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10.06.2024 | Automobilwirtschaft | Schwerpunkt | Online-Artikel

Was deutsche OEMs von chinesischen Autobauern lernen können

verfasst von: Christiane Köllner

7 Min. Lesedauer

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Chinas Automobilbranche ist auf Erfolgskurs. Woran liegt das und was lässt sich von den chinesischen OEMs lernen? Eine Analyse. 

China ist mittlerweile als Absatzmarkt und als Produzent die größte Automobilnation der Welt. Für die deutsche Automobilindustrie ist das Reich der Mitte damit sowohl Hauptmarkt als auch Hauptkonkurrent. Gerade auch im Bereich der Elektromobilität. Auf China entfällt mehr als die Hälfte der weltweiten Elektroauto-Verkäufe und ein ähnlicher Anteil an den Exporten. In puncto E-Mobilität scheint China der westlichen Welt mehr und mehr den Rang abzulaufen. Doch auch bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor macht China Boden gut und verkauft sie bereits weltweit. Was ist das Erfolgsrezept der Asiaten? 

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Chinas Automobilindustrie - Pragmatismus als Strategie

Nicht nur bei der Elektromobilität läuft China der westlichen Welt den Rang ab. Auch bei den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor holt das Reich der Mitte auf und verkauft sie inzwischen weltweit. Was machen die Asiaten besser, was anders? Das Erfolgsrezept liegt in der sehr pragmatischen Technologieoffenheit – und in scheinbar unendlichen Ressourcen bei Rohstoffen und Arbeitskräften.

Joint Ventures: Marktzugang für Technologietransfer

Um diese Frage zu beantworten, hilft zunächst eine historische Betrachtung: Die erste Fahrzeugproduktion in China begann 1956, "kam aber erst in den 1980er Jahren langsam in Schwung", erklärt Springer-Autor Armin Schirmer im Buchkapitel Deutschland: Vom Exportweltmeister zum Autoimporteur? "Um den Rückstand bei Automobildesign, Technologie und Produktionsverfahren aufzuholen, beschloss man, Joint-Ventures mit ausländischen Automobilherstellern zuzulassen", so Schirmer. Der Deal war: Die ausländischen Hersteller liefern Produkt-Technologie und Produktions-Knowhow und erhalten im Gegenzug Zugang zum Markt. Bereits 1985 startete Volkswagen ein Joint Venture mit der Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC), sieben Jahre später folgte das zweite Joint Venture mit FAW. Zahlreiche weitere Joint Ventures verschiedener Hersteller folgten.

Dieser Ansatz funktionierte für die westlichen OEMS zunächst sehr gut. "Solange die chinesischen Automobilhersteller auf dem Weltmarkt nicht als Exporteure präsent waren und eher als nicht wettbewerbsfähig angesehen wurden, freute man sich über den neu geöffneten riesigen Markt […]", so Schirmer. Doch diese Sicht habe sich in den vergangenen Jahren geändert, "sobald die chinesischen Hersteller den Weltmarkt anvisierten und verschiedene chinesische Marken eine Offensive ankündigten". Die Strategie dahinter: zunächst eine starke Automobilproduktion aufbauen, dann den Inlandsmarkt versorgen und danach weltweit exportieren. Infolge der Chance, die sich mit der Transformation von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor zu vollelektrischen Autos bot, startete China schließlich eine Exportoffensive nach Europa. 

Komplexe und starre Strukturen

Gerade der Wettbewerb um die Vorherrschaft im Markt der Elektroautos wird dadurch immer intensiver geführt – und das eher zu Lasten der westlichen OEMs. "Die großen deutschen Automobilhersteller haben sich in der Vergangenheit eher auf Plug-in-Hybridfahrzeuge als auf batteriebetriebene Elektrofahrzeuge konzentriert", erklärt das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal. Die Gründe dafür seien die niedrigeren Kosten für kleinere Batterien und die Tatsache, dass sie die Auslastung ihrer Produktionseinheiten für Verbrennungsmotoren aufrechterhalten. Jedoch tendiere der Markt zu voll batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen, "was sich auf die Entwicklung und Leistung der klassischen OEMs im Vergleich zu den neuen EV-Giganten entscheidend" auswirke, heißt es von den Beratern.

Dazu kommt: "Die lange Erfolgsgeschichte deutscher OEMs bedeutet auch komplexe und starre Strukturen, die den Übergang zu E-Fahrzeugen behindert", so die Berater von Alvarez & Marsal. In der Zwischenzeit seien neue, agile Unternehmen auf dem Markt für Elektroautos aufgetaucht, die den Verbrauchern günstigere und bessere Alternativen anbieten würden. So versuchen sich chinesische Marken wie MG, Geely, BYD, Nio in Europa und den USA zu etablieren. Laut einer aktuellen VDE-Studie zum Automobilstandort Deutschland sollen preiswerte E-Autos für den Massenmarkt bis 2035 hauptsächlich aus China kommen, wenn Deutschland keine kostengünstigen E-Autos konzipiert. Doch nicht nur deutlich geringere Kosten, sondern auch kürzere Entwicklungszeiten und Vorteile bei der Elektrifizierung und Digitalisierung sprechen für die chinesische Konkurrenz. 

