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05.03.2014 | Bank-IT | Interview | Onlineartikel

„Gefangen in Altsystemen“

Autor:
Stefanie Hüthig

Banken modernisieren derzeit ihre Infrastruktur. Doch oft entscheiden sie sich für teure Lösungen, die nur wenig flexibler sind als die bisherigen Systeme, mahnt IT-Experte Frank Schwab.

Springer für Professionals: Herr Schwab, in Ihrem Vortrag bei Ihrer Veranstaltung Fintech-Forum Ende vergangenen Jahres haben Sie die Finanzdienstleister davor gewarnt, Innovationen zu verschlafen. Sie haben an den Beispielen Mainframes und Kernbanksysteme beschrieben, dass Banken lediglich den Status quo bewahren. Wie geschieht das?

Schwab: Technologien, vor allem wenn sie 20 bis 30 Jahre alt sind, werden nur noch von wenigen Leuten wirklich beherrscht. Deshalb können Banken diese Systeme nur sehr schwer an moderne Anforderungen anpassen. Gleichzeitig sind die alten Technologien im Vergleich zu den neuen recht stabil. Die Systeme sind in den Kreditinstituten gewachsen. Das lässt sich vergleichen mit einem Gebäude, in dem 30 bis 40 Jahre lang immer wieder neue Räume und Flure geschaffen, immer wieder Treppen und Aufzüge eingebaut wurden. So sind die traditionellen Banken, insbesondere die großen, oft gefangen in den alten Systemen mit einer Vielfalt an Funktionalitäten. Das Ganze ist sehr aufwändig instand zu halten. Das verzögert oder verhindert Innovationen. Mal ganz konkret: Ein neues Sparkonten-Modell zu entwickeln ist dann sehr schwierig, langwierig und mit hohen Kosten verbunden.

Sie erklärten auch, dass ein Teil der Banken ihre alten Systeme durch traditionelle Technologien ersetzen. Einige neue Kernbanksysteme verwenden die recht alte Programmiersprache Cobol.

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Meine Analyse ergab, dass weltweit ungefähr ein Drittel der Banken tatsächlich auf Systeme setzen, die auf alten Technologien basieren.

Warum machen die Banken das?

Gute Frage. Um ehrlich zu sein, kann ich das nicht nachvollziehen. Ich verstehe nicht, weshalb Banken in der heutigen Zeit die Entscheidung treffen, ein neues System zu implementieren, das auf Mainframe und Cobol basiert. Mal abgesehen davon, dass nur wenige noch Cobol programmieren können, ziehen Banken mit einer traditionellen IT-Infrastruktur kaum junge Talente an, die Innovationen hervorbringen und damit Wertschöpfung betreiben. Junge Menschen interessieren sich für die Programmiersprachen Java, Ruby on Rails und HTML 5, nicht für Cobol.

Welche Probleme verursacht das Beharren auf Cobol?

Banken haben damit die gleichen Schwierigkeiten wie mit ihren Altsystemen: fehlende Know-how-Träger, mangelnde Flexibilität und hohe Wartungskosten. Vergleichen wir das mit einem Autokauf. Wenn Sie sich jetzt für einen neuen Pkw entscheiden, würden Sie wahrscheinlich keinen Oldtimer ohne Servolenkung, ohne Kopfstützen und vielleicht sogar ohne Sicherheitsgurt entscheiden. Bei heutigen Zukunftstechnologien ist das größte Hindernis, um einen neuen Service einzubinden – etwa einen neuen Zugangskanal –, nicht der Service und seine Technologie an sich. Das Problem ist, bei der alten Technologie überhaupt nur die Grundlage zu schaffen. Bei den neuen Technologien gibt es, gerade was Schnittstellen betrifft, sauber definierte Beschreibungen. Da tauchen die Probleme, die Banken mit ihren Altsystemen haben, gar nicht mehr auf.

Ihre Recherchen haben ergeben, dass sich Banken beim Einkauf einer neuen IT-Infrastruktur oft für die teuerste Variante entscheiden.

Genau, das ist ein Nebeneffekt. Banken kaufen quasi den Bentley, obwohl es genauso gut ein VW tun würde. Das ist der Unterschied zwischen einem Mainframe und einer Intel-basierten Lösung.

Eigentlich wollen die Banken doch sparen. Warum also so teuer?

Vieles hat dabei mit Historie zu tun und mit persönlicher Erfahrung. Schauen wir uns die Entscheider an. Ein Großteil ihres bisherigen Berufslebens fiel in das Mainframe-Zeitalter. Deswegen entscheiden sie heute wieder für solche Infrastrukturen. Es sind oft die einzigen, die sie kennen, die einzigen, mit der sie signifikante Erfahrungen gesammelt haben. Die nächste Generation wird sich ganz sicher nicht mehr für diese Altsysteme entscheiden.

Aber sie sitzen im Zweifelsfalle darauf, oder? Schließlich erneuern Banken nicht alle zwei Jahre ihr Hauptsystem ...

Richtig. Wenn Banken diese Investition getätigt haben, dann ist das System mindestens zehn Jahre, manchmal auch 20 Jahre im Einsatz.

Das Interview führte Stefanie Hüthig.

Zur Person

Frank Schwab ist Vorstandssprecher der Fidor Tec S AG, einer Tochtergesellschaft der Fidor Bank. Das Interview gab er als Experte für Innovationen und IT. Gemeinsam mit einem Kompagnon betreibt Schwab die Veranstaltung Fintech Forum, die erstmals 2013 Start-ups, Banken und Investoren zusammenbrachte und im Mai erneut stattfindet.

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