisches Handeln. Aber was uns in diesem Zusammenhang mehr interessiert: Sie ist auch Voraussetzung von Architekturtheorie. Ist sie einfach die reflektierende Bewusstwerdung der gebauten Umwelt? Oder ist sie ein plötzlich sich offenbarendes Aha-Erlebnis, ein Gewahrwerden der Mauern um uns herum? Gründet sie auf einer Tradition des Nachdenkens über geplante oder ausgeführte Architektur? Hilft uns zum Verständnis das Kompendium der Texte, mit denen Architekten ihr eigenes Werk schriftlich interpretieren? Oder schadet etwa unserer Aufnahmefähigkeit („wegen Überfüllung geschlossen“) die Kenntnis all dessen, was zum Bauen gesagt wurde (von Vitruv bis Koolhaas), also der Fülle der schriftlichen Überlieferung?

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Reicht visuelle Wahrnehmung allein, um als Architekturwahrnehmung zu gelten? Was ist mit den anderen vier Sinnen: Hören, Tasten, Schmecken, Riechen? Abgesehen vom Geschmackssinn sind schließlich alle anderen auch an Architekturwahrnehmung beteiligt. Zusätzlich neben den klassischen fünf Sinnen könnten wir noch den Temperatursinn, Gleichgewichtssinn und die Schmerzempfindung anführen. Aber die beiden ›Fernsinne‹ Sehen (dies vor allem) und Hören sind doch die ausschlaggebenden, um ein erstes Verständnis von erlebter Architektur zu gewinnen. Alle anderen sind ›Nahsinne‹ – das heißt, Sinneserfahrungen machen wir nur direkt mit den Häuten der ihnen entsprechenden Körperorgane (Tasten mit Hand und Fuß, Riechen mit der Nase usw.). Mit den Nahsinnen erkennen wir Materialien, Oberflächen und Strukturen, Düfte und Aromen.
Ulf Jonak

1. Kapitel Parthenon

Zusammenfassung
Gibt es zweidimensionale Architektur und wenn es sie gäbe, wie sähe sie aus? Raimund Abraham hat dazu eine eindeutige Antwort, wenn er sagt, »dass gewisse Formulierungen der Architektur nur gezeichnet werden können.« (s. a. Kapitel 6) Die zweite Frage, die schon fast und paradoxerweise eine Antwort auf die erste ist (kann eine Frage zugleich eine Antwort sein?) schließt sich an: Bleibt eine Hausfassade Architektur, auch wenn das dazugehörende Volumen unglücklicherweise verschwunden ist. Eine bejahende Antwort fällt uns leichter. Schwieriger ist die Antwort darauf, ob ein Weg, dessen Zweidimensionalität keiner bezweifeln wird, ein architektonisches Ereignis sein kann, selbst wenn er noch so kunstvoll gestaltet ist. Ein Pilgerweg mit seinen gebauten Leidensstationen ist zumindest ein städtebauliches Ereignis. Es sind aber die Stationen am Rande, die auffallen, wohingegen die Gehfläche eher unbemerkt bleibt. Ein Weg müsste besondere Eigenschaften haben, um der Baukunst zugerechnet zu werden. Vielleicht zeichnete ihn aus, dass er unseren Blicken standhielte und nicht vage unter uns daher flösse.
Ulf Jonak

2. Kapitel Pantheon

Zusammenfassung
Nachdem uns Nordeuropäer schon den halben Augustvormittag das Verlangen plagte, der Hitze und dem überaus hellen Licht unter der römischen Sonne aus dem Weg zu gehen, folgte der unmittelbare Kontrast, als wir in die Rotunde des Pantheons traten. Kühle und ockerfarben glimmendes Dämmerlicht. Ein kreisförmiges Rund, ein zylinderförmiger, ein erhabener Raum, ausgekleidet mit verschiedenfarbigem Marmor, kostbarem Porphyr und ägyptischem, grauen Granit. Er schenkt keine Ruhe, er verlangt den Rundumblick, er fordert scheinbar, sich um die eigene Achse zu drehen. Ein monumentaler und überirdischer Ort. Der geometrisch ornamentierte Fußboden, der zu seiner Mitte hin nach oben leicht gewölbt ist, als sei er ein Abbild der Erdkrümmung, scheint das Gegenstück zur weiten, kassettierten Kuppel zu sein.
Ulf Jonak

