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"Software muss integraler Bestandteil der Produkt-DNA sein"

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Viele OEMs entwickeln weiterhin Fahrzeuge, als sei Software ein nachträgliches Add-on. Wird sie aber von Anfang an architektonisch integriert, lässt sie sich produktiv nutzen, sagt Michele Del Mondo von PTC. 

Michele Del Mondo, Senior Director Global Advisor Automotive, PTC


springerprofessional.de: Traditionell waren Fahrzeuge durch ihre mechanischen und hardwarebasierten Komponenten definiert. Nun rückt die Software in den Fokus der Fahrzeugentwicklung und -funktionalität. Kurzum: Das Konzept des Software-Defined Vehicle (SDV) transformiert die Automobilindustrie. Aber ab wann gilt ein Auto eigentlich als Software-Defined Vehicle?

Del Mondo: Ein Fahrzeug gilt dann als Software-Defined Vehicle (SDV), wenn zentrale Funktionen über Software definiert, gesteuert und aktualisiert werden können – unabhängig von physischer Hardware. Das betrifft nicht nur Infotainment, sondern auch Antriebssteuerung, Fahrerassistenzsysteme und die Fahrzeugarchitektur selbst. Entscheidend ist die Fähigkeit, neue Funktionen via Over-the-Air bereitzustellen und Variantenmanagement softwareseitig zu steuern. Damit wird das Fahrzeug zur Plattform, auf der Funktionen über Software skaliert, personalisiert und monetarisiert werden. Erst wenn Software die Weiterentwicklung und Differenzierung eines Fahrzeugs über dessen gesamte Lebensdauer prägt, sprechen wir von einem echten SDV.

Wo steht die deutsche und europäische Automobilindustrie im globalen Vergleich in Bezug auf das SDV? Konkret: Wie unterscheiden sich die Ansätze traditioneller OEMs von Vorreitern wie Tesla und chinesischen Newcomern?

Europäische OEMs verfügen über jahrzehntelange Engineering-Expertise, kämpfen aber oft mit historisch gewachsenen Silostrukturen. Während Tesla und chinesische Newcomer das SDV aus einer softwarezentrierten DNA heraus denken, müssen traditionelle Hersteller Legacy-Architekturen transformieren. Das ist ein Kraftakt, der kulturellen und technologischen Wandel verlangt. Viele OEMs sind sich der strategischen Bedeutung bewusst, doch die operative Umsetzung hinkt zum Teil noch hinterher, unter anderem wegen fehlender Standardisierung, überladener Toolchains und mangelnder Integration zwischen Embedded- und IT-Welt. Der Rückstand ist also kein technischer, sondern struktureller. Statt SDVs konsequent neu zu denken, optimieren viele OEMs lediglich bestehende Architekturen. Das kostet Geschwindigkeit und erschwert die Umsetzung disruptiver Konzepte.

Wie wirken sich die EU-Regeln und -Sicherheitsstandards auf die Entwicklung des SDVs aus?

EU-Regulierungen wie UNECE R156 oder der Cyber Resilience Act erhöhen den Druck auf OEMs. Sie verlangen, dass Sicherheit, Updatefähigkeit und funktionale Nachverfolgbarkeit von Anfang an in die Architektur integriert werden. Das beeinflusst, wie Systemgrenzen gezogen, Software-Komponenten modularisiert und Releasezyklen geplant werden. Klassische V-Modell-Prozesse stoßen dabei oft an ihre Grenzen. Der Digital Thread wird zur Grundlage, um Sicherheitsanforderungen kontinuierlich zu erfüllen. Das zwingt OEMs dazu, Entwicklungsprozesse neu zu denken – und schafft zugleich Potenzial, Sicherheitsprozesse zu harmonisieren und Audits durch automatisierte Nachverfolgbarkeit deutlich zu beschleunigen.

