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31.12.2015 | Bankenaufsicht | Im Fokus | Online-Artikel

Was 2016 für Banken bereithält

7:30 Min. Lesedauer
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Die Bankenlandschaft sortiert sich neu. Welche To dos Kreditinstitute im neuen Jahr erwartet, wie sie damit umgehen sollten und was Finanzexperten sagen.

Was bringt das neue Jahr für Banken? Sicher ist, dass Digitalisierung, Dauerzinstief und Regulierung die Kernthemen bleiben. Laut einer Umfrage des Genossenschaftsverbands unter seinen 300 Volks- und Raiffeisenbanken erwarten die Kreditinstitute immerhin, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung weitgehend stabil bleibt. Die Auswirkungen von niedrigen Zinsen und Regulierungsvorhaben sehen jedoch 93,5 Prozent der Geldhäuser als die größte Herausforderung für die nächste Zeit an. Eine Konsequenz aus dem wachsenden Ertragsdruck sind sinkende Beschäftigungszahlen in der Kreditwirtschaft.

Etwas mehr als die Hälfte der befragten genossenschaftlichen Institute rechnet damit, dass die Situation im Bankenmarkt Jobs in den eigenen Reihen kosten wird. Noch vor einem Jahr ging lediglich ein Drittel Häuser von einem Stellenabbau aus. Michael Bockelmann, Verbandspräsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands, mahnt mit Blick auf 2016: "Viele Banken haben sich durch Fusionen und einen noch stärkeren Kundenfokus an den Ertragsdruck angepasst. Trotzdem bleibt die Lage herausfordernd, von einer Entwarnung kann keine Rede sein."

Ein Ärgernis für die genossenschaftlichen Institute, aber auch die Sparkassen, bleibt die geplante europäische Einlagensicherung, die nach Ansicht von Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), die Bankenunion komplettiert. Eine Vergemeinschaftung setze "das Vertrauen der Sparer leichtfertig aufs Spiel", argumentiert Bockelmann. Der Jahresbeginn 2016 ist aber zunächst einmal Geburtsstunde für eine andere Maßnahme innerhalb der Bankenunion. Dann nämlich übernimmt der neu geschaffene Europäische Einheitliche Abwicklungsausschuss (Single Resolution Board) unter Leitung von Elke König, ehemalige Chefin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die Aufgabe der Abwicklung und Restrukturierung nicht lebensfähiger systemrelevanter Banken. Mit Ablauf des Jahres 2015 wird in diesem Zuge der Fonds zur Stabilisierung des Finanzmarkts, Soffin, für neue Maßnahmen geschlossen.

Dauerzinstief bleibt, Wettbewerb um Firmenkunden wächst

Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt, glaubt: "Auch das Jahr 2016 wird für die Banken nicht einfach werden. Es ist davon auszugehen, dass sie auch im kommenden Jahr unter dem Niedrigzinsumfeld leiden werden, da eine substanzielle Zinswende nicht in Sicht ist. Gleichzeitig wird der Wettbewerb im Privatkunden- und Firmenkundengeschäft sich weiter verstärken. Das erhöht den Druck auf die Margen." Für das Kapitalmarktgeschäft ist er dagegen positiv gestimmt. "Wir haben 2015 ein Rekordjahr bei Börsengängen verzeichnet, der Markt für Fusionen und Übernahmen hat deutlich zugelegt. Dieser Trend dürfte sich auf etwas niedrigerem Niveau 2016 fortsetzen. Auf den Märkten für Unternehmensanleihen stehen 2016 viele Refinanzierungen an. Auch der Markt für Schuldscheindarlehen wird sich voraussichtlich auf einem hohen Niveau bewegen, sodass insgesamt positive Geschäftsaussichten in diesem Segment für Banken bestehen, die stark im Bereich Debt Capital Markets aufgestellt sind“, prognostiziert Brühl.

