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27.03.2020 | Automobilproduktion | Im Fokus | Onlineartikel

So wirkt sich die Corona-Krise auf die Automobilindustrie aus

Autor:
Christiane Köllner
4:30 Min. Lesedauer

Das Coronavirus stürzt die Autobranche in die Krise: Werke schließen, der Autoabsatz schrumpft. Dazu kommt: Die Corona-Krise trifft die Autobranche mitten in einer historischen Transformationsphase. 

Die Automobilindustrie leidet unter den Folgen der Corona-Krise, das Virus beherrscht die Weltwirtschaft. Aktuell haben viele Autohersteller ihre Werke geschlossen, die Produktion gedrosselt oder gestoppt. Dafür gibt es vielfältige Gründe: Schutz der Mitarbeiter, Lieferengpässe durch unterbrochene Lieferketten und fehlende Zulieferteile sowie eine einbrechende Nachfrage. Einige Automobilhersteller wie GM, Ford und Tesla wollen auch mit der Produktion von medizinischer Ausrüstung starten. Die deutsche Automobilindustrie sucht ebenfalls nach Möglichkeiten, medizintechnische Geräte zur Bekämpfung der Corona-Pandemie herzustellen. Volkswagen, BMW und auch einige Zulieferer haben bereits signalisiert, dass sie das Gesundheitssystem unterstützen wollen.

So lobenswert dieses Engagement der Automobilunternehmen ist, umso schwerer wiegt für Volkswagen, BMW und Co. der Einbruch der Pkw-Nachfrage. Branchenexperten prognostizieren, dass nach China nun auch die Autonachfrage in Europa deutlich schrumpfen wird, weil während der Corona-Krise kaum jemand an den Kauf eines neuen Fahrzeugs denkt. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) sind die Absatzzahlen auf den internationalen Automobilmärkten im Februar erneut zurückgegangen. "In China ist der Pkw-Absatz infolge der Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus‘ deutlich eingebrochen. Der europäische Pkw-Markt (EU28 & EFTA) lag ebenfalls unter Vorjahresniveau", heißt es vom VDA. Auch Japan und Indien hätten ein Minus verzeichnen müssen. Die Rückgänge auf diesen und weiteren Märkten stünden jedoch anders als in China in diesem Monat noch nicht im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Corona-Pandemie, so der VDA. In den USA seien die Absatzzahlen dagegen angezogen. In den kommenden Monaten sei jedoch auch außerhalb Chinas coronabedingt mit zum Teil deutlichen Rückgängen beim Absatz von Pkw beziehungsweise Light Vehicle zu rechnen. 

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Bis zu 80 Milliarden Euro Umsatzverluste in Deutschland

Gleichzeitig werden weniger Autos gebaut als ursprünglich vorgesehen. Nach einer Berechnung der Strategieberatung Berylls für die Zeitschrift "Auto Motor und Sport" sollen im März und im April in Europa 810.000 Autos weniger gebaut werden als geplant. 2019 seien in Europa rund 15 Millionen Fahrzeuge produziert worden. Der Berylls-Analyse zufolge hätten fast 100 Automobilwerke plus zahllose Produktionsstätten der Zulieferer ihre Arbeit unterbrochen. Am stärksten betroffen sei Deutschland. Hier erwarten die Analysten ein Minus von 249.000 Fahrzeugen. Professor Stefan Bratzel rechnet durch die Produktionsausfälle mit Umsatzverlusten von bis zu 80 Milliarden Euro in Deutschland, so der Chef des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach bei Köln im Gespräch mit "Auto Motor und Sport". Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer hat ausgerechnet, dass den deutschen Autobauern aufgrund der Krise ein Umsatz von 360 Millionen Euro pro Tag entgehe, wie die "Automobilwoche" berichtet.

Die Folge: 2020 droht der weltweite Automarkt um fast 15 Prozent zu schrumpfen. Faktisch prognostizieren beispielsweise die Analysten der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) in einer aktuellen Studie, dass der globale Absatz an Fahrzeugen dieses Jahr auf unter 80 Millionen Einheiten einbrechen wird. 

2019 bereits Gewinnwarnungen aus der Autobranche

Die Corona-Krise dürfte zu einer größeren Verwerfung in der europäischen Autoindustrie führen. Denn die Pandemie ist nicht die einzige Herausforderung, die die Branche erschüttert. Der Handelsstreit zwischen den USA und China, die Diesel-Debatte und der kostenintensive Umstieg auf die Elektromobilität, die die klassische Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie transformieren wird, wie es Springer-Autor Timo Strathmann im Kapitel Die Herausforderungen für den etablierten Automobilhersteller durch Elektromobilität und Implikationen für das Geschäftsmodell beschreibt, belasten OEM und Zulieferer zusätzlich. So erstaunt es auch nicht, dass die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen in Deutschland 2019 einen neuen Höchststand erreicht hat: Die 306 im Prime Standard gelisteten Unternehmen veröffentlichten insgesamt 171 Gewinn- oder Umsatzwarnungen – ein Anstieg um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie Unternehmensberatung Ernst & Young mitgeteilt hat. Die meisten Warnungen kamen im vergangenen Jahr aus der Automobilbranche.

Besonders hart betroffen sind auch die Automobilzulieferer, da auch sie ihre Produktionsstätten komplett oder in großen Teilen herunterfahren und ruhen lassen. Das trifft wiederum die Hersteller, da die Zulieferer "einen immer größeren Teil (ca. 70 – 80 Prozent) der Wertschöpfungskette ab[decken] und [...] für einen großen Anteil der Innovationen in der Automobilindustrie verantwortlich [sind], erklärt Springer-Autor Alexander Jaroschinsky im Kapitel Einleitung – Bedeutung der Sanierung von Zulieferern aus dem Buch Strategische Sanierung von Automobilzulieferern. Continental schrieb im vergangenen Jahr bereits rote Zahlen und machte unter dem Strich ein negatives Nettoergebnis in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, was zu Werksschließungen und Personalabbau führte. Auf der kürzlich abgehaltenen Bilanz-Pressekonferenz sprach der Continental-Vorstandsvorsitzender Elmar Degenhart von einer "massive[n] Marktkrise in Zeiten einer umwälzenden Technologie-Transformation". "Die Auswirkungen davon werden uns alle noch lange beschäftigen", so Degenhart.

Brüssels Klimaschutz-Vorgaben belasten zusätzlich

Weiterer Druck kommt aus Brüssel: Die Automobilbauer müssen ihre CO2-Emissionen deutlich senken, sonst drohen Strafen der Europäischen Union (EU). Für das Verfehlen der EU-CO2-Emissionsziele drohen Autobauern laut einer Analyse des Beratungsunternehmens PA Consulting Strafzahlungen in Höhe von 14,5 Milliarden Euro. Zurückzuführen seien die gestiegenen Emissionen auf den Kauf von SUVs, die starke Nachfrage nach leistungsstarken und schwereren Autos, den Mangel an emissionsarmen Optionen im Verkauf und die nach dem Diesel-Skandal veränderte Präferenz für Benziner. Vor allem Volkswagen könnte wegen seines hohen Absatzvolumens in ganz Europa eine Strafzahlung von bis zu 4,5 Milliarden Euro drohen, so die Analyse.

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