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18.11.2016 | Automobilelektronik + Software | Im Fokus | Onlineartikel

Mängel bei Reifendruckkontrollsystemen

Autor:
Christiane Köllner

Transport & Environment hat Reifendruckkontrollsysteme unter realen Straßenbedingungen getestet. Dabei hat die Umweltorganisation deutliche Mängel festgestellt.

Seit zwei Jahren müssen alle in der EU verkauften Neuwagen mit einem Reifendruckkontrollsystem (RDKS) ausgestattet sein. In den USA ist RDKS bereits seit 2007 für neu verkaufte Fahrzeuge Pflicht. Das elektronische Überwachungssystem ist fest ins Fahrzeug eingebaut und registriert den Druckverlust an einem oder mehreren Reifen. So sollen Unfälle vermieden werden. Denn falscher Reifenfülldruck kann zu instabilem Fahrverhalten führen – aber auch zu erhöhtem Kraftstoffverbrauch. "In Europa stand der Kraftstoffmehrverbrauch durch zu geringen Reifendruck im Mittelpunkt der Motivation, in den USA waren es vor etwa zehn Jahren Sicherheitsüberlegungen nach einer Unfallserie mit vielen Getöteten", erläutern Autoren von Continental im Artikel Reifendruckkontrolle - Sicherheitsaspekte und Mehrwertfunktionen aus der ATZelektronik 2-2013 die Beweggründe für die RDKS-Vorschrift.

T & E: Fehlerhafte Reifendruckkontrolle bei VW und Fiat

Jetzt haben Praxistests der Umweltorganisation Transport & Environment (T & E) Mängel bei Reifendruck-Kontrollsystemen offenbart. T&E hat verschiedene Tests mit einem VW Golf 7 und einem Fiat 500L durchgeführt. Dabei sind insgesamt 16 Fahrten mit wechselnden Bedingungen absolviert worden. Die Tests wichen mehr oder weniger stark von den Bedingungen ab, die für die Homologation der vorgeschriebenen Reifendruckkontrollsysteme festgelegt sind. Das Ergebnis: Beim VW Golf 7 habe das Reifendruckkontrollsystem nur während zwei von 16 Testfahrten richtig funktioniert. Beim Fiat 500 L habe das System jedes Mal versagt, wenn es unter realen Fahrbedingungen geprüft wurde. 

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Reifendruckkontrolle

Der Reifendruck ist eine wichtige Größe, die letztlich fast alle Reifeneigenschaften beeinflusst. Der Mindestluftdruck wird über die Vorschriften der ETRTO festgelegt. Er hängt vom Loadindex des Reifens, vom Speed-Index, Zusatzkennungen wie Extraload


Hintergrund ist eine Diskussion um die richtige Technik. Denn auf dem Markt sind grundsätzlich zwei Arten von Reifendruckkontrollsystemen: indirekt und direkt messende Systeme. Bei den getesteten VW- und Fiat-Modellen wird der Reifenluftdruck nicht direkt über Sensoren im Rad, sondern indirekt gemessen. Indirekte RDKS detektieren einen Luftdruckverlust über vorhandenen ESP- oder ABS-Sensoren, was kostengünstiger ist. Laut T & E nähren die fehlerhaften Kontrollsysteme den Verdacht, dass die Hersteller auf günstige Systeme setzen, die nur unter Prüfstandsbedingungen funktionierten.

Ein möglicher Grund liegt für die Organisation darin, dass die Hersteller falsche Alarmmeldungen vermeiden wollen und indirekte RDKS optimieren, um nach dem offiziellen Test weniger empfindlich zu sein. Da indirekte Systeme auf der Erkennung von Radvibrationen und -drehungen basieren, könnten sie unter realen Bedingungen wie wechselnden Straßenoberflächen und Temperatur oder kalten und rutschigen Wetterbedingungen zu leicht auslösen.

Diese Vermutung teilt auch der Auto Club Europa (ACE). "Offensichtlich sind die Auslöseschwellen der indirekten Systeme bewusst zu niedrig angesetzt worden, um das System für den Verbraucher möglichst bequem zu gestalten und Reklamationen wegen Fehlalarmen vorzubeugen. Raus gekommen sind dabei Messsysteme, die nur auf dem Prüfstand wirklich funktionieren", kommentiert Gunnar Beer, Reifenexperte beim ACE, die Tests von T & E. Volkswagen und Fiat weisen die Vorwürfe zurück, auch weil ihnen die genauen Testbedingungen nicht bekannt seien, wie die Hersteller gegenüber dem "Handelsblatt" erklärten.

Kritik übt der ACE auch, weil das Problem mit der Ungenauigkeit der indirekt messenden Systeme in der Praxis offensichtlich jahrelang bekannt war und gleichzeitig mit den direkt messenden Systemen ein funktionierendes System zur Verfügung stehe.

Direkte und indirekte RDKS

Umso erstaunlicher erscheint es dann, dass laut T & E der Einsatz der indirekten Systeme in Europa ansteigt. In den USA hingegen werden viel weniger Neuwagen mit indirekten Systemen zugelassen, weil dort strengere Tests während der gesamten Lebensdauer der Fahrzeuge durchgeführt werden.

Systembedingter Nachteil der indirekten Systeme ist die niedrigere Performance, da der absolute Reifendruck nicht ermittelt wird und damit auch nicht angezeigt werden kann. Klarer Vorteil gegenüber direkt messenden Systemen sind die niedrigeren Kosten und auch die deutlich einfachere Handhabung im Falle eines Reifenwechsels", schreibt Springer-Autor Dr.-Ing. Günter Leister im Kapitel Reifendruckkontrolle aus dem Buch Fahrzeugräder – Fahrzeugreifen.

Im Vergleich zum indirekten RDKS gilt das direkte RDKS als sehr genau. Das direkte RDKS erfasst mithilfe von Sensoren in jedem Reifen Druck und Temperatur. Die erfassten Daten werden über Funk an einen zentralen Empfänger gesendet, der bei Unregelmäßigkeiten eine Warnmeldung auslöst. Druckverlust wird auch im Stand detektiert. Selbst das Ersatzrad kann mit überwacht werden. Die Sensoren sind allerdings teuer, das Deaktivieren des Systems verboten. Gleichzeitig ist der Wartungsaufwand direkt messender Systeme höher.

Derzeit verlangt die EU nur den Einsatz eines RDKS und differenziert nicht zwischen direktem oder indirektem System, so T & E. Aufgrund der in den Testes aufgedeckten Mängel, spricht sich die Organisation daher für direkte Systeme und regelmäßige Alltagstest aus. Gremien der Vereinten Nationen (UN) und der EU haben sich dem Thema Reifendruck inzwischen angenommen, wie das "Handelsblatt" berichtet. Die regionale UN-Kommission UNECE habe nun "neue Regeln für Reifen formuliert, wonach Messsysteme künftig auch im Straßenverkehr und nicht nur im Zulassungstest funktionieren müssen", schreibt die Zeitung. Laut "Handelsblatt" sollen die Regeln Anfang 2017 in Kraft treten, wie die Kommission dem Blatt bestätigt habe. Danach wolle die Kommission sie noch 2017 in EU-Recht umsetzen.

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Reifendruckkontrolle

Quelle:
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