Skip to main content
main-content

08.10.2015 | Automobilelektronik + Software | Interview | Onlineartikel

"Die App im Armaturenbrett wird zur Selbstverständlichkeit"

Autor:
Christiane Brünglinghaus

Das Automobil spielt schon heute als Teil des Internet of Things eine große Rolle, sagt Volker Johanning. Warum für den Konsumenten das Auto mehr und mehr zum rollenden Computer wird, erklärt er im Interview.

Springer für Professionals_Durch das Internet im Auto erhöht sich die Intelligenz des Fahrzeugs um ein Vielfaches. Auf welche Weise und in welche Richtung verändert das Internet die Automobilwirtschaft?

Johanning_Nach einer Anfang des Jahres veröffentlichten GfK-Studie verbringen die Deutschen je nach Altersgruppe im Schnitt 4,5 bis 5 Stunden pro Woche im Auto - Staus und zäher Berufsverkehr sorgen immer wieder für Korrekturen nach oben. Selbstverständlich möchten mobile Menschen von heute während dieser Zeit nicht auf digitalen Komfort verzichten. Eine entsprechend große Rolle spielt das Automobil schon heute als Teil des IoT (Internet of Things), welches die Vernetzung von Gegenständen mit dem Internet realisiert, damit diese selbstständig kommunizieren und so verschiedene Aufgaben für den Besitzer erfüllen. Es wird also künftig nicht die Frage sein, ob ein Fahrzeug die Voraussetzung für digitale Vernetzung erfüllt, sondern nur noch, auf welche Weise es dies tut. Es deutet alles darauf hin, dass Autos ohne Internetkonnektivität bald einfach nicht mehr verkäuflich sein werden.

Mit Google, Apple und Tesla drängen Internetunternehmen auf den Automarkt. Werden die traditionellen Autobauer mit dem Innovationsgeist des Silicon Valleys mithalten können?

Die Entwicklungen der genannten Silicon Valley-Firmen stellen die traditionellen Autobauer in der Tat vor große Herausforderungen - eröffnen aber der Branche auch riesige Chancen, erneut Industriegeschichte zu schreiben. Jetzt gilt es, strategisch und nachhaltig klug zu reagieren und sich entsprechendes Know-how an Bord zu holen. Nur dann kann es gelingen, dass auch digitaler automobiler Komfort mit den Marken der Fahrzeugbauer und nicht mit einschlägigen IT-Firmen assoziiert wird.

Die Entwicklungs- und Produktlebenszyklen zwischen Software- und Mobilfunkindustrie sowie Automobilbranche unterscheiden sich stark. Inwiefern erhöht das den Handlungsdruck bei den Automobilherstellern?

Will ein Autobauer konkurrenzfähig sein und es auch künftig bleiben, kommt er nicht umhin, bisherige Produktzyklen zu überdenken. So die Automobilindustrie das Geschäft mit dem Infotainment selbst machen will, gilt es, sich am Produktzyklus von Mobiltelefon & Co. zu orientieren. Die Car-IT-Software muss in der Lage sein, ständig Updates im Auto zur Verfügung stellen zu können. Tesla geht zeigt momentan der Autoindustrie wie das funktioniert und verspricht für den Herbst 2015 ein Update auf teilautonomes Fahren an. Nur durch ein Softwareupdate wird ein Tesla dann in der Lage sein teilautonome Funktionen auszuführen. Davon sind deutsche Autohersteller leider heute noch ziemlich weit entfernt. Interessant ist auch ein Blick auf den Nachrüstmarkt. Dort werden sehr interessante Connect-Produkte angeboten, die trotz der einen oder anderen Schnittstellenproblematik oftmals sehr innovative Lösungen sind.

In Ihrem Buch "Car IT kompakt" ist zu lesen, dass wir zurzeit dabei seien, aus der Car IT das IT-Car zu machen. Würden Sie bitte erläutern, was damit genau gemeint ist?

Die IT von Autoherstellern und Zulieferern ist zum Teil bis heute eine "traditonelle IT", die die Rolle des internen IT-Dienstleisters einnimmt. Neben den typischen Business-Support-Funktionen wie ERP-Systemen oder Management-Cockpits, hat man die automobilspezifische Supply Chain und die Produktion sowie das Engineering mit IT-Kompetenz unterstützt. Da war man schon näher am Auto dran, aber niemals direkt an der Entwicklung und Produktion maßgeblich beteiligt, sondern nur in Form von IT-Dienstleistungen. Die wichtigen Bereiche bei OEMs und Zulieferern waren die Forschung & Entwicklung sowie die Logistik, Produktion und die Qualitätsabteilung. Durch die Konnektivität des Auto mit dem Internet ändert sich dies auf einmal. Mittlerweile stehen IT-Themen wie die Entwicklung von Web-Portalen, Apps, die Leistungen eines Rechenzentrums beziehungsweise einer Cloud im Mittelpunkt bei der Entwicklung neuer Automodelle. Die Daten, die jetzt während der Fahrt und zum ersten Mal vom Fahrzeugnutzer ermittelt werden können, sind extrem wertvoll für das Marketing und den Vertrieb. Vollkommen neue Geschäftsmodelle werden am Horizont sichtbar und dies führt dazu, dass die ehemals traditionelle IT einen vollkommen neuen Stellenwert erfährt und eine neue Rolle einnehmen muss. Wenn man an das autonome Fahren denkt, so geht es im Grunde nur noch um Daten, man könnte es IT-Car nennen. Da ist die IT gefordert einen großen Rollenwechsel vorzunehmen und diese Veränderung nicht nur zu begleiten, sondern zu gestalten.

