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16.04.2018 | Bankstrategie | Kolumne | Onlineartikel

Finanzindustrie ohne Kompass - It's the missing vision, stupid

Autor:
Prof. Dr. Detlef Hellenkamp
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Detlef Hellenkamp

ist Hochschullehrer und Leiter im Studiengang BWL-Bank der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), Stuttgart. 

Wir alle lernen bereits frühkindlich die Darwin’sche Evolutionstheorie und akzeptieren einem Naturgesetz gleich das Überleben der am besten angepassten Individuen, Unternehmen oder Staaten als "Survival of the Fittest".

Im Zeitalter der Globalisierung werden Staaten als "the Fittest" hierbei wesentlich geprägt durch Möglichkeiten des Zugriffs auf die relevanten Ressourcen

  • Militär
  • Rohstoffe
  • Finanzindustrie
  • Digitalisierung/Information.

Die beiden erstgenannten werden in Europa und Deutschland insbesondere durch Bündnisabkommen und diversifizierte Handelsabkommen gesichert. Fragile Bündnisse und aktuelle protektionistische Bestrebungen schwächen diese Faktoren. Wie "fit" ist Europa nunmehr mit Blick auf die beiden letztgenannten Ressourcen?

Starke europäische Finanzindustrie notwendig

In den letzten Jahren hat ein ausgeprägtes politisch motiviertes Banken Bashing in Europa eingesetzt, dass immer wieder die Notwendigkeit einer starken europäischen Finanzindustrie konterkariert und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Kreditinstituten in anderen Wirtschaftsräumen erheblich einschränkt. Um es klar zu sagen: Missstände im Wirtschaftsleben müssen in allen Branchen fortlaufend reflektiert und Rahmenbedingungen selektiv, auch politisch, korrigiert werden. Dieses gilt für alle Branchen, wie beispielsweise die Medizin-, Pharma-, Chemie- oder Automobilindustrie ebenso selbstverständlich wie für die Finanzindustrie.

Deutschland ist seit Jahren regelmäßig Exportweltmeister. Unternehmen müssen deshalb die Möglichkeit haben, weitreichende und komplexe Finanzierungen wahlweise mit leistungsstarken europäischen oder deutschen Kreditinstituten durchzuführen. Andernfalls könnten Finanzierungsvorhaben europäischer Unternehmen selbst bei Vorliegen bester Bonität, etwa bei Siemens, von potentiellen Kreditinstituten aus anderen Wirtschaftsräumen regelmäßig aus nichtökonomischen Gründen abgelehnt werden. Damit würden europäische Unternehmen im Kontext internationaler Ausschreibungen bei der Finanzierung beispielsweise gegenüber asiatischen und nordamerikanischen Unternehmen wahrscheinlich regelmäßig das Nachsehen haben. Eine solche Entwicklung kann weder im europäischen noch im nationalen Interesse sein.

Politisches Commitment und Gestaltungswille

Die Deutsche Bundesbank proklamiert regelmäßig, Bankvorstände sollten die aktuellen Rahmenbedingungen nutzen und ihre Geschäftsmodelle zukunftsorientiert ausrichten. Die Entkopplung beispielsweise amerikanischer Großbanken gegenüber europäischen sowie deutschen Instituten hinsichtlich der Ertragsentwicklung und Marktkapitalisierung ist seit Jahren signifikant.

Die Notwendigkeit kritischer Betriebsgrößen in der Finanzindustrie führen bereits heute dazu, dass einige kapitalstarke internationale Institute die kostenintensiven Regulierungsmaßnahmen problemlos erfüllen und ihre relative Wettbewerbssituation dadurch zusätzlich stärken.

