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28.10.2021 | Bank-IT | Interview | Onlineartikel

"Auf der Baustelle Bank steht immer mehr Technik"

Autor:
Barbara Bocks
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Robert Bölke

ist Head of CIO Advisory Banking bei Sopra Steria Next.

Eine funktionierende IT-Landschaft wird für Kreditinstitute weltweit immer wichtiger. Wo die größten Baustellen gerade bei deutschen Instituten liegen und warum eine funktionierende IT auf lange Sicht noch wichtiger ist als der Vertrieb, erklärt der Robert Bölke im Interview.

Springer Professional: Was ist die erste große Baustelle in der Banken-IT?

Robert Bölke: Die erste große Baustelle lässt sich mit Zurück zum Standard, inklusive einer offenen Architektur betiteln. Es gilt, die Sonderlocken zurückzudrehen, die zu einer zu komplexen, zu komplizierten IT-Landschaft geführt haben. Die IT muss offener werden, damit verschiedene Lösungen über Standard-API miteinander kommunizieren können, ohne dass wieder individuelle Adapter gebaut werden müssen. Kreditinstitute müssen die bestehende IT-Architektur neu denken und auf Basis loser, gekoppelter Systeme gestalten. Nur so lassen sich offene Wertschöpfungsketten und die Skalierungsmöglichkeiten der Cloud nutzen. Bekannt ist das alles längst. Der Teufel steckt aber im Detail: Denn unter Banken-CIOs ist es eine Binsenweisheit, dass es leichter ist, technisch eine neue Bank aufzustellen, als eine bestehende zu modernisieren.

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Welche weiteren wichtigen Baustellen sollten Kreditinstitute angehen?

Die zweite große Baustelle ist der Aufbau eines einheitlichen Datenmanagements und einer Datenstrategie. Daten werden in den meisten Instituten immer noch als notwendiges Übel betrachtet, die nur Arbeit machen. Es fehlt das Bewusstsein für die strategische Bedeutung und dafür, dass Daten passende Produkte, adäquates Risiko-Pricing, besseres Marketing und nachhaltige Kundenbindung ermöglichen. Auf der Baustelle Bank steht zunehmend immer mehr Technik und immer weniger Bank.

Was heißt das für die Produkte?

Das bloße Bankprodukt ist austauschbar, gleichzeitig erwartet der Kunde dieses selbstverständlich in hoher Qualität. Technologie muss erstens besser verstanden und zweitens besser gemanagt werden. Kurzfristig, also in diesem und nächstem Jahr sollten Banken ein ortunabhängiges Arbeiten so schnell wie möglich etablieren. Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben. Die Mehrheit der Mitarbeitenden von Banken haben über alle Altersgenerationen hinweg sehr individuelle Gründe, im Homeoffice zu arbeiten. Im Durchschnitt sind aber meist ein bis drei Tage gewünscht. Wer sich als Finanzinstitut hier nicht umstellt, wird es zukünftig schwer haben, seine Belegschaft zu halten.

Welche spezifischen Herausforderungen müssen kleine Institute bewältigen?

Kleinere Institute müssen wachsen, um weiterhin am Markt bestehen zu können. Viele kleinere Kreditinstitute haben oft nur Zugang zum regionalen Markt. Neobanken und Fintechs sind von der Größenordnung vergleichbar mit kleineren tradierten Häusern, agieren aber beim Marktzugang oft national. Die kleineren Kreditinstitute benötigen entsprechendes Digital-Know-how und technische Lösungen, um ihr spezielles Angebot über die Region hinaus anbieten zu können. So werden in den kommenden Jahren nationale Nischen- und Spezialplayer entstehen, die sich über ihren physisch-beschränkten Lokalmarkt hinaus etablieren.

Was können die Institute von Neobanken lernen?

Lernen können Kreditinstitute, dass es sich lohnt, auf ein gewisses Segment oder einen kleinen Teil des finanzwirtschaftlichen Ökosystems zu beschränken; dies aber perfekt zu machen. Ein Beispiel ist Trade Republic, die sich als Broker nur auf Wertpapiere für Privatkunden beschränken und die Abwicklung an HSBC ausgelagert haben. Das zweite Beispiel ist die Solarisbank, die anderen Unternehmen Banking as a Service anbietet, also selbst gegenüber den Endkunden nicht in Erscheinung tritt. Die aktuellen Bewertungen von Trade Republic und der Solarisbank sind höher als die vieler etablierter Banken. Die Investoren bewerten technologiegetriebene und spezialisierte Geschäftsmodelle höher als die der Universalbanken.

Welche Kreditinstitute werden künftig erfolgreich sein?

Es liegen eindeutig die Kreditinstitute vorne, die ihre IT als strategisch wichtig ansehen. Das hat radikale Auswirkungen auf die eigene Kultur, da die Mitarbeitenden die IT als relevanten Teil des Unternehmens ansehen. Bei etablierten deutschen Instituten wurde und wird die IT fast durchgängig als Kostenfaktor betrachtet, den es zu minimieren gilt. Es gibt keine schnelle Lösung, das zu ändern. Eine effiziente, effektive IT-Infrastruktur ist das langfristige Ergebnis, wenn sich ein Kreditinstitut strategisch als IT- oder Technologieunternehmen ausrichtet. Dagegen ist bei deutschen Finanzdienstleistern selten jemand zu finden, der einem die gewachsene IT-Landschaft zusammenhängend erklären kann.

Was ist wichtiger: eine funktionierende IT oder Vertriebseinheit und warum?

Obwohl Personal- und IT-Ausgaben die größten Kostenblöcke bei Banken sind, werden beide heute eher verwaltet und nicht aktiv gemanagt. Banken sind heute kulturell überwiegend stark vertrieblich geprägt. Das hat dazu geführt, dass IT und Daten meist nur als Mittel zum Zweck gesehen werden – und entsprechend behandelt. Nüchtern betrachtet sind Banken heute eher große Datenbanken mit angeschlossener Vertriebseinheit. Das Mindset ist hingegen andersherum. Entsprechend sind die besten Vertriebler auch heute noch in den Banken am Hebel. Andere Industrien sind hier seit Jahren weiter. Ein exzellenter Betrieb führt zu zufriedenen Kunden und ist langfristig heute meist entscheidender als ein, oft kurzfristig denkender, Vertrieb.

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