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11.12.2015 | Automobil + Motoren | Nachricht | Onlineartikel

Volkswagen arbeitet an grundlegender Neuausrichtung des Konzerns

Autor:
Christiane Brünglinghaus

Erstmals hat sich Volkswagen ausführlich zum Stand der Aufklärung der Abgas-Affäre geäußert. Der Konzern soll künftig dezentraler geführt werden. Volkswagen hat zudem unabhängige Überprüfungen von Emissionstests angekündigt.

Der Volkswagen-Konzern kommt bei seiner Neuausrichtung gut voran, wie das Unternehmen mitteilt. Bei allen fünf Ende Oktober vorgestellten Prioritäten mache der Konzern Fortschritte: Die technischen Lösungen für die Kunden in Europa seien erarbeitet, den Behörden vorgestellt und dort positiv bewertet worden. Die Umsetzung beginne im Januar 2016. Die Aufklärung der Emissionsthematik zeige Ergebnisse, erste Konsequenzen aus den bisher vorliegenden Erkenntnissen wurden bereits gezogen. Die Umsetzung der neuen Struktur laufe planmäßig, der Prozess zur Erarbeitung einer neuen Strategie sei eingeleitet.

Erstmals äußerte sich das Unternehmen ausführlich zum Stand der Aufklärung, die von einem Sonderausschuss des Aufsichtsrates koordiniert wird. In die Aufklärung sind insgesamt rund 450 interne und externe Experten involviert. Die Untersuchungen erfolgen in einem zweigeteilten Prozess: Die Interne Revision, für die Experten aus verschiedenen Konzernunternehmen zu einer Task Force zusammengezogen und mit einem klar definierten, zeitlich befristeten Auftrag ausgestattet wurden, fokussiert sich im Auftrag von Aufsichtsrat und Vorstand auf die Prüfung relevanter Prozesse, auf Berichts- und Kontrollsysteme sowie die begleitende Infrastruktur. Ihre Erkenntnisse stellt die Revision den externen Experten von Jones Day zur Verfügung. Die Anwaltssozietät ist in einem zweiten Handlungsstrang vom Aufsichtsrat mit der vollständigen Aufklärung des Sachverhalts und der Verantwortlichkeiten beauftragt worden - also unter anderem mit den forensischen Untersuchungen. Jones Day wird dabei operativ von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte unterstützt.

Individuelles Fehlverhalten und Prozessschwachstellen

Nachdem sich der Verdacht von Unregelmäßigkeiten bei der CO2-Zertifizierung, wie am Mittwoch mitgeteilt, nach Prüfung nicht erhärtet hat, liegen inzwischen auch bei der Aufklärung der Stickoxid- (NOx)-Thematik erste wichtige Erkenntnisse vor. Nach der Prüfung der relevanten Prozesse durch die interne Revision stellt sich die Beeinflussung des NOx-Emissionsverhaltens durch eine Software als Zusammenspiel dreier Faktoren dar: Individuelles Fehlverhalten und persönliche Versäumnisse einzelner Mitarbeiter, Schwachstellen in einigen Prozessen und die Haltung in einigen Teilbereichen des Unternehmens, Regelverstöße zu tolerieren.

In der Vergangenheit hätten offensichtlich Prozessdefizite individuelles Fehlverhalten begünstigt. Das gelte zum Beispiel für die Test- und Freigabeprozesse bei Motorsteuergeräten, die nicht dazu geeignet waren, den Einsatz der fraglichen Software zu verhindern. Die Revision hat zu den Schwachstellen konkrete Abhilfemaßnahmen vorgeschlagen. Der Fokus liege hier darauf, Prozesse klarer zu strukturieren und besser zu systematisieren. Zum Beispiel soll künftig die Entwicklung von Motorsteuergeräte-Software unter strikter Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips erfolgen. Zudem werden die Gremien zur Freigabe solcher Software neu ausgerichtet - mit geschärften und verbindlich fixierten Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Mängel gab es auch in den Berichts- und Kontrollsystemen. Überwiegend habe das an einer fehlenden Konkretisierung von Zuständigkeiten gelegen. Hier will Volkswagen nachschärfen. Die Revision habe zudem an einigen Stellen Mängel in der IT-Infrastruktur aufgedeckt. Auch diese sollen behoben werden. Volkswagen will IT-Systeme einführen, die es ermöglichen, einzelne Vorgänge effizienter und transparenter zu verfolgen.