3. Kapitel Hagia Sophia

Zusammenfassung
Wie werden Bauten zu beispielhaften Bauten? Wann führt die Wahrnehmung ihrer Gestalt zur Einsicht, dass sie vollkommen und kaum zu verbessern sei, dass sie Symbol geworden sei? Ist es die Gewissheit, dass man einem Urtypus oder gar einem der Weltwunder gegenüberstehe? Sind es außersprachliche Gewissheiten, ein kaum bewusster Konsens aller über rituelle Symbolfiguren von Macht und Geltung wie Palast, Festung, Tempel?
Ulf Jonak

Zwischenbilanz I

Zusammenfassung
Wenn wir von den fünf Sinnen nur Sehen und Hören, also die dringlichsten, in Anspruch nehmen, dann aus dem Bedürfnis heraus, den Überblick zu wahren. Nur so können wir augenblicklich entscheiden, ob wir achthaben müssen, ob Neugier berechtigt ist, ob Gefahr besteht oder ob wir uns gar verteidigen wollen. Nur so können wir dann sofort reagieren.
Ulf Jonak

4. Kapitel Kölner Dom

Zusammenfassung
Die knirschende Nähe, fast Karambolage, des Weltkulturerbes mit dem Kölner Hauptbahnhof, mit Ludwigmuseum und Römisch-Germanischen Museum, mit Philharmonie und 4711-Geschäftshaus, zusammen ein quirliger urbaner Knotenpunkt, überfordert die Wahrnehmung. Turmuhrgebimmel, an- und abfahrende Züge, Lautsprecher, Taxivorfahrten, das Schlagen von Autotüren, Stimmenwirrwarr, Rufe, Geschrei und Gezwitscher erzeugen auf den Flächen rings um das Bauwerk herum eine Kakophonie, anders als sonst auf Kirchplätzen, wo wir im allgemeinen Stille erwarten. Der Augenschein dringt kaum noch ins Bewusstsein. Blicke, Klänge, Düfte: neugierige oder teilnahmslose Blicke, stündlicher Glockenklang, der Duft der Großstadt. »Geruch von Exkrementen und faulendem Flusswasser zieht über den Vorplatz«1 – der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann steigert sich in vermeintlichen Ekel hinein. Überempfindliche Wahrnehmung wird unsachlich. Hier wird sie offensichtlich von Missmut gefärbt.
Ulf Jonak

5. Kapitel Villa Rotonda

Zusammenfassung
Seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist dieser Baumeister wieder en vogue. Sattgesehen am Anblick weißer Kuben, geriet Andrea Palladio umso heftiger ins Blickfeld der Architektenschaft, desto verkniffener man ihn jahrzehntelang nur am Rande wahrgenommen hatte. Andrea Palladio, Steinmetzgeselle, war jemand, den wir heute einen Selfmademan nennen würden: Nachdem er sich, befreit von den Fesseln des zwar ungeliebten, aber lehrreichen Brotverdienstes, selbstbewusst in die Gesellschaft begeben hatte, avancierte er zum Begleiter und Studienfreund fürstlicher Gelehrter, vermaß und zeichnete für sie römische Altertümer und reifte letztlich zum Baumeister. Palladio wuchs zum im Nachhinein einflussreichsten Architekten der westlichen Welt heran, Musterfall des Gesamtkunstwerkers nach wie vor.
Ulf Jonak

Exkurs 1 Hinweis, Geste

Zusammenfassung
Pompöse Häuser, getarnte Häuser, armselige Bauten, Baracken, Buden; Beton, Stein, Stahl, Glas; offen und geschlossen, hoch und tief, hin und her. Wie soll man das alles unter ein Dach, unter einen Oberbegriff fassen, wie soll man das alles im Kopf zusammenbringen oder auseinanderhalten, ohne die Übersicht zu verlieren? Lohnt sich überhaupt hier der differenzierende Hinweis für die, die nicht zu den Sachkennern gehören? Wird ein Hinweis dann nur als unverlangte, schulmeisterliche Unterweisung angesehen?
Ulf Jonak

