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27.09.2023 | Automobilelektronik + Software | Gastbeitrag | Online-Artikel

So besteht die traditionelle Autoindustrie im Software-Zeitalter

verfasst von: Stefanie Eibl

6 Min. Lesedauer

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Um im Rennen um das softwaredefinierte Fahrzeug nicht abgehängt zu werden, muss die traditionelle Autoindustrie dringend ihr Mindset ändern. Was sie von Softwareunternehmen, Start-ups und chinesischen Herstellern lernen kann. 

Die Automobilindustrie durchläuft derzeit eine grundlegende Transformation. Mit dem zunehmenden Anteil an Software im Fahrzeug bewegen wir uns weg vom Auto als Ingenieursprodukt hin zu Fahrzeugen, die in erster Linie Softwareprodukte sind.

Diese Transformation kommt einer grundlegenden industriellen Revolution gleich, die noch viel bedeutsamer ist als es die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Die Veränderung ist vergleichbar mit dem Sprung vom Festnetztelefon zum Smartphone wie wir es heute kennen. Genauso wie dieser Schritt unsere Kommunikation revolutioniert hat, wird das softwaredefinierte Fahrzeug (SDV) die Fortbewegung revolutionieren.

Dieser Wandel ist nicht nur tiefgreifend, sondern auch anspruchsvoll für die Autoindustrie. Traditionelle Automobilhersteller haben dabei besonders zu kämpfen. Der sichtbare Fortschritt ist langsam, und die Kundenerfahrung lässt oft noch zu wünschen übrig. Dies führt dazu, dass europäische Hersteller verglichen mit ihrer internationalen Konkurrenz zunehmend Marktanteile verlieren.

SDVs bringen eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich

Fahrzeugsoftware ist äußerst komplex. Moderne Autos erfordern Millionen Zeilen Code, und dieser muss nicht nur sicher, skalierbar und flexibel sein, sondern auch die Integration mit einer Vielzahl anderer Systeme ermöglichen.

Und trotz der naheliegenden Analogie: Ein Auto ist kein Smartphone auf Rädern. Es handelt sich um ein Transportmittel für Menschenleben, und Fehler in der Software sind in diesem Fall nicht akzeptabel. Sicherheits- und Cybersicherheitsaspekte, und die damit verbundenen strengen Vorschriften, erhöhen die Komplexität zusätzlich.

Dennoch können wir uns nicht in Paralyse verlieren. Um in Zukunft auf dem Markt zu bestehen, müssen traditionelle OEMs jetzt aktiv werden. 

Der Schlüssel liegt im Mindset

Wie schaffen es Hersteller aus den USA oder China, die europäischen Herstellern Längen voraus sind? Wie gelingt es Unternehmen in anderen Branchen, komplexe Softwareprodukte umzusetzen?

Der Schlüssel zum Erfolg sind die Faktoren, die für traditionelle OEMs mit langer Unternehmensgeschichte und gewachsenen Strukturen am schwersten zu ändern sind – das Mindset, die Unternehmenskultur und die Organisationsstruktur.

Es gibt einige Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Tesla ist das offensichtliche – ebenso wie eine wachsende Anzahl chinesischer Hersteller wie BYD oder Dongfeng. Sie verfolgen einen frischen, unkonventionellen Ansatz, sind in erster Linie Softwareunternehmen und Start-ups, haben wenig Altlasten und einen inhärenten Kundenfokus. Was können wir von ihnen lernen?

Lernen von Softwareunternehmen

  1. Produktfokus: Im Gegensatz zur traditionellen Konnotation des Begriffs "Produkt" bei OEMs – die das Fahrzeug meint – organisieren Softwareunternehmen ihre Teams um bestimmte Softwareprodukte oder Funktionen herum. Sie betrachten Software nicht als abgeschlossenes, fertiges "Projekt", sondern verstehen, dass kontinuierliche Iteration entscheidend ist. In der Zukunft werden auch Automobilhersteller fortlaufend an ihren Softwareprodukten arbeiten, selbst lange nachdem das Auto verkauft wurde.
  2. Erwachsene Agilität: Softwareunternehmen arbeiten seit jeher agil. Sie bilden agile Teams, zerlegen ihre Produkte in kleine, handhabbare Aufgaben und iterieren basierend auf Feedback. Vor allem aber verfügen sie über genügend Erfahrung, um die häufigsten Fallstricke agiler Methoden zu bewältigen – wie das richtige Gleichgewicht zwischen Bottom-up und Top-down. Viele OEMs, die den Übergang von traditionellen zu agilen Arbeitsweisen vollziehen, haben Schwierigkeiten mit einer Über-Agilisierung.
  3. Offenheit für Open Source: Softwareunternehmen erkennen, dass Innovationszyklen in der Softwareentwicklung kurz sind und sie ihre Produkte schnell entwickeln müssen. Open Source ist ein gängiger Ansatz in der Softwareentwicklung, bei dem der Code der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird, um ihn zu überprüfen, zu ändern und zu verbessern. Dies fördert die Zusammenarbeit, Innovation und Skalierbarkeit, spart Kosten und ist oft sogar sicherer. Ein Modell, das auch in der Automobilindustrie Anwendung finden sollte – zumindest für die Basisfunktionen.

