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30.08.2017 | Automobilelektronik + Software | Im Fokus | Onlineartikel

So lässt sich der Tachomanipulation vorbeugen

Autor:
Christiane Köllner

Sechs Milliarden Euro Schaden soll Tachobetrug in Deutschland pro Jahr anrichten. Damit könnte womöglich bald Schluss sein. Denn ab September müssen neue Autos durch eine technische Lösung geschützt werden. 

Tachobetrüger haben es in Zukunft deutlich schwerer: Neue Fahrzeugmodelle müssen ab 1. September 2017 durch eine technische Lösung im Auto geschützt werden. Das sei jetzt im Rahmen der EG-Typgenehmigung 2017/1151 vorgeschrieben, wie der ADAC berichtet. Wie der sichere Schutz vor Tachomanipulation technisch aussehen wird, ist noch nicht final definiert. 

Laut Ermittlungen der Polizei wird bei einem Drittel der Gebrauchtwagen der Kilometerstand nach unten "gedreht". Dieser Betrug führt im Durchschnitt zu einem um 3.000 Euro höheren Preis beim Verkauf eines Pkw. Pro Jahr werden nach Schätzungen der Polizei allein in Deutschland rund zwei Millionen Autos manipuliert. Experten schätzen den jährlichen Schaden, der durch zu hohe Preise entsteht, auf sechs Milliarden Euro. Bisher habe der ADAC noch kein Fahrzeug gefunden, dessen Kilometerstand sich nicht betrügerisch verändern ließ. Die Manipulationsgeräte seien frei erhältlich, Billigkopien für Privatanwender kosteten weniger als 150 Euro. 

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01.03.2013 | Entwicklung | Ausgabe 2/2013

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Der Kilometerstand in fast allen aktuellen Autos kann sehr einfach und schnell manipuliert werden. Hierfür sind spezielle Manipulationsgeräte schon ab wenigen hundert Euro frei erhältlich.

ADAC fordert seit Jahren HSM-Chips

Mit der technischen Lösung im Zuge der EG-Typgenehmigung ist nun ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Tachobetrug gemacht. Aus Sicht des ADAC muss im nächsten Schritt festgelegt werden, wie die Maßnahmen gegen Tachomanipulation von den Herstellern umgesetzt und im Rahmen der Typgenehmigung überprüft werden. Ein solcher Schutz könne von neutraler Stelle bestätigt werden, etwa per Common-Criteria-Zertifizierung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn.

Der ADAC fordert seit vielen Jahren zum Schutz des Verbrauchers eine technische Lösung, die direkt im Auto und ab Werk verbaut ist. Der Club setzt dabei auf die Nutzung sogenannter Hardware Secure Module (HSM). Diese sind derzeit schon in Auto-Steuergeräten verbaut. Allerdings werden sie nicht zum Schutz gegen Tachobetrug verwendet, sondern gegen Diebstahl und Chiptuning. Eine Nutzung der HSM-Chips auch gegen Tachobetrug würde nach Einschätzung des ADAC nur wenige Cent pro Auto kosten. Dank der neuen Typengenehmigung könnte sich das ändern.

Erweiterte Steuergerätekonfiguration und Datenbanken

Dass eine technische Umsetzung heute schon auf einfache Weise möglich ist, erklärt auch der Halbleiterhersteller Infineon und setzt ebenfalls auf die HSM-Chips. Es ließe sich auf bestehende Elektronikkomponenten zurückgreifen, die bereits für Steuerungs- und Überwachungsfunktionen im Fahrzeug zum Einsatz kämen, erklärt das Unternehmen im Artikel Tachomanipulation – Technisch Vorbeugen aus der ATZelektronik 2-2013. Der Automobilhersteller müsse hierzu nur zusätzliche Softwarefunktionalität bereitstellen. Als wesentliche Mikrocontrollerkomponente zum Implementieren der erforderlichen Schutzmechanismen sollen die sogenannte Secure Hardware Extension (SHE) und das Hardware Security Module (HSM) in Frage kommen.

Als weitere Maßnahme gegen Tachomanipulationen werden auch immer wieder Kilometerstands-Datenbanken in die politische Diskussion gebracht. Für den ADAC täuschen die Datenbanken eine Problemlösung allerdings nur vor: Weil ein Kilometerstand nicht auf Manipulation geprüft werden kann, könnten manipulierte Werte Eingang in solche Datenbanken finden – und den Betrug damit "offiziell" machen. Kfz-Versicherer sprechen sich hingegen für eine Datenbank aus. Ein Vorbild ist beispielsweise Belgien, wo Gebrauchtwagen nur mit einem "Car-Pass" verkauft werden dürften, der alle Kilometerstände von Inspektionen und Reparaturen enthält.

Mit Blockchain gegen die Tachomanipulation 

Dem weitverbreiteten Tacho-Schwindel ließe sich auch mit Blockchain ein Ende setzen, wie der Zulieferer Bosch und der TÜV Rheinland demonstrieren. Kommt die Sprache auf Blockchain, so werden meist Finanzindustrie und Logistik als mögliche Anwendungsfelder genannt. Wie sich Blockchain in der Praxis auch in anderen Szenarien einsetzen lassen könnte, zeigen die beiden Partner mit ihrer Kooperation.

Verhindern soll den Tacho-Betrug ein digitales Fahrtenbuch, das sich auf viele Rechner verteilt. Über einen einfachen Stecker sendet das Auto regelmäßig den Tachostand auf die verschiedenen Rechner. Per Smartphone-App kann der Autobesitzer jederzeit den echten Kilometerstand überprüfen und mit der Tachoanzeige im Auto abgleichen. Wenn er das Auto verkaufen möchte, lässt sich ein Zertifikat erstellen, das dem Käufer die Echtheit der Tachodaten beweist. Es ist auch möglich, das Zertifikat über das Internet zu teilen, beispielsweise auf Online-Verkaufsplattformen für Autos.

Einer Studie von TÜV Rheinland zufolge wären 70 Prozent der Käufer bereit, mehr zu zahlen, wenn sie den tatsächlichen Tachostand durch eine Art digitales Fahrtenbuch nachvollziehen könnten. Auch mehr als 90 Prozent der Verkäufer stimmen zu, dass eine solche Kilometerübersicht ein hilfreiches Tool beim Verkauf eines Fahrzeugs wäre. Sie wären mit einer digitalen Aufzeichnung des Tachostands einverstanden.

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