Um Volkswagens Software-Tochter Cariad ist es ruhig geworden. Der Konzern setzt in puncto Software auf neue Partner wie Rivian und XPeng. Woran scheitern viele OEMs, wenn es um die Realisierung von SDVs geht?

Viele OEMs unterschätzen die organisatorischen Voraussetzungen. Ein SDV erfordert nicht nur neue Software-Stacks, sondern eine Transformation der gesamten Produktentwicklung. Fehlende Integration zwischen Hardware-, Software- und IT-Teams, starre Release-Prozesse und proprietäre Systemlandschaften bremsen Innovation. Wenn Plattformstrategien unklar und Entscheidungswege zu lang sind, bleiben Softwareprojekte hinter den Erwartungen zurück. Erfolgreiche Hersteller setzen auf offene Architekturen, modulare Plattformen und interdisziplinäre Teams. Hinzu kommt: Der Fachkräftemangel im Softwarebereich macht es schwer, neue Strukturen schnell mit Leben zu füllen. Wer interne Kompetenzen nicht gezielt aufbaut, wird dauerhaft auf externe Partner angewiesen sein.

Um den Erwartungen der Kunden Rechnung zu tragen, ist die Umsetzung eines "Software-First-Ansatzes" bei der Entwicklung von SDVs entscheidend. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine gelingende "software-first"-Organisation aus?

Eine Software-First-Organisation stellt Software nicht ans Ende, sondern ins Zentrum der Fahrzeugentwicklung. Sie arbeitet funktionsorientiert statt komponentenbasiert, mit interdisziplinären Teams aus Mechanik, Elektrik und Software, die entlang der Produktfunktion statt der Fachabteilung organisiert sind. Entscheidungswege sind kurz, Verantwortung klar verteilt. Application Lifecycle Management (ALM) und Product Line Engineering (PLE) sorgen für Rückverfolgbarkeit und Variantenkontrolle. Agile Entwicklung, Continuous Integration und DevOps für Embedded-Systeme sind Standard. Ausschlaggebend ist eine durchgängig orchestrierte Systemarchitektur, die Updates, Feature-on-Demand und Modularität über den gesamten Lebenszyklus unterstützt – abgesichert durch einen Digital Thread. Entscheidend ist letztendlich: Software darf nicht aufgesetzt wirken, sie muss integraler Bestandteil der Produkt-DNA sein.

Welche Strategien und Modelle gibt es für die erfolgreiche Monetarisierung von SDVs?

Die Monetarisierung von SDVs basiert auf der Entkopplung von Hardware und Funktion: Funktionen lassen sich später aktivieren, individualisieren oder als Abo-Modell vermarkten. Voraussetzung sind robuste Update-Infrastrukturen, ein durchgängiges Variantenmanagement und die Fähigkeit, Fahrzeugdaten auszuwerten. Strategisch erfolgreiche OEMs setzen auf modulare Softwareplattformen, digitale Vertriebsmodelle und Ökosysteme mit Partnern, ohne dabei die Kontrolle über Kernfunktionen aus der Hand zu geben. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Fähigkeit zur Echtzeitsegmentierung der Kundennutzung: Wer versteht, wie ein Feature im Alltag genutzt wird, kann gezielt Upgrades anbieten – und neue Umsatzpotenziale erschließen.

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    Bildnachweise
    Michele Del Mondo, Senior Director Global Advisor Automotive, PTC/© PTC, AVL List GmbH/© AVL List GmbH, dSpace, BorgWarner, Smalley, FEV, Xometry Europe GmbH/© Xometry Europe GmbH, The MathWorks Deutschland GmbH/© The MathWorks Deutschland GmbH, HORIBA/© HORIBA, Outokumpu/© Outokumpu, Gentex GmbH/© Gentex GmbH, Ansys, Yokogawa GmbH/© Yokogawa GmbH, Softing Automotive Electronics GmbH/© Softing Automotive Electronics GmbH, measX GmbH & Co. KG, Hirose Electric GmbH/© Hirose Electric GmbH