Lernen von Start-ups

  1. Fail-Fast-Mentalität: Start-ups konzentrieren sich auf die Entwicklung von Minimum Viable Products (MVPs). Das bedeutet, ein Produkt zunächst mit den wesentlichen Funktionen zu entwickeln, ohne es bereits perfekt zu machen. Sie testen, lernen und iterieren schnell. Natürlich ist ein "Fail-Fast"-Ansatz für sicherheitskritische Funktionen im Fahrzeug nicht anwendbar. In Bezug auf weniger kritische Funktionen wie beispielsweise das In-Car-Entertainment kann dieser Ansatz die Entwicklung jedoch beschleunigen. Kunden sind mittlerweile von vielen digitalen Diensten regelmäßige Updates gewohnt – warum nicht auch von ihren Autos?
  2. Know your Limits: Als junge Unternehmen mit begrenzten Ressourcen verspüren Start-ups keine Scheu, um Hilfe zu bitten. Sie konzentrieren sich auf ihre Stärken und suchen Partner, um ihre Vision zu verwirklichen. OEMs betreten mit SDVs ein völlig neues Geschäftsfeld – warum also nicht mit denen zusammenarbeiten, die bereits erfahren darin sind?
  3. Risikobereitschaft: Start-ups sind oft bereit, hohe Risiken einzugehen. Natürlich ist das einfacher, wenn man sich mit Risikokapital finanziert und keinen stabilen Börsenkurs aufrechterhalten muss. Dennoch – die Automobilindustrie braucht etwas mehr Risikobereitschaft und Mut, auch unkonventionelle Ansätze in Betracht zu ziehen, wie beispielsweise die Einführung einer neuen (Sub-)Marke oder die Gründung eines eigenen Start-ups.

Lernen von chinesischen Herstellern

  1. Spaltmaß, wer? Chinesische OEMs positionieren sich als "technologiegetriebene EV-Unternehmen", "internationale High-Tech-Unternehmen" oder "nationale Großunternehmen" – sie sprechen nicht über die Freude am Fahren, exzellente Ingenieurskunst oder das Auto selbst. Sie bringen einen radikal neuen Ansatz in die Branche ein und scheinen damit eine extrem große Zielgruppe zu erreichen, wie die aktuellen Entwicklungen des Marktanteils in China und zunehmend auch in Europa zeigen.
  2. China-Inc.-Ansatz: Chinesische Unternehmen agieren anders. Ihr Ansatz zeichnet sich durch eine enge Beziehung zwischen Regierung und Wirtschaft aus. Unternehmen bilden starke Allianzen, und in Kombination mit der enormen Größe der Wirtschaft, niedrigen Arbeitskosten und fortschrittlicher Batterietechnologie verschafft ihnen dies einen beispiellosen Wettbewerbsvorteil. Für traditionelle Hersteller kann dies ein Anstoß sein, in Zukunft unkonventionellere Partnerschaften einzugehen. 
  3. Maßgeschneiderte Kundenerlebnisse: Chinesische OEMs sind ein herausragendes Beispiel für eine Customer Experience, die passgenau auf lokale Verbraucher zugeschnitten ist. Europäer mögen übermäßig gamifizierte Benutzeroberflächen, extreme Unterhaltungsfunktionen und WeChat überall für absurd halten. Chinesische Autohersteller entwickeln jedoch radikal auf ihre Nutzer zugeschnittene Mensch-Maschine-Schnittstellen (HMIs), die sie von der Konkurrenz abheben.

Mut, kundenorientiertes Denken und Kollaboration sind entscheidend

Viele dieser Aspekte scheinen auf den ersten Blick für etablierte Automobilhersteller schwer umzusetzen und es ist verständlicherweise ein großer, schmerzvoller Schritt vom – zu Recht – stolzen, tradierten Ingenieursunternehmen hin zu einer komplett neuen Idee von Automobilität.

Zudem gibt es keinen Standardansatz für die Transformation eines traditionellen OEMs zum Marktführer für SDVs. Dennoch zeichnen sich einige Schlüsselfaktoren ab: Mut, echte Kundenorientierung und der Wille zur Zusammenarbeit. 

Nur so können traditionelle Hersteller ihre Softwarekompetenz stärken, erstklassige Kundenerlebnisse schaffen, starke Partnerschaften eingehen, eine Kultur etablieren, die die notwendigen Talente anzieht, und schnelle Entscheidungen treffen. Letztendlich führt dies zu einer verkürzten Time-to-Market und dem Potenzial, Skaleneffekte zu hebeln – der einzige Weg, um künftig mit der Konkurrenz Schritt zu halten. 

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