Unternehmen, hört die Signale!
- 27.05.2021
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Um die durch die Corona-Krise beschleunigten Umbrüche am Arbeitsmarkt zu bewältigen, müssen Unternehmen und Politik jetzt die richtigen Weichen stellen. Im Mittelpunkt stehen Aus- und Fortbildung.
Viele Unternehmen blicken derzeit skeptisch in die Zukunft und wissen nicht, welche langfristigen Perspektiven sie ihren Beschäftigten bieten können.
olly / Fotolia
Covid-19-Pandemie hier, Corona-Krise da – und kein Ende in Sicht. Erst recht, da die langfristigen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft noch gar nicht absehbar sind. Klar ist allerdings, dass die Pandemie den digitalen Wandel beschleunigt hat und wohl “als Katalysator für längerfristig wirkende Prozesse des Strukturwandels am Arbeitsmarkt wirkt“, wie Tanja Buch et al. in dem Beitrag “Arbeitsmarkteffekte der Corona-Krise“ feststellen. (Seite 16)
Jobveränderungen für 10,5 Millionen Deutsche
So kommt etwa die Studie “The future of work after Covid-19“ des McKinsey Global Institute (MGI) zu dem Schluss, dass weltweit über 100 Millionen Arbeitnehmer bis zum Ende des Jahrzehnts von Umschulungen, Weiterbildungen und Jobwechseln betroffen sein werden. In Deutschland haben demnach bis 2030 rund 10,5 Millionen Arbeitnehmende gravierende Veränderungen zu erwarten: 6,5 Millionen Beschäftigte müssten weitergebildet werden und bis zu vier Millionen sogar den Beruf wechseln, da ihre Tätigkeiten schneller überflüssig werden, als vor Covid-19 angenommen. Die Prognosen basieren auf der Analyse der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen bis zum Jahr 2030 in Deutschland, China, Frankreich, Indien, Japan, Spanien, Großbritannien sowie den USA.
Vor allem drei Trends, die die Arbeitswelt beeinflussen, haben sich seit dem Pandemiebeginn offensichtlich beschleunigt:
- Mobiles Arbeiten
- E-Commerce und virtuelle Interaktionen
- Automatisierung und Einsatz von KI-Technologien
Pandemie-Auswirkungen vor allem in vier Arbeitsbereichen
Der Untersuchung zufolge konzentrieren sich die kurz- und langfristigen Folgen der Krise in den betrachteten Ländern auf vier Arbeitsbereiche, die von großer räumlicher Nähe bestimmt sind: Freizeit- und Reisetätigkeiten, Kundenkontakt-Tätigkeiten, computergestützte Büroarbeit sowie Produktion und Lagerhaltung.
Ein schnelles Abklingen der Pandemie-Auswirkungen prognostizieren die MGI-Experten indessen vor allem Arbeitsbereichen mit geringer physischer Nähe. Und neue Jobs erwarten sie vornehmlich in der Programmierung, im Ingenieurwesen, im Transportbereich und öffentlichen Nahverkehr, aber auch im Gesundheits- und Pflegesektor.
Deutschland ist stark betroffen und gut gerüstet
Darüber hinaus stellt die Studie fest, dass sich die Veränderungen der Arbeitswelt in Europa insbesondere in Deutschland zeigen würden. Gründe seien unter anderem der große Anteil des verarbeitenden Gewerbes, in dem die Automatisierung vorangeht, sowie der hohe Anteil Homeoffice-fähiger Arbeitstätigkeiten. Allerdings attestiert die Studie Deutschland auch, für die Bewältigung dieser Umwälzungen besser als andere europäische Länder gerüstet zu sein. Zum einen wegen des gut qualifizierten Berufsbildungssektors, zum anderen, weil der Rückgang der Erwerbsbevölkerung um fünf Prozent bis 2030 den Verlust von Arbeitsplätzen kompensieren könnte.
Soziale Ungleichheiten könnten zunehmen
Wenig überraschend ist zudem der Befund, dass jene Menschen von den Umbrüchen am stärksten betroffen sind, die es am Arbeitsmarkt ohnehin oft schwerer haben: Menschen ohne Hochschulabschluss, Frauen, ethnische Minderheiten und junge Leute. Die Analyse “Arbeitsmarkteffekte der Corona-Krise – Sind Berufsgruppen mit niedrigen Einkommen besonders betroffen?“, die Tanja Buch et al. vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Ausgabe 1/2021 der Zeitschrift “Wirtschaftsdienst“ vorstellen, weist in dieselbe Richtung. Ihre Untersuchungen deuteten darauf hin, dass sich die soziale Ungleichheit in Deutschland noch verschärfen könnte, erklären die Autor:innen. (Seite 16)
Weniger Ausbildung verschärft Fachkräftemangel
Dass viele Unternehmen in der aktuellen Situation ihr Ausbildungsangebot zurückfahren (müssen), spitzt die Lage weiter zu. Alarmierende Zahlen für Deutschland liefert hierzu die Befragung “Betriebe in der Covid-19-Krise“, für die das IAB im Dezember 2020 rund 1.500 Betriebe befragte. Demnach plant im Schnitt ein Zehntel der ausbildungsberechtigten Betriebe, im Ausbildungsjahr 2021/2022 weniger oder gar keine Lehrstellen mehr anzubieten. Bei Firmen, die stark unter der Pandemie leiden, sind es 24 und im Gastgewerbe sogar 28 Prozent. “Für Betriebe kann es zum Bumerang werden, weniger Auszubildende einzustellen“, warnt daher IAB-Direktor Bernd Fitzenberger.
Adäquate Rahmenbedingungen für das Lernen schaffen
Gerade auch angesichts des Fachkräftemangels sollte den Unternehmen daran gelegen sein, passenden Nachwuchs auszubilden und die Mitarbeitenden fit zu machen für den digitalen Wandel. Dazu bedürfe es mehr als web-basierter Trainings und Lernplattformen, betonen Denise Gramß, Patricia Pillath und Annika Holland-Cunz. “Solche Anwendungen, die zu einer neuen und digitalen Arbeitsumgebung der Mitarbeitenden beitragen sollen, müssen in die vorhandenen Rahmenbedingungen richtig integriert werden. Alternativ bedarf es der Schaffung adäquater Rahmenbedingungen für neue digitale Prozesse des Lernens und Arbeitens im Unternehmen“, schreiben die Springer-Autorinnen über das “Lernen im digitalen Wandel“ (Seite 185).
Hier ist jedoch auch die Politik gefragt, Aus- und Weiterbildung stärker zu fördern. Immerhin plant Arbeitsminister Heil, die Ausbildungsprämie für Betriebe, die trotz der Pandemie keine Lehrstellen abbauen, zu verdoppeln. Aber auch bei Fortbildung während Kurzarbeit oder Bildungsurlauben ist noch Luft nach oben.
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