Eine zentrale Konsequenz, die das Unternehmen bereits aus den Erkenntnissen der Revision gezogen habe, sei eine weitreichende Änderung der Prüfungspraxis. So hat Volkswagen beschlossen, dass Emissionstests künftig grundsätzlich extern und unabhängig überprüft werden. Außerdem werden stichprobenhafte Real-Life-Tests zum Emissionsverhalten auf der Straße eingeführt.

Stickoxid-Affäre: nicht durchbrochene Fehlerkette

Während die Prozessanalyse der internen Revision in Kürze abgeschlossen sein wird, werde sich die Arbeit von Jones Day noch bis deutlich ins nächste Jahr hinein erstrecken. Grund für die unterschiedliche Untersuchungsdauer sei zum einen, dass die externen Ermittler gigantische Datenmengen zu sichten haben: Bislang wurden 102 Terabyte gesichert.

Zum anderen gehe es bei der Aufklärung des Sachverhalts um Verantwortlichkeiten im juristischen Sinne; Erkenntnisse müssen daher nicht nur plausibel und stimmig, sondern auch gerichtsfest sein. Volkswagen plant, zur Hauptversammlung am 21. April 2016 über den dann vorliegenden Stand der externen Untersuchung zu berichten.

Auf Basis des bisher gesichteten Materials konnten der Ursprung der Stickoxid-Thematik wie auch ihre Entwicklung weitgehend nachvollzogen werden. Sie stelle sich nicht als einmaliger Fehler, sondern als Fehlerkette dar, die nicht durchbrochen wurde. Ausgangspunkt war die strategische Entscheidung einer groß angelegten Dieseloffensive in den USA im Jahr 2005. Zunächst wurde kein Weg gefunden, um die strengeren Stickoxid-Normen beim Motortyp EA 189 in den USA mit zulässigen Mitteln und im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen zu erfüllen, berichtet Volkswagen. So sei es zum Einbau der Software gekommen, die den Ausstoß von Stickoxiden regulierte, je nachdem ob sich das Fahrzeug auf der Straße oder gerade in einem Prüfzyklus befand. Als dann im weiteren Verlauf ein effektives technisches Verfahren zur NOx-Reduktion zur Verfügung stand, wurde es nicht so genutzt wie es möglich gewesen wäre. Die fragliche Software habe vielmehr dafür gesorgt, dass das Reduktionsmittel AdBlue in unterschiedlich hoher Dosierung eingespritzt wurde - mit dem Effekt, dass die NOx-Werte auf dem Prüfstand besonders niedrig, auf der Straße hingegen deutlich höher waren.

"Kein Geschäft rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten", betonte Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Volkswagen-Aufsichtsrates. Im ersten Schritt wurden neun möglicherweise an den Manipulationen Beteiligte aus dem Management freigestellt. "Ich garantiere Ihnen hier und heute, dass wir diese rückhaltlose Aufklärung zum Abschluss führen werden. Dafür stehe ich, dafür steht der gesamte Aufsichtsrat der Volkswagen AG", betonte Pötsch.

Technische Lösungen für Kunden in Europa entwickelt, Umsetzung beginnt im Januar 2016

Für die drei europäischen Varianten des betroffenen Motortyps EA189 stehen inzwischen technische Lösungen bereit, die vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) positiv bewertet worden seien. Beim 2,0 und 1,2 Liter TDI wird ein Software-Update durchgeführt. Beim 1,6 Liter TDI werde zudem vor dem Luftmassenmesser ein sogenannter Strömungsgleichrichter eingesetzt, der die Messgenauigkeit erhöhen und in Kombination mit einer erneuerten Software die Einspritzmenge optimieren soll.

Nach erfolgter Abstimmung der technischen Lösungen arbeite Volkswagen nun mit Hochdruck an den Plänen für die Umsetzung. Der Rückruf der volumenstärksten Variante 2,0 Liter TDI soll im Januar 2016 beginnen. Voraussichtlich im zweiten Quartal startet der Rückruf des 1,2 Liter TDI. Der Start der Umsetzungsphase für die 1,6-l-Modelle ist für das dritte Quartal geplant, da die Hardware-Änderung einen zeitlichen Vorlauf benötigt. Nach aktueller Planung werde sich die gesamte Aktion mindestens über das volle Kalenderjahr 2016 erstrecken.

