"Auslagerung bedeutet langfristig hohe Abhängigkeit"
- 11.12.2025
- Automobilelektronik + Software
- Interview
- Online-Artikel
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Europa droht in puncto Software und Batterien seine technologische Eigenständigkeit zu verlieren. Wie offene Software-Architekturen "made in Europe" dagegenhalten können, erklärt Veecle-Gründer Stefan Nürnberger.
Dr. Ing. Stefan Nürnberger, Mitbegründer und CEO von Veecle, einem Berliner Technologie-Start-up mit Fokus auf Fahrzeugsoftware.
Veecle
springerprofessional.de: Jüngst haben sich Deutschland und Frankreich an die Spitze für mehr europäische Unabhängigkeit von High-Tech-Konzernen wie Google oder Amazon gestellt. Forderungen nach einem digital souveränen Auto "made in Europe" werden auch immer lauter. Doch: Deutsche OEMs setzen in puncto Software auf US-Systeme, insbesondere bei Infotainment-Systemen, und bei Batterietechnik aus China. Welche Risiken sehen Sie in dieser Auslagerung von zentralen Bereichen der Wertschöpfung?
Nürnberger: Die Abhängigkeit von US-Software und chinesischer Batterietechnik führt zu einem Kontrollverlust genau dort, wo künftig die Wertschöpfung entsteht: bei Software, Updates und datenbasierter Optimierung. Wer das Betriebssystem oder das Batteriemanagement kontrolliert, bestimmt am Ende Reichweite, Fahrerlebnis, Sicherheit – und den Zugang zu Fahrzeugdaten. Diese Daten sind technisch unverzichtbar, etwa um Fahrerassistenzsysteme zu verbessern oder Batterien langlebiger zu machen. Wenn sie über externe Plattformen laufen, verlieren OEMs die Grundlage für eigene Innovation. Kurzfristig wirkt Auslagerung bequem, langfristig bedeutet sie hohe Abhängigkeit, langsameres Tempo und den Verlust technologischer Souveränität.
Dazu kommt: Viele Fahrzeugfunktionen stammen von unterschiedlichen Zulieferern, die Softwarelandschaft ist stark fragmentiert. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch?
Wenn viele Zulieferer eigene Steuergeräte samt Software liefern, entsteht ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Architekturen, Tools und Schnittstellen. Die Integration passiert erst ganz am Ende – und genau dort zeigt sich dann, dass Signale nicht passen oder Funktionen sich gegenseitig blockieren. Das macht Projekte teuer und langsam. Hinzu kommt: Viele Steuergeräte sind technisch fast identisch, werden aber für jeden Hersteller künstlich variiert. Das verursacht Kosten, Verzögerungen und bringt kaum echten Nutzen. Für OEMs bedeutet Fragmentierung, dass sie weder OTA-Updates sauber ausrollen können noch Synergien heben: Statt wenige leistungsfähige Rechner zu nutzen, müssen sie dutzende Boxen und Kilometer an Kabeln verbauen. Eine eigene, durchgängige Softwarebasis wäre schneller, günstiger und langfristig wartbarer.
Veecle verspricht Abhilfe durch den Einsatz einer offenen, europäischen Softwarearchitektur für das Software-Defined Vehicle (SDV). Herstellern soll damit eine gemeinsame technologische Grundlage geboten werden, die unabhängig von US-Plattformen funktioniert. Aus welchen Bausteinen besteht die Veecle-Plattform? Was kann sie leisten?
Die Veecle-Plattform besteht aus zwei Bausteinen: Veecle OS, einem offenen europäischen Betriebssystem, das auf unterschiedlichen Steuergeräten – vom kleinen Mikrocontroller bis zum Hochleistungsrechner – identische, sichere Ausführungsbedingungen schafft. Und dem Veecle Studio, einer Cloud-Umgebung, in der Hersteller ihre Funktionen modellieren, testen, simulieren und per Klick ins Fahrzeug bringen können. Gemeinsam bilden beide Teile eine durchgängige Softwarebasis, die nicht von US-Plattformen abhängt. OEMs bekommen damit eine einheitliche Architektur, weniger Integrationsaufwand und die Möglichkeit, Software viel schneller und kontrollierter selbst zu entwickeln und auszuspielen.
Wie lässt sich der Open-Source-Ansatz mit den Herausforderungen in Bezug auf Compliance und die Einhaltung von Sicherheitsrichtlinien verbinden?
Open Source bedeutet nicht, dass "jeder alles ändern darf". Entscheidend ist, wie ein Projekt geführt wird. Bei Veecle ist der sicherheitskritische Kern streng geschützt: Änderungen durchlaufen Reviews, Tests und formale Prüfungen – ähnlich wie bei Linux oder Kubernetes, die weltweit in sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt werden. Gleichzeitig schafft die Offenheit Transparenz: Auditoren, Behörden und OEMs können den Code einsehen, prüfen und zertifizieren, ohne einer Blackbox zu vertrauen. Sicherheit entsteht so durch Nachvollziehbarkeit, klare Zuständigkeiten und eine saubere Trennung zwischen zertifiziertem Kern und frei erweiterbaren Modulen. Das erleichtert Compliance, beschleunigt Audits und verhindert Lock-in – ohne die Integrität des Systems zu gefährden.
Bei welchen OEMs oder Projekten kommt die Veecle-Plattform zum Einsatz?
Wir können aktuell keine Namen nennen, aber Veecle kommt bereits in mehreren Entwicklungsprogrammen großer Hersteller in Europa, Korea und Nordamerika zum Einsatz. Dabei geht es nicht um kleine Pilotprojekte, sondern um die Grundlagen der nächsten Fahrzeugplattformen – also jene Architekturen, auf denen komplette Modellreihen der kommenden Jahre entstehen. Genau dort entscheidet sich, wie viel Software ein Hersteller künftig selbst kontrolliert und wie schnell er neue Funktionen liefern kann. Veecle wird eingesetzt, um diese Plattformen von Anfang an software-defined zu denken: mit einer einheitlichen Architektur, weniger Fragmentierung und einer offenen, europäischen Basis, die OEMs langfristig unabhängiger macht.
Welche zukünftigen Entwicklungen plant Veecle?
Veecle entwickelt die Plattform konsequent weiter. Ein Schwerpunkt ist die vollständig virtuelle Entwicklungsumgebung: Hersteller können Funktionen auf digitalen Zwillingen ihrer Steuergeräte entwickeln und testen – sogar auf Chips, die physisch noch gar nicht existieren. Dank Partnerschaften mit Halbleiterherstellern lässt sich damit die gesamte Fahrzeugsoftware Jahre vor Hardwareverfügbarkeit entwickeln. Zusätzlich bauen wir das Plug-in-Ökosystem aus, damit Drittanbieter eigene Safety-Algorithmen, Tools oder Diagnosemodule direkt integrieren können. Perspektivisch entsteht so eine europäische Basisplattform, auf der OEMs, Zulieferer und Softwarefirmen gemeinsam schneller entwickeln, testen und ausrollen können – ohne Abhängigkeit von US-Plattformen.