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30.03.2022 | Automobilwirtschaft | Schwerpunkt | Online-Artikel

Mobilitätswandel bringt Aufschwung für Ostdeutschland

verfasst von: Christiane Köllner

4:30 Min. Lesedauer

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Ob Tesla in Brandenburg, Intel in Sachsen-Anhalt oder CATL in Thüringen: Ostdeutschland entwickelt sich zur High-Tech-Region. Rückstand gibt es allerdings bei Ausbildungsmöglichkeiten und Investitionen für F&E. 

Die deutsche Automobilindustrie ist im Wandel begriffen und sieht sich mit Transformationen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klimapolitik und demografischem Wandel konfrontiert. Diesen Entwicklungen muss begegnet werden. Und es scheint, dass gerade Ostdeutschland dafür gut gerüstet ist. Wie der Branchenausblick 2030+ Automotive des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) und des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie (IMW) zeigt, soll der Osten Deutschlands bei großen Herausforderungen Standortvorteile für die Automobil-Zulieferindustrie bieten. Untersucht wurde in der Studie die Entwicklung und Transformation der deutschen und insbesondere der ostdeutschen Automobilindustrie. Und tatsächlich verbucht Ostdeutschland derzeit eine große Investition nach der anderen. 

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Ostdeutschland gestern und morgen

Im November 2019 feierte Deutschland 30 Jahre Fall der Berliner Mauer. Die Stimmung ist düster. Heute betrachten sich zwei Drittel der Ostdeutschen als Bürger:innen zweiter Klasse wie aus einer Umfrage des Allensbach Institut für Demoskopie hervorgeht. Der Konvergenzprozess zwischen östlichem und westlichem Deutschland ist zum Stillstand gekommen und scheint sich umzukehren. Ostdeutsche wählen heute anders, denken anders und fühlen anders. Deutschland ist ein Land mit zwei Seelen.

Investitionsboom in Ostdeutschland

Vor allem die Eröffnung der Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin am 22. März weckt Hoffnungen auf einen weiteren Industrieaufschwung in Ostdeutschland. IG-Metall-Bezirksleiterin Birgit Dietze sieht in der Fabrik-Eröffnung ein Stärkung Ostdeutschlands in seiner internationalen Vorreiterrolle bei der Elektromobilität. "Das VW-Werk in Zwickau sowie BMW und Porsche in Leipzig, Mercedes und Daimler in Berlin-Marienfelde und Ludwigsfelde, Accumotive in Kamenz und viele andere stehen für das erhebliche Potential der Region im weltweiten Wettbewerb um die Führungsposition beim Ausbau der klimaneutralen Mobilität", so Dietze.

Ebenfalls in diesem Jahr will BASF in Schwarzheide, Brandenburg, Batteriekomponenten produzieren. In Thüringen errichtet der chinesische CATL-Konzern sein erstes Batteriezellen-Werk außerhalb Chinas. Das Werk könnte noch 2022 loslegen. Ein weiteres chinesisches Unternehmen, Farasis Energy, wird in Sachsen-Anhalt Fahrzeugbatterien herstellen. Seit Mitte 2021 produziert in Dresden das Bosch-Halbleiterwerk. Und der US-amerikanische Chipkonzern Intel hat gerade eine Investition in Höhe von zunächst 17 Milliarden Euro für den Bau von zwei Halbleiterfabriken in Magdeburg angekündigt.

Geringere Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor

Warum zieht es all diese Unternehmen nach Ostdeutschland? Bislang haben sich in Ostdeutschland nur einzelne OEMs mit reinen Produktionsstätten niedergelassen, während sich bundesweit Automobilhersteller und Zulieferindustrien vor allem im Westen und insbesondere im Süden des Landes konzentrieren. "Obwohl der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland von einer Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, einem starken Lohngefälle zu Westdeutschland, insgesamt relativ wenigen Produktionsstätten und vor allem keinem einzigen Unternehmenssitz eines OEMs geprägt ist", wie es die Fraunhofer-Forschenden in ihrem Branchenausblick formulieren, ließen sich dennoch einige Standortvorteile identifizieren.