Regulierung treibt Bank-IT

Eberhard Rohe, Banken- und Finanzexperte bei Retarus, stellt fest, dass die zunehmende Regulierungsdichte 2016 "eine der größten Herausforderungen für die Banken-IT bleiben" wird. Vom Bundesdatenschutzgesetz bis zu den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (Marisk) werden Kreditinstitute weiter mit einer enorm hohen Anzahl an gesetzlichen und regulatorischen Richtlinien konfrontiert. "Gleichzeitig ändern sich auch die Kundenerwartungen an Banken gerade grundlegend. Um diese Anforderungen zu erfüllen, ist es zwingend erforderlich, die Digitalisierung der Branche voranzutreiben", ergänzt Rohe. Finanzinstitute aller Bankgruppen sollten sich daher aus seiner Sicht stark auf Prozessoptimierung konzentrieren. Denn damit lassen sich die Kundenzufriedenheit steigern und Kosten optimieren.

Insbesondere die Art und Weise, wie Kunden mit ihrer Bank kommunizieren, ändert sich radikal, das beobachtet Rohe immer wieder. "Es kursieren dabei zahlreiche Schlagwörter – von Multichannel bis Omnichannel. Der Trend muss aber eigentlich zur No-Channel-Strategie gehen", sagt Rohe. Je nach Situation, in der sich der Kunde gerade befindet, kann ein anderes Kommunikationsmittel sinnvoll sein: "Mal ist das die Zustellung des Leasingvertrags per klassischem Fax oder die Beantwortung einer Finanzierungsanfrage per E-Mail, mal eine Zahlungserinnerung per SMS", erläutert Rohe. So verschicke beispielsweise eine europäische Großbank statt klassischer Mahnbriefe eine Erinnerung per SMS. "In der Folge verbessert sich bereits bei 76 Prozent der Kunden der Mahnstatus. So werden Kosten signifikant reduziert und ein Rückkanal für Cross-Selling-Aktivitäten geschaffen. Gerade diese direkten Vertriebskanäle sind ein Bereich, in dem große Entwicklungspotenziale liegen und sich Banken noch klar vom Wettbewerb differenzieren können", meint der IT-Experte. Bei der Umsetzung neuer gesetzlicher Vorgaben sollten nach seiner Ansicht digitale Kommunikationsprozesse künftig im Mittelpunkt stehen. "Ist beispielsweise der Dispositionskredit zu 75 Prozent ausgeschöpft, können Banken per automatisierter E-Mail oder SMS über alternative Kreditangebote informieren", nennt Rohe ein Beispiel.

Im Oktober 2015 hat das Bundeskabinett in einem Gesetzesentwurf das Konto für jedermann auf den Weg gebracht. Künftig müssen Kreditinstitute wohl jedem Menschen, auch Flüchtlingen und Obdachlosen, eine Bankverbindung auf Guthabenbasis ermöglichen. Überdies läuft im Sepa-Zahlungsraum (Single Euro Payments Area) im Februar 2016 die Übergangsfrist für Privatkunden ab. 


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Die Zielsetzung der Lissabon-Agenda von 2010, die Zahlungsdienste im Euro- und europäischen Wirtschaftsraum zu harmonisieren, um grenzüberschreitende Zahlungen so einfach, effizient und sicher wie „nationale Zahlungen“ abzuwickeln, wird mit der Einführung moderner und umfassender Regularien wie PSD I, PSD II und SEPA gewährleistet.

Danach müssen Verbraucher auch für Überweisungen innerhalb Deutschlands die internationale Kontonummer IBAN angeben. Für grenzüberschreitende Überweisungen im europäischen Zahlungsverkehrsraum reicht die IBAN ab dem 1. Februar 2016 ebenfalls aus, die internationale Bankleitzahl BIC wird dann dafür nicht mehr benötigt.

Fintechs beschleunigen Entwicklung der Robo-Beratung

Aus Sicht des Hightech-Verbands Bitkom bringen neue Technologien wie Robo-Advisory-Tools, mit denen einige Fintechs im Bankenmarkt angetreten sind, neue Dynamik. So startete das Görlitzer Unternehmen Niiio, Fintech-Tochter der Deutschen Software Engineering & Research (DSER), eine Meta-Robo-Beratungsplattform, die verschiedene Anbieter konsolidiert und um eigene Offerten ergänzt. Über Schnittstellen kann die Technologie auch in IT-Systeme von Geldhäusern integriert werden. Scalable Capital ist ein weiteres Beispiel für Robo-Advisory. Jörg Lehmann, Head of Banking & Financial Services beim Kölner Beratungsunternehmen für Software-Qualität, SQS, fordert Flexibilität bei der Bank-IT ein: "Effizienz und Schnelligkeit bei der Implementierung dieser neuen Technologien sind von entscheidender Bedeutung."

