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26.06.2018 | Bank-IT | Interview | Onlineartikel

"Das Potenzial der Distributed-Ledger-Technologie wird unterschätzt"

Autoren:
Eva-Susanne Krah, Stefanie Hüthig
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Volker Brühl

ist Geschäftsführer des Center for Financial Studies (CFS) in Frankfurt am Main.

Distributed Ledgers entwickeln sich zu einer Schlüsseltechnologie für die Bank der Zukunft. Volker Brühl erläutert im Interview mit Springer Professional die Chancen für den europäischen Bankensektor. 

Springer Professional: Herr Professor Brühl, Sie fordern eine europäische Blockchain-Initiative. Warum wäre diese aus Ihrer Sicht nötig?

Volker Brühl: Die meisten europäischen Banken sind im globalen Vergleich unterdurchschnittlich profitabel, und das seit vielen Jahren. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren, die zum Teil industrieweit eine Rolle spielen wie zum Beispiel die verschärften regulatorischen Rahmenbedingungen oder das anhaltende Niedrigzinsumfeld. Aber das hat auch institutsspezifische Gründe. So muss man feststellen, dass die Chancen der Digitalisierung zur Verschlankung der Kostenbasis, der Entwicklung neuer Produkte und innovativen Marketingstrategien hierzulande nicht konsequent genug genutzt werden. Die IT-Architektur ist ein historisch gewachsener Flickenteppich, der eine End-to-end-Digitalisierung zentraler Geschäftsprozesse verzögert oder verhindert.

Alle Häuser investieren zwar massiv in die Digitalisierung und unterhalten oftmals eigene Innovationszentren. Diese widmen sich jedoch primär der klassischen Automatisierung, wie sie schon seit 20 Jahren schrittweise immer wieder stattfindet. Ein echter Quantensprung durch die Reduzierung der Strukturkosten lässt sich aber nur erzielen, wenn man die Finanzmarktinfrastruktur institutsübergreifend auf neue Plattformen bringt. Die Digitalisierungsstrategien, die Banken heute verfolgen, sind zwar notwendig, reichen jedoch nicht aus, um die Zukunftsfähigkeit der Branche zu sichern. Hier kann eine unternehmensübergreifende Technologie-Initiative helfen, gemeinsame Plattformen zu entwickeln und gleichzeitig Investitionsrisiken zu reduzieren.

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"Wir sind ein Technologiekonzern", mit dieser Aussage positioniert sich Lloyd Blankfein deutlich und deutet damit schon im Jahr 2015 die Richtung an, in die sich die Finanzdienstleistungsindustrie zukünftig entwickeln wird. Technische Innovationen, angefangen von der Entwicklung des Internets, über das Smartphone, bis hin zu immer umfangreicheren Möglichkeiten in der Datenverarbeitung sowie künstlicher Intelligenz setzen den traditionell geprägten Bankensektor stetigem Wandlungsdruck aus. 

Wie könnte dies aussehen?

Diese Plattformen werden künftig auf der Distributed-Ledger-Technologie basieren, die von zahlreichen Marktteilnehmern gleichzeitig genutzt werden können, um Kostenvorteile zu erzielen. Die Blockchain ist nur eine Variante davon. Man kann dies mit den Strom- oder Telekommunikationsnetzen vergleichen. Früher wurden Netzbetrieb, Energieproduktion und -verteilung häufig gebündelt. Heute sind die Netze streng reguliert, um Benachteiligungen von Unternehmen, die über kein eigenes Netz verfügen, zu verhindern und gleichzeitig Größenvorteile bestmöglich nutzen zu können. Der eigentliche Wettbewerb vollzieht sich auf der Ebene der Dienstleistungen, die über die Netze angeboten werden. So ähnlich könnte dies auch im Finanzsektor aussehen.

Wer arbeitet derzeit an solchen Lösungen?

Es gibt etliche Unternehmen, die sich auch hierzulande mit den Potenzialen der Blockchain beziehungsweise Distributed Ledgers beschäftigen. Die eigentlichen Plattformen werden aber einmal mehr in den USA entwickelt. Zu erwähnen sind die Konsortien R3, Digital Asset, die Ethereum Allianz oder die Linux Foundation, die sich mit der Standardisierung dieser Technologien befassen. In manchen Konsortien machen zwar auch europäische Häuser mit, aber nicht in einer führenden Rolle. Daher stellt sich die Frage, ob wir  – wie schon so oft bei digitalen Geschäftsmodellen – in Europa das Nachsehen haben werden und wieder nur Kunde von solchen Anbietern sein wollen. Daher wäre aus meiner Sicht eine europäische Blockchain-Initiative für den Finanzsektor zu begrüßen. Diese könnte nicht nur dazu beitragen, dass wir bei einer Schlüsseltechnologie endlich einmal nicht den Vereinigten Staaten hinterherlaufen, sondern auch die Finanzaufsicht auf eine neue Ebene heben.

Wie könnte die Finanzaufsicht von Distributed Ledgers profitieren?

Nun, man stelle sich vor, wenn die Aufsichtsbehörden in Echtzeit Zugriff auf Geschäfts-, Risiko- und Kapitaldaten von Finanzinstitutionen hätten, dann wäre ein echtes Frühwarnsystem zum rechtzeitigen Erkennen und Vermeiden von systemischen Risiken in greifbarer Nähe.

Mit der Blockchain-Technologie sollen sich Prozesse vereinfachen und schneller werden. In welchen Bereichen werden Distributed Ledgers beziehungsweise Blockchains in der Finanzbranche Ihrer Meinung nach künftig am ehesten zum Einsatz kommen?

Im Transaction Banking, aber aus meiner Sicht noch weit darüber hinaus. Ein großes Potenzial steckt im Bereich der strukturierten Finanzierungen, bei denen häufig in Konsortien gearbeitet wird und demzufolge viele Abteilungen innerhalb der Häuser, aber auch institutsübergreifend, beteiligt sind. Hier könnten Distributed Ledgers die aufwendigen Dokumentationen und Abstimmungsprozesse erleichtern. Prädestiniert ist zum Beispiel die Handelsfinanzierung. Dort sind neben den Banken Versicherer, Exporteure, Importeure und Logistiker involviert. Wenn alle Beteiligten auf eine gemeinsame Datenbank mit differenzierten Rechten zugreifen könnten, würde man die Abwicklungszeiten deutlich verkürzen und Kosten einsparen können. Das würde dazu führen, dass sich die jeweiligen Kundenbetreuer und Produktexperten auf die echte Beratung des Kunden konzentrieren können.

Und wann werden wir die ersten Blockchain-Lösungen im Einsatz in der Bank sehen?

Die ersten Blockchain-Apps im Bankensektor werden sicher in den nächsten ein bis zwei Jahren marktreif sein. Prototypen werden in den USA seit geraumer Zeit getestet.

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