6. Kapitel Boullée

Zusammenfassung
Angesichts des Aufstiegs zur Athener Akropolis, (s. Kapitel 1) angesichts des bemerkenswerten Pfads, fragte und zweifelte ich, ob es zweidimensionale Architektur geben kann. Schließlich leitete ich aus allerlei Gegebenheiten ab, dass dem vom Architekten Pikionis gestalteten Aufgang zu den Propyläen immerhin eine, wenn auch kaum wahrnehmbare, Dreidimensionalität und folglich Architekturqualitäten zukämen. Schaulustig war ich mit der Entzifferung des unter unseren Füßen vergehenden Marmorpatchworks ausgefüllt – trotz der schweißtreibenden Bewältigung des Wegs, der in unterschiedlichen Graden hoch zum Ziel aufsteigt. Ein gezeichneter Schnitt ergäbe eine leicht gewellte und daher dreidimensionale Steigungslinie.
Ulf Jonak

7. Kapitel Völkerschlachtdenkmal

Zusammenfassung
Im Leipziger Stadtplan kann man noch die ca. 2,5 Kilometer lange Sichtachse vom Bayerischen Bahnhof zum Völkerschlachtdenkmal entdecken, die im Stadtbild heute aber, weil unterbrochen und zum Teil zugebaut, nicht mehr wahrzunehmen ist. Gleich dem Sehstrahl eines Giganten durchschnitt sie Stadt und Land. Im Grunde ein Trauerweg, eher aber ein Symbol für ein großspuriges Deutschland, das sich anmaßte (am Vorabend des 1. Weltkriegs, 1913), seine Feinde zu zerschmettern.
Ulf Jonak

8. Kapitel Erinnerter Raum

Zusammenfassung
Wahrnehmung ist ohne Erinnerungen nicht denkbar und Erinnerungen sind ohne Wahrnehmung nicht denkbar. Wir nehmen nur das wahr, an das wir uns als schon irgendwann einmal Wahrgenommenes erinnern. Historie hingegen, ein abstraktes Erinnern, das nicht empfunden wird, sondern erlernt werden muss (auch Wahrnehmen muss erlernt werden), bleibt blass und wird vom Ansturm subjektiver Lebensgeschichten zurückgedrängt. Subjektivität muss anderen einleuchtend erscheinen und gibt erst so der Historie Farbe und Form. Subjektivität: Immer interpretiert sie, mitunter verfälscht sie. Mitunter aber enthüllt sie Erstaunliches. Das Duftwölkchen des Proust’schen Gebäcks, in eine Tasse Tee getaucht, jene Madeleine, hauchzart und unscheinbar, bläht sich auf zum Panorama eines gelebten Daseins.
Ulf Jonak

Exkurs 2 Fata Morgana

Zusammenfassung
Denken wir uns Folgendes aus: In einer vermeintlich endlosen Weite, in der voran zu kommen unser Anliegen ist, regt sich nichts. Es ist heiß. Endlich zeigt sich in der Ferne, im Flimmerlicht, die erwartete Oase. Wir sind nicht sicher, wir sind vor Fata Morganen gewarnt worden, wir wollen nicht die falsche Richtung einschlagen. Schon manche haben sich täuschen lassen und sind, in die Irre laufend, verdurstet, obwohl ihr Ziel noch erreichbar gewesen wäre. Ein scheinbar zuverlässiger Test, die Realität der Wüsteninsel zu bestimmen, fällt uns ein: Wir fotografieren, was wir fernab sehen.
Ulf Jonak

9. Kapitel Einsteinturm

Zusammenfassung
Oskar Beyer schreibt zur »plastischen Dynamik« des Einsteinturms, dass Mendelsohn »später die Vollendung seiner damaligen Absichten in jenen Bauten gesehen [habe], die in den fünfziger Jahren eine neue Wendung der Architektur heraufführten, in den späten Bauten von Frank Lloyd Wright, von Nervi, Niemeyer, Torroja, Candela und Bruce Goff, mit dem er befreundet war. […] In seiner Kapelle von Ronchamp hat auch Le Corbusier dieser neuen Richtung […] ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt.«
Ulf Jonak