Wenn man sich das Fahrzeug selbst anschaut, dann wird auch dort IT Einzug erhalten und zu einer Art rollender Computer. Das Fahrzeug steht dann in Verbindung mit dem Automobilhersteller (OEM) und dessen Servicemitarbeitern oder -Partnern, Fahrzeugfunktionen können kontrolliert und aktualisiert, technische Probleme kommuniziert und mitunter sogar "online" behoben werden. Verkehrsinformationen erfolgen dank Internetverbindung mit entsprechenden Stellen in Echtzeit, die Navigationselektronik wird instruiert, möglicherweise wird sogar auf das Fahrverhalten eingewirkt. Musik und Unterhaltung kommen via Internetanwendung in den Fahrgastraum. Das Fahrzeug steht in Verbindung mit der Infrastruktur, zum Beispiel Ampeln, Verkehrsschildern oder Parkhäusern sowie mit anderen Fahrzeugen. Für den normalen Konsumenten wird das Auto mehr und mehr zum rollenden Computer, die App im Armaturenbrett wird zur Selbstverständlichkeit.

Die Anzahl der Assistenzsysteme und Sensoren im Auto nimmt sehr schnell zu, sodass selbstfahrende Autos keine allzu ferne Vision mehr sind. Welche Veränderungen bringt das selbstfahrende Fahrzeug für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mit sich?

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass moderne Autos bald keinen Fahrer mehr benötigen werden. Dennoch sehen Beobachter dem autonomen Fahrzeug mit gemischten Gefühlen entgegen, birgt es doch auch Potenzial für bedenkliche Entwicklungen. Zu den erhofften Vorteilen zählen weniger Unfälle, bessere Nutzung des Straßennetzes, Einsparungen in der Verkehrsinfrastruktur, höhere Energieeffizienz, eine produktivere Arbeits- und Freizeit, sichere Mobilität für ältere, gehandicapte oder jugendliche Autofahrer, bessere Nutzung von Stadträumen, niedrigere Versicherungskosten. Bedenkenträger befürchten vor allem, dass fahrerlose Fahrten noch mehr Privatfahrzeuge auf die Straße bringen könnten und der öffentliche Nahverkehr überflüssig wird, wodurch viele Arbeitsplätze verloren gehen. Eine neue Komplexität in der Straßenverkehrsordnung träte dann ein, wenn sowohl autonome als auch selbstfahrende Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. Auch rechnet man mit neuartigen Sicherheitsrisiken durch Hacker- und Terrorangriffen auf die Car IT oder die Nutzung automatisch gesteuerter Fahrzeuge als programmierbare Transportvehikel für Terroranschläge. Unzählige Gesetze müssen angepasst werden, vom Versicherungsrecht bis hin zu Regelsätzen zur Entscheidungsfindung für die Führung von Fahrzeugen. Diese Regeln werden bestimmen, wie sich Fahrzeuge auf Autobahnen und Schnellstraßen, aber auch in Wohngebieten zu verhalten haben. Langwierige, politische Diskussionen sind daher nicht ausgeschlossen. Zu guter Letzt sind die Gefahren für die Privatsphäre anzuführen. Ein mit Sensoren bestücktes, in das Internet-of-Things nahtlos integriertes Auto wird eine Flut von personenbezogenen Daten aufnehmen übertragen. Es wird vermutlich nicht mehr möglich sein, einen Missbrauch dieser Daten vollständig auszuschließen.

Im Zeitalter vernetzter Fahrzeuge ist Datenschutz kritisch und der Schutz vor externen Angriffen, die die Fahrzeugsicherheit beeinträchtigen könnten, zentral. Die jüngsten Hackerangriffe, beispielsweise auf das Infotainment-System Uconnect des Jeep Cherokee und die Sicherheitslücke beim Onstar RemoteLink iOS-System von GM haben das verdeutlicht. Haben die Autohersteller die Cyber-Security zu lange vernachlässigt?

Die potenziellen Angriffsflächen vernetzter Fahrzeuge wie Systemzugangsdaten, mobile Apps, Updates und Datenverbindungen stellen in der Tat ein Sicherheitsrisiko dar, das allen unter den Nägeln brennt. Entkoppelung und rigoroser Datenschutz ist die Lösung. In der Praxis heißt das: Sicherheitsrelevante Fahrzeugbestandteile wie Motorsteuerung, Bremse, ABS oder Airbags müssen getrennt sein von der Konnektivität des Fahrzeug. IT-Sicherheitsarchitekturen müssen sehr gewissenhaft entwickelt und vor allem ausgiebig bis in alle Details getestet werden, bevor sie live im Fahrzeug genutzt werden können. Tesla verfolgt zum Beispiel den Ansatz, dass Hacker eine Prämie bekommen, wenn sie sicherheitsrelevante Lücken im System finden und diese Tesla melden. Innovative, neue Wege sind zum Teil nötig, um wirklich Schaden durch Sicherheitslücken aufzudecken und schnell zu beheben.

Zur Person

Volker Johanning ist Berater, Autor und Top-Speaker für die Themen IT-Strategie, IT-Organisation und Car-IT.

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Herausforderungen für die Fahrzeug-IT

Quelle:
Car IT kompakt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Autonomes Fahren

Quelle:
Car IT kompakt

Premium Partner

    Bildnachweise