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21.09.2022 | Bankprodukte | Interview | Online-Artikel

"Retailisierung ist ein Megatrend im Finanzbereich"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

5:30 Min. Lesedauer
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Im Wege der Retailisierung können Banken versteckte Potenziale des privaten Kapitalmarktes heben. Das zeigt eine gemeinsame Studie der Frankfurt School und des Softwareanbieters Portagon. Im Interview erläutern Professor Michael H. Grote und Geschäftsführer Johannes Laub das Modell, seine Vorteile und Grenzen. 

Springer Professional: In ihrer Studie geht es um die Öffnung des privaten Kapitalsmarkts, in dem sich Privatanleger mit ihrem Kapital an einer Unternehmensfinanzierung beteiligen. Die Digitalisierung mache eine Stückelung solcher Anlagemöglichkeiten erst wirtschaftlich sinnvoll. Dabei sei das Interesse der Investoren groß und das Umfeld für Emittenten, erfolgreich entsprechende Produkte auf dem Markt zu platzieren, gut. Für welche Unternehmen ist eine derartige Spaltung der Finanzierung über eine Bank plus Privatanleger überhaupt interessant und warum? 

Michael H. Grote: Die von uns vorgeschlagene Übertragung eines Teils des Kredites von Banken an ihre Kunden ist ein Produkt, das sich vornehmlich an Privatanleger als Investoren richtet. Auf die Kreditnehmer wirkt sich das Produkt nicht direkt aus - nach wie vor ist die Bank der alleinige Ansprechpartner rund um den Kredit - allerdings kann es die Kreditversorgung insgesamt verbessern: Die Banken gewinnen dadurch mehr Spielraum für neue Kredite. 

Wäre das Konstrukt auch für den öffentlichen Sektor denkbar – etwa mit einer Gemeinde oder einem kommunalen Betrieb als Kreditnehmer? 

Grote: Ich denke, dass grundsätzlich jeder Kredit einer Bank an Unternehmen oder andere institutionelle Kunden in Frage kommt. Ich kann mir vorstellen, dass der öffentliche Sektor aufgrund seiner geringen Ausfallrisiken attraktiv sein könnte. Generell lag der Fokus unserer Studie nicht auf rechtlichen Fragestellungen, diese bedürfen noch einer gesonderten Prüfung. 

Können Sie uns kurz die Branchen und Bereiche vorstellen, die sich für das Modell aus Ihrer Sicht besonders gut eignen? 

Laub: Für die Unternehmenskunden und Kreditnehmer ändert sich nichts, insofern ist das Produkt branchenagnostisch. Allerdings wissen wir, dass eine wesentliche Motivation für Direktinvestitionen von Retailanlegern oder Crowd-Investoren ist, dass Anleger sich mit den Unternehmen und Projekten identifizieren. Anhand der Investitionsströme, die über Portagon laufen, sehen wir, dass dies insbesondere für den Bereich der Nachhaltigkeit und die Immobilienbranche gilt.

Wie groß ist die Rolle digitaler Technologien bei der Privatisierung von Finanzierungen?

Laub: Technologielösungen sind eine wesentliche Voraussetzung für innovative Finanzprodukte, insbesondere wenn es - wie in der Studie - darum geht, vermögende Privatkunden anzusprechen. Denn die Technologie ermöglicht Banken, Vermögensverwaltern oder Investmentgesellschaften die Stückelung großer Anlagevolumina digital, automatisiert und damit wirtschaftlich sinnvoll umzusetzen, beziehungsweise die kleineren Anlagesummen zu bündeln. Diese Retailisierung ist ein Megatrend im Finanzbereich, nicht zuletzt, weil man davon ausgeht, dass das Anlagevolumen der Privatkunden weltweit bis 2025 rund 1,5 Billionen Euro betragen wird.

Welche Vor- und Nachteile bietet ein solches Crowd-Banking-Modell privaten Co-Investoren im Vergleich zu anderen Geldanlagen und wie sieht aktuell die Regulierung hierfür aus?

