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05.06.2014 | Automobil + Motoren | Nachricht | Onlineartikel

Frisch gespriegelt: Verdecksysteme bei Porsche

Autor:
Gernot Goppelt

Offene Modelle sind bei Porsche kein Nischenprodukt, sie werden von gut 39 Prozent der Kunden bestellt. Das erste Porsche-Cabrio kam 1948 auf den Markt, seitdem hat der Sportwagenhersteller seine Verdecke immer weiter perfektioniert. Im aktuellen 911 Cabriolet kommen sie funktional einem geschlossenen Dach nahe, ohne dabei Kompromisse beim Offenfahren eingehen zu müssen. Vom neuen Betätigungssystem des Cabrios profitiert auch der aktuelle 911 Targa.

Was ist ein Spriegel? Er ist ein Element der tragenden Struktur, über das etwa bei Lkw oder eben bei Cabrios das Verdeck gespannt wird. Bei traditionellen Verdecken zeichnen sich die Spriegel unter dem Verdeck deutlich ab. Beim aktuellen 911 Cabrio wirkt das Stoffdach dagegen wie über eine plane Fläche gezogen. Zu verdanken ist das den sogenannten Flächenspriegeln, die wie Kacheln eine fast geschlossene Fläche bilden. Das Dach des 911 Cabrio wird per "Z-Faltung" geschlossen, wobei es zwei Knickstellen im Verdeck gibt. Sie sind in geschlossenem Zustand praktisch nicht sichtbar, allenfalls beim Darüberstreichen leicht spürbar. Durch die Flächenspriegel ergibt sich eine plane Fläche. Genauso wie herkömmliche Spriegel verschwinden sie zusammen mit dem Verdeck beim Zusammenklappen im hinteren Stauraum, bei Porsche also über dem Motor.

Die Faltung bestimmt die Form

Bei geöffnetem Verdeck wird dank der Z-Faltung das Fahrzeugdesign nicht von der Spriegelkonstruktion beeinträchtigt. Anders als bei der traditionellen K-Faltung drehen sich die Teile nicht um 180 Grad, sodass die nach außen abfallende Form auch im gefalteten Zustand erhalten bleibt. Das Verdeck verschwindet vollständig in seinem Stauraum. Ältere K-Faltungen sind dagegen gut an den leicht herausragenden Spriegeln erkennbar, deren Enden selbst unter Persenning auffallen.

Von 1948 bis heute war es ein weiter Weg: Das 356 Cabrio hatte ein einfaches, manuell zu bedienendes Stoffverdeck mit K-Faltung, das über Rohrspriegel gespannt war. 1982 stellte Porsche auf Ovalspriegel um, 1987 gab es erstmals eine vollautomatische Bedienung des Verdecks. 1998 wurde erstmals die Z-Faltung mit Verdeckkastendeckel statt Persenning eingeführt. Beim Gestell führte Porsche einen Magnesium-Mischbauweise ein, ab 2002 gab es statt einer Poly-Heckscheibe erstmals eine Glasscheibe, 2004 erstmals die Betätigung während der Fahrt. 2012 führte Porsche beim 991 die oben beschriebenen Flächenspriegel ein. Das Gewicht stieg dadurch übrigens nicht. Auch aufgrund eines höheren Anteils von Magnesium wiegt die Verdeckkonstruktion nur 36 Kilogramm, wie beim Vorgänger 997 ohne Flächenspriegel.

Erst das Verdeck, dann das Fahrzeug

Da sich 39 Prozent der Porsche-Kunden derzeit für ein offenes Modell entscheiden, kommt der Verdeckentwicklung im Entwicklungsprozess eine besonders hohe Bedeutung zu. Bereits in der Vorentwicklung werden die für das Verdeck erforderlichen Rahmenbedingungen definiert, die dann teilweise auch die formale Gestaltung der Coupés beeinflussen. Dabei geht es auf Simulationsebene unter anderem um die Dachrahmen-Teilungen, welche das Ablagekonzept bestimmen sowie die Definition einer Kinematik, also unter anderem die Drehpunktfindung für die beteiligten Komponenten wie Spriegel, Heckscheibe etc. Danach wird das Verhalten des Stoffdachs in zwei Schritten simuliert: Zunächst wird die Fläche auf Fäden reduziert, um notwendige Längen zu ermitteln, daraufhin erfolgt eine simulierte Faltung des gesamten Stoffdachs. Es folgen reale Faltversuche und vor der Serienfreigabe ein simulierter Realbetrieb über 100.000 Kilometer auf dem Prüfstand mit 1000 Betätigungszyklen auf Schlechtwegestrecke.

