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11.01.2023 | Automobilelektronik + Software | Gastbeitrag | Online-Artikel

Erst neue Services bringen das softwaredefinierte Auto voran

verfasst von: Alex Agizim

6 Min. Lesedauer
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Die Autobauer tun sich schwer mit der digitalen Transformation. Es fehlt nicht nur die Software für das Auto der Zukunft, sondern auch ein digitales Businessmodell. Die Lösung: Nicht (nur) Daten, sondern Dienste. 

In der Automobilbranche ist der Umbruch in vollem Gange: Die Automobilhersteller stecken Milliardenbeträge in die Software ihrer neuen Modelle. Sie alle haben verstanden, dass künftig nicht mehr der Motor das Herz eines Autos ist, sondern der Computer. Doch die digitale Transformation ist nicht einfach ein kurzes Projekt, an dessen Ende das softwaredefinierte Fahrzeug steht. Jeder einzelne Schritt bringt eine neue Herausforderung mit sich, die von Neuem bewältigt werden muss. Schließlich muss jeder Hersteller die Frage beantworten, womit er in Zukunft sein Geld verdienen möchte. Es werden nicht (nur) die Daten sein – es sind die Services.

Die Größe der Herausforderungen wird deutlich, wenn man sich die unterschiedlichen Herangehensweisen der Hersteller bei der Entwicklung eines neuen Betriebssystems ansieht. Mercedes und VW treiben die Entwicklung eines eigenen Systems jeweils mit Hochdruck voran. Ihre bekannten Wettbewerber sind dabei die amerikanischen Tech-Giganten Apple und Google, von deren Automotive-Lösungen sie sich keinesfalls abhängig machen wollen. Allerdings müssen sich die Hersteller mit einem selbstentwickelten Betriebssystem dabei auch gleich für einen Hardware-Lieferanten entscheiden, der die Chips beisteuert. Hier drohen neue Abhängigkeiten – und eine Gefährdung der eingespielten Zulieferketten, wie BMW zur IAA 2021 warnte. Die Münchner setzen nicht auf ein komplett eigenentwickeltes Betriebssystem, sondern auf eine flexible Middleware, mit deren Hilfe die Software unabhängig von der Hardware laufen könnte. Wenn dann einmal der Chiphersteller ausgetauscht werden muss, muss man nicht gleich alles neu programmieren. 

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Connected Car Services – Neue Vermarktungschancen durch künstliche Intelligenz

Die Automobilbranche durchläuft den größten Wandel ihrer 120-jährigen Geschichte: Die Digitalisierung, neue Antriebstechnologien und veränderte Kundenwünsche stellen die gesamte Branche vor große Herausforderungen. Insbesondere der Wettbewerb von Seiten der Tech-Konzerne nimmt zu und der Wettstreit um die Datenhoheit im vernetzten Auto hat längst begonnen. Wollen die Autohersteller in diesem Wettbewerb bestehen, müssen sie eine zentrale Plattform im Auto bereitstellen, die ähnlich wie ein Smartphone Funktionen digital und auf Abruf zur Verfügung stellt. Wie diese „Connected Car Services“ umgesetzt werden können und welche zentrale Rolle der künstlichen Intelligenz unter anderem beim Vermarkten und beim Pricing zukommt, wird in diesem Beitrag erläutert.

Unterschiedliche strategische Denkmodelle

Es ist klar: Autohersteller werden zu Softwarefirmen. Sie wollen die Hoheit über die durch die Fahrzeuge generierten Daten nicht verlieren und entwickeln deswegen eigene Softwarelösungen für ihre Fahrzeuge. Im Hintergrund steht der Zwang, auf die neuen Wünsche der Kunden zu reagieren. Die wollen nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto besitzen. Sie wünschen sich vor allem Flexibilität und Mobilität. 

Branchenweit ist der Innovationsdruck so hoch, dass die permanente Bereitstellung neuer Angebote für Kunden bereits weit über das eigentliche Mobilitätsgeschäft hinausgeht. Noch nicht weithin akzeptiert ist sicher das Modell der Monetarisierung von bislang kostenlosen integrierten Funktionen. So erntete BMW im Sommer 2022 Unverständnis für den in Südkorea gestarteten Versuch, die Sitzheizung im Abo-Modell für umgerechnet 18 Euro pro Monat zu vertreiben. Quasi über Nacht brüsteten sich die ersten Hackergruppen damit, durch Manipulationen die "Sitzheizung for free" möglich zu machen. 

Businessmodell "Serviceleistung"

Die Automobilhersteller wetteifern um die besten Ideen für die Mobilität von morgen. So sollen die Kunden in Zukunft bei ihrer Kaufentscheidung unterstützt werden. Das bedeutet unter anderem auch, dass Zulieferer auf die unterschiedlichen Anforderungen der Automobilhersteller eingehen und diese in ihrer Strategie berücksichtigen müssen. Wir sprechen ständig über die Bedeutung von Daten. Noch viel wichtiger ist allerdings, was mit den Daten geschieht und wie Automobilhersteller mit Drittanbietern von Serviceleistungen wie Flottenmanagement, Carsharing, Versicherungen und ähnlichen Diensten reibungslos zusammenarbeiten können. Die von solchen Drittanbietern bereitgestellten Serviceleistungen sind zusammen mit den Daten, die durch diese Leistungen in den Fahrzeugen generiert werden, die neue Geschäftsgrundlage für die Automobilhersteller in der Zukunft.

