Skip to main content
main-content

22.05.2019 | Bankstrategie | Interview | Onlineartikel

"Deutsche Bankenlandschaft wird bald deutlich anders aussehen"

Autor:
Anja Kühner
Interviewt wurde:
Carsten Hahn

ist Senior Partner bei Capco und seit 19 Jahren als Berater im Bereich Financial Services im Bankenumfeld tätig.

 

In nur elf Monaten hat die Royal Bank of Scotland (RBS)/National West ihre digitale Bank Mettle gebaut. Die Berater von Capco waren dabei involviert. Carsten Hahn sieht momentan Chancen für deutsche Institute.

Springer Professional: Etablierte Banken starten eigenständige Digitalbanken wie Mettle und Marcus. Können diese als Blaupause für reine Online-Banken in Deutschland dienen?

Carsten Hahn: Durchaus. Denn sie sind sehr erfolgreich. Marcus von Goldman Sachs hat in den ersten 40 Tagen 100.000 Kunden gewonnen und mittlerweile circa fünf Milliarden Pfund Einlagen generiert. Auch Mettle hat die Erwartungen voll erfüllt. RBS/National West verkündet allerdings bisher keine Zahlen. Was diese beiden Banken gemeinsam haben ist, dass sie sich auf die absoluten Basisfunktionalitäten konzentrieren: Ein Girokonto, dazu eine Kreditkarte und zum Beispiel ein Tagesgeldkonto – eventuell noch ein oder zwei weitere Features. Das reicht aus, um interessant für Kunden zu sein. Es geht nicht darum, eine Universalbank mit all ihren Facetten online zu bringen, insofern können die in Großbritannien erfolgreich gestarteten Banken durchaus als Vorbilder und Blaupause dienen. Dies sehen wir aktuell bei Marktteilnehmern wie N26, oder auch Revolut. Eine Basisbank könnten deutsche Institute zeitnah bereitstellen, doch leider fehlt es aktuell an vielen Stellen an der notwendigen Entschlossenheit dafür.

Empfehlung der Redaktion

2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in Banken und Sparkassen

Das Banking unterliegt neben der aktuellen Niedrigzinssituation und den steigenden regulatorischen Anforderungen einem wesentlichen Einfluss durch die stark zunehmende Digitalisierung in allen Geschäftsbereichen.


Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig?

Aus meiner Sicht wäre ein klarer Schritt wünschenswert, da der ein Zeichen setzten würde. Mit Durchsetzungskraft schafft man es von der Idee bis zum Marktstart in einem Jahr – so wie RBS/National West mit Mettle. Da geht es nicht vorrangig ums technische Know-how. Als Basis kann eine digitale Bank mit Schnittstellen im Baukastensystem in weiten Teilen aus den im Markt vorhandenen Elementen gebaut werden. Zunächst einmal ist das natürlich eine Investition. Doch, clever gemacht, sollte es nicht in erster Linie um die Kosten gehen, sondern darum, Synergieeffekte zu nutzen und eine schnelle Marktreife zu erlangen.

Wie könnte eine Bank vorgehen?

Eine neue Bank auf der grünen Wiese zu bauen ist sicher einfacher, als sie in die vorhandene Struktur einzufügen. Skalierbarkeit ist durch Cloud-Angebote möglich. Etablierte Häuser müssen sich überlegen: Welche Bausteine habe ich schon im Haus? Welche muss ich dazukaufen? Wähle ich dann eine White Label-Lösung oder einen offen auftretenden starken Partner? Beispiele im Bereich der Vermögensverwaltung sehen wir aktuell sehr häufig. Ein prominenter Fall ist hier die Partnerschaft der ING mit Scalable Capital. Und nicht zuletzt geht es darum, die eigene Vorstellung stets zu hinterfragen und auch Kehrtwenden zuzulassen. So hat es Amazon Go beispielsweise getan. In seinen Shops konnte beim Start nur digital gezahlt werden. Die Kunden wollten aber auch bar zahlen. Und so baut Amazon nun eben auch Cash-Kassen ein. Kundennutzen ist wichtiger als das Festhalten an ursprünglichen Konzepten. Man lernt vom Kunden und bietet den Service, welchen der Kunde als Mehrwert wahrnimmt.

Allerdings können sich Banken, anders als Einzelhändler, angesichts der strengen Regulierung keine Fehler leisten, wenn sie einmal auf dem Markt sind.

Eine Startmöglichkeit für ein neues oder erweitertes Digitalangebot zeigt derzeit die Santander Bank. Die spanische Bank hat ihre spanische Direktbank Openbank.de ohne begleitende Marketingkampagne für Deutschland freigeschaltet. Akzeptanz beziehungsweise die Annahme durch die Kunden werden sich zeigen. Es bleibt abzuwarten, ob das Projekt eingedeutscht wird. Wenn dies geschehen ist, dann kann sie immer noch Bekanntheit durch Marketingmaßnahmen erreichen.

Die Sparkassen haben kürzlich laut über die Gründung einer eigenen Online-Bank nachgedacht.

Das ist ein guter Gedanke und noch ist es nicht zu spät. Sparkassen und Genossenschaftsbanken müssen digital mit einer Stimme sprechen. Ihnen sollte es nicht in erster Linie um den Gewinn von Marktanteilen gehen, sondern vor allem darum, die vorhandene Marktdurchdringung zu halten. Sie haben direkten Zugang zu 70 Prozent des Marktes und damit eine hervorragende Ausgangsposition. Zögern sie noch lange, spielt das den Wettbewerbern in die Hände.

Wie viel Zeit haben die deutschen Banken noch?

Neobanken kämpfen phasenweise mit den besonderen Herausforderungen bei schnellem Wachstum, insbesondere im Bereich Compliance. Aber nach einer kurzen Phase des Lernens machen sie mit mehr Power weiter. Auch Marcus und weitere ausländische Wettbewerber zielen auf den deutschen Markt. Wir sehen, dass einige deutsche Banken im Hintergrund an Digital-Banken arbeiten. Es bleibt abzuwarten, ob sie diese als eigene neue Marke starten oder als zusätzlichen Kanal unterhalb einer existierenden Marke. Ich gehe davon aus, dass das noch in diesem Jahr, spätestens aber Anfang 2020 sein wird und prognostiziere, dass die deutsche Bankenlandschaft binnen 18 Monaten deutlich anders aussehen wird als heute.

 

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

Premium Partner

    Bildnachweise