Die Z-Faltung der 911-Modelle wird auch beim Boxster eingesetzt, der 1996 auf den Markt kam. Manches ist auch beim aktuellen Modell 981 etwas einfacher gehalten als beim 911/991. Der Boxster hat weiterhin Oval- statt Flächenspriegel und keinen Verdeckkastendeckel. Auch beim Boxster sorgt Porsche für eine plane Verdeckoberfläche, nutzt dafür aber eine andere Methode: Statt der Flächenspriegel stützen aufgepolsterte Gurte das Verdeck zwischen den Spriegeln. Als Überrollbügel dient im Boxster ein fest montiertes Teil, im 911 sitzt hinter den Rücksitzen ein Überrollschutztragrahmen mit integrierten Ausfahrkassetten, der auch die Karosseriesteifigkeit erhöht. Der fehlende Verdeckkastendeckel vereinfacht den Antrieb: Beim Boxster genügen zum Verstellen des Verdecks zwei kräftige Elektromotoren. Beim 911 setzt Porsche dagegen auf eine Elektrohydraulik mit je einem Hydraulikzylinder pro Fahrzeugseite, um Verdeck und Verdeckkastendeckel zu bewegen. Die Hydraulik ist hier die bessere Lösung, weil die Einzelkomponenten kompakter sind.

Aus den einfachen Verdeckkonstruktionen von 1948 sind Hightech-Konstruktionen geworden, die nach Überzeugung der Porsche-Entwickler bei Sicherheit und Komfort nicht weit vom Coupé-Dach entfernt sind. In einer Hinsicht ist allerdings bis heute traditionelle Handarbeit angesagt: Die Einzelteile des Stoffdaches, also Bezug und Dämmlagen, können zwar maschinell gestanzt werden, am Ende müssen sie aber nach wie vor von Hand vernäht werden. Selbst hier geht aber die Entwicklung weiter: Bisher wurden konventionelle Längsnähte laut Porsche mit einem so genannten Umbug ausgeführt, wobei eine Stoffbahn umgeschlagen und mit der zweiten vernäht wird. Bei Porsche-Verdecken werden dagegen die Bahnen rechtwinklig nach innen gefaltet, mit einem "Meltexband" umsäumt und gefaltet. So entsteht keine Stufe im Stoff, sondern nur eine wenig sichtbare Nahtstelle, die zudem "doppelt wasserdicht" ist.

Der Targa floriert

Der Targa, tatsächlich benannt nach der "Targa Florio" wurde eigentlich entwickelt, um für die Sicherheitsanforderungen des US-Markts gewappnet zu sein. Laut Porsche überzeugte der Entwurf Ende 1963 Ferry und Alexander Porsche jedoch derart, dass der typische Überrollbügel zum Designelement wurde. Beim ersten Targa von 1967 gab es noch ein herausnehmbares Dachteil, das man im vorderen Kofferraum verstauen konnte. Nach vielen Evolutionsschritten kam 1996 die erste grundlegende Veränderung: Statt des querverlaufenden Überrollbügels verbaute Porsche zwei längs verlaufende Dachstrukturen, die praktisch eine komplette Verglasung erlaubten. Zwei der Glaselemente ließen sich zum Öffnen des Daches nach hinten verschieben. 2001 kam eine klappbare Heckscheibe hinzu, die bei geschlossenem Dach die Funktion eines Kofferraumdeckels übernahm.

Der aktuelle 911 Targa, erst vor einigen Monaten vorgestellt, ist gestalterisch ein Rückgriff auf das Urmodell. Der breite Überrollbügel ist auch hier als Designelement ausgeführt. Die Dachkonstruktion dagegen erinnert an die Z-Faltung der Cabrios: Über einen Hebelmechanismus wird das Dachelement nach hinten gehoben. Gleichzeitig wird das Heckscheibenelement angehoben, um Platz für das Dach zu machen, welches daraufhin komplett unter der Heckscheibe verschwindet. Da auch hier zwei Teile bewegt werden müssen, übernimmt wie beim 911 Cabrio eine bauraumgünstige Elektrohydraulik die Aufgabe.

Ob man sich nun für das Cabrio oder den Targa entscheidet, ist auch eine Geschmacksfrage. Beim Fahren mit geschlossenem Dach zeigt sich allerdings ein kleiner Vorteil des Targadaches: Dank der kuppelartigen Heckscheibe ist die Sicht nach hinten deutlich besser. Offen jedoch dreht sich das Bild, denn komplette Freiluft nach hinten bietet nur das Cabrio. Es ist ein schönes Privileg, die Wahl zu haben, die über Jahrzehnte gereifte Technik beeindruckt in beiden Fällen.

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