Zwischenbilanz II

Zusammenfassung
Im Allgemeinen drängt es wohl jedermann, das Außergewöhnliche, das er gerade wahrnahm, mitzuteilen. Ist etwas ausgesprochen, bleibt es länger haften. Man hat etwas gesehen und will es erörtern. Beiläufige Wahrnehmung, das spätere Erinnern daran und die vernehmliche Wiedergabe sind isolierte Sektoren desselben Feldes, aber passen nur bedingt zueinander. Zwar soll die Verknüpfung vertrauenerweckend wirken, aber ein auffälliges Knirschen zwischen ihren Rändern schwächt ihre Glaubwürdigkeit. Ein heikler Vorgang ist die Wahrnehmungsübermittlung. Umso eindringlicher, aber fahriger man sie betreibt, desto kritischer wird ihr Wahrheitsgehalt gesehen.
Ulf Jonak

10. Kapitel Rietveld-Haus

Zusammenfassung
Die Prins Hendriklaan in Utrecht, in südwestlicher Richtung von der Peripherie zum Stadtzentrum verlaufend, ist eine der nicht sonderlich aufregenden niederländischen Mittelschichtstraßen: dreigeschossige, aneinander gereihte Wohnbauten des frühen 20. Jahrhunderts, Ziegelsteinbauten, von bescheidenem, sparsamen, mitunter missglücktem Prunk geprägt. Dunkelbraune Backsteinflächen, ornamentale, diagonal herausgedrehte Vertikalstreifen des gleichen Materials. Kontrast und Auflockerung bieten über die Flächen verteilte weiß gerahmte Fenster. Puritanischer Übermut, wenn es ihn denn geben sollte, ließe sich in derartigen Fassaden erahnen. Auf der nordöstlichen Straßenseite, an die Brandwand des letzten Hauses ist (gleich dem aparten Rucksack des Metropolenbewohners) die weiße, zerklüftete Kiste des Rietveld- Schröder-Hauses gehängt. Ein zurückhaltendes, fast verstecktes Meisterwerk des De Stijl.
Ulf Jonak

Exkurs 3 Rechter Winkel

Zusammenfassung
Was erkannt ist, wird bald benannt. Was benannt ist, wird irgendwann Allgemeingut, Allgemeinsicht. Der rechte Winkel musste erst als Besonderheit, als verborgenes Rückgrat innerhalb unterschiedlichster, vergleichbarer Beobachtungen wahrgenommen werden, um auf seine Qualität, seine Symbolkraft oder seinen Nutzen im Hausbau aufmerksam zu werden. Seine Außerordentlichkeit im zufälligen Durcheinander der Positionen weckte den technischen Geist. Seine Entdeckung wurde zur Grundlage geometrischer Konstruktionen.
Ulf Jonak

11. Kapitel I.G.-Farben-Verwaltungsgebäude

Zusammenfassung
Ein Wettbewerb war 1928 ausgeschrieben worden. Hans Poelzig hatte ihn gewonnen. Ein Grundstück war erworben und die Zustimmung des Direktoriums war erlangt worden, weil das Bauwerk als Stadtkrone gesehen werden und damit ideellen Wert und Würde zusätzlich zum praktischen Nutzen beanspruchen konnte.
Ulf Jonak

12. Kapitel Ronchamp

Zusammenfassung
Für Alfred Roth war Le Corbusier zeitlebens Vaterfigur gewesen. Als junger Mann war er im Pariser und später im Stuttgarter Büro des schon damals (in den zwanziger Jahren) berühmten Architekten beschäftigt; ausgenützt und schlecht bezahlt, wie er selbst erzählte. Wohl als späte Kompensation jugendlicher Hassanwandlungen eines Ausgebeuteten ist die groteske Verherrlichung im Zitat oben erklärbar. Fast könnte es uns scheinen, als hätte der sich allzu gerne selbst verklärende Meister die beurteilende Aufsicht über Roths Sinneswahrnehmungen ergriffen.
Ulf Jonak

