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16.09.2013 | Bankenaufsicht | Interview | Onlineartikel

Wie Ethik und Moral die Handlungen von Managern beeinflussen

Autor:
Stefanie Hüthig

In ihrer Dissertation über "Strategien der Moral am Kapitalmarkt" arbeitet Springer-Autorin Dr. Irina Kummert heraus, dass Banker und andere Top-Manager durchaus nach moralischen Grundsätzen handeln. Allerdings basieren die Entscheidungen auf individuellen Definitionen von Moral.

Springer für Professionals: In Ihrer Dissertation kommt unter anderem die „Sprache als Indikator für die öffentliche Wahrnehmung des Bankgeschäfts“ vor. Was fällt dabei besonders auf und welche Veränderungen im Vergleich zu früher gibt es?

Kummert: Das Grimmsche Wörterbuch der deutschen Sprache stellt die Etymologie des Wortes Geld unmittelbar in die Geschichte des Wortes Geltung. Die klassische Geldmünze war in der Regel versehen mit dem Bildnis des jeweiligen Herrschers, wodurch der Münze qua Autorität des Landesvaters oder der Landesmutter Geltung verliehen wurde. Hinzu kommt, dass zentrale Begriffe des Bankgeschäftes einem moralisch codierten Kontext entstammen, was inzwischen nicht mehr als authentisch wahrgenommen wird. Die Menschen spüren, dass sich die Wirklichkeit im Bankgeschäft vom Wortursprung sowie vom traditionellen Verständnis dessen wie ein Bankgeschäft ablaufen sollte, entfernt haben könnte. Ein Beispiel: Die Vergabe von Krediten ist traditionell ein Kerngeschäft der Banken. Kreditgeschäft basiert auf dem Grundsatz des Vertrauens. Das Wort Kredit geht auf das lateinische Wort credere zurück, das glauben, vertrauenauf bedeutet. Etymologisch beruht demnach eine Kreditvergabe, also ein klassisches Bankgeschäft, auf dem Vertrauen, dass die beteiligten Parteien sich an getroffene Vereinbarungen halten, verantwortungsbewusst handeln und gegebene Zusagen valide sind. Vor diesem Hintergrund lehne ich die viel diskutierte Position David Graebers ab. Für ihn hat Geld als quantifizierbare Schuld zerstörerische Auswirkungen auf unser Moralsystem; durch ein Schuldverhältnis entstehe ein moralisches Vakuum, in dem ausschließlich die Tilgung einer monetär definierten Schuld eine Rolle spiele und menschliche Schicksale irrelevant seien. Graeber plädiert daher für eine generelle Schuldenamnestie.

Und was glauben Sie?

Ich meine: Wenn der Gläubiger davon ausgehen muss, dass von ihm erwartet wird, auf die Rückzahlung des Kredits zu verzichten, da ihm das Schicksal der Schuldnerfamilie zu Herzen geht oder damit zu rechnen ist, es mit einem Schuldner zu tun zu haben, der die Auffassung Graebers vertritt und meint, seine Schulden nicht zurückzahlen zu müssen, wird es mit ziemlicher Sicherheit dazu kommen, dass niemand mehr irgendjemandem Geld leiht, aus Angst davor, gegebenenfalls Barmherzigkeit zeigen, respektive auf sein Geld verzichten zu müssen. Ohne die Vergabe von Krediten und damit das Eingehen von Schuldverhältnissen, wäre jedoch kein wirtschaftliches Wachstum mehr möglich. Unser Wirtschaftssystem käme zum Erliegen. Geld als Zahlungsmittel und als Anlagevehikel ist nur dann weiter tragfähig, wenn sich eine Gemeinschaft darauf verständigt, dem Geld grundsätzlich das Vertrauen entgegen zu bringen, dass es sich um ein glaubwürdiges, gedecktes Zahlungsmittel handelt. Dieses Verständnis ist möglicherweise auch gekoppelt an die Reminiszenz an das haptische Erlebnis, Geldscheine oder Münzen, und damit einen konkreten Wert, tatsächlich in den Händen zu halten. Walt Disneys Dagobert Duck erlebt sein größtes Glück in dem Augenblick, in dem er physisch in seinem Geld baden kann. Ob der Wall Street Investor George Soros Vergleichbares empfindet, wenn er online sein Depot betrachtet? Durch die zunehmende Automatisierung und die wachsende Komplexität im Bankgeschäft, respektive an den Börsen ist das Greif- und Fassbare des Geldes verloren gegangen und wir haben nicht mehr uneingeschränkt das Gefühl, dass unsere Sprache bezogen auf das Bankgeschäft die Wirklichkeit spiegelt.

In Ihrer Arbeit stellen Sie die Frage „Journalisten. Aufklärung ohne Populismus?“. Zu welchem Ergebnis kommen Sie? Welche Rolle spielen Journalisten dabei, deren Handwerkszeug die Sprache ist?

