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06.07.2015 | Bankenaufsicht | Im Fokus | Onlineartikel

Griechenland am Tag danach

Autor:
Eva-Susanne Krah

Das Nein-Votum der Griechen gegen weitere Sparprogramme schafft nicht nur für die Banken im Land Probleme. Die Lösung des Schuldenproblems dürfte für den gesamten Euroraum teuer werden.

Brancheninsidern zufolge dürfte die Europäische Zentralbank (EZB), die am 6. Juli zu weiteren Maßnahmen Griechenlands tagt, trotz des negativ ausgegangenen Referendums die Notkredite für Hellas-Banken zunächst aufrechterhalten. Schließlich sind die ELA-Nothilfen (Emergency Liquidity Assistance) derzeit die einzige Rettung vor einer Staatspleite des Mittelmeerstaats. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, rechnet jedoch nicht mit einem weiteren Hilfspaket für Griechenland, wie er in einer aktuellen Analyse schreibt. Statt frischem Geld aus dem Euro-Rettungsfonds ESM könne es aber humanitäre oder wirtschaftliche Hilfen aus anderen EU-Ressourcen geben, um die Folgen einer Staatspleite abzumildern, glaubt er. Da Reformen absehbar nicht greifen werden, müsse das Land mittelfristig eine eigene Währung einführen – mit einem "stürmischen Intermezzo einer Ausgabe von Schuldscheinen". Dass Griechenland temporäre Schuldscheine (IOUs) drucken könnte, um die Wirtschaft vor einem Liquiditätsengpass zu schützen, hatte laut "Daily Telegraph" auch der inzwischen zurückgetretene griechische Finanzminister Yanis Varoufakis verkündet.

Meinungen der Bankenexperten

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Jan Pieter Krahnen, Finanzprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktor des Center for Financial Studies, forderte die EU-Staaten bereits vor einiger Zeit auf, die Verhandlungsstrategie mit Griechenland grundlegend zu überdenken. Die Euro-Staaten müssten gewährleisten, dass es während der Restrukturierungszeit nicht zum Stillstand des griechischen Wirtschaftsgeschehens kommt, sondern zu einem "gebremsten Niedergang". Dafür seien mehrere Maßnahmen wichtig, wie der Bankenexperte in einem Thesenpapier zur Griechenlandkrise erläutert:

  • Eine nennenswerte Umschuldung der griechischen Staatsschulden,
  • eine explizite Einlagengarantie für griechische Sparer bis 100.000 Euro durch Mittel des ESM,
  • gezielte humanitäre Hilfsprogramme, insbesondere zur Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens sowie
  • Angebote für vorübergehend auswanderungswillige Griechen, die ihr Heimatland auf diese Weise mit Transferzahlungen unterstützen können.

"Die Ausgabe von Schuldscheinen, Parallelwährungen oder ein vorübergehender Austritt Griechenlands aus dem Euro" sind laut Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, nur Scheinlösungen. Er schätzt die Grexit-Wahrscheinlichkeit nun etwas höher ein als den dauerhaften Verbleib Griechenlands im Euro. "Zunächst wird die EZB die Finanzierung der griechischen Banken noch nicht vollständig stoppen, eine Wiedereröffnung sehen wir allerdings nicht so bald", meint Kater.

Derweil wird die Situation für Kunden griechischer Banken immer dramatischer. Nach Schließung der Institute signalisierte jetzt Louka Katseli, die Vorsitzende der griechischen Bankenvereinigung, dass den Kunden auch der Zugang zu ihren Schließfächern verwehrt werde. So soll verhindert werden, dass Sparer weiteres Geld von ihren Depots abziehen. Im Zuge der Kapitalverkehrskontrollen sind offensichtlich auch Online-Auslandsüberweisungen inzwischen beschränkt. So sollen griechische Kunden mit inländischem Bankkonto beispielsweise über den Online-Bezahldienst Paypal nur noch restriktiv Zahlungen ausführen können. Bei anderen Online-Bezahldiensten, wie sie etwa Apple anbietet, sollen gar keine Überweisungen mehr möglich sein. Dies berichtet laut netzwelt.de das News-Portal "Greek reporter" unter Berufung auf einen Paypal-Sprecher.

Die Folgen für Anleger

An den Börsen sorgte das Nein der Griechen für einen Kursrücksetzer zum Handelsbeginn am Montag nach dem Referendum. Das Minus fiel allerdings geringer aus, als es die Marktteilnehmer befürchtet hatten. Der deutsche Leitindex Dax war vorbörslich rund drei Prozent unter seinem Handelsschluss vom Freitag taxiert worden und verlor im frühen Handel bloß 1,6 Prozent. Aktien aus der Finanzbranche zählten zu den größten Verlierern an dem Tag, allen voran die der Commerzbank und der Deutschen Bank. Aktienstrategen raten mittel- bis langfristig orientierten Investoren, die Lage an den Börsen für Zukäufe zu nutzen. "Denn die aktuelle Nervosität dürfte sich bereits in den kommenden Wochen schnell legen und sich bis Jahresende Raum für deutlich steigende Kurse eröffnen", schreiben Strategen der Commerzbank. Vom aktuellen Niveau aus sehen sie Potenzial für Dax-Werte im "hohen einstelligen Prozentbereich".

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