13. Kapitel Wildes Bauen

Zusammenfassung
Spiegelt dieser leicht kokette Satz die Verzweiflung seines Urhebers darüber, dass er womöglich ein Nichts sei, ein nicht Vorhandener? Welch Gegensatz zur breitbeinigen Selbstgewissheit eines anderen:
Dass ihm die Rohstoffe seiner Bildwerke zufällig begegneten, behauptete bekanntlich Picasso. Wie alle Gestalter argwöhnisch, es könne einer seinen Fund vorzeitig ausschlachten, bewahrte er ihn im Geheimen, bis er endgültige Gestalt angenommen hatte. Misstrauisch gegenüber Gedankendieben verschloss er sich und öffnete sein Atelier nur den Auserwählten, die dann in der Welt den Beweis antraten, dass Picasso längst und zwar als erster neue Wege beschritt.
Ulf Jonak

Exkurs 4 Blicke

Zusammenfassung
Ich bin verunsichert. Ich nehme wahr, dass mich jemand wahrnimmt. Das heißt: Ich vermute, dass mich jemand aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Meine Gewissheit, umso anonymer zu bleiben, desto unüberschaubarer die mich umgebende Menschenmenge ist, ist verloren gegangen. Wohin und wo hinein ich auch gehe, dort vermute und wittere ich: Irgendein menschliches oder technisches Auge registriert mein Verhalten.
Ulf Jonak

14. Kapitel Zimmermanns Traum

Zusammenfassung
Am Rande des Taunusdorfs, oberhalb der Landstraße: Ein bäuerliches Wiesengrundstück – versteckt hinter Zaun, Hecke, dicht gestellten Fichten – war unserer mehrfachen, flüchtigen Wahrnehmung nicht entgangen und veranlasste uns eines Tages, den Zugang zu suchen. Ein buntes Ensemble vielgestaltiger Hütten, Bildsäulen, Reliefs, Pfeilern und Figuren aller Art entdeckte sich als unser Ziel. So oft nebenbei schon gewahrt und nie enträtselt.
Ulf Jonak

15. Kapitel Philharmonie

Zusammenfassung
Oft lässt sich der angeblich treffsichere Witz des Volksmunds zurückführen auf den glücklich gefundenen Einfall eines Journalisten. Vielleicht war es so mit dem Spottnamen für die Neue Philharmonie in Berlin: »Zirkus Karajani«. Der Witz bezieht sich auf Herbert von Karajan, Dirigent der Berliner Philharmoniker, eine das Genialische zelebrierende Persönlichkeit. Die scheinbar zeltförmige Gesamtgestalt und die ›Manege‹ des großen Konzertsaals muten zudem zirkusartig an. Wahrnehmung gerät mitunter auf eine höhere Ebene, auf der sie literarisch oder scharfsinnig oder beides wird.
Ulf Jonak

16. Kapitel Ferropolis

Zusammenfassung
Welch Kontrast: zarte Naturidylle gegen monströsen Mechanismus. Ein Morgen im ›Gartenreich Dessau-Wörlitz‹, noch bevor allmählich Besucher um Besucher aus den Schatten der idyllischen Parklandschaft hervortreten. Noch allein, noch eingestimmt in die friedliche Stille, noch verstrickt in das unendliche Flirren der Natureindrücke, den verwaschenen Spiegelungen im Wörlitzer See, laufen wir ein architektonisches Denkmal (sogenannte Folies) nach dem anderen ab, kantige Festpunkte im zitternden Verwirrspiel von Wasser und Blattwerk – bis wir endlich wieder den Rasen vor dem weißen und hellockerfarbenen klassizistischen Schloss des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff betreten, wo unser Rundgang begann. Der Park muss als Gesamtkunstwerk des 18. Jahrhunderts gesehen werden, nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten gestaltet, eine »pädagogische Provinz« ( Goethe) im Zeitalter der Aufklärung.
Ulf Jonak

17. Kapitel Shigeru Ban in Metz

Zusammenfassung
Die am Rande der Städte Ende des 19. Jahrhunderts errichteten großen Bahnhöfe sind längst eingesponnen in die Stadtquartiere des 20. Jahrhunderts. Diese technischen Kathedralen verloren mittlerweile beides: Aufbruchcharakter und Monumentalwirkung. Die wirklichen Kathedralen, wie die in Metz (s. a. die Kapitel zur Hagia Sophia oder zum Kölner Dom), bewahren ihren mystischen Zauber dagegen bis heute, über Jahrhunderte hinweg, obwohl deren Magie auch mit Nostalgie, Blendwerk und Fehldeutungen durchsetzt ist.
Ulf Jonak

