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10.09.2013 | Bankenaufsicht | Interview | Onlineartikel

Wie Ethik und Moral die Handlungen von Managern beeinflussen

Autor:
Stefanie Hüthig
9 Min. Lesedauer

In ihrer Dissertation über "Strategien der Moral am Kapitalmarkt" arbeitet Springer-Autorin Dr. Irina Kummert heraus, dass Banker und andere Top-Manager durchaus nach moralischen Grundsätzen handeln. Allerdings basieren die Entscheidungen auf individuellen Definitionen von Moral.

Springer für Professionals: In Ihrer Dissertation ist vom „scheinbaren Widerspruch“ zwischen Gewinnerzielung und Moral die Rede. Ist der Widerspruch immer nur „scheinbar“?

Kummert: Wer reich ist oder es werden möchte, dem wird nicht selten unterstellt, unmoralisch und gewissenlos zu sein. Folgt man dieser Logik, dann kann nur wer arm ist auch moralisch integer sein. Ebenso ist die akademische Ethik in weiten Teilen immer noch der Auffassung, dass Wirtschaft nichts mit Ethik zu tun hat. Professionelle Kapitalmarktakteure äußerten sich im Rahmen der von mir durchgeführten empirischen Studie eindeutig dahingehend, dass sie es als ihren klaren Auftrag - fast schon als ihre moralische Verpflichtung - ansehen, Gewinne zu erzielen im Sinne des Unternehmens für das sie arbeiten, von dem sie bezahlt werden und in Verantwortung für die Mitarbeiter, die das jeweilige Unternehmen beschäftigt. Nur dann sei der Fortbestand des Unternehmens gewährleistet, nur dann sei es möglich weiterhin Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, nur dann leiste ein Unternehmen einen sinnvollen, auch gesellschaftlichen Beitrag. Gewinnerzielung solle allerdings nicht um jeden Preis erfolgen und dürfe nicht auf der Basis systematischer Übervorteilung von anderen Menschen stattfinden.

Wenn nein, wann beginnen Moral und Gewinnerzielung, im Widerspruch zu stehen?

Einen echten Widerspruch zwischen Gewinnstreben und Moral sehe ich zum Beispiel dann, wenn ein Bankmitarbeiter bewusst falsch informiert oder Risiken marginalisiert, um ein bestimmtes Produkt zu verkaufen. Derartiges ist zwar weiterhin möglich, wird allerdings bei Bekanntwerden aufgrund der Bestimmungen des Wertpapierhandelsgesetzes sanktioniert. Auch bei den Anlegern, dazu zähle ich nicht nur Privatanleger, sondern beispielsweise auch Kommunen, gab und gibt es eine Tendenz, die Gewinnstreben und Moral zum Widerspruch werden lässt. Dazu gehören für mich überzogene Renditeerwartungen, eine nach meiner Auffassung zu hohe Preissensibilität bei der Inanspruchnahme von Beratungsleistungen und der Trend, die Bank zu verklagen, wenn eine Anlage sich als Verlustgeschäft herausstellt, wobei Letzteres beinahe schon eine Bankrotterklärung an die eigene Entscheidungskompetenz ist.

Für Ihre Arbeit haben Sie strukturierte Experteninterviews mit „bedeutenden Protagonisten des Kapitalmarktgeschehens“ geführt, darunter haben Sie so prominente Köpfe wie Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Stefan Jütte, Chef der Postbank, und Dr. Stefan Asenkerschbaumer, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, zu ihrem Ethikverständnis und Handeln befragt. Sie formulieren die Frage: „Welchem Ethikverständnis folgen die Kapitalmarktakteure, von denen erwartet wird, dass sie ihr Handeln in hohem Maße an ethischen Grundsätzen ausrichten?“ Hat sich diese Erwartungshaltung im Laufe der Zeit verändert?

