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01.07.2021 | Aus- und Weiterbildung | Interview | Onlineartikel

"Die Qualifikationslücke in Deutschland ist nicht besonders groß"

4:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Anthony Tattersall
Vice President

Coursera

Bei den digitalen Kompetenzen gehört Deutschland laut Global Skills Report (GSR) zu den fünf am besten ausgebildeten Ländern weltweit. Springer Professional sprach mit Coursera Vice President Anthony Tattersall über die Hintergründe.

Springer Professional: Auf welchen Daten und welcher Methodik basiert die Studie?

Anthony Thattersall: Der dritte jährliche Global Skills Report bietet einen detaillierten Einblick zum Status von fachlichen Kompetenzen auf der ganzen Welt. Die Erkenntnisse basieren auf Daten der Coursera-Plattform und Untersuchungen aus Q1 2020 bis Q1 2021, die auf Leistungsdaten von mehr als 77 Millionen Lernenden, 4.000 Campus, 2.000 Unternehmen und 100 Regierungen beruhen.

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Dieses Buch präsentiert Konzepte, Lösungsansätze und Visionen aus unterschiedlichen Perspektiven, um die digitale Kompetenz bei Mitarbeitern und Führungskräften zu fördern. 

Die Auswertung sind ein Benchmarking des Kompetenzniveaus in den Bereichen Business, Technologie und Datenwissenschaften für mehr als 100 Länder. Die Ergebnisse sollen Regierungen, Arbeitskräften und Industrieführern dabei helfen, neue Qualifizierungstrends und ihre Beziehung zu wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit und Wachstum besser zu verstehen.

Wie viele Daten konnten für Deutschland ausgewertet werden?

In Deutschland stützt sich die Studie auf 988.000 registrierte Lernende. Sie haben sich bei Coursera eingeschrieben, um von unseren über 5.000 Kursen zu profitieren. Dazu gehören auch Kurse, die von unseren deutschen Partnern, wie dem Karlsruher Institut für Technologie, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Technischen Universität München (TUM), angeboten werden. Die Leistung Deutschlands in dem Bericht wird an einer Gesamtzahl von 77 Millionen Lernenden weltweit und 14,2 Millionen Lernenden in Europa gemessen.

Ihre Studie attestiert Deutschland eine hohe Kompetenz in den Bereichen Maschinelles Lernen (ML), Datenmanagement, Software Engineering, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Wie erklären Sie sich die guten Ergebnisse in diesen Bereichen?

Technisch gesehen lassen sich die Ergebnisse durch unsere Methodik erklären. Für jede Grafik in den regionalen Abschnitten des Berichts zeigen wir die Rankings der Länder in den einzelnen Bereichen und Kompetenzen auf. Die über 100 analysierten Länder werden gegeneinander in eine Rangfolge gebracht und wir zeigen die Perzentil-Rankings für jede Entität innerhalb seiner Gruppe. Ein Land, das zu 100 Prozent wettbewerbsfähig ist, rangiert an der Spitze aller Länder. Ein Land mit null Prozent Wettbewerbsfähigkeit am Ende. Unter Anwendung dieser Methodik erscheint Deutschland zu 97 Prozent wettbewerbsfähig im Bereich Machine Learning (ML) und zu 90 Prozent im Segment Datenmanagement. Im Hinblick auf Software Engineering sind sie zu 95 Prozent wettbewerbsfähig und zu 90 Prozent im Bereich Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik.

Was läuft in Deutschland anders als in anderen Ländern? 

Die Gründe dafür können vielfältig sein. Die Bundesregierung arbeitet seit 2018 bewusst daran, die herausragende Stellung Deutschlands als Forschungsstandort zu sichern, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auszubauen und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von KI in allen Teilen der Gesellschaft zu fördern. Das hiesige Bildungssystem ist auch dafür bekannt, dass es eine hohe Anzahl an Absolventen in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik (MINT) hervorbringt. 35 Prozent der Erwachsenen mit Hochschulabschluss haben einen Abschluss in diesen Bereichen, verglichen mit 25 Prozent im Durchschnitt der OECD-Länder.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Studienergebnissen für die Aus- und Weiterbildung in deutschen Unternehmen?

Deutschland ist insgesamt gut aufgestellt, um ein wichtiger Akteur in der neuen digitalen Welt zu werden. Auf Platz zehn weltweit bei den Business Skills, auf Platz zwölf bei den Technology Skills und auf Platz acht bei den Data Science Skills. Somit ist die aktuelle Qualifikationslücke in Deutschland nicht besonders groß (WEF Upskilling 2021) und die Aufgabe des Aufbaus digitaler Kompetenz wird in Deutschland als übergreifende Kraftanstrengung verstanden.

Die Probleme Deutschlands auf dem Weg zur Digitalisierung scheinen weniger in den erforderlichen digitalen Kompetenzen zu liegen als vielmehr im langsamen Ausbau einer digitalen IT-Infrastruktur. Gerade im deutschen Mittelstand gestaltet sich der Übergang zu digitalen Geschäftsmodellen und Produktionsmethoden noch besonders schwierig.

Welche Weichen müssen im Innovationsmanagement der deutschen Schlüsselindustrien gestellt werden, damit Unternehmen erfolgreiche Global Player in der Digitalisierung bleiben oder werden?

Die Zusammenarbeit der Institutionen ist hier entscheidend für den Erfolg. Die Europäische Kommission geht bereits mit Initiativen wie "Digital Europe/Shaping Europe's Digital Future" voran, um neue Chancen für Unternehmen zu schaffen. Deutschland nimmt bei dieser Initiative eine Führungsrolle ein. Darüber hinaus unterstützt Deutschland die Digitalisierung der kleinen und mittleren Unternehmen im Land, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, effizienter zu arbeiten und Geld zu sparen.

Der Zugang zu einer Vielzahl von arbeitsplatzrelevanten Qualifikationen, einschließlich eines Weges zu digitalen Einstiegsjobs, wird ebenfalls wichtig sein, um eine Umschulung in großem Umfang zu ermöglichen und die wirtschaftliche Erholung zu beschleunigen.

Mit welchem Schulungsaufwand ist zur rechnen?

Der Global Skills Report zeigt, welche Fähigkeiten und welcher Zeitaufwand erforderlich sind, um sich auf Einstiegspositionen vorzubereiten. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Hochschulabsolventen und Quereinsteiger können in nur 35 bis 70 Stunden oder ein bis zwei Monaten bei zehn Lernstunden pro Woche digitale Fähigkeiten für den Berufseinstieg entwickeln. Die am besten übertragbaren Fähigkeiten über alle zukünftigen Jobs hinweg liegen vor allem bei menschlichen Fähigkeiten wie Problemlösung und Kommunikation sowie bei Computerkenntnissen und Karrieremanagement. 

In den Bereichen Technologie und Daten ist die mittlere Halbwertszeit einer Fähigkeit, also die Anzahl der Jahre, die eine Fähigkeit benötigt, um die Hälfte ihres Wertes auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen, etwa sieben Jahre kürzer als die Halbwertszeit von Fähigkeiten außerhalb dieser Bereiche.

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