Aufgrund deutlich strengerer Stickoxid-Grenzwerte sei es in den USA eine größere technische Herausforderung, die Fahrzeuge so umzurüsten, dass mit ein- und derselben Abgasstrategie alle gültigen Emissionsgrenzen eingehalten werden .Volkswagen befinde sich dazu in intensivem Austausch mit der United States Environmental Protection Agency (EPA) und dem California Air Resources Board (CARB). Das Lösungskonzept für Nordamerika werde vorgestellt, sobald es mit den zuständigen Behörden abgestimmt ist.

Umsetzung der neuen Konzernstruktur angelaufen

Parallel zur Bewältigung der Krise treibt Volkswagen eine umfassende Neuausrichtung voran, die die Struktur des Konzerns ebenso wie die Art des Denkens und die strategische Zielsetzung betreffen soll.

Volkswagen soll künftig dezentraler geführt werden, Marken und Regionen erhalten mehr Eigenständigkeit. Der Konzernvorstand konzentriere sich voll auf seine Kernaufgabe: das Vorantreiben der großen, übergreifenden Zukunftsthemen sowie auf Synergien, Steuerung und Strategie. Volkswagen will technologische Veränderungen, die das eigene Geschäftsmodell massiv beeinflussen, maßgeblich mitgestalten, agiler werden und Entscheidungswege beschleunigen. Darüber hinaus will Volkswagen schlanker werden und seine Kosteneffizienz verbessern. Alle strukturellen Veränderungen sollen letztlich darauf abzielen, Komplexität in der Steuerung zu verringern und die Führbarkeit des Konzerns langfristig zu sichern.

Organisatorisch ist der Bereich "Integrität & Recht" zukünftig mit der Berufung von Dr. Christine Hohmann-Dennhardt mit einem eigenen Ressort im Konzernvorstand vertreten. Das Thema Digitalisierung werde deutlich aufgewertet und hat eine direkte Berichtslinie zum Vorstandsvorsitzenden. Insgesamt werden dessen "Direct Reports" von über 30 auf 19 reduziert.

Die personelle Erneuerung im Konzern wurde in jüngster Zeit noch einmal forciert. Seit Anfang 2015 hat der Konzernvorstand sechs neue Mitglieder bekommen, sieben der Marken wurden an der Spitze neu besetzt und innerhalb des CEO-Ressorts sind acht Bereiche neu besetzt. "Das Team, mit dem wir die Herausforderungen der kommenden Monate und Jahre angehen wollen, steht", so Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller. Im ersten Quartal 2016 sollen die Einzelheiten der neuen Struktur erarbeitet werden. Bis Anfang 2017 soll der Konzern vollständig in die neue Struktur überführt sein.

"Strategie 2025": Neue Zielsetzung in Vorbereitung

Künftig gehe es laut Müller darum, offener zu diskutieren, enger zusammenzuarbeiten und Fehler zuzulassen, solange sie als Chance zum Lernen begriffen werden. "Wir brauchen keine Ja-Sager, sondern Manager und Techniker, die mit guten Argumenten für ihre Überzeugungen und ihre Projekte kämpfen - die unternehmerisch denken und agieren."

Daneben hat Volkswagen auch die Erarbeitung einer neuen strategischen Zielsetzung eingeleitet. Mitte kommenden Jahres soll die neue "Strategie 2025" vorgestellt werden, mit der Volkswagen Antworten auf die zentralen Zukunftsfragen geben wird. Unter anderem strebt der Konzern eine signifikante Ausweitung seines Umsatzes außerhalb des jetzigen Kerngeschäfts an. Zudem sind eine Digitalisierungs- und eine Elektrifizierungsoffensive in Vorbereitung.

Das operative Geschäft verlaufe im Rahmen der Erwartungen, die Ende Oktober angepasste Jahresprognose 2015 bleibe unverändert. Die Vertriebszahlen seien mit Blick auf verschiedene Märkte und Marken sehr heterogen. "Insgesamt ist die Lage zwar nicht dramatisch, aber wie zu erwarten angespannt", erklärte Müller.

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