Insbesondere während der Anfangsphase der Kapitalmarktkrise in den Jahren 2008/2009 sowie später im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Krisenursachen, bekam die Frage nach der Moral der Kapitalmarktakteure insofern besondere Bedeutung, als Vertretern von Banken vorgeworfen wurde, diese Krise durch moralische Verfehlungen maßgeblich ausgelöst zu haben. Die öffentlich darüber geführte Diskussion initiierte nicht nur einen Imageverlust eines zuvor angesehenen Berufsstands, sondern stellte einen volkswirtschaftlich relevanten Wirtschaftszweig, das Kapitalmarktgeschäft, in seiner Gesamtheit hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit auf den Prüfstand. Im Ergebnis kam es zu tief greifenden Reputationsschäden und volkswirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Konsequenzen. Gleichzeitig bestätigte sich, dass sich zumindest nicht alle Finanzmarktakteure nach dem Grundsatz des Ehrbaren Kaufmanns verhalten hatten. Es war nicht immer so, dass Bankenvertreter in der Öffentlichkeit ein negatives Image hatten. Alfred Herrhausen, langjähriger Vorstand und bis zu seinem Tod 1989 alleiniger Vorstandssprecher der Deutsche Bank AG, wird als Vertreter seiner Berufsgruppe damals wie heute im positiven Sinne als Ausnahmepersönlichkeit gesehen. Herrhausen verkörperte das, was mit dem Berufsbild des Bankiers assoziiert wird und inmitten der aktuellen Gier-Debatte offenbar nicht mehr ausreichend visibel ist: Glaub- und Vertrauenswürdigkeit. Zwischenzeitlich wird pauschal vermutet, dass mit Herrhausen der Bankier alter Schule, der Vertrauen und Seriosität verkörpert, von der Kapitalmarktbühne Abschied genommen haben könnte.

Sie haben geforscht, ob es ein einheitliches Verständnis der Kapitalmarktakteure davon gibt, was Ethik bedeutet. Welche Aspekte kamen in den Interviews immer wieder zur Sprache?

Ethik und Moral wurde von meinen Gesprächspartnern mehrheitlich als individuelle Auffassung betrachtet, die abhängig sei von der jeweiligen Disposition des Einzelnen. Damit gebe es eine Vielzahl von Ethiken, was wiederum die Beurteilung von Handlungen unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten erschwere oder sogar gänzlich unmöglich mache. Durch die Anwendung der Goldenen Regel - „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ -oder die Grundsätze des Ehrbaren Kaufmanns wird das eigene Handeln dahingehend überprüft, ob es fair oder sinnstiftend ist. In diesem Zusammenhang wurden Ethik und Moral als nützliches Handwerkszeug im Umgang mit anderen Menschen empfunden, das am Grundkonsens einer Gesellschaft ausgerichtet und als Medium zur Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft anzusehen sei. Die Etablierung langfristiger Geschäftsbeziehungen auf der Basis eines fairen Umgangs miteinander wurde als wesentliches Kriterium für nachhaltigen unternehmerischen Erfolg gesehen.

Der Strategie, Märkten menschliche Züge zu verleihen und darüber zu Bewertungen sowie zu Forderungen an die Akteure zu kommen, wurde eine Absage erteilt. Banken, Märkte und Geld seien zunächst unter ethischen Gesichtspunkten neutral. Eine moralische Komponente fließe erst durch konkrete Handlungen einzelner Personen ein. Die Erkenntnisse aus der von mir durchgeführten empirischen Studie belegen eindeutig, dass führende Kapitalmarktakteure eine individuelle ethische Disposition und ein erkennbares Bedürfnis nach mehr Klarheit bezüglich einer verbindlichen Konzeption von Ethik und Moral haben. Einer meiner Gesprächspartner antwortete auf meine Frage, ob er die Aussage Wir brauchen mehr Ethik an den Kapitalmärkten bejahen würde: „Hinter dem pauschalen Satz ‚Wir brauchen mehr Ethik an den Kapitalmärkten’ können wir uns alle verstecken. Mir fehlen konkrete Definitionen und Klarheit darüber, welchen ethischen Regeln jemand folgt.“ Damit wurde offensichtlich, welche gewichtige Rolle die Auseinandersetzung mit Fragen der Philosophie im Kapitalmarktgeschäft spielt.

Welche Haltung eines Kapitalmarktakteurs zu Ihren Fragen hat Sie am stärksten beeindruckt - im positiven wie im negativen Sinne? 

Beeindruckt hat mich ganz klar die mehrheitliche Aussage, dass es nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll gewesen wäre, marode Finanzinstitute nicht zu stützen. Einer meiner Gesprächspartner sagte, dass aus seiner Sicht die Politik dafür sorgen müsse, dass „das Prinzip der persönlichen Haftung wieder stärker in die Regulierung einbezogen wird“. Es müsse zu einem „Gleichklang zwischen persönlichen Chancen und persönlichen Risiken kommen“. Gewinn dürfe nicht „privatisiert und die Verluste oder der Schaden sozialisiert werden“. Es sei „hochmoralisch, dass nur die guten Unternehmen, die gesellschaftlichen Wohlstand schaffen und eine Funktion in der Gesellschaft erfüllen, sich durchsetzen gegen diejenigen, die Schaden anrichten“. Insofern müsse jedes Unternehmen „vom Markt verschwinden, wenn es nicht gut aufgestellt ist“. Das ist eine klare Positionierung gegen die Sozialisierung von Verlusten und für die Übernahme von mehr Verantwortung. Wären die Rettungsschirme für Banken vielleicht sogar obsolet gewesen? Hätten wir vielleicht jetzt schon das Gröbste hinter uns – und hätten nachfolgende Generationen nicht mit derart hohen Schulden belasten müssen?