Chinesische Hersteller bauen gute und günstige (E)-Autos

Letztendlich zahlt sich hierbei das aus Kooperationen mit europäischen Unternehmen resultierende Know-how aus. So bauen chinesische Hersteller "heute sehr gute, aber auch sehr günstige Elektroautos", wie Frank Urbansky im ATZelektronik-Artikel Chinas Automobilindustrie – Pragmatismus als Strategie schreibt. Und das ist Knackpunkt: "Bei den unteren und mittleren Marktsegmenten liegt noch die Achillesferse der europäischen Hersteller", so Autor Schirmer. Um keine Verluste zu produzieren, böten die europäischen Hersteller primär höherpreisige Modelle an, da kleine Elektroautos aus europäischer Produktion nur schwer wirtschaftlich darstellbar seien. Damit lasse man aber einen Teil des Massenmarktes offen für kostengünstige Hersteller aus Fernost. Somit würden Importe aus China durch diese auftretende Marktlücke begünstigt. Ein weiterer Pluspunkt für die chinesischen Hersteller: Sie sitzen insbesondere bei den Rohstoffen für Batterien an der Quelle. 

Überhaupt gilt: "Chinesische Kleinwagen sind qualitativ hochwertig und werden zu kundenfreundlichen Preisen in Europa verkauft", zitiert Urbansky Andreas Maennel, Leiter Automotive bei Deloitte China, in seinem Artikel. Dieser Trend werde sich voraussichtlich in Märkten mit hoher Nachfrage nach kleineren Verbrennungsmotoren und günstigen Preisen fortsetzen, wie beispielsweise in Südamerika und Russland. Die chinesischen Hersteller hätten diese Nische erfolgreich bedient. Denn China hat Verbrennungsmotoren "nie aufgegeben und trotz eines enormen Rückstands aufgeholt, vor allem in der Motorentechnik", wie Urbansky schreibt. Die europäischen Hersteller sind hier unter Druck: "Bei den weiterhin relevanten Verbrennerfahrzeugen kommen als parallel zu erledigende Aufgabe die ständig verschärften Abgasregeln der EU hinzu", so Urbansky. 

China als Schlüsselmarkt und Hauptkonkurrent: Was lässt sich lernen?

Was lässt sich nun aus dem Vormarsch der chinesischen Automobilhersteller lernen? Das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal hat folgende vier Lehren gezogen:

  • Konzentration der begrenzten F&E-Ressourcen auf ausgewählte Projekte: "Während sich EV-OEMs nur auf die EV-Technologie konzentrieren und bereits über ein gut etabliertes System und eine Lieferkette verfügen, halten die traditionellen deutschen OEMs an mehreren Antriebstechnologien fest, was den Fokus und die Ressourcen für die EV-Entwicklung begrenzt", so die Berater. Die Herausforderung bestehe darin, den Konflikt zwischen der Neuentwicklung von E-Fahrzeugen und der Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Motoren auszugleichen.
  • Entwicklung der Batterieproduktion: "Derzeit sind alle Top-10-Batteriehersteller entweder in China, Japan oder Südkorea angesiedelt. Zahlreiche Investitionen werden in den kommenden Jahren für eine positive Entwicklung der deutschen und europäischen Batterieindustrie sorgen", so die Berater. Eine Mischung aus eigenem Technologie-Know-how und der Zusammenarbeit mit qualifizierten Partnern, würde die Entwicklung am schnellsten vorantreiben.
  • Staatliche Unterstützungen: "Der Inflation Reduction Act in den USA zwingt Europa dazu, sein Subventionssystem zu überarbeiten, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen zu stärken", so die Berater. Staatliche Unterstützung sei eine der effektivsten Methoden zur Förderung von Elektrofahrzeugen.
  • Unterstützung der Ladeinfrastruktur: Längere Reichweiten könnten den Absatz von Elektrofahrzeugen ankurbeln, da die Reichweite immer noch eine der Hauptsorgen von Verbrauchern sei.

Demnach müssten die vier Schlüsselbereiche Nachfrage, Angebot, Politik und Infrastruktur angegangen werden, so Alvarez & Marsal, um eine führende Position auf dem E-Fahrzeugmarkt einzunehmen. "Da die deutschen Automobilhersteller jedoch stark vom Export abhängig sind, ist die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf der Angebotsseite noch entscheidender. Dies erfordert Innovation, Kostenkontrolle und technologische Durchbrüche sowohl bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen als auch bei der von Batterien. Es müssen verschiedene strukturelle Veränderungen vorgenommen werden, die ein Überdenken der derzeitigen Unternehmensstrukturen erfordern", kommentiert Richard Hell, Managing Director für die europäische Supply Chain, Operation & Procurement Practice bei Alvarez & Marsal Deutschland.

Pragmatismus als Strategie

Für Frank Urbansky liegt das Erfolgsrezept der chinesischen Hersteller hingegen in der sehr pragmatischen Technologieoffenheit begründet – "und in scheinbar unendlichen Ressourcen bei Rohstoffen und Arbeitskräften". China wage auch den Spagat, in allen Bereichen moderner Mobilität führend sein zu wollen, so auch beim automatisierten Fahren. Zudem entstünden auch neue Ride-Hailing-Dienste. Neben dem Ausbau der E-Ladeinfrastruktur sei auch die Einführung von wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen Teil der chinesischen Mobilitätsstrategie.

Damit wird klar: Die chinesische Automobilindustrie setzt auf Pragmatismus statt Dogmatismus. "China agiert pragmatisch, das zeigt auch die Strategie im Automobilbereich. Vieles wird ausprobiert und für gut oder schlecht befunden. Selbst Letzteres bedeutet aber nicht zwangsläufig ein Scheitern. Auch hier zahlen sich ein langer Atem, Präzision und das aus Kooperationen mit europäischen Unternehmen resultierende Know-how aus", so Urbansky. Er resümiert: "Zahlreiche Mobilitätskonzepte zeigen, dass Offenheit nicht nur für Technologien gilt, sondern auch für Konzepte. Was hilft und funktioniert, wird auch praktiziert. Eine Haltung, die der EU und Deutschland guttäte."

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