18. Kapitel Märchenschlösser

Zusammenfassung
Als prominentester aller Briefträger, falls wir Merkur ignorieren, wird wohl der Provenzale Ferdinand Cheval (1836–1924) zu würdigen sein. Während seiner täglichen Austrägerdienste mit dem Fahrrad sammelte er am Wegesrand Fundstücke, ihm merkwürdig erscheinende Steine, brachte sie nach Hause und erbaute damit im Laufe der Jahrzehnte sein »Palais Ideal«. Man kann sich vorstellen, dass er, obwohl er auf holprige Ackerpfade zu achten hatte, sorgfältig die Wegränder ins Auge nahm. Denn er hatte einen Plan. Der Schriftsteller Peter Weiss spricht vom »großen Traum, dem träumenden Leib des Briefträgers«. Oft muss er vom Rad gestiegen sein um zu prüfen, ob ein auffälliges Fundstück zu seinem Vorhaben passte. Er war nicht reich, aber ab und zu konnte er sich einen Sack Zement leisten, den er benötigte, um seine Bauobsession voranzutreiben.
Ulf Jonak

19. Kapitel Ein romanischer Küchenbau in Fontevraud

Zusammenfassung
Die Abtei Fontevraud, im Jahr 1101 inmitten von Forsten und Urwäldern gegründet (der Küchenbau 1140 errichtet), einem ehemals verfluchten Ort, wo Durchreisende es mit Räubern und wilden Tieren zu tun bekamen. Eine Zeitlang wurde der Küchenbau wegen seiner Höhe (25 Meter), als er noch inmitten labyrinthisch wirkender Wälder stand, le Tour d’Evraud (Abb. 01) genannt. Die Legende geht so: Der Turm wurde von einem Räuber mit Namen Evraud bewohnt, der nachts im Mittelpunkt des Hauses ein höllisches Holzfeuer entfachte, das durch die offene Dachlaterne hindurchleuchtend den in der Wildnis verirrten Wanderern den Weg wies. Hatten sie die bewohnte Stätte aufatmend erreicht, wurden sie von Evraud ausgeraubt und ermordet. Wenn man der Geschichte glauben soll, muss das vor Baubeginn des Klosters gewesen sein.
Ulf Jonak

20. Kapitel Feuer und Wasser, Herd und Brunnen

Zusammenfassung
Das ambitionierte, luxuriöse Wohnhaus wird in seiner Umgebung als ambivalente Figur wahrgenommen, einerseits „zugeknöpft“, geschlossen und wehrhaft; zum anderen „offenherzig“, transparent und durchlässig. Doch um der Bewohnbarkeit willen wird ein nur unentschiedener Entwurf (teils offen, teils verbarrikadiert) als Kompromiss in Kauf genommen. Grundsätzlich jedoch beruhen alle von Menschenhand geschaffenen Bauwerke auf den gleichen Voraussetzungen: Standfestigkeit, Materialfestigkeit und Wetterschutz. Der Mensch entwickelt zu Recht Misstrauen gegenüber fremden Gesellen und, - nach oben schauend -, gegenüber bedrohlichen Himmelserscheinungen. Blitze, Tornados und Regengüsse
Ulf Jonak

Schlussbilanz und Nachwort

Zusammenfassung
Als Einwohner ihrer Schönheiten nicht achtend, laufen wir durch unsere Städte. Doch am Ort eines Reiseziels angelangt, werden wir aufmerksamer. Unerwartet sehen wir Dinge, sehen wir Bauten, die zu Hause unbemerkt geblieben wären. Unsere visuelle Wahrnehmung lässt sich kaum planen, ihre Eigenart ist nicht vorhersehbar. Sie überrascht. Wahrnehmung ist nun mal, abgesehen vom Objekt der Schaulust, von aktuell sich auswirkenden Einflüssen abhängig: von uns selbst und unserer momentanen Befindlichkeit, vom Stress der Anreise, von anderswo erlebtem Ärger oder gar vom Wetter.
Ulf Jonak

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