Ein Blick auf die Themen der nationalen Verbände verdeutlicht inzwischen eine extrem operative Ausrichtung, mit denen sich alle Managementebenen der Finanzindustrie nahezu rund um die Uhr auseinandersetzen müssen. Wie sollen in einem solchen Kontext nunmehr Vorstände im Rahmen ihrer Organverträge, die in der Regel fünff bis sechs Jahre laufen, unternehmerisch strategische Weichen stellen und Visionen erarbeiten, um über zehn, 20 Jahre oder länger ihre Geschäftsmodelle auszurichten. Das Risiko, dass die Aufsichtsbehörden, der Verwaltungs- oder Aufsichtsrat ihre Unterstützung verwehren, ist erheblich und birgt ein großes persönliches Wagnis.

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Kreditinstitute agieren fremdbestimmt

In der Konsequenz agieren die meisten Kreditinstitute im Mainstream und richten sich gleichgerichtet aus. Das heißt, sie fokussieren sich auf eine fremdbestimmte Umsetzung zahlreicher Vorgaben und Details.

Möglicherweise verändern sich deshalb die Geschäftsmodelle inzwischen nicht mehr klassisch, sondern zunehmend durch agiles Management, bei dem das Reagieren auf Veränderung wichtiger ist, als das Festhalten an einem Plan.

Allerdings besteht hierbei das Risiko, keine Visionen mehr zu entwickeln, sondern nur noch agil zu entscheiden. Dabei wird Orientierung verloren gehen. Mitarbeiter kennen möglicherweise nicht mehr die zentralen Unternehmensziele ihrer Bank.

Darwinismus in der Finanzindustrie bedeutet dann nicht mehr die Idee, das beste Geschäftsmodell oder das beste Produkt zu entwickeln, sondern zunehmend die Fähigkeit des aus Kapitalsicht Stärkeren die Kosten der Regulierung zu tragen.

Bedeutungslosigkeit droht

Die europäischen und nationalen Kreditinstitute können die drängenden Fragen nach den zukunftsweisenden Rahmenbedingungen einer starken europäischen Finanzindustrie weder einzeln noch durch nationale Einzelverbände dauerhaft ausreichend entwickeln. Zahlreiche Institute werden in der Zukunft, analog zu anderen Branchen, keine ausreichenden Skaleneffekte mehr generieren, um die Tragfähigkeit der einzelnen Geschäftsmodelle langfristig zu sichern. Die Deutsche Kreditwirtschaft sollte deshalb in der Konsequenz zu den Fragen einer starken europäischen Finanzindustrie mehr und mehr die bisherige interessengesteuerte "Drei-Säulensicht" verlassen, um eine gemeinsame europäische Vision mit zu gestalten.

Eine solche Vision benötigt als conditio sine qua non ein klares politisches Bekenntnis der Notwendigkeit einer starken europäischen Finanzindustrie. Dabei sollte die Politik die Bedeutung der Finanzindustrie unbedingt auch im Kontext staatlicher Kreditaufnahmen und den Möglichkeiten der Geldschöpfung außerhalb einer Kontrolle des Bankensystems beurteilen. Die politische Versuchung sich kritisch und in der Sache nicht konstruktiv zu profilieren ist in der Finanzindustrie besonders verlockend, da das Image hierfür prädestiniert ist, die Branche komplex und Bankdienstleistungen zumeist abstrakt sind.

Globale Champions prägen digitale Entwicklung

Zu guter Letzt: Die Entwicklungen kritischer Betriebsgrößen einzelner Unternehmen im Hinblick auf die genannten staatlich relevanten Ressourcen Digitalisierung und Information sind in Europa ähnlich signifikant. Auch hier generieren einzelne internationale Unternehmen einen hohen Cash-Flow. Diese prägen als globale Champions die weiteren digitalen Entwicklungen und damit unsere gemeinsame Zukunft maßgeblich. Für andere potentielle, insbesondere europäische, Marktteilnehmer, auch der Finanzindustrie, werden sich die Markteintrittsbarrieren nunmehr digitalisierter Geschäftsmodelle, hierdurch ebenfalls zunehmend erhöhen.

Auch hier gilt: It’s the missing vision, stupid.

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