Die Managementberatung Investors Marketing stellt in ihrer "Fintech-Studie 2016" fest, dass die Anbieter von Robo-Advice-Anwendungen unter den jungen Gründern die innovativste Gruppe sind. Sie adressierten auch Anleger mit einem Vermögen von unter 100.000 Euro, die bei Banken kaum Beratungsangebote erhielten. Bis zum Jahr 2020 könnten Fintechs einen Marktanteil von 2,5 Prozent bei der Geldanlage, von 5,5 Prozent des jährlichen Neugeschäfts bei Konsumentenkrediten und 0,5 Prozent im Geschäft mit Girokonten für sich gewonnen haben, prognostiziert das Beratungshaus.

Banken müssen sich 2016 also in allen Geschäftssparten gegen disruptive Aktivitäten der Fintechs wappnen – oder mit ihnen noch enger kooperieren. Denn Privatkunden können bereits heute fast jede Finanzdienstleistung von einem Non-Bank-Anbieter erhalten, meinen die Experten von Investors Marketing. Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Bank, bleibt dennoch kritisch: "In den kommenden beiden Jahren werden wir viele Start-ups im Finanzsektor scheitern sehen. Allzu viele verlassen sich allein auf ihr Design, den Wohlfühlfaktor und die Attraktivität des Neuen. Das reicht aber nicht, um im Finanzsektor erfolgreich zu sein."

Eher trübe Aussichten für die Finanzmärkte

Anleger müssen im neuen Jahr insgesamt mit moderaten Wachstumsaussichten Vorlieb nehmen. „Die Märkte werden 2016 noch weniger zulegen als 2015“, sagt Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer der Deutsche Asset & Wealth Management, voraus. Es wird ein Jahr der geldpolitischen Entscheidungen, die sich auf die Renten- und Aktienmärkte auswirken. Dabei sollte der erste Zinsschritt der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) aus konjunktureller Sicht zu vernachlässigen sein. „Am stärksten wird er die Erwartungen beeinflussen“, erklärt Kreuzkamp. Und damit sollte sich der Ausblick für die Finanzmärkte eintrüben.

Während die Fed das Zinsniveau 2016 schrittweise anheben wird, betreibt die EZB eine weiterhin expansive Strategie. „Die divergierende Geldpolitik wird Folgen haben“, prognostiziert Lars Edler, Leiter Investmentstrategie bei Sal. Oppenheim. Die steigenden Zinsen in den USA werden die an einen fallenden Trend gewohnten Marktteilnehmer verunsichern. Es müssten sich neue Gleichgewichte bilden, die zu höheren Volatilitäten an den Renten- wie an den Aktienmärkten führen werden, warnt der Experte. Wegen der Zinsänderungsrisiken werden risikotragende Assetklassen in den kommenden zwölf Monaten zulegen. „Die höheren Leitzinsen in den USA sind nicht zwingend schlecht für die Aktienmärkte“ stellt Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer von Hauck & Aufhäuser, in seinem Ausblick für 2016 fest. Entscheidend werde die Gewinnentwicklung der Unternehmen sein. Aktuell seien zumindest in den USA keine Anzeichen einer Rezession zu finden.


An Aktien führt kein Weg vorbei

In der Eurozone sollte die Wirtschaft 2016 moderat wachsen, getragen vom Konsum der privaten Haushalte. „Die Zinspolitik der EZB kommt nur sehr langsam in der Realwirtschaft an“, erläutert Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim, den weiterhin großen Einfluss der Notenbank auf die Konjunktur in Europa. Die deutsche Wirtschaft werde im kommenden Jahr von einer niedrigen Inflation und einem robusten Arbeitsmarkt profitieren können. Hinzu komme, so Moryson, dass aufgrund der hohen Anzahl an Flüchtlingen, die in Deutschland einreisen, der staatliche Konsum steige.

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