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03.03.2022 | Automobilwirtschaft | Schwerpunkt | Online-Artikel

So trifft der Ukraine-Krieg die deutsche Automobilindustrie 

verfasst von: Christiane Köllner

4 Min. Lesedauer

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Rohstoff-Knappheit, Produktionsstopps und Engpässe bei Kabelbäumen: Der Ukraine-Krieg wird für die Automobilindustrie ein immer größeres Problem. Der VDA hat die aktuellen Auswirkungen des Kriegs benannt. 

Die Folgen des Ukraine-Kriegs könnten die deutsche Automobilindustrie erheblich treffen. "Aufgrund der sehr dynamischen Situation ist ein verlässlicher Ausblick schwierig", erklärt der Verband der Automobilindustrie (VDA). Fest stehe aber: "Es wird zu weiteren Beeinträchtigungen bei der Produktion von Fahrzeugen in Deutschland kommen", so der VDA. Deren Umfang könne man aktuell aber noch nicht beziffern. Aktuelle Auswirkungen hat der VDA jedoch bereits skizziert. Ein Überblick. 

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EU-Russland-Beziehungen Russland

Die Russland-Politik der Europäischen Union (EU) nach dem Ende des Kalten Krieges zielte darauf, innere Reformen sowie eine Modernisierung des Landes zu unterstützen und dessen Integration mit der EU zu fördern. Diese Politik ist gescheitert; für Moskau ist die EU kein Modell mehr, sondern im Moment eher ein strategischer Gegner. Trotz enger wirtschaftlicher und energiepolitischer Interdependenz gibt es eine geo- und sicherheitspolitische Konkurrenz zwischen der EU und Russland.

Marktpräsenz

Nach Angaben des VDA haben die deutschen Hersteller im vergangenen Jahr etwas mehr als 40.000 Fahrzeuge in beide Länder – Russland und Ukraine – exportiert. Konkret seien es 4.100 Pkw in die Ukraine und 35.600 Pkw nach Russland gewesen. Dies entspreche 1,7 % aller aus Deutschland heraus exportierten Pkw. Russland stehe bei den Pkw-Exporten aus Deutschland auf Platz 18.

In Russland selbst, so der VDA, produzierten die deutschen Hersteller 170.000 Pkw in 2021, die weitgehend auch dort abgesetzt worden seien. Der Marktanteil deutscher Hersteller in Russland liege bei knapp 20 %.

Deutsche Automobilhersteller und -zulieferer unterhielten etwa eigene 43 Fertigungsstandorte in Russland und sechs der Ukraine. Zudem gebe es weitere internationale Werke die Komponenten zuliefern.

Lieferketten

Durch die Kriegshandlungen werden Lieferketten unterbrochen. Der Transport sei eingeschränkt, die Produktion in Zulieferbetrieben falle aus. "Die Hersteller und Zulieferer arbeiten mit Hochdruck daran, die Ausfälle und Behinderungen in den Lieferketten zu kompensieren und Alternativen hochzufahren", berichtet der VDA.

Die Lieferengpässe führen zum Produktionsstopp in vielen Werken der deutschen Hersteller. Medienberichten zufolge habe Mercedes-Benz seine Produktion in Russland und Exporte in das Land gestoppt. Ebenso der Lkw-Bauer Daimler Truck. Auch Volkswagen habe sein Russland-Geschäft wegen des Krieges ausgesetzt. BMW stelle den Bau von Autos im russischen Kaliningrad und den Export nach Russland ein.

Bei den Vorprodukten, so der VDA, seien aufgrund der weltweiten Pandemie bereits vor Kriegsausbruch die Lagerbestände in einigen Bereichen weitgehend erschöpft gewesen. "Die durch den Krieg hinzukommenden Unterbrechungen bei Zug- und Schiffsverbindungen sowie Einschränkungen im Luftverkehr haben bereits deutliche Auswirkungen auf die Liefer- und Logistikketten", heißt es. Der VDA erwartet eine Verschärfung der Teileversorgung. Zusätzlich gerieten die Lieferketten zum Beispiel nach und aus China unter Druck, weil auch die Landwege durch die Krisenregion einen Transport zunehmend ausschließen.

Kabelbäume

Zudem ergibt sich laut VDA kurzfristig eine Reduzierung der Zulieferung von Kabelbäumen. "Bei den Kabelbäumen handelt es sich um ein komplexes und teils für jedes Fahrzeugmodell individuell angefertigtes Bauteil. Hier gibt es kaum Lagerbestände", heißt es vom VDA. Neben Tunesien versorge vor allem die Ukraine europäische Hersteller mit diesem Bauteil. "Kabelbäume sind komplexe Komponenten, daher kann die Produktion nicht kurzfristig umdisponiert oder anderweitig substituiert werden", so der VDA. Laut Medienberichten versucht der Nürnberger Bordnetz-Spezialist Leoni, den durch die Schließung zweier ukrainischer Werke bedingten Produktionsausfall auszugleichen.

Rohmaterialien

Der VDA rechnet damit, dass die Automobilindustrie langfristig mit Knappheit und Preisanstieg bei Rohmaterialien konfrontiert sein wird. Dies betreffe insbesondere die folgenden Rohstoffe aus Russland und der Ukraine:

Neongas: Die Ukraine sei einer der wichtigsten Neon-Lieferanten, so der Verband. "Wir erwarten Auswirkungen auf die europäische Halbleiterproduktion, da Chips bereits jetzt Mangelware sind. Bei der Halbleiterproduktion kommen Hochleistungs-Laser zum Einsatz, die unter anderem das Edelgas benötigen", erklärt der VDA.

Palladium: Unter anderem könnte Palladium aus Russland für Katalysatoren fehlen. Etwa ein Fünftel des nach Deutschland importieren Palladiums käme aus Russland, so der VDA.

Nickel: Ein wichtiger Rohstoff zur Produktion von Lithium-Ionen-Batterien ist Nickel. Laut Prognosen soll sich der Bedarf von Nickel vervielfachen. Russland sei, so der VDA, unter anderem ein wichtiges Förderland für Nickelerz.

Bei weiteren Rohstoffstoffen und Zulieferungen seien die genauen Auswirkungen laut VDA derzeit noch nicht quantifizierbar. Sie werden aber vom Verband geprüft, heißt es.

Sanktionen

Die Europäische Union, die USA und weitere Staaten weltweit haben Sanktionen gegen Russland und Belarus erlassen. "Neue Sanktionen bzw. Verschärfungen sind absehbar, die auf eine weitere Zuspitzung der Lage in der Ukraine reagieren. Die Auswirkungen der Finanzsanktionen betreffen auch die Automobilindustrie. Die handelspolitischen Auswirkungen für die Automobilindustrie sind noch nicht genau abzusehen", erklärt der VDA. 

VDA-Präsidentin Hildegard Müller erklärte: "Die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie verurteilen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine". Der Verband unterstütze ausdrücklich die Sanktionen der EU. "Schnelle Hilfe und ein Ende der Kampfhandlungen müssen im Vordergrund stehen, wirtschaftliche Fragen stehen jetzt dahinter zurück."

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