Als kritisch habe ich die - gleichwohl verständliche - Aussage empfunden, dass in Anbetracht der aktuellen Medienlandschaft ein „menschliches Agieren in Spitzenpositionen fast unmöglich geworden“ sei. „Es ist nicht mehr en vogue zu sagen, ‚Da habe ich einen Fehler gemacht’“. Dieses Statement macht deutlich, dass die mediale Stimmungslage nicht dazu angetan ist, professionelle Kapitalmarktakteure dazu zu bewegen, sich öffentlich selbstkritisch zu äußern. Im Rahmen der von mir durchgeführten Studie befanden sich meine Gesprächspartner aufgrund der zugesagten Diskretion im Umgang mit den mir überlassenen Informationen in einem geschützten Raum und waren entsprechend authentisch. Eine Gesprächskultur, die möglichst frei von Vorverurteilungen ist, wäre aus meiner Sicht hilfreich, um schneller zu konstruktiveren Ergebnissen zu kommen und sollte Regulierungsmaßnahmen zwingend ergänzen. Alleine durch zunehmende Regulierung wird der Mensch in wachsendem Maße zum Umsetzer einer bloßen Strategie – was abgesehen davon, dass bislang die Mehrzahl der Regulierungsmaßnahmen nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt und mehr geschadet als genutzt hat, sehr wenig mit Ethik und Moral zu tun hätte. Einen menschlichen Umgang miteinander zu befördern sollte nicht an den Staat als Regulierungsinstanz delegiert werden. Ein Statement eines meiner Gesprächspartner fasst das plakativ und treffend zusammen: Durch zunehmende Regulierungen werde „der Einzelne immer mehr entmündigt und wir sollten nicht glauben, wenn wir noch 5.000 Regelungen mehr haben, dass dann alles sicherer und moralischer ist“.

Wenn das Ethikverständnis von Kapitalmarktakteuren allgemein in der Praxis auf den Prüfstand gestellt wird – handeln Kapitalmarktakteure dann nach ihren eigenen Überzeugungen oder werden diese zum Lippenbekenntnis? Welchen Eindruck haben Sie – Sie schreiben in Ihrer Einleitung ja von der „vermeintlich moralfreien Branche“?

In der öffentlichen Wahrnehmung schienen sich im Verlauf der Finanzmarktkrise Ethik, Moral und das Kapitalmarktgeschäft zu diametralen Gegensätzen entwickelt zu haben. Parallel wurde die Forderung nach mehr Ethik an den Kapitalmärkten immer lauter. Nun ist laut freilich nicht gleich zu setzen mit konkret. Offensichtlich war es eine ganz andere Sache, über Ethik und Moral zu reden, als zu formulieren, was darunter konkret zu verstehen sei. Meine Eingangsfrage im Rahmen meiner empirischen Untersuchung lautete: Was verstehen Sie konkret unter Ethik? Obwohl die Frage in Anbetracht der Themenstellung meiner Arbeit so vorhersehbar war wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche reagierten meine Gesprächspartner mehrheitlich recht ausdrucksstark: Es entgleisten so manche Gesichtszüge, die ein oder andere Kaffeetasse und so einige Kekse wurden noch in der Bewegung zum Mund vorzeitig wieder abgestellt beziehungsweise weg gelegt, um sich auf die gestellte Frage und deren Beantwortung zu konzentrieren. Im Ergebnis kann ich sagen: Alle meine Gesprächspartner haben eine moralische Disposition und alle richten ihr Handeln schon alleine aus pragmatischen Gründen an Grundsätzen wie Fairness und dem partnerschaftlichen Umgang miteinander aus. Alle haben verstanden, dass nur so eine langfristige Etablierung von Geschäftsbeziehungen möglich und ein persönlicher Imageverlust vermeidbar ist.

Zur Person
Dr. Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. und geschäftsführende Gesellschafterin der IKP Executive Search GmbH.

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