Ich habe hinreichend Belege dafür gefunden, dass auch Journalisten eine populistische Haltung einnehmen. Dies gilt zum Beispiel in den Fällen, in denen sie handelnde Individuen undifferenziert mit den jeweiligen Unternehmen und einer ganzen Branche gleich setzen. Es darf in dem Zusammenhang als Freud’sche Fehlleistung gewertet werden, dass die renommierte Börsen-Zeitung in einem Beitrag des Handelsblatt vom 12. September 2012 als "Bösen-Zeitung" zitiert wurde. Eine ihrer Aufgaben sehen die Journalisten richtigerweise darin, die Position der weniger privilegierten Mitglieder unserer Gesellschaft zu vertreten. Gleichwohl sollten sie sich den Blick dafür nicht verstellen, dass es nicht per se die ökonomisch besser gestellten Mitglieder der Gesellschaft oder die professionellen Kapitalmarktakteure sein müssen, die fragwürdige Haltungen vertreten. Insofern könnten sich auch die Journalisten noch kritischer mit den Mechanismen befassen, die einzelne Gruppierungen wie zum Beispiel Vertreter der Politik, etwa bei der geplanten Einführung der Finanztransaktionssteuer zur Verschleierung ihrer jeweiligen Interessen nutzen und dazu teilweise die Journalisten vor ihren Karren spannen. Durch ihren Einfluss auf die Meinungsbildung in der Bevölkerung tragen Journalisten ein hohes Maß an Verantwortung für die Stabilität unserer Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist eine einseitige und populistische Berichterstattung, die eine Möglichkeit der Hinwendung zum Besseren von vorneherein ausschließt, abzulehnen.

 Wie interpretieren Sie die Berichterstattung der Medien zum Thema Dispo-Zins?

Dass einige Banken höhere Zinsen für Dispositionskredite nehmen als andere, ist kein Feld von Ethik und Moral, sondern von Markt. Wenn die Bankkunden künftig die Entscheidung, wo sie ein Girokonto eröffnen, auch von der Höhe der Überziehungszinsen, die man jeweils bei der Bank erfragen kann, abhängig machen, wird eine Bank, die heute im Vergleich zum Wettbewerb einen zu hohen Zinssatz berechnet, irgendwann gezwungen sein, die Konditionen anzupassen. Niemand muss Überziehungszinsen von über 13 % akzeptieren, wenn es für jedermann zugängliche Alternativen gibt. Das gilt im Zeitalter des Onlinebankings auch für den ländlichen Raum.

Sie haben sich auch des Themas Occupy Wall Street angenommen. In Verbindung mit den Ereignissen der von der Blockupy-Bewegung initiierten Demonstration Anfang Juni 2013 in Frankfurt am Main werden mittlerweile Grundrechte und die Befugnisse der Polizei diskutiert. Und Mitte 2012 haben Occupy-Aktivisten bei einer Veranstaltung der Frankfurter Rundschau mit Studenten der Frankfurt School diskutiert. Welche Bedeutung messen Sie der Occupy-Bewegung bei?

Auf den amerikanischen Philosophen Kwame Appiah geht der Begriff der moralischen Revolution zurück, die in Anpassung an sich verändernde gesellschaftliche Verhältnisse den Ausgangspunkt beispielsweise für die Abschaffung der Sklaverei oder des Duells darstellte. Die Occupy- oder Blockupy-Bewegung könnte eine solche moralische Revolution bezogen auf den Wunsch nach mehr Fairness und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft einleiten. Wenn wir nach Gerechtigkeit fragen, stellen wir zum Beispiel die Frage, nach welchen Kriterien die Verteilung von Gütern oder Lasten vorgenommen wird. Wenn Sie sich an einer Wette beteiligen, einigen Sie sich im Vorfeld auf die Spielregeln, gehen in Kenntnis der Regeln bewusst das Risiko ein, zu verlieren. Sie fühlen sich, vorausgesetzt alle Mitspieler haben sich an die Regeln gehalten, nicht ungerecht behandelt, wenn Sie die Wette nicht gewonnen haben. Übertragen auf die gesamtgesellschaftliche Situation im Verlauf der Finanzmarktkrise lässt sich feststellen, dass jedes Mitglied unserer Gesellschaft zwar als Steuerzahler Mitspieler ist und für die Verluste einstehen muss. Die Regeln aber, nach denen zum Beispiel Rettungsschirme für Banken aufgespannt wurden und die Dimensionen, um die es dabei geht, sind nicht transparent und nicht nachvollziehbar. Deshalb ist es es zu einem tief empfundenen Ungerechtigkeitsgefühl an der Schnittstelle Bürger / Politiker / professioneller Kapitalmarktakteur gekommen. Übrigens zeigte die Mehrheit meiner Interviewpartner Sympathien und Verständnis für die Bewegung. Wenn es wirklich darum geht, Schaden von unserer Gemeinschaft abzuwenden, könnte ein konstruktiver Dialog zu besseren Ergebnissen führen als reine Konfrontation. Insofern sind Initiativen wie die der Frankfurt School zu begrüßen. Vielleicht könnte man noch stärker Politiker und Bankenvertreter in die Diskussion einbeziehen. Die Ergebnisse meiner Studie zeigen, dass die Mehrheit der professionellen Kapitalmarktakteure, mit denen ich gesprochen habe, selbst nicht der Meinung sind, dass Banken hätten staatlich gestützt werden sollen. Möglicherweise liegen einige Positionen näher beieinander, als dies auf den ersten Blick vermutet wird.

Zur Person
Dr. Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. und geschäftsführende Gesellschafterin der IKP Executive Search GmbH.

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