So zeichne sich die ostdeutsche Automobil- und Zulieferindustrie durch einen geringen Lock-in aus, "das heißt eine geringe Pfadabhängigkeit von der Entwicklung des Verbrennungsmotors aus – was sich daran zeigt, dass viele OEMs die Produktion hier bereits teilweise oder vollständig auf Elektromotoren umgestellt haben", so die Fraunhofer-Wissenschaftler. Auch die Ansiedlung des amerikanischen Autobauers Tesla lasse die Entstehung eines Elektromobilität-Clusters in Berlin/Brandenburg erahnen. "Diese Entwicklungen werden begünstigt durch die hohe Akzeptanz der Automobil- und Zulieferindustrie in der ostdeutschen Bevölkerung und die stabile Stellung der Chemiebranche im mitteldeutschen Chemiedreieck", heißt es.

Dalia Marin von der TUM School of Management der Technischen Universität München nennt weitere Gründe für die zunehmende Anziehungskraft Ostdeutschlands als Investitionsstandort. Zwei politische Ankündigungen der jüngsten Zeit hätten die Attraktivität erhöht, wie sie im Artikel Ostdeutschland gestern und morgen (Seite 9) aus dem Wirtschaftsdienst-Sonderheft 1-2021 erläutert:

  • "Nationale Industriestrategie 2030" und "Battery 2030+" von 2019: Dieses Engagement der Bundesregierung und der Europäischen Union (EU) hätten, so Marin, einen staatlich angestoßenen Prozess der Agglomeration ausgelöst. Die Hersteller von Elektrofahrzeugen hätten damit einen Anreiz, "sich in Deutschland und anderen europäischen Länder anzusiedeln, um näher an anderen Akkuherstellern und an Produktionsstandorten für wichtige Vorleistungsgüter für die Batterieproduktion zu sein", wie Marin schreibt.
  • Europäischer "Green Deal": Das Konzept zielt darauf ab, Regionen beim Kohleausstieg zu unterstützen, unter anderem mit Subventionen. Zwei Drittel der deutschen Kohlevorkommen liegen in Sachsen und Brandenburg. "Die EU-Finanzierung im Rahmen des Green Deal versetzt die ostdeutschen Länder in die Lage, hohe Subventionen anzubieten, um die Akkuhersteller in die Region zu locken", so Marin. Im Verbund mit den Finanztransfers aus der EU habe das Bekenntnis der Bundesregierung zu Elektroautos Ostdeutschland eine neue Chance zur Reindustrialisierung eröffnet.

Nachholbedarf bei Ausbildung und F&E

Doch es gibt auch noch Herausforderungen für den Osten Deutschlands. Wie die Fraunhofer-Forschende angeben, waren deutschlandweit im Jahr 2018 rund 940.000 Menschen in der Automobilindustrie tätig, bei den Kern-Zulieferern 260.000 Menschen. 7 % dieser Werte würden auf Ostdeutschland entfallen. Der Anteil an Vollzeitbeschäftigung sei hoch, ebenso die Bruttowertschöpfung mit mehr als 100.000 Euro pro Arbeitnehmer. Auffällig sei jedoch "der geringe Anteil weiblicher und ausländischer Mitarbeitenden in der Branche in Ostdeutschland. Ebenso lässt sich feststellen, dass sich die Stellen der Fach- und Sachverständigen, insbesondere IT-Fachkräfte, vor allem im Westen konzentrieren", heißt es. Ähnlich sähe es mit den Ausbildungsmöglichkeiten aus. "Dies könnte erklären, weshalb der Anteil der jungen Beschäftigten im Westen höher ist. Dahingegen gibt es in Ostdeutschland mehr Weiterbildungsangebote im Verhältnis zur Einwohnerzahl", so die Fraunhofer-Analyse. Zudem würden sich die wettbewerbsstärkeren Großunternehmen in Westdeutschland konzentrieren, ebenso wie die Investitionen für Forschung und Entwicklung.

Um die deutsche und insbesondere ostdeutsche Automobil- und Automobilzulieferindustrie weiter zu stärken, raten die Fraunhofer-Forschenden daher unter anderem zu Subventionen für Forschungsaktivitäten kleiner und mittlerer Unternehmen sowie den Aufbau von Testfeldern für neuartige Mobilitätsmodelle. Ebenso heben sie die Bedeutung der Stärkung von Aus- und Weiterbildung beispielsweise mittels Dualer Studiengänge ebenso hervor wie einen schnellen Ausbau von Ladeinfrastrukturen und des 5G-Netzes.

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