Laub: Die Privatkunden erhalten Zugang zu einem Anlageprodukt mit dem Risiko-Rendite-Profil ihrer Hausbank, abzüglich der Marge der Bank für die Vermittlung. Das Produkt bietet also eine attraktive Rendite, während die Bank weiterhin ihre originären Aufgaben wie die Kreditprüfung und die fortlaufende Kontrolle, das Monitoring, übernimmt. Das Ausfallrisiko bleibt, gleichwohl möchte keine Bank ihre Top-Privatkunden verprellen und wird daher sorgfältig auswählen, welcher Firmenkredit für ein Co-Investment geeignet ist. Das ist zugleich ein Nachteil: Die Anleger kennen die Unternehmen meist nicht gut genug und müssen sich auf das Urteil ihrer Bank verlassen. Außerdem liegt das materielle Kreditrisiko bei ihnen. Darüber hinaus ist die Investitionsdauer fest und hat die Laufzeit des Kredites. Anleger, die sich für dieses Produkt entscheiden, sollten also über ausreichend Liquidität verfügen und ihre Anlagen stets diversifizieren. Da das Modell vorsieht, dass die Bank eine Technologielösung integriert - es handelt sich also nicht um ein Outsourcing an Dritte wie beispielsweise Plattformen - greift der übliche Anlegerschutz.

Welche Privatanleger sind geeignete Zielgruppen für ein solches Konzept, das mit einem erhöhten Risiko einhergeht?

Laub: Das Produkt ist für Privatanleger geeignet, die ihr Portfolio diversifizieren und um eine Anlageoption mit attraktiver Verzinsung ergänzen möchten. Wer kurzfristig auf das angelegte Geld zugreifen möchte, der sollte nicht investieren. Denn der Anlagehorizont ist an die Laufzeit des Firmenkredites gebunden. Darüber hinaus besteht das Risiko im Zahlungsverzug oder im vollständigen oder anteiligen Ausfall des Kreditnehmers beziehungsweise Unternehmens - hier wären die Forderungen der Privatanleger nachrangig im Vergleich zur Bank. 

Wenn Bank und privater Investor von der Geldvergabe profitieren wollen: Wie hoch müssen dann die Kredite verzinst sein? 

Grote: Dieses Produkt funktioniert unabhängig von der Zinshöhe. Wichtig ist der relative Vergleich, beispielsweise gegenüber Bankeinlagen: Unsere Erwartung ist, dass die direkte Investition in einen Unternehmenskredit immer eine deutlich bessere Rendite bringt als die Einlagen, unabhängig vom Zinsniveau. Die Höhe der Verzinsung hängt stark von der Bonität des Unternehmens ab. Selbst zu Zeiten der Null- oder Negativzinsen auf Einlagen haben Unternehmenskredite immer noch Zinsen abgeworfen. 

Wie schätzen Sie das Geschäftspotenzial der Privatisierung des Kapitalmarktes für Banken in Deutschland beziehungsweise in Europa ein? 

Grote: In unserer Studie haben wir dazu keine Berechnungen angestellt. Diese würden ohnehin auf vielen Annahmen beruhen müssen. Beispielsweise hinkt Deutschland auf der Eigenkapitalseite - also im Bereich Private Equity und Venture Capital - anderen Volkswirtschaften hinterher. Wir halten es aber für falsch, einfach die Lücke zu anderen Ländern als Basis für eine Schätzung zu nehmen. Vielleicht werden die deutschen Anleger ihre Skepsis gegenüber Eigenkapitalinvestitionen niemals verlieren. Sicher ist, dass alleine die privaten Haushalte in Deutschland Ende 2021 knapp 850 Milliarden Euro als Spar- und Termineinlagen bei den Banken angelegt hatten. Bei einem Realzins von aktuell minus sieben Prozent wären die Haushalte jedenfalls gut beraten, sich ihre Anlagestrategie noch einmal anzusehen. 

Das Kreditbuch und damit auch die Ausfallwahrscheinlichkeit auf diese Weise zu verringern, wäre auch eine interessante Vorsichtsmaßnahme der Banken im Hinblick auf ein mögliches Pleitejahr 2023? Sehen Sie das ähnlich?

Grote: Der Weiterverkauf von Krediten an die eigenen Kunden wäre eine gute Möglichkeit, die Bilanzsumme zu verringern und die Eigenkapitalquote zu verbessern, auch als Vorsichtsmaßnahme. Allerdings wäre es kaum zielführend, sich die schwächsten Kreditkunden für diese Maßnahme auszusuchen, um die Ausfallrisiken für die Bank zu verringern: Bei einem Ausfall würden dann die geschätzten und profitablen Privatkunden in Mitleidenschaft gezogen, welche das sicher nicht goutieren würden. Meine Empfehlung an die Banken wäre eher, die stärksten Kreditkunden für eine solche Maßnahme vorzusehen. Auch so ließe sich eine Verbesserung der Eigenkapitalquote erreichen. 

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