Das Auto wird dann über ein Netzwerk mit externen Services und Geräten gekoppelt und Over-the-Air mit Updates und neuen Funktionen und Features versorgt. Die Automobilhersteller reagieren bereits auf diesen Trend. Sie erhöhen ihre Ausgaben für Connected Services und Datenanalyselösungen und sind damit auf dem richtigen Weg. Während sie heute noch 100 % ihrer Umsätze aus dem Verkauf von Fahrzeugen erzielen, wird sich dieser Prozentsatz 2030 deutlich verringert haben. Ein erheblicher Teil der Umsätze wird dann durch andere Angebote wie datengesteuerte Services oder Carsharing-Modelle erwirtschaftet.

Services neu denken – Beispiel Versicherung

Was jetzt gebraucht wird, ist die Zusammenarbeit und Interaktion mit Drittanbietern, die wissen, wie man Serviceleistungen anbietet – und zwar so, dass sie Autoherstellern und Serviceanbietern gute Umsätze bescheren. Im Fokus stehen dabei ganz neue Geschäftsmodelle, mit denen Autohersteller drohende Umsatzeinbußen kompensieren können. Ein Beispiel für einen integrierten Ansatz ist eine Versicherungslösung, die das Bordsystem des Fahrzeugs nutzt, um Versicherungsleistungen bedarfsgerecht zu aktivieren. Bisher haben Fahrzeughalter eine Versicherung abgeschlossen, ohne zu wissen, ob sie die vereinbarten Versicherungsleistungen jemals in vollem Umfang in Anspruch nehmen werden. Viele schließen beispielsweise eine Auslandsversicherung ab, fahren im darauffolgenden Jahr aber nicht ins Ausland.

Die Zukunft wäre eine maßgeschneiderte Onboard-Lösung, bei der erst dann der Versicherungsschutz aktiviert wird, wenn der Fahrer mit seinem Fahrzeug eine Landesgrenze überquert. Der Versicherer kann über diese Lösung den Fahrzeugführern verschiedene Leistungen, Pakete und Empfehlungen anbieten. Der Autofahrer profitiert von einem positiven Kundenerlebnis, denn für ihn kommen im Fall der Fälle nur die bedarfsgerechten Versicherungsleistungen zum Tragen. Der Autohersteller verdient an der Nutzung des Fahrzeugs und der entsprechenden Leistung, und die Versicherungsgesellschaft kann sich über ein attraktives Neukundengeschäft freuen, weil sie auf die richtige Zusammenarbeit gesetzt hat.

So helfen Edge-Orchestrierungsplattformen 

Die Umsetzung solch neuer Geschäftskonzepte für Serviceleistungen, die in einem Fahrzeug angeboten werden, stellt hohe Anforderungen an Kriterien wie Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit oder Sicherheit. EPAM hat dafür mit "AosEdge" eine Open-Source-Plattform entwickelt, über die Automobilhersteller und Drittanbieter zur Umsetzung solcher Transformationsinitiativen zusammenarbeiten können. Sie ermöglicht die Orchestrierung von Diensten und die Verwaltung von Over-the-Air-Updates. Denn das Fahrzeug ist permanent mit dem Internet verbunden, und das bordeigene Computersystem kann als Edge-Computing-Knoten für cloudbasierte Services genutzt werden. Das heißt, die Dienste funktionieren auch bei einer nicht durchgängig stabilen Kommunikation zwischen Fahrzeug und Cloud.

Edge-Orchestrierungsplattformen sind unerlässlich für die nächste Generation von softwaredefinierten Fahrzeugen. AosEdge etwa sorgt im Wesentlichen für die Verfügbarkeit von Services und für die Sicherheit des Ökosystems sowohl im Fahrzeug als auch bei Drittanbietern. Die gleichzeitige Nutzung von Dienstleistungen auch von mehreren Anbietern ist jederzeit möglich. Und auch die fortlaufende Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung der angebotenen Serviceleistungen im Fahrzeug wird von der Plattform sichergestellt. 

Open Source als Lösungsweg

Solche Plattformen können im Open-Source-Umfeld schneller und deutlich günstiger entwickelt werden, ohne dass die Hersteller jeden Entwicklungsschritt im eigenen Hause durchführen müssen. Die Eclipse Foundation, eine der weltweit größten Open-Source-Stiftungen mit Mitgliedern wie Bosch, Microsoft, SAP oder Oracle, hat im Jahr 2021 eine herstellerneutrale Arbeitsgruppe für das softwaredefinierte Fahrzeug gegründet, die sich auf die Entwicklung von Fahrzeugen der nächsten Generation auf der Grundlage des Open-Source-Modells konzentriert. Auch EPAM trägt in dieser Gruppe dazu bei, die Grundlage für ein offenes Ökosystem für die Bereitstellung, Konfiguration und Überwachung von Fahrzeugsoftware zu schaffen. Fahrzeughersteller auf der ganzen Welt können diese Grundlage nutzen, um sich auf differenzierende Kundenmerkmale wie Mobilitätsdienste und Verbesserungen der Endnutzer-Erfahrung zu konzentrieren, während sie bei den nicht differenzierenden Elementen wie Betriebssystemen, Middleware oder Kommunikationsprotokollen Zeit und Kosten sparen. Zu den Herausforderungen der digitalen Transformation gehört wohl auch, dass sich die Autoindustrie vom Silodenken befreit und intelligenter als bisher zwischen Kooperation und